Tabula rasa

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Wechseln zu: Navigation, Suche
Dieser Artikel behandelt die philosophische Metapher und Redewendung. Zum Begriff des Völkerrechts siehe Tabula rasa (Völkerrecht); zu anderen Bedeutungen siehe Tabula Rasa.

Tabula rasa (lat. „geschabte und wiederbeschreibbare Schreibtafel“, von tabula ‚Tafel‘ und rasa, 2. weibl. Partizip von radere ‚rasieren‘) bezieht sich ursprünglich auf eine geglättete Wachstafel und bedeutet eigentlich „unbeschriebene Tafel“ oder auch Unbeschriebenes Blatt oder „leere Tafel“.

Hiermit wurde im übertragenen Sinne die Seele (als Ort der Erkenntnis der Menschen) in ihrem ursprünglichen Zustand bezeichnet, das heißt bevor sie Eindrücke von der Außenwelt empfing. Im buchstäblichen Sinn war tabula rasa in der Antike eine wachsüberzogene Schreibtafel, von der nach dem Beschreiben die Schrift wieder vollständig entfernt werden konnte.

Die Tabula-rasa-Metapher im nicht-empiristischen Zusammenhang[Bearbeiten]

Schon Aischylos spricht davon, dass sich die Erlebnisse "in die Tafeln der Sinne" eingraben[1].

Platon vergleicht (nur) das Gedächtnis mit einer Wachstafel, so im Dialog Theaitetos:

Sokrates: So setze mir nun, damit wir doch ein Wort haben, in unsern Seelen einen wächsernen Guß, welcher Abdrücke aufnehmen kann, bei dem einen größer, bei dem andern kleiner, bei dem einen von reinerem Wachs, bei dem andern von schmutzigerem, auch härter bei einigen und bei andern feuchter, bei einigen auch gerade so, wie er sein muß [...] Dieser, wollen wir sagen, sei ein Geschenk von der Mutter der Musen, Mnemosyne; und wessen wir uns erinnern wollen von dem Gesehenen oder Gehörten oder auch selbst Gedachten, das drücken wir in diesen Guß ab, indem wir ihn den Wahrnehmungen und Gedanken unterhalten, wie beim Siegeln mit dem Gepräge eines Ringes. Was sich nun abdrückt, dessen erinnern wir uns und wissen es, solange nämlich sein Abbild vorhanden ist. Hat sich aber dieses verlöscht oder hat es gar nicht abgedruckt werden können, so vergessen wir die Sache und wissen sie nicht.[2]

Im Kontext wird erörtert, was taugliche Erkenntnis eigentlich sei. Die dabei gewonnenen Thesen werden am Ende von Sokrates sämtlich zurückgewiesen. Im Hintergrund steht die platonische Anamnesis-Lehre.

Auch bei Aristoteles, einem Schüler und Kritiker Platons in vielfacher Hinsicht, auch bezüglich dessen Erkenntnistheorie, findet man in seinem Buch Über die Seele ("Περί Ψυχῆς") einen Vergleich zwischen der Seele und einer Wachstafel:

„Insofern es (das Denken) mit seinem Gegenstand etwas gemein hat, scheint doch der eine Teil (des Denkens) tätig zu sein, der andere empfangend. Das folgt auch, wenn sie selbst (die denkende Seele) gedacht werden kann. [...] die Vernunft [fällt] der Anlage nach mit ihren Gegenständen zusammen [...], aber in Wirklichkeit mit keinem, bevor sie denkt. Man muß sich das vorstellen wie bei einer Tafel, auf der noch nichts wirklich geschrieben steht.[3]

Auch bei den Stoikern findet sich der Vergleich der Seele mit einer Wachstafel.

Ab dem Mittelalter wird dieser Gedanke von mehreren Philosophen aufgegriffen, so von Albertus Magnus, Franciscus Mercurius van Helmont und Thomas von Aquin.

Bei Thomas von Aquin heißt es: "Intellectus autem humanus ... est in potentia respectu intelligibilium, et in principio est sicut tabula rasa in qua nihil est scriptum, ut philosophus dicit in III de anima. Quod manifeste apparet ex hoc, quod in principio sumus intelligentes solum in potentia, postmodum autem efficimur intelligentes in actu."[4] (Der menschliche Intellekt aber ist in Potenz bezüglich des Intelligiblen und am Anfang ist er wie eine unbeschriebene Tafel ("tabula rasa"), wie der Philosoph [Aristoteles] im 3. Buch von De anima sagt. Das wird daran offensichtlich, dass wir am Anfang nur der Möglichkeit, später aber der Wirklichkeit nach intelligent sind.)

Die Tabula-rasa-Metapher im Empirismus (Locke)[Bearbeiten]

Die Position des Empirismus[Bearbeiten]

In der Neuzeit greift insbesondere John Locke (1632–1704) das Bild von der Seele/dem Verstand als tabula rasa auf und integriert es in seine empiristische Erkenntnistheorie. Vielfach wird der Ausdruck seitdem nur noch empiristisch aufgefasst.

Schon von Pierre Gassendi, dem "Stammvater des neuzeitlichen Empirismus" [5] und zeitgenössischen Gegenspieler von Descartes, wird eine tabula-rasa-These vertreten.

Prominent ist die Lehre des Philosophen John Locke:

Er verwendet diese Vorstellung als Metapher für den menschlichen Verstand bei der Geburt („ein unbeschriebenes Blatt“). Dieser wird im Verlauf des Lebens durch die Erfahrung geprägt.[6]

Mit seinen Auffassungen vertiefte Locke den materialistischen Empirismus von Francis Bacon. Sie übten auf die philosophische Entwicklung des 18. Jahrhunderts und 19. Jahrhunderts einen bedeutenden Einfluss aus. Da aber die vornehmlich materialistischen Anschauungen Lockes sehr widersprüchliche Momente in sich bargen, konnten so verschiedene Philosophen wie George Berkeley und Denis Diderot an seinen Sensualismus anknüpfen.

Kritik und Gegner[Bearbeiten]

Lockes materialistischer Sensualismus nutzte diese These gegen die Lehre von den angeborenen Ideen (ideae innatae), wobei er konkret an die idealistischen Philosophen der Cambridger Schule (Cambridger Platonismus: Henry More, Ralph Cudworth), aber auch an Herbert von Cherbury sowie Descartes und seine Anhänger wie überhaupt an die von Platon und der Stoa beeinflussten Philosophen dachte, die das Vorhandensein angeborener Begriffe und Prinzipien mit Nachdruck vertreten hatten. Vor allem Grundbegriffe der Mathematik und Logik wurden als angeborene Ideen betrachtet.

Leibniz widersprach einer absoluten Tabula-rasa-Lehre. Nach ihm gilt (nur): Nichts ist im Verstand, was nicht zuvor in den Sinnen gewesen ist - außer der Verstand selbst, d.h. die angeborenen Ideen und Erkenntnisstrukturen[7]. Nach Leibniz gleicht der Verstand eines Neugeborenen "nicht einer leeren Wachstafel, sondern einem Stück Marmor, das Adern hat."[8] Grundbegriffe und die Prinzipien der Widerspruchsfreiheit und der Satz vom zureichenden Grund liegen nach Leibniz als Dispositionen vor.

Ebenso widersprach Immanuel Kant der empiristischen Theorie; er hielt gewisse Vorstellungen (wie die Vorstellung des euklidischen Raumes oder die des Gottesbegriffes) für dem Menschen angeboren.

Die (empiristische) Tabula-rasa-Theorie in der Kritik der Psychologie[Bearbeiten]

In der Neuzeit hat Sigmund Freud den Begriff in seiner Abhandlung „Notiz über den Wunderblock“ (1925) verwendet.

Einige moderne Wissenschaftsdisziplinen haben die Vorstellung von der Tabula rasa in Frage gestellt. Kognitionswissenschaftler haben verschiedene angeborene Mechanismen identifiziert, die Voraussetzung für Lernen sind (z.B. einen Sinn für Objekte und Zahlen, eine Theory of Mind). Laut der Evolutionspsychologie gibt es eine Reihe von kulturellen, gesellschaftlichen, sprachlichen, verhaltensbezogenen und psychologischen Merkmalen, die sich in allen menschlichen Populationen finden. Zweitens können viele menschliche Charakteristika (z.B. Appetit, Rache, Attraktivität) nur als evolutionäre Anpassungen im Kontext der Jäger und Sammler verstanden werden. Die Neurowissenschaft hat gezeigt, dass das pränatale Gehirn komplexe Verschaltungen durchläuft, die genetisch gesteuert werden. Auch verträgt sich die Tabula rasa nicht mit der Erkenntnis der Verhaltensgenetik, dass alle menschlichen Verhaltensmerkmale teilweise erblich sind.[9]

Literatur[Bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Nach Arnim Regenbogen, Uwe Meyer: Wörterbuch der philosophischen Begriffe. Meiner, Hamburg 2005: tabula rasa.
  2. Platon: Theaitetos 191c (Übersetzung Friedrich Schleiermacher 1805)
  3. Aristoteles: De anima (Über die Seele) III 4, 429b29-430a2
  4. Thomas von Aquin, Summa Theologiae I q. 79 art. 2 corr (http://www.corpusthomisticum.org/sth1077.html#31730)
  5. Otfried Höffe: Kleine Geschichte der Philosophie. 2. Auflage. Beck, München 2008, S. 175
  6. John Locke: Versuch über den menschlichen Verstand 1690. Buch 2 Kapitel 1 § 2: (Alle Vorstellungen kommen von der sinnlichen und Selbst-Wahrnehmung.) Wir wollen also annehmen, die Seele sei, wie man sagt, ein weißes, unbeschriebenes Blatt Papier, ohne irgend welche Vorstellungen; wie wird sie nun damit versorgt? (Übersetzung Julius von Kirchmann 1872/73)
  7. Leibniz nach P. Kunzmann; F.-P. Burkard; F. Wiedemann, dtv-Atlas Philosophie, München, dtv, 13. Aufl. 2007, S. 113
  8. Otfried Höffe: Kleine Geschichte der Philosophie. 2. Auflage. Beck, München 2008, S. 190
  9. Steven Pinker (2006): The Blank Slate. The General Psychologist. Vol. 41, Nr. 1, S. 1-8. (PDF; 268 kB)