Transdisziplinarität

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Transdisziplinarität bezeichnet im deutschen Sprachraum zumeist ein Prinzip integrativer Forschung.[1] Diese Bezeichnung steht im Gegensatz zur Auffassung von Transdisziplinarität als einem universellen theoretischen Einheitsprinzip.[2]

Transdisziplinäre Forschung[Bearbeiten]

Zunehmend erfordern lebensweltliche Probleme eine transdisziplinäre Forschung. Diese Forderung gilt insbesondere, wenn das vorhandene Wissen unsicher ist, wenn umstritten ist, worin die Probleme genau bestehen, und wenn für die direkt oder indirekt Involvierten oder Betroffenen viel auf dem Spiel steht.[3] In einer solchen Situation, wie sie beispielsweise in der Nachhaltigkeitsforschung regelmäßig auftritt, besteht die Herausforderung darin, zunächst die relevanten Probleme zu identifizieren und adäquate Forschungsfragen zu formulieren.

Transdisziplinarität als Prinzip integrativer Forschung ist ein methodisches Vorgehen, das wissenschaftliches Wissen und praktisches Wissen verbindet.[4] Innerhalb dieses Verständnisses geht eine transdisziplinäre Forschung von gesellschaftlichen Problemstellungen aus. Sie geht jedoch nicht von solchen Fragen aus, die ausschließlich wissenschaftsinternen Diskursen entspringen. Ein anderer Gesichtspunkt für das Verständnis von Transdisziplinarität ist der Umfang der Integration der beteiligten Disziplinen und Fachgebiete, der oftmals als Unterscheidungsmerkmal zwischen Trans-, Inter- und Multidisziplinarität dient. Die unterschiedlichen und zum Teil miteinander unvereinbaren Begriffsverwendungen zeigen, dass dem Begriff Transdisziplinarität eine einheitliche Definition fehlt.[5]

Forschungsrelevante Fragestellungen betreffen erstens empirische Prozesse, welche zur bestehenden Lage geführt haben und die künftige Entwicklung beeinflussen können (Systemwissen). Zweitens gehören dazu Fragestellungen, die Argumente für und gegen Ziele zum Gegenstand haben (Zielwissen). Drittens sind Fragestellungen relevant, welche sich damit befassen, inwiefern die bestehenden Verhältnisse im Sinne der Ziele veränderbar sind (Transformationswissen).

Zu den Anforderungen an ein transdisziplinäres Vorgehen gehört es, Probleme in ihrer jeweiligen Komplexität zu erfassen. Dabei sind vielfältige Sichtweisen in der Wissenschaft sowie in der Wissensgesellschaft angemessen zu berücksichtigen. Außerdem sollte abstrahierende Wissenschaft und fallspezifisch relevantes Wissen mit dem Ziel verbunden werden, eine am Gemeinwohl orientierte Lösung der Problem zu erarbeiten.[5][6]

Der transdisziplinäre Forschungsprozess wird zumeist in drei Phasen untergliedert:

  1. Problemidentifikation und Problemstrukturierung
  2. Problembearbeitung
  3. In-Wert-Setzung bzw. transdisziplinäre Integration.

Wird bei der Bearbeitung das Problem in Teilfragestellungen untergliedert, so erfolgt deren Bearbeitung idealerweise in engem wechselseitigem Bezug aufeinander.[6] Während in der disziplinären Forschung die Phase der Problembearbeitung im Vordergrund steht, kommt in der transdisziplinären Forschung im Prinzip allen drei Phasen dieselbe Bedeutung zu. Die drei Phasen sind nicht zwingend in der angegebenen Reihenfolge zu durchlaufen:
Die Problemidentifikation und Problemstrukturierung der 1. Phase können zum Ergebnis führen, dass die verbleibende Zeit weiter dieser Aufgabe zu widmen ist. Diese 1. Phase kann einen konkreten Untersuchungsbedarf aufzeigen, der disziplinär, transdisziplinär oder in angewandter Forschung zu bearbeiten ist. Es kann sich aber bereits herausstellen, dass das Problem im Grunde verstanden ist und es primär um die In-Wert-Setzung bzw. Verbreitung des vorliegenden Wissens geht (3. Phase).

Transdisziplinäre Projekte[Bearbeiten]

Typisch für transdisziplinäre Projekte sind das Überschreiten von Disziplingrenzen sowie ein Zusammenspiel von gesellschaftlich-politischen und wissenschaftlich-analytischen Entscheidungs- bzw. Problemlösungsprozessen. Dieses Zusammenspiel wird unterschiedlich verstanden:[7] Einerseits wird ein Auflösen der Grenzen von Wissenschaft und Praxis postuliert.[8] Andererseits wird das Zusammenspiel im Sinne eines klassischen Input-Output-Verständnisses zweier weitgehend getrennter Bereiche diskutiert. Hierzu zählt auch eine aushandlungsbasierte Kopplung von Wissenschaft und Politik (boundary work) an den Schnittstellen zwischen Wissens-, Wert- und Handlungsfeldern.[9]

Für das Problem der Integration heterogener (wissenschaftlicher und praktischer) Wissensformen bei Projektbeginn und bei Projektende arbeitet der Soziologe Thomas Jahn mit dem Bild zweier unabhängiger, im Zentrum aber eng miteinander verflochtener Prozesse. Dieses Verständnis trifft sich auch mit den Ideen eines „mutual learning“ (gegenseitiger Lernprozess von Wissenschaft und Praxis) im Rahmen eines transdisziplinären Projektes.[10] Bei diesem Verständnis von Transdisziplinarität behält die gesellschaftliche Funktionsteilung von Wissenschaft bzw. Staat oder Wirtschaft ihre Relevanz: Die Grenzen werden aber im Rahmen eines gemeinsam verantworteten Projektes vorübergehend gelockert − ein intensiver Austausch wird ermöglicht.

Transdisziplinarität kann nur dann entstehen, wenn die an einem Projekt beteiligten Fachpersonen in einem offenen und transparenten Dialog interagieren. In der Interaktion sind individuelle Sichtweisen der Konstruktion der Wirklichkeit zu relativieren. Transdisziplinäre Arbeitssituationen erfordern unter anderem wegen der Informationsfülle und des jeweiligen Fachjargons eine hohe Präsenz aller beteiligter Personen. Es bedarf des Einsatzes von Moderatoren oder von Mediatoren, um einen kritischen Dialog steuern und fördern zu können.

Transdisziplinarität in den Künsten[Bearbeiten]

Auch im Bereich der Künste wird der Begriff der Transdisziplinarität verwendet, zum einen für die Zusammenarbeit zwischen verschiedenen Kunstgattungen, zum anderen für die Verbindung künstlerischer und wissenschaftlicher Erkenntnis- und Darstellungsweisen.

Das Infragestellen und Überschreiten vorgegebener, beispielsweise disziplinärer Grenzen gehört zu den zentralen Errungenschaften der künstlerischen Moderne; intermediale Projekte oder die Hybridisierung unterschiedlicher Genres innerhalb der Künste selbst sind Beispiele dafür. Unter dem Begriff der Transdisziplinarität ergeben sich zusätzlich Kooperationsmöglichkeiten zwischen den Künsten und den Wissenschaften. Aus den Kooperationen bilden sich je unterschiedliche, aber gleichrangige Formen des Wissens.[11]

Siehe auch[Bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten]

  • Philipp W. Balsiger: Transdisziplinarität. Systematisch-vergleichende Untersuchung disziplinübergreifender Wissenschaftspraxis. Fink, München/Paderborn 2005, ISBN 3-7705-4092-1.
  • Matthias Bergmann, Bettina Brohmann, Esther Hofmann, M. Céline Loibl, Regine Rehaag, Engelbert Schramm; Jan-Peter Voß: Qualitätskriterien transdisziplinärer Forschung. Ein Leitfaden für die formative Evaluation von Forschungsprojekten. ISOE-Studientexte, Nr. 13, 2005.
  • Matthias Bergmann, Engelbert Schramm (Hrsg.): Transdisziplinäre Forschung. Integrative Forschungsprozesse verstehen und bewerten. Campus, Frankfurt am Main/New York 2008.
  • Matthias Bergmann, Thomas Jahn; Tobias Knobloch, Wolfgang Krohn, Christian Pohl, Engelbert Schramm (Hrsg.): Methoden transdisziplinärer Forschung - Ein Überblick mit Anwendungsbeispielen Campus, Frankfurt am Main/New York 2010.
  • Alexander Bogner, Karen Kastenhofer, Helge Torgersen (Hrsg.): Inter- und Transdisziplinarität im Wandel? Neue Perspektiven auf problemorientierte Forschung und Politikberatung. Nomos, Baden-Baden 2010.
  • K.-W. Brand (Hrsg.): Nachhaltige Entwicklung und Transdisziplinarität. Besonderheiten, Probleme und Erfordernisse der Nachhaltigkeitsforschung. Analytica, Berlin 2000.
  • Rico Defila, Antonietta Di Giulio: "Interdisziplinarität und Disziplinarität". In: J.-H. Olbertz (Hrsg.): Zwischen den Fächern − über den Dingen? Universalisierung versus Spezialisierung akademischer Bildung. Leske & Budrich, Opladen 1998, S.111-137.
  • Forschungsverbundmanagement. Handbuch für die Gestaltung inter- und transdisziplinärer Projekte. vdf Hochschulverlag an der ETH Zürich, Zürich 2006.
  • Gertrude Hadorn Hirsch, Holger Hoffmann-Riem, Susette Biber-Klemm, Walter Grossenbacher-Mansuy, Dominique Joye, Christian Pohl, Urs Wiesmann, Elisabeth Zemp,(Hrsg.): Handbook of Transdisciplinary Research. Springer, Heidelberg 2008.
  • Erich Hamberger, Kurt Luger (Hrsg.): Transdisziplinäre Kommunikation. Aktuelle Be-Deutungen des Phänomens Kommunikation im fächerübergreifenden Dialog. Österreichischer Kunst- und Kulturverlag, Wien 2008, ISBN 978-3-85437-264-6.
  • Erich Jantsch: Towards interdisciplinarity and transdisciplinarity in education and innovation. In: Leo Apostel L, Berger G, et al. (Ed.): Problems of Teaching and Research in Universities. Paris, Organisation for Economic Cooperation and Development (OECD) and Center for Educational Research and Innovation (CERI), 1972. pp 97-121.
  • Jürgen Mittelstraß: Transdisziplinarität - wissenschaftliche Zukunft und institutionelle Wirklichkeit. Universitätsverlag, Konstanz 2003, ISBN 3-87940-786-X.
  • Bernhard von Mutius (Hrsg.): Die andere Intelligenz. Wie wir morgen denken werden. Stuttgart, Klett-Cotta 2004, ISBN 3-608-94085-5.
  • B. Nicolescu: Manifesto of Transdisciplinarity. Aus dem Französischen übersetzt von Karen-Claire Voss. State University of New York Press, New York 2002.
  • Helga Nowotny, Peter Scott, Michael Gibbons: Re-Thinking Science. Knowledge and the Public in an Age of Uncertainty. Polity Press, Cambridge 2001.
  • T. Sukopp: Interdisziplinarität und Transdisziplinarität. Definitionen und Konzepte. In: Jungert, M.; Romfeld, E.; Sukopp, T./Voigt, U. (Hrsg.): Interdisziplinarität. Theorie, Praxis, Probleme. Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt 2010, S. 13-29.
  • Peter Weingart: Die Stunde der Wahrheit? Zum Verhältnis der Wissenschaft zu Politik, Wirtschaft und Medien in der Wissensgesellschaft. Velbrück, Weilerswist 2001.

Weblinks[Bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Jürgen Mittelstraß: Transdisziplinarität - wissenschaftliche Zukunft und institutionelle Wirklichkeit. Universitätsverlag, Konstanz 2003.
  2. Basarab Nicolescu: Manifesto of Transdisciplinarity. State University of New York Press, New York 2002.
  3. Silvio O. Funtowicz, Jerome R. Ravetz: Science for the Post-Normal Age. Futures 25, September 1993, S. 739-755.
  4. Matthias Bergmann, Engelbert Schramm (Hrsg.): Transdisziplinäre Forschung. Integrative Forschungsprozesse verstehen und bewerten. Campus, Frankfurt am Main/New York 2008.
  5. a b Gertrude Hadorn Hirsch, Holger Hoffmann-Riem, Susette Biber-Klemm, Walter Grossenbacher-Mansuy, Dominique Joye, Christian Pohl, Urs Wiesmann, Elisabeth Zemp,(Hrsg.): Handbook of Transdisciplinary Research. Springer, Heidelberg 2008.
  6. a b J. Jaeger, Martin Scheringer: Transdisziplinarität. Problemorientierung ohne Methodenzwang. GAIA 7(1)/1998, S. 10-25.
  7. Peter Weingart: Die Stunde der Wahrheit? Zum Verhältnis der Wissenschaft zu Politik, Wirtschaft und Medien in der Wissensgesellschaft. Velbrück, Weilerswist 2001.
  8. Helga Nowotny, Peter Scott, Michael Gibbons: Re-Thinking Science. Knowledge and the Public in an Age of Uncertainty. Polity Press, Cambridge 2001.
  9. Oliver Lieven, Sabine Maasen: Transdisziplinäre Forschung. Vorbote eines "New Deal" zwischen Wissenschaft und Gesellschaft? In: GAIA 1/2007, S. 35-40.
  10. R. W. Scholz: Mutual learning as a basic principle of transdisciplinarity. In: R. W. Scholz, R. Häberli, A. Bill, M. Welti (Eds.): Transdisciplinarity. Joint Problem-Solving among Science, Technology and Society. Haffmans, Zürich 2000, Vol. Workbook II, S. 13-17.
  11. Florian Dombois: Kunst als Forschung. Ein Versuch, sich selbst eine Anleitung zu entwerfen. In: Hochschule der Künste Bern (Hrsg.): Hochschule der Künste Bern 2006. Bern 2006, S. 21−29.