Judith Butler

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Judith Butler an der Universität Hamburg

Judith Butler (* 24. Februar 1956 in Cleveland) ist eine US-amerikanische Professorin für Rhetorik und vergleichende Literaturwissenschaft an der European Graduate School und an der University of California, Berkeley.

Inhaltsverzeichnis

[Bearbeiten] Biographie

Aufgewachsen in einer jüdischen Familie mit ungarischen und russischen Wurzeln, kam Judith Butler früh mit philosophischen und theologischen Schriften in Berührung. 1974 begann sie ihr Studium der Philosophie an der Yale University, wo sie sich insbesondere mit der Tradition der Phänomenologie auseinandersetzte. 1978/1979 studierte sie an der Universität Heidelberg Philosophie (Schwerpunkt: Deutscher Idealismus). 1982 schloss sie ihr M.A.–Philosophie-Studium in Yale ab; 1984 folgte ihre Dissertation „Recovery and Invention: The Projects of Desire in Hegel, Kojève, Hyppolite and Sartre (1987 veröffentlicht unter dem Titel: „Subjects of Desire. Hegelian Reflections in Twentieth Century France“). 1988 schrieb Butler einige Essays über feministische Theorie; 1990 erschien ihr einflussreiches Buch Gender Trouble. Feminism and the subversion of identity“ (deutsch: „Das Unbehagen der Geschlechter“, veröffentlicht 1991). 1991 erhielt Butler eine Professur für Humanwissenschaften an der Johns-Hopkins-Universität. 1993 wechselte sie an die Universität Berkeley, wo sie eine Professur für Rhetorik annahm; im selben Jahr erschien „Bodies that matter" (deutsch: „Körper von Gewicht“, veröffentlicht 1997). 1998 erhielt sie den Maxine-Elliot-Lehrstuhl für Rhetorik und Vergleichende Literaturwissenschaft.

1997 erschien „Excitable Speech. A Politics of the performance.“ (deutsch: Haß spricht. Zur Politik des Performativen, veröffentlicht 1998). Es folgten Schriften zur politischen Theorie („Contingency, Hegemony, Universality“, 2000) und eine Auseinandersetzung mit einem normativen Begriff von Familie und Verwandtschaft („Antigone’s Claim: Kinship Between Life and Death“), sowie eine Auseinandersetzung mit dem Verhältnis von Begierde, Anerkennung und Subjektwerdung („Politics and Kinship. Antigone for the Present“, 2001). 2002 wandte sich Butler dem Projekt einer Theorie des moralischen Subjekts und der Kritik moralischer Gewalt zu. In ihrer ersten umfangreichen Veröffentlichung zur Moralphilosophie „Giving an Account of Oneself", 2005, bietet Butler einen Umriss einer neuen ethischen Praxis, die der Notwendigkeit kritischer Autonomie entspricht. Seit März 2009 engagiert sie sich auch für das neu gegründete Russel-Tribunal zur Palästinafrage.

[Bearbeiten] Denken und Werk

[Bearbeiten] Übersicht zum Werk

Wie kaum eine andere Philosophin provoziert Butler die Diskussion von Identitätskategorien, dekonstruiert verbreitete Denkgewohnheiten und fasst Konzepte wie das Denken in Kategorien von Körper und Identität neu, wodurch sowohl die philosophische als auch die politische und lebensweltliche Auseinandersetzung mit Kategorien neu entfacht wurden.

[Bearbeiten] Schwerpunkte

Judith Butlers Arbeit lässt sich in drei inhaltlich voneinander abgrenzbare Komplexe ordnen:

  • Butlers theoretisches Gedankengebäude, das auf Überlegungen bekannter Denker gründet und von denen aus sie ihre eigene sprachphilosophische und diskursanalytische Position entwirft
  • Butlers spezifisch feministische Theorie, welche die normierende Wirkung des zweigeschlechtlichen Denkens aufzeigt und in der Geschlechterforschung verankert
  • Butlers politische Strategien, die aus ihrer Kritik an Identitäts- und Subjektbegriff und der normativen Heterosexualität hervorgeht und mit denen eine Materialisierung des Geschlechts verhindert werden soll.

Einer von Butlers wichtigsten Beiträgen ist ein performatives Modell von Geschlecht, in welchem die Kategorien „männlich“ und „weiblich“ als Produkt einer Wiederholung von Handlungen verstanden werden und nicht als natürliche oder unausweichliche Materialisierungen. Sie bedient sich in ihrer Analyse verschiedener Theorien und Forschungsansätze von Sigmund Freud, Michel Foucault, Jacques Derrida, Jacques Lacan und Louis Althusser. Ihre Analyse zielt auf ein Verständnis der Verschränkung von Subjekt und Macht, von Physischem und Diskursivem in der Materialität des Körpers, ab. Körper materialisieren sich nie unabhängig von ihrer kulturellen Form, sind also immer an ihre kulturspezifische Wahrnehmung gebunden, die zugleich konstitutiv für die Materie selbst ist (hier lehnt sie sich an Aristoteles an).

Butler wendet diese Überlegung kritisierend auf das biologische Geschlecht des Geschlechtskörpers an, der sich als reglementierendes Ideal etabliert hat. Ihre Beiträge sind auch innerhalb der feministischen und kritischen Theoriebildung einflussreich, weil damit die Kategorie „Frau“ als Subjekt des Feminismus in Frage gestellt wird. Dies führte besonders in Deutschland zu erbitterten Debatten innerhalb der feministischen Theorie.

Weitere Arbeitsgebiete Butlers sind Ethik (etwa in Kritik der ethischen Gewalt), politische Philosophie und die Frage nach dem Subjekt (am deutlichsten in Psyche der Macht und in Das Unbehagen der Geschlechter). Die Subjektwerdung vollzieht sich nach Butler innerhalb diskursiver (Macht-)Strukturen, wodurch jede Identität im Zusammenhang mit den sozialen/kulturellen Verhältnissen zu denken ist.

[Bearbeiten] Sprach- und diskurstheoretisches Programm

Butler beschäftigt sich mit der Frage nach dem Verhältnis von Subjekt, Körper und Macht. Dabei hinterfragt sie das transzendental gedachte kohärente Subjekt und nimmt eine fundamentale Gegenposition ein, die sie aus ihrer zentralen These der Performativität begründet. Die Kernvorstellung hierbei ist, dass Worte die Macht besitzen, Dinge wie etwa den biologischen Körper aus einer Begriffssubstanz heraus zu schaffen. Materie und Körper als apriorische Voraussetzungen von Sprache oder (allgemeiner) Zeichen werden infrage gestellt. Die dadurch verursachte neuerliche Ungewissheit bezüglich der Erzeugungsart körperlicher Materialität wird sprachphilosophisch gelöst. Ausgangspunkt ist hier die Annahme, dass Diskurse körperliche Gestalt annehmen können. Dieser Vorgang wird mit Hilfe der Begriffe „Materialisierung“ und „Performativität“ erklärt. Problematisch ist hierbei, dass der Begriff Performanz fast willkürlich anwendbar ist und dadurch vieldeutig und häufig gebraucht wird. Performanz bezieht sich etwa in der Sprachphilosophie auf sprechakttheoretische und universalpragmatische Geltungsansprüche von Sprache, wobei er etwa theaterwissenschaftlich viel eher als ein Aufführen von theatralen Handlungen, also als „performance“, verstanden wird.

Butler verwendet den Begriff der Performativität in Anlehnung an John L. Austin, der diejenigen Akte als performative Sprechakte bezeichnet, die das, was sie benennen, in Kraft setzen. Worte als performative Akte besitzen nicht nur die Macht, etwas zu beschreiben, sondern besitzen handlungsartige Qualität, indem sie das, was sie bezeichnen, auch vollziehen. Worte bzw. Sprache nehmen hier also den Charakter einer sozialen Tatsache an, wie z. B. die Aussage „Es ist ein Junge“, der einem bezeichneten Körper einer Kategorie wie etwa Geschlecht zuordnet. Performativität erzeugt durch das wiederholte Zitieren von Normen die Wirkung von Materialität und kann daher nicht als einzelner, absichtsvoller Akt verstanden werden, sondern vielmehr als eine sich ständig wiederholende und zitierende Praxis. Sprechakte erzeugen durch diese Praxis eine Wirklichkeit, verschleiern gleichzeitig aber ihre Geschichtlichkeit und ihren Bezug auf Konventionen.

Dieses Erzeugen bezeichnet Butler als „Materialisierung“ und meint damit nach Foucault den Vorgang der unlösbaren Verschränkung von formierenden Diskursen und Materie. Materie ist nicht unabhängig von Sprache und Diskurs wahrnehmbar, sondern konstituiert sich immer gleichzeitig mit Diskurs und Sprache. Somit sind alle drei Elemente grundlegend für die Materialität von Dingen - Sprache und Diskurs verlieren ihren Sekundärstatus. An dieser Stelle kommt auch die Macht ins Spiel, die für Butler in der materialisierenden Wirkung von Diskurs eingeschrieben ist. So ist jeder Punkt der Wissensbildung gleichzeitig ein Ort der Machtausübung. Macht zeigt sich etwa darin, dass etwas zum Gegenstand von Wissen wird und in weiterer Folge Wahrheitswirkungen erzielt. Wahrheit ist somit nicht diskurs-extern verankert, sondern wird erst durch historisch-diskursive Verläufe geschaffen. Macht ist hier ein dezentriertes, regelgeleitetes Operieren mit geordneten Elementen eines übersubjektiv aufgebauten Systems, das Diskurse, Wirklichkeiten und Wahrheiten konstituiert. Materialität entsteht so gedacht als Machtwirkung einer gesellschaftlichen Normativierung.

Kritisiert wurde an Butlers Theorie insbesondere, dass sie nicht zwischen Sprache und Praxis trenne, was ihre Zentrierung auf eine sprachlich-diskursive Subjektbildung hermetisch mache. Ebenso angegriffen wurde Foucaults „Macht“-Begriff, auf dem Butler auf Grund seines Ausschließens einer Sphäre des Außen, einer Sphäre jenseits von Macht ausdrücklich aufbaut.

[Bearbeiten] Feministische Theorie

Butler selbst positioniert sich im Feld der Geschlechterforschung als feministische Theoretikerin, die ihren Schwerpunkt in der Erforschung des Zusammenhangs von Macht, Geschlecht, Sexualität und Identität legt, nicht zwangsläufig im Bereich der queer studies, dem sie oft zugeordnet wird.

In ihrem Buch Das Unbehagen der Geschlechter führt Butler aus, dass die feministische Forschung vielfach fälschlicherweise Frauen als Gruppe mit gemeinsamen Merkmalen und Interessen betrachtet. Dabei werden trennende (ethnische, kulturelle, klassenspezifische u. a.) Differenzen zwischen Frauen übersehen und darüber hinaus ein binäres System der Geschlechterbeziehungen impliziert. Butler bezeichnet die feministische Forschung an dieser Stelle als inkohärent, zumal da Anhänger des Feminismus einerseits darin übereinstimmten, dass Anatomie kein Schicksal sei, andererseits aber ein binäres System der Geschlechtlichkeit (männlich/weiblich) tradierten, das die Auffassung einer patriarchalen Kultur verfestige. Die Hervorhebung der Differenz der Geschlechter stehe zudem der feministischen Forderung nach Gleichheit grundsätzlich entgegen, die maskuline Asymmetrie der Geschlechter werde lediglich umgekehrt:

„Die feministische Kritik muss einerseits totalisierende Ansprüche einer maskulinen Bedeutungs-Ökonomie untersuchen, muss aber andererseits gegenüber den totalisierenden Gesten des Feminismus selbstkritisch bleiben. Der Versuch, den Feind in einer einzigen Gestalt zu identifizieren, ist nur ein Umkehrdiskurs, der unkritisch die Strategie des Unterdrückers nachahmt, statt eine andere Begrifflichkeit bereitzustellen“ (Unbehagen der Geschlechter, S. 33).

Butler macht also nicht die Differenz der Geschlechter zum Ausgangspunkt politischer Bewegungen und wirft dem Feminismus vor, vorhandene Geschlechtsrealitäten noch zu verhärten, anstatt die Möglichkeit zu bieten, neue Identitäten zu entwickeln. Kritiker/innen werfen Butler diesbezüglich vor, den Feminismus zu einer Debatte über symbolische Repräsentationsformen von Geschlecht zu verkürzen, anstatt sich auf Themen zu konzentrieren, die Frauen wirklich betreffen. Geschlecht bilde nun mal einen wesentlichen Teil vieler individueller Identitäten, deren Umgestaltung käme für die meisten Frauen nicht in Frage.

Butlers erkenntnistheoretischer Ausgangspunkt ist der dekonstruktivistischen Geschlechterforschung zuzuordnen, die Geschlecht im Spannungsfeld zwischen Natur und Kultur ansiedelt. Ausgangspunkt ist hier die Frage, ob angeblich natürliche Sachverhalte nicht diskursiv durch kulturelle Denksysteme und Sprachregeln bestimmt sind, ebenso wie durch wissenschaftliche Diskurse und politische Interessen. Butler vertritt die Auffassung, dass Geschlecht ausschließlich eine soziale Kategorie darstellt, die dem Körper ein biologisches Geschlecht einschreibt. Die kulturell definierte Vorstellung von als Geschlechtskörpern codierten Körpern erscheint als Sedimentation eines diskursiven Machtmechanismus, der die Verfestigung von Begriffen als Natürliches verschleiert. Natur erscheint nach Butler dort, wo Körper mittels diskursiver Praktiken begrifflich erzeugt werden. Sie stellt die biologische, binäre Konstruktion der Zweigeschlechtlichkeit radikal in Frage. Sie sprengt, indem sie mimetisch die Voraussetzungen für soziale Geschlechtsmerkmale und (hetero-)sexuelle Orientierungen rekonstruiert, jede kausallogische Fundierung von körperlichen Geschlechtsmerkmalen und sozialer Geschlechtsidentität. Butler wendet sich also konsequent von der feministischen Idee einer Unterscheidung von sozialem und biologischem Geschlecht ab, indem sie sprachtheoretisch konsequent mit dem natürlichen Geschlechtskörper bricht. Sie lehnt die Annahme ab, Geschlecht sei eine natürliche Eigenschaft von Körpern, die die Grundlage für eine natürliche Geschlechterordnung bilde. Folglich existiere auch keine vordiskursive Differenz zwischen Geschlechtern. Für Butler lässt sich das Paradoxon einer natürlichen Geschlechterordnung nur auflösen, wenn aufgezeigt wird, dass und wie diese Ordnung als natürliche konstruiert wird.

Diskurse über die eindeutige Geschlechtszuweisung finden, so Butlers Darstellung, immer wieder statt und sind deshalb Veränderungen unterworfen, zumal die Kategorie Geschlecht diskursiv konstruiert wird. So ist die Einordnung in eine geschlechtliche Norm insoweit instabil, als die Norm an sich bereits durch Diskurse ebenso verändert wird wie die Zuordnung zu ihr. Eine kritische Genealogie der Geschlechterontologie, die die Veränderbarkeit und die Historizität von Natur und Kultur belegt, wird bei Butler nicht explizit dargestellt. Allerdings beruft sich Butler auf eine kulturelle „Matrix der Intelligibilität“, die das Geschlecht auf einen Körper zurückführt und ihn der Norm unterwirft. Körper sind für sie hier Gegenstände, die allein mittels Verstand und Vernunft vorgestellt werden können, also Konzepte und Konstrukte, die in der Gesellschaft akzeptiert und dadurch sichtbar und wahrnehmbar werden, wie etwa das heteronormative Modell der binären Geschlechtlichkeit. Diese Vorstellungen werden in einer Matrix des Sozialen gedacht, einem feinen Netz von Diskursen und Machtstrategien, die um einen (diskursiv hervorgebrachten) Gegenstand gespannt werden. Ihr zentraler Gedanke, dass Geschlecht ein soziales und künstliches Konstrukt sei, wird in der Frage nach dem Gewicht von Körpern noch weiter präzisiert. In dem gleichnamigen Buch fasst sie die Materialität von Körpern als produktive Wirkung von Macht auf und stellt sich die Frage, wie es zu einer besonderen Bedeutung eines Körpers, einer Identität oder eines Subjekts kommen könne, die das Andere ausschließe. Sie beantwortet die Frage, indem sie eine gesellschaftliche Vorstellungsmatrix annimmt, die von binärer Körperdifferenz ausgeht. Die Unterwerfung unter diese verlangt, dass andere, nicht einzuordnende Formen von Körpern verworfen werden. Das Verworfene sind nicht lebbare Möglichkeiten des sozialen Lebens, die aufgrund ihrer Ausschließung das Subjekt konstituieren. Zurückgewiesene, nicht lebbare Körper werden zur Bedingung derjenigen, „die sich mit der Materialisierung der Norm als Körper qualifizieren, die ins Gewicht fallen“ (Körper von Gewicht, S. 40). Was an machtvollen Interventionsmöglichkeiten bleibt, ist Performativität als die Macht des Diskurses, Wirkungen durch ständiges Wiederholen hervorzurufen.

[Bearbeiten] Politische Theorie

Die politische Theorie von Judith Butler kann unter dem Titel subversive Politik des Subversiven subsumiert werden. Performativität bildet hierbei das sprachtheoretische Bindeglied zwischen Feminismus und Politik, in dem sich die Annahme der sozialen Wirksamkeit von Sprechakten verbindet.

Butlers Überlegungen kreisen immer wieder um das Problem, wie subversive Wiederholungen zustande kommen können. Trotz der von Foucault übernommenen Idee der Ubiquität der Macht versucht Butler, einen Raum zu eröffnen, der Veränderungen denkbar macht, ohne auf souveräne Subjekte zurückgreifen zu müssen. Der Interessensschwerpunkt liegt bei Butler also auf der Gesellschaftswirksamkeit von Performativität und auf der kritischen Machtwirkung performativer Sprechakte. Eine Möglichkeit, existierende Wirklichkeiten aufzubrechen, sieht sie in der Reproduktion der Struktur durch wiederholende Sprachpraxis. Durch eine Wiederverwendung und Neudeutung von Denkfiguren von Identität und Norm werden sozial autorisierte „Körper/Subjekte von Gewicht“ durch eine durchbrechende performative Verschiebung entwertet. Sprechakte nehmen in diesem Fall nicht-konventionelle Bedeutungen an, die durch Wiederholung politischen Stellenwert gewinnen.

Konsequent verweigert Butler auch in ihrem politischen Denken die Unterscheidung von sex und gender. Ihr Ausgangspunkt ist die Annahme, dass auch das biologische Geschlecht/sex durch materialisierende Akte von Sprache entstehe. Durch Dekonstruktion gelte es auch hier, Spielraum für ein Erproben von alternativen Geschlechtsidentitäten, „queer identities“, zu schaffen. „Queer“ ist hierbei nicht als ständig wechselbare Identität gedacht, ebenso wenig wie „queer“ auf den Wunsch eines Körpers jenseits von Macht verweist. Ziel sei vielmehr, die Kontingenz von anatomischen Körpermerkmalen und performativer Geschlechtsidentität aufzuzeigen und Geschlechter-Verwirrung zu stiften. Butlers Konzept der Subversion setzt voraus, dass Subjekte, die gegebene Geschlechtsidentitäten annehmen, zwangsläufig inkohärente Konfigurationen erzeugen, die durch die Valenz überschneidender und widersprüchlicher Diskurse Widerstand hervorrufen. Durch diese Koexistenz der Diskurse entsteht die Möglichkeit der Rekonfiguration und Neu-Einsetzung, etwa durch Parodie, Travestie oder andere experimentelle Praktiken.

[Bearbeiten] Kritik

Kritik wendet sich gegen Butlers Einstellung zu Israel. In ihrem Buch Gefährdetes Leben versucht sie, philosophisch/moralisch zu begründen, warum sie einen Boykott israelischer Universitäten empfehle, und warum sie die Kritik an dieser Empfehlung durch den Harvard-Präsidenten Lawrence Summers für autoritär halte. Diese Einstellung brachte Butler den Vorwurf ein, „Apologetin des Antisemitismus“ zu sein: In der Zeitschrift Bahamas (Nr. 48) wird ihr Vorgehen gegen die Kritik am Antizionismus als Antisemitismus eingestuft.

Ferner sorgte folgender Absatz in Gefährdetes Leben für Kritik: „Ein paar Tage später besuchte ich eine Konferenz, auf der ich einen Vortrag über die wichtigen kulturellen Bedeutungen der Burka hörte, darüber, wie sie für Zugehörigkeit zu einer Gemeinschaft und Religion, zu einer Familie, zu einer umfangreichen Geschichte von Verwandtschaftsbeziehungen steht, dass sie eine Übung in Bescheidenheit und Stolz, einen Schutz vor Scham symbolisiert und dass sie auch als Schleier dient, hinter dem und durch den weibliche Handlungsfähigkeit wirken kann“ (Gefährdetes Leben, S. 168).

Der auch im weiteren Text positive Bezug auf die Burka sei eine Aufkündigung sämtlicher feministischer Forderungen nach Selbstbestimmung und sexueller Unversehrtheit, ungeachtet der getragenen Kleidung.

[Bearbeiten] Schriften (deutsche Übersetzungen)

[Bearbeiten] Literatur

  • Evelyn Annuss: Umbruch und Krise in der Geschlechterforschung. Judith Butler als Symptom, in: Das Argument 216 (1996), S. 505-523.
  • Hannelore Bublitz: Judith Butler zur Einführung, Junius-Verlag, Hamburg 2005, ISBN 3-8850-6359-X
  • Lars Distelhorst: Umkämpfte Differenz. Hegemonietheoretische Perspektiven der Geschlechterpolitik mit Butler und Laclau , Parodos, Berlin 2007, ISBN 978-3-938880-12-8
  • Antke Engel: Wider die Eindeutigkeit. Sexualität und Geschlecht im Fokus queerer Kritik der Repräsentation, Frankfurt am Main/New York 2002.
  • Alex Geller: Diskurs von Gewicht? Erste Schritte zu einer systematischen Kritik an Judith Butler, Papyrossa 2005, ISBN 3-8943-8330-5
  • Sabine Hark: deviante Subjekte. Die paradoxe Politik der Identität, Opladen 1999.
  • Sabine Hark: Dissidente Partizipation. Eine Diskursgeschichte des Feminismus, Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 2005.
  • Heike Kämpf: Judith Butler. In: Stephan Moebius/Dirk Quadflieg (Hgg.): Kultur. Theorien der Gegenwart. Wiesbaden: VS- Verlag für Sozialwissenschaften, 750 S., 2006, ISBN 3-531-14519-3*
  • Andrea Maihofer: Geschlecht als Existenzweise, Frankfurt a.M. 1995.
  • Frank Meier: Ethik der Schwäche. Zu Judith Butlers offener Frage nach dem Anderen", in: Demopunk, Kritik und Praxis Berlin (Hg.): Indeterminate Kommunismus! Texte zu Ökonomie, Politik und Kultur, Münster 2005, ISBN 3-897-71434-5
  • Stephan Moebius: Die soziale Konstituierung des Anderen. Grundrisse einer poststrukturalistischen Sozialwissenschaft nach Lévinas und Derrida, Campus-Verlag, Frankfurt am Main 2003, ISBN 3-593-37268-1
  • Patricia Purtschert: Feministischer Schauplatz umkämpfter Bedeutungen. Zur deutschsprachigen Rezeption von Judith Butlers 'Gender Trouble' , in: Widerspruch 44 (2003), S. 147-158.
  • Patricia Purtschert: Judith Butler. Macht der Kontingenz - Begriff der Kritik. In: Munz, Regine (Hgn.): Philosophinnen des 20. Jahrhunderts. Darmstadt: Wissenschaftliche Buchgesellschaft 2004, S. 181-202, ISBN 3-534-16494-6
  • Andrea Rödig: Ding an sich und Erscheinung. Einige Bemerkungen zur theoretischen Dekonstruktion von Geschlecht, in: Feministische Studien, 12/2 (1994), S. 91-99.
  • Jutta Sommerbauer: Differenzen zwischen Frauen. Zur Positionsbestimmung und Kritik des postmodernen Feminismus, Unrast-Verlag, Münster 2004, ISBN 3-89771-300-4
  • Ann-Christin Stockmeyer: Identität und Körper in der (post)modernen Gesellschaft. Zum Stellenwert der Körper/Leib-Thematik in Identitätstheorien. Marburg: Tectum, 2004 (Schwerpunkt: Kultur- und sozialwissenschaftliche Auseinandersetzung mit den Gedanken Judith Butlers) ISBN 3-8288-8615-9*
  • Paula-Irene Villa: Judith Butler, Campus-Verlag, Frankfurt/M. 2003, ISBN 3-593-37187-1

[Bearbeiten] Weblinks

[Bearbeiten] Texte

[Bearbeiten] Linksammlungen, Bibliografie

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