Tafelsilber

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Teile eines Silberbestecks aus Coburg, das um 1831 für den britischen Colonel Thomas Chaloner Bisse-Challoner angefertigt wurde

Als Tafelsilber wird die Gesamtheit der Geschirre, Bestecke und Dekorationselemente aus Edelmetall bezeichnet, die zum festlich gedeckten Tisch gehören. Im übertragenen Sinn werden mit Tafelsilber oft bestimmte wertvolle, in der Not veräußerbare Teile des Eigentums einer Person oder Institution bezeichnet.

Bestandteile des Tafelsilbers[Bearbeiten]

Zum Tafelsilber im ursprünglichen Sinn gehören sowohl Korpuswaren (Essgeschirr, namentlich Servierplatten, Teller, Schüsseln aller Art, Saucieren, Kasserollen, Salz- und Gewürzbehälter und Pokale), dekorative Elemente (wie Tafelaufsätze oder Kandelaber), als auch Bestecke (Essbesteck = Messer, Gabel, Löffel, Dessertlöffel etc.). Die Ausstattung schließt speziellere Bestecke wie Fisch-, Kuchen-, Salat- sowie Servier- und Tranchierbestecke mit ein.

Für die Essbestecke wurde häufig mit einer Anzahl von 36 Exemplaren kalkuliert. Das heutige Maßgedeck geht demgegenüber von 12 Exemplaren aus. Für große Festmahle, beispielsweise an Adelshöfen, musste ein Vielfaches dieser Menge vorgehalten werden. Seit dem 18. Jahrhundert gehören dazu auch Kaffee- und Teeservices.

Geschichte[Bearbeiten]

Tafelgerät aus Silber, ganz selten aus Gold, war bereits in griechischer und römischer Zeit in Gebrauch, wie Funde entsprechender Gegenstände beweisen. Es diente der Aristokratie zur Repräsentation und bezeugte eine herausgehobene Stellung seines Besitzers.[1] Als Kriegsbeute sollen silberne Gegenstände aus dem hellenistischem Raum schon im zweiten Jahrhundert vor Christi Geburt nach Rom gelangt sein.[2]

Anschauliches Zeugnis über älteres Tafelsilber legt der Schatz von Boscoreale ab. Zwei Schüsseln tauchten neben anderem im Schatz von Mildenhall auf, Trinkgefäße im Schatz von Berthouville. Der Hildesheimer Silberfund belegt, dass solch wertvolle Gegenstände auch nach Germanien gekommen sind. Aus Tafelsilber besteht ferner der Seuso-Schatz.

Die zum Tafelsilber zählenden Stücke wurden anfänglich durch Treiben oder Schmieden hergestellt. Die ab etwa 1860 aufkommenden Antiksilber-Waren[3] wurden aufwendig im Sandformverfahren mit anschließender handwerklicher Nachbearbeitung produziert.[4]

Im Mittelalter wurde Tafelsilber als Merkmal für gehobene Tischkultur angesehen und demonstrierte nebenbei auch adlige Pracht. Goldschmiede bedienten die Nachfrage der wohlhabenden Kunden nach Tischzier besonders ab der Zeit der Renaissance. Hier erlebte die Goldschmiedekunst eine Blüte und Erzeugnisse aus Augsburg („Augsburger Silber“) und später auch aus Hanau (auch Hanauer Antiksilber) [5][6] genossen an den Höfen Europas einen ausgezeichneten Ruf. In der Silberkammer wurden die Kostbarkeiten höfischen Inventars aufbewahrt . Es gab jedoch auch den einen oder anderen Adligen, der aus finanziellen Gründen die Gegenstände aus wertvollem Silber verpfändete. Selbst der finanziell beengte römisch deutsche König und spätere Kaiser Maximilian I. griff 1496 zu diesem Mittel. Mailand erhielt fünf Jahre lang das Tafelsilber als Pfand.[7] Preußens König Friedrich Wilhelm I. betrachtete Tafelsilber als Edelmetallvorrat für Notzeiten. Aus Gefäßen und Geschirr konnten nach dem Einschmelzen Münzen zum Bestreiten von Ausgaben geprägt werden.[8]

Im 19. Jahrhundert wurde in fast allen Städten die handwerkliche von der industriellen Fertigung in den Hintergrund gedrängt, doch bedingte die Herstellung von Silberwaren je nach Qualität einen mehr oder weniger hohen Anteil an Handarbeit. Die reich dekorierten Hanauer Silberwaren erhoben besonders lange den Anspruch kunsthandwerklicher Herstellungsweise. [9]

Durch die industrielle Fertigung wurde die Anschaffung von Tafelsilber auch für das Großbürgertum möglich, das sich am adligen Vorbild und dessen Tischsitten orientierte. Familiäres Tafelsilber gehörte zum wertvollen Erbe und wurde von Generation zu Generation weitergegeben, wenn nicht ein wirtschaftlicher Engpass einen Verkauf erzwang.

Stempelung[Bearbeiten]

Punze auf einer Silbergabel aus 800er Silber
Stempelung einer Silbergabel mit 90-g-Versilberung

Zur Geschichte der deutschen Silberstempelung und der Bedeutung der verschiedenen Zeichen siehe den ausführlichen Hauptartikel Silberstempel.

Tafelsilber im übertragenen Sinn[Bearbeiten]

Der Begriff wird in heutiger Zeit oftmals beim Verkauf wertvoller Vermögensteile warnend gebraucht. So ist er im übertragenen Sinn häufiger anzutreffen, wenn beispielsweise Unternehmen aus öffentlichem Besitz privatisiert werden sollen. Ähnlich verwendet wird er bei Veräußerung von Beteiligungsbesitz eines Unternehmens. Man solle Tafelsilber eines einmaligen Effektes wegen nicht ohne Not verkaufen, wird argumentiert. Mit der Weggabe verbessert sich zwar stets die Liquidität durch den erzielten Erlös und es lockt vermutlich Gewinn, doch werden möglicherweise bereits jetzt notwendige Einschnitte bei den Ausgaben oder Kosten in die Zukunft verlagert.

Sammlungen[Bearbeiten]

Tafelsilber wird sowohl von öffentlichen Stellen wie von Privatleuten gesammelt. Das älteste erhaltene Tafelsilber-Set Europas in nachrömischer Zeit hat der Augsburger Goldschmied David Altenstetter im Jahr 1615 in seiner Werkstatt hergestellt. Es vererbte sich über mehrere Generationen in einer Bankiersfamilie und wurde 2005 von einem US-amerikanischen Sammler ersteigert. Nachfolgend sind ausgewählte, ausgestellte Objekte mit dem Grund ihrer Relevanz angegeben.

Reinigung[Bearbeiten]

Unpoliertes Tafelsilber mit Silbersulfidbelegung

Um den Glanz des Silberbestecks zu bewahren, können neben modernen Pflegemitteln auch Hausmittel helfen. Hierbei kann "angelaufenes" Silberbesteck etwa in ein Becken aus heißem Wasser, einem Stück Alufolie und Natronpulver gelegt werden. Nach der abschließenden Trocknung mit einem Tuch verschwindet das matte Erscheinungsbild angelaufenen Silberbestecks. Auf diese Weise kann Tafelsilber kostengünstig sauber gehalten werden.

Siehe auch[Bearbeiten]

Saliera, ein Salzfässchen

Literatur[Bearbeiten]

  • Ulla Stöver: Le Couvert. Geschichte und Geschichten um Tafelsilber. München 1986. ISBN 3521040585
  • Claudia Horbas/Renate Möller: Silber von der Renaissance bis zur Moderne. ISBN 3-422-06283-1
  • Hildegund Bemmann: Rheinisches Tafelsilber: Silbernes Prunk- und Tafelgerät des nördlichen Rheinlandes von 1550 bis 1800. ISBN 3-87062-009-9
  • François Baratte : Silbergeschirr, Kultur und Luxus in der römischen Gesellschaft. ISBN 3-8053-2551-7
  • Bruno-Wilhelm Thiele, Tafel- und Schausilber des Historismus aus Hanau, Wasmuth-Verlag, Tübingen 1992, ISBN 3-8030-5059-6
  • Johanna Gehrlein, Rosen-Bestecke, Johanna Gehrlein Verlag, Kahl 2009, ISBN 978-3-9813273-0-4

Weblinks[Bearbeiten]

 Wiktionary: Tafelsilber – Bedeutungserklärungen, Wortherkunft, Synonyme, Übersetzungen

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Alexander Demandt: Geschichte der Spätantike, Seite 330. ISBN 3406572413, abgefragt am 3. April 2009
  2. FU Berlin, Dissertation, abgefragt am 3. April 2009
  3. B.-W.Thiele, Tafel- und Schausilber des Historismus aus Hanau
  4. Johanna Gehrlein, Rosen-Bestecke, Seite 11-18
  5. B.-W. Thiele, Tafel- und Schausilber des Historismus aus Hanau: Seite 77: Das Bebenhäuser Silber, ab 1896 angefertigt von der Firma J:D. Schleissner , Hanau, für das Jagdschloss von König Karl von Württemberg
  6. Historismus – Angewandte Kunst im 19. Jahrhundert: Hersg.: U. Schmidt Staatliche Museen Kassel, Kassel 1994, ISBN 3-924259-07-0,Band 3 Seite 26/27: Waschgeschirr (aus Silber) der Fürstin von Hanau, angefertigt durch Fa. J.D.Schleissner, Hanau, um 1850
  7. Hermann Wiesflecker: Österreich im Zeitalter Maximilians I. ISBN 3486564528, abgefragt am 3. April 2009
  8. Friedrich Schrötter, N. Bauer: Wörterbuch der Münzkunde, Seite 220. ISBN 3110012278, abgefragt am 3. April 2009
  9. B.-W. Thiele, Tafel- und Schausilber des Historismus aus Hanau: Seite 9
  10. Lillian Schacherl, Josef Hugo Biller:ADAC Reiseführer München. ISBN 3899054806, abgefragt am 3. April 2009
  11. Lorenz Selig, Katalog des Tafelservices des Hildesheimer Fürstbischofs Friedrich Wilhelm von Westphalen in: Die fürstliche Tafel, Katalog zur gleichnamigen Ausstellung im Roemer- und Pelizaeus-Museum, Hildesheim, v. 14.5-14.8.1995.