Soziopathie

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Soziopathie ist ein Begriff der angloamerikanischen Psychiatrie für eine psychiatrische Störung vor allem des Sozialverhaltens der erkrankten Person.

Die heutige Bedeutung des Begriffes Soziopath bezieht sich auf Personen, die nicht oder nur eingeschränkt fähig sind, Mitgefühl zu empfinden, sich nur schwer in andere hineinversetzen können und die Folgen ihres Handelns nicht abwägen können.

Klassifizierung[Bearbeiten]

Definitionen und diagnostische Kriterien variierten stark zwischen den verschiedenen Schulen der Psychiatrie. Um der Begriffsverwirrung entgegenzuwirken, wurde die Bezeichnung nicht in die modernen Klassifikationssysteme von Krankheiten (ICD-10) und psychischen Störungen (DSM 4) aufgenommen. Am ehesten ist Soziopathie mit dem modernen Begriff der dissozialen Persönlichkeitsstörung (auch amoralische, antisoziale, asoziale, psychopathische Persönlichkeitsstörung) gleichzusetzen.[1]

Dissoziale Persönlichkeitsstörung[Bearbeiten]

Die dissoziale Persönlichkeitsstörung ist durch ausgeprägte Diskrepanz zwischen Verhalten und geltenden sozialen Normen gekennzeichnet. Typische Merkmale sind

  • Unfähigkeit, sich in andere hineinzuversetzen
  • Unfähigkeit zur Verantwortungsübernahme, gleichzeitig eine klare Ablehnung und Missachtung sämtlicher sozialer Normen, Regeln und Verpflichtungen
  • Unfähigkeit, längerfristige Beziehungen aufrechtzuerhalten, jedoch keine Probleme mit der Aufnahme frischer Beziehungen
  • Geringe Frustrationstoleranz, Neigung zu aggressivem und gewalttätigem Verhalten
  • Fehlendes Schuldbewusstsein
  • Unfähigkeit, aus Erfahrungen zu lernen.

Ein weiteres Merkmal kann eine anhaltende Reizbarkeit sein, die sich in oder nach der Kindheit entwickeln kann.

Neue Bedeutung[Bearbeiten]

Der Begriff Soziopath beziehungsweise Soziopathie lebte durch die Wiederentdeckung eines verwandten Phänomens auf. Die wissenschaftliche Fachwelt wurde erstmals 1848 mit dem Problem konfrontiert (s. unten). Später geriet es fast in Vergessenheit. Durch die heutigen bildgebenden Verfahren und neueren Erkenntnisse im Bereich der Neurologie wird der Begriff Soziopathie jetzt wiederverwendet. Seitdem gilt der Begriff für die neuropathologisch bedingte Unfähigkeit, soziale Kompetenzen wie Mitgefühl, Einfühlungsvermögen und Unrechtsbewusstsein zu entwickeln.

Historische Entwicklung[Bearbeiten]

1848 fand ein Ereignis statt, das Aufschluss über die Ursache des Phänomens der Soziopathie im heutigen Sinne des Wortes gab:

Bei einer Explosion erlitt der 25-jährige Phineas Gage eine schwere Kopfverletzung durch eine Metallstange. Er war Vorarbeiter einer Eisenbahngesellschaft und galt als sehr zuverlässig. Nachdem er sich wieder erholt hatte, war er ein anderer Mensch. Er wurde unzuverlässig, aggressiv, mitgefühllos und suchte bei jeder Gelegenheit Streit.

Der vermutliche Grund für diese Verhaltensänderung war ein Schaden am Vorderhirn, welches für psychische Funktionen wie Einfühlungsvermögen und psychische Impulse verantwortlich ist. Durch die Verletzung wurden diese stark beeinträchtigt. Kinder, die mit einem funktionsgestörten Vorderhirn geboren werden, sind weitgehend unfähig, die einfachsten Streitregeln zu erlernen.

Untersuchungen mittels Kernspintomographie haben gezeigt, dass das Vorderhirn bei Menschen mit einer dissozialen Persönlichkeitsstörung eine geringere Aktivität aufweist als bei psychisch gesunden Kontrollpersonen. Darüber hinaus weist der sogenannte Mandelkern (Amygdala) keine Aktivität auf.

Man vermutet, dass Soziopathen aufgrund der Arbeitsweise ihres Gehirns nicht in der Lage sind, die Folgen ihres Handelns abzuwägen.

In neueren Untersuchungen konnte die verantwortliche Gehirnregion noch genauer lokalisiert werden. Es handelt sich um den Frontallappen, genauer um die ventromediale präfrontale Region der Großhirnrinde.

Siehe auch[Bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten]

  • Martha Stout: Der Soziopath von nebenan. Die Skrupellosen: ihre Lügen, Taktiken und Tricks. (Originaltitel: The Sociopath Next Door übersetzt von Karsten Petersen). Springer, Wien 2006, ISBN 3-211-29707-3.
  • Robert D. Hare: Gewissenlos. Die Psychopathen unter uns. Springer, Wien 2005, ISBN 978-3-211-25287-1.
  • Robert D. Hare: Without Conscience: The Disturbing World of the Psychopaths Among Us. B&T 1999, ISBN 978-1-572-30451-2 (englisch).

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Hare und Neumann. Psychopathy as a clinical and empirical construct. Annual review of clinical psychology (2008) 4 S. 217-246 doi:10.1146/annurev.clinpsy.3.022806.091452