Subjektivierung

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Wechseln zu: Navigation, Suche
Dieser Artikel beschreibt Subjektivierung im soziologischen Sinne. Subjektivierung wird in unterschiedlichen Disziplinen verschieden benutzt. In der Literatur- und Medienwissenschaft wird er verwandt, um zu beschreiben, wie Erzählungen gefiltert durch das Bewusstsein einer Figur präsentiert werden können. So definiert beispielsweise Christine Brinckmann Subjektivierung als eine Abweichung der darstellenden Norm, solange ein objektives Korrektiv für die subjektive Sicht angeboten oder klar ist, dass die Realitätswahrnehmung durch die Figur verzerrt ist.[1]

Subjektivierung ist ein Begriff, der in den Sozial-, Geistes-, und Kulturwissenschaften auf unterschiedliche Weise Verwendung findet. Grundsätzlich lassen sich Ansätze, die die Subjektivierung gesellschaftlicher Verhältnisse beschreiben – etwa in der Arbeitssoziologie und der Individualisierungthese – von Ansätzen unterscheiden, die mit dem Begriff der Subjektivierung beschreiben, wie Individuen in sozialen Prozessen zu Subjekten gemacht werden. Letztere greifen besonders auf die Verwendung des Begriffs im Poststrukturalismus zurück.

(Post-)Strukturalismus und Diskursanalyse[Bearbeiten]

Louis Althusser beschreibt Subjektivierung in Ideologie und ideologische Staatsapparate als eine ideologische Anrufung. Das Selbstverständnis des Individuums als Subjekt wird als erster ideologischer Effekt beschrieben, der die subjektive Grundlage für die Reproduktion kapitalistischer Verhältnisse liefert. Gegenüber dem Subjektbegriff der klassischen Philosophie ist bei Althusser bedeutsam, dass ein Subjekt nicht einfach gegeben ist, sondern in einem Prozess hervorgebracht wird.[2]

Auch bei Michel Foucault steht der Begriff der Subjektivierung einem klassischen Verständnis des Subjekts als Gegebenem entgegen. Während Subjektivierung in Foucaults früheren Werken, ähnlich wie bei Althusser, vor allem als die Einfügung in eine Ordnung, als Festschreibung auf eine Subjektposition, verstanden wird[3] werden beim späteren Foucault stärker die Selbstgestaltungen und Selbsttechniken hervorgehoben, die der Genese des Subjekts zugrundeliegen. Foucault spricht hier auch von einer „Sorge um Sich“.[4]

Judith Butler greift auf das Anrufungsmodell von Althusser zurück, kritisiert aber, dass dies von einer geschlossenen Ordnung ausgeht, von der ausgehend eine ungebrochene Subjektivierung stattfinden kann. Mit Rückgriff auf Jacques Derridas Konzept der Iterabilität verweist sie darauf, das die Reproduktion einer Ordnung ähnlich der Zitation immer schon eine Verschiebung beinhaltet, die letztlich den Raum für Subversionen öffnet.[5]

Jacques Rancière bezeichnet Subjektivierung wiederum als einen Prozess der Des-Identifikation mit den Kategorien einer bestehenden Ordnung. Subjektivierung ist der politische Prozess, in dem sich die zu hören bringen, denen die Fähigkeit zu Sprechen aberkannt wird oder deren Existenz als Kollektiv geleugnet wird.[6]

Individualisierungthese[Bearbeiten]

In der Maßgeblich auf Ulrich Beck zurückgehenden Individualisierungsthese wird Subjektivierung zunächst als eine Subjektivierung von Gesellschaft verstanden. Damit wir eine Gesteigerte Bedeutung des Subjektes beschrieben. Darum Reflexions- und Handlungsfähige Subjekte sind in der Lage Vergesellschaftungsprozesse zu beeinflussen. Vor diesem Hintergrund wendet sich Beck gegen strukturalistische Ansätze, die das Individuum vernachlässigen und fordert eine „Subjektivierung der Soziologie“. Im Rahmen der Individualisierungsthese wird Subjektivierung im Wesentlichen Synonym mit Individualisierung und Personalisierung verstanden.[7]

Arbeits- und Industriesoziologie[Bearbeiten]

In der Arbeits- und Industriesoziologie beschreibt Subjektivierung eine Veränderung der Arbeitswelt, die mit der Postindustrialisierung einsetzt. Dabei werden hier Prozesse der Entkollektivierung und eine gesteigerte Bedeutung des Individuums ausgemacht. In diesem Zuge wird das Subjekt wieder über seine einzelnen Rollen und Funktionen hinaus in den Blick genommen. So wird werden Geschlechterfragen, Fragen der Reproduktionsarbeit und Fragen der Wertorientierung von Arbeitern thematisiert.[8] Während in einer poststrukturalistischen Perspektive eher nach Subjektivierung durch Arbeit gefragt würde, steht hier also die Subjektivierung von Arbeit im Zentrum, insofern die Bedeutung des ‚ganzen Menschen‘ für die Arbeit thematisiert wird. Teilweise wird Subjektivierung in diesem Sinne im Zusammenhang mit einer „Humanisierung der Arbeitswelt“ gesehen. Von einigen ForscherInnen werden aber auch explizite Abgrenzungen vorgenommen. Die Industriesoziologien Frank Kleeman und G. Günter Voß beschreiben die u. a. mit dem staatlichen „Forschungsprogramm zur Humanisierung des Arbeitslebens“ verbundenen Humanisierungsbestrebungen ab den 1970er Jahren z. B. als eher auf die objektivieven Arbeitsbedingungen gerichtet und daher sogar „antisubjektivistisch“.[9] Andererseits wird die Humanisierung der Arbeit teilweise stärker auf die Initiative von von ArbeitnehmerInnen zurückgeführt, während Subjektivierung als eine Nutzbarmachung von Subjektivität zu ökonomischen Zwecken beschrieben wird.[10]

Im Zusammenhang mit der Postfordismus wird vermehrt auch herausgestellt, dass es zu einer zunehmenden Entgrenzung von Arbeit kommt. Das arbeitende Subjekt wird hier als Produktionsfaktor entdeckt. Anders als im Taylorismus soll hier einerseits die Kreativität und Innovativität der Arbeitenden gefördert werden, andererseits werden manageriale Aufgaben an die arbeitenden Subjekte selbst übertragen. G. Günter Voß und Hans J. Pongratz sprechen hier vom Arbeitskraftunternehmer.[11] In Anknüpfung an Michel Foucault wir von Ulrich Bröckling auch vom „unternehmerischen Selbst“ gesprochen.[12]

Praxistheorien[Bearbeiten]

Während Praxistheorien üblicherweise das Subjekt einklammern und in Handlungsstrukturen (Pierre Bourdieu) oder situierte Praktiken (Ethnomethodologie, Erving Goffman) auflösen, wird in neueren praxistheoretischen Ansätzen nach der notwendigen Verschränkung von Subjektivierung und Praxis gefragt.[13][14] In praxistheoretischen Texten zur Subjektivierung wird auf die (Post-)Strukturalistischen und Diskursanalytischen Theorien der Subjektivierung zurückgegriffen. Gegenüber ihnen wird aber betont, dass Subjektivierung nicht allein von großen Diskursformationen abhängt, sondern immer auch situativ in den Vollzug von Praxis eingebettet ist. Damit wird Subjektivierung um eine mikrosoziologische Perspektive erweitert.

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Christine Brinckmann: Der Voice-Over als subjektivierende Erzählstruktur des Film Noir. In Mariann Lewinsky, Alexandra Schneider (Hrsg.): Die anthropomorphe Kamera und andere Schriften zur filmischen Narration. Zürich: Chronos (=Zürcher Filmstudien 3)
  2. Louis Althusser: Idéologie et appareils idéologiques d'État. Notes pour une recherche, in: Ders.: Positions. Éditions sociales, Paris 1976, S. 79–137.
  3. Michel Foucault: Surveiller et punir. Naissance de la prison. Gallimard Paris 1975.
  4. Michel Foucault: Le Gouvernement de soi et des autres. Cours au Collège de France. 1982–1983, Gallimard, Paris 2008. Und Michel Foucault: Die Sorge um sich – Sexualität und Wahrheit 3, Suhrkamp, Frankfurt a. M. 1989.
  5. Butler, Judith: Excitable Speech. A Politics of the Performative, Routledge, New York/London 1997.
  6. Jacques Rancière: La Mésentente. Politique et philosophie. Galilée, Paris 1995. Und Jacques Rancière: Dix thèses sur la politique. in: Aux bords du politique, Gallimard, Paris 2004, S. 221–254.
  7. Vgl. zur Subjektivierung in der Individialisierungthese Matthias Junge: Subjektivierung der Versgesellschaftun und die Moralisierung der Soziologie, in: Jürgen Friedrichs (Hrsg.): Die Individualisierung-These, Opladen: Leske + Budrich 1998, S. 51 ff.
  8. Frank Kleemann, G. Günter Voß: Arbeit und Subjekt, in: Fritz Böhle,G. Günter Voß, Günter Wachtler (Hrsg.): Handbuch Arbeitssoziologie, VS Verlag, Wiesbaden 2010, S. 427-431.
  9. Frank Kleemann/G.  Günter Voß: Arbeit und Subjekt, in: Fritz Böhle/G. Günter Voß/Günter Wachtler (Hrsg.): Handbuch Arbeitssoziologie, VS Verlag, Wiesbaden 2010, S. 415–450.
  10. Vgl. Frank Kleemann, Ingo Matuschek, G. Günter Voß: Subjektivierung von Arbeit – Ein Überblick zum Stand der Diskussion, in: Manfred Mondaschel/G. Günter Voß (Hrsg.): Subjektivierung von Arbeit, 2. Aufl., Rainer Hampp Verlag, München/Mehring 2003, S. 69–73.
  11. G. Günter Voß, Hans J. Pongratz: Der Arbeitskraftunternehmer. Eine neue Grundform der Ware Arbeitskraft? In: Kölner Zeitschrift für Soziologie und Sozialpsychologie, H. 1, 1998, S. 131-158.
  12. Ulrich Bröckling: Das unternehmerische Selbst. Soziologie einer Subjektivierungsform. Suhrkamp, Frankfurt a.M. 2007.
  13. Andreas Reckwitz: Das hybride Subjekt. Eine Theorie der Subjektkulturen von der bürgerlichen Moderne zur Postmoderne. Velbrück Wissenschaf, Weilerswist, 2006.
  14. Thomas Alkemeyer: Subjektivierung in sozialen Praktiken. Umrisse einer praxeologischen Analytik. in: Thomas Alkemeyer/Gunilla Budde/Dagmar Freist (Hrsg.): Selbst-Bildungen. Soziale und kulturelle Praktiken der Subjektivierung, transcript, Bielefeld 2013, S. 29–64.