Urvertrauen

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Das Urvertrauen ist ein Begriff, der in Biosoziologie, Psychologie und Psychoanalyse verwendet wird. Sein Bedeutungsumfang wie auch der Begriff selbst sind häufig Gegenstand von Diskussionen.

Zwei differierende begriffliche Entwicklungen[Bearbeiten]

Tiefenpsychologie[Bearbeiten]

1950 führt der Freudschüler und Kinderpsychologe Erik H. Erikson das Konzept des (basic) trust in seinem Werk Childhood and society ein, das dann 1957 auf Deutsch mit dem Begriff „Urvertrauen“ arbeitet.[1] Nach Erikson erwirbt der Säugling im ersten Lebensjahr, der oralen Phase Freuds, ein Grundgefühl, welchen Situationen und Menschen er vertrauen kann und welchen nicht. Es erlaubt dem Menschen, seine Umwelt differenziert wahrzunehmen und zu beurteilen und entspricht in der Gefühlsqualität der optimistischen Zuversicht des Erwachsenen im selbstvertrauenden Umgang mit der Welt. In Eriksons Stufenmodell der psychosozialen Entwicklung begünstigt der Erwerb eines soliden Urvertrauens auf dieser ersten Entwicklungsstufe die Bewältigung der folgenden Entwicklungsschritte. Eine mangelhafte Ausbildung dieses Grundgefühls hat entsprechend eine erschwerte weitere Entwicklung zur Folge und führt u. U. zu späterer, spezifischer Verhaltensauffälligkeit: Der Mangel wird hier durch Vertrauensseligkeit überkompensiert.

Auch heute stimmen Entwicklungspsychologen mit ihm darin überein, dass in den ersten Lebensjahren die Weichen dafür gestellt werden, ob wir der Welt und den Menschen um uns herum tendenziell vertrauen oder eher nicht.[2]

Biosoziologie[Bearbeiten]

Unabhängig von dieser Übersetzerwortwahl hat im Deutschen der Soziologe Dieter Claessens 1962 das Konzept eines „Urvertrauen“ neu entwickelt, empirisch enger bestimmt und damit gezielt das erste Lebensjahr des Säuglings thematisiert. Es geht bei Claessens biosoziologisch darum, ob der Säugling überhaupt lernt, Vertrauen zu irgendetwas zu entwickeln (also ein künftighin wirkendes „Vertrauen in Vertrauen“). Nach ihm erwirbt jeder Mensch in der allerersten Lebenszeit (im „extra-uterinen Frühjahr“) die Grundeinstellung, dass er Situationen und Menschen vertrauen könne, oder aber er erwirbt sie nicht und kann sie dann im späteren Leben nicht mehr nachholen. Dieser Lebensabschnitt wird auch als seine ‚zweite‘, nämlich die „soziokulturelle“ Geburt bezeichnet. Dieses Urvertrauen – wie bei seinem Fehlen auch das Urmisstrauen – ist für alle spätere Entwicklung von Beziehungen zu anderen Menschen und für die Charakterbildung maßgeblich, es ist einer der Grundpfeiler, auf die sich die Entwicklung und Ausprägung einer gesunden Persönlichkeit stützt.[3]

Das „Urvertrauen“ ist nicht mit dem in der Soziologie behandelten „Vertrauen“ identisch, insofern dieses vom sozialen Akteur steuerbare Handlungsalternativen voraussetzt. Es ist vielmehr die Voraussetzung seiner Entwicklung.

Kennzeichnung[Bearbeiten]

Urvertrauen entwickelt sich bei beiden Ansätzen im sehr frühen Kindesalter durch die verlässliche, durchgehaltene, liebende und sorgende Zuwendung von Dauerpflegepersonen (zumeist den Eltern). Es verschafft die innere emotionale Sicherheit, die später zu einem Vertrauen in seine Umgebung und zu Kontakten mit anderen Menschen überhaupt erst befähigt. Urvertrauen ermöglicht angstarme Auseinandersetzung mit der sozialen Umwelt.

Es ist also die Grundlage für:

  • Vertrauen auf sich selbst, Selbstwertgefühl, Liebesfähigkeit („Ich bin es wert, geliebt zu werden.“ „Ich fühle mich geborgen.“),
  • Vertrauen in andere, in Partnerschaft, Gemeinschaft („Ich vertraue Dir.“ „Wir lieben uns.“, „Ich weiß mich verstanden und angenommen.“) und
  • Vertrauen in das Ganze, in die Welt („Es lohnt sich zu leben.“)

Lieblosigkeit, Vernachlässigung oder Misshandlung können zu einer mangelhaften Ausbildung des Urvertrauens führen. Hiermit können Beziehungs- und Bindungsprobleme von Menschen erklärt werden. Folgestörungen können Misstrauen, Depressionen, Angstzustände, Aggressivität u. a. m. sein.

Therapeutisch kann solchen Missentwicklungen der frühesten Kindheit mit dem Konzept des Containing begegnet werden.

Der Unterschied beider Ansätze liegt jedoch darin, dass der Soziobiologe Claessens eine Fehlentwicklung des Säuglings bereits deutlich früher (nach Abschluss des ersten Lebensjahres) als nicht mehr behebbar ansieht, als der Psychoanalytiker Erikson.

Beispiele[Bearbeiten]

Folgende Lebensumstände können eine ausreichende Entwicklung des Urvertrauens gefährden oder verhindern:

  • Die Trennung von der Mutter (Dauerpflegeperson) oder die völlige Vernachlässigung durch sie ohne eine Ersatzbindungsperson. Diese Situation ist ein typisches Risiko bei Lager-, Heim- oder Krankenhausaufenthalten von Säuglingen, aber auch bei völliger materieller oder soziopsychischer Verelendung und kann eine totale Deprivation bewirken. Überlebt das Kind es, so muss mit einem dauerhaften Argwohn, mit Depressionen, Angstzuständen, Aggressivität und Verzögerungen der geistigen oder motorischen Entwicklung u. a. m. gerechnet werden.
  • Wenn der Säugling im Familienhaushalt oder bei Alleinerziehenden unerwünscht ist und emotional mit gemischten (ambivalenten) Gefühlen (Zärtlichkeit, Hass, Missachtung) wahrgenommen wird, kann die Entwicklung des auf konstante Verlässlichkeiten angewiesenen Urvertrauens stark geschädigt werden; der Schädigung wirkt entgegen, wenn seltenere, dann aber doch verlässliche Zuwendungen von Geschwistern, entfernteren Verwandten oder Pflegepersonal erfolgen.

Literatur[Bearbeiten]

  • Dieter Claessens: Familie und Wertsystem, [1962], 4., durchges. Auflage, Duncker & Humblot, Berlin 1979 (Hierin wird das Konzept des Urvertrauens entwickelt.)
  • Erik H. Erikson, Der vollständige Lebenszyklus, Frankfurt am Main ²1992
  • Rüdiger Posth: Vom Urvertrauen zum Selbstvertrauen. Das Bindungskonzept in der emotionalen und psychosozialen Entwicklung des Kindes, Waxmann Verlag, Münster 2007, ISBN 978-3-8309-1797-7

Nachweise[Bearbeiten]

  1. Vgl. Erik H. Erikson: Kindheit und Gesellschaft, übers. v. Marianne Eckhardt-Jaffe, Stuttgart 1999, S. 241 ff. (EA: Zürich 1957); Eckhardt-Jaffe übersetzt „(basic) trust“ mit „Urvertrauen“; alternativ findet sich in anderen Übersetzungen der Begriff „Grundvertrauen“.
  2. Die Erfahrung von Zuverlässigkeit in der Kindheit habe weit reichende Folgen für unsere psychische Entwicklung, lautet auch die Grundannahme der Bindungstheorie des britischen Psychiaters John Bowlby. Diese Theorie besagt: Eine sichere Bindung zwischen Kleinkind und primärer Bezugsperson ist Voraussetzung dafür, im Erwachsenenalter stabile Beziehungen aufbauen zu können. Was für Erikson das basic trust war, ist für Bowlby die sichere Bindung.
  3. Das „Urmisstrauen“ wird nach anderen Theorien auch auf den Geburtsschock zurückgeführt.