Verelendungswachstum

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Mit dem Begriff Verelendungswachstum wird ein Prozess bezeichnet, bei dem der Rückgang der Terms of Trade-Rate größer ist als die Wachstumsrate des Bruttoinlandsproduktes. [1] Die Terms of Trade-Rate dient hier als Indikator für den ökonomischen Wohlstand eines Landes.

Verelendungswachstum bedeutet, dass das Wohlstandsniveau der Bevölkerung trotz Wirtschaftswachstum und technischem Fortschritts sinkt. Es ist ein Begriff der Außenwirtschaft und wird vor allem in Zusammenhang mit Entwicklungsländern verwendet.

Die Tatsache, dass Wachstum eine Wirtschaft verelenden kann, ist ein Paradoxon, welches erstmals in der Nachkriegsdiskussion um die Dollarknappheit durch „John Richard Hicks“ im Jahre 1953 erwähnt wurde. [2]

Seitdem haben viele Ökonomen eine Analyse der Effekte von Wachstum auf die Terms of Trade von Entwicklungsländern versucht, dennoch sehen viele Ökonomen das Verelendungswachstum eher als eine Theorie denn als ein reales Weltproblem an. [3]

Definition[Bearbeiten]

Das Wort Verelendungswachstum setzt sich aus den Begriffen „Verelendung“ und „Wachstum“ zusammen. Verelendung kann in diesem Zusammenhang verstanden werden als ein sozialer Wohlfahrtsverlust[4] wie z. B. Sinken des Realeinkommens oder Arbeitsplatzverlust.

Man spricht von Verelendungswachstum, wenn ein Land die Produktionskapazitäten eines Exportgutes erweitert, gleichzeitig aber auch die Preise für Importgüter ansteigen. Das Land produziert zwar mehr, verelendet aber dadurch, dass die Importgüterpreise stärker ansteigen als der Gewinn, der durch den zusätzlichen Export erzielt wird.

Beispiele für derartige Verzerrungen die letztlich zu Verelendung führen sind Einkommensverzerrungen, Monopolmacht im Außenhandel und Verzerrung durch Zölle auf Importgüter.[5]

Theoretischer Ansatz nach Bhagwati[Bearbeiten]

Die Bedingungen für Verelendungswachstum wies Jagdish Bhagwati 1958 in seinem Artikel „Immiserizing Growth: A Geometrical Note“ anhand eines 2-Länder-2-Güter Modells nach. Er zeigte, dass dieses Phänomen auch in einem stabilen Marktumfeld auftreten kann. Dies stellt eine Erweiterung des Leontief-Modells von 1936 dar. Dieses Modell beschreibt eine Transferleistung Transfer-induzierten Verelendung, welche Marktinstabilität voraussetzt.

Als Hauptursache für die Verelendung sieht Bhagwati die Politik, z.B. die Monopolmacht des Landes im Handel und in der Freihandelspolitik. Durch die Einführung eines optimalen Zolls könnte man laut Bhagwati dem Verelendungswachstum entgegenwirken.[6]

Ursachen und Folgen[Bearbeiten]

Verelendungswachstum ist vor allem ein Problem in Entwicklungsländern. Diese sind hauptsächlich Anbieter von Primärgütern, d. h. landwirtschaftlichen Produkten wie zum Beispiel Kakao, Kaffee, Reis oder Rohstoffen.

Für die angebotenen Primärgüter ist die Nachfrageelastizität in den Industrieländern sehr hoch, da in der Regel Substitutionsgüter existieren.[7]

Erhöht ein Entwicklungsland nun seine Produktionskapazitäten, sei es durch technischen Fortschritt oder Intensivierung der Landwirtschaft, steigt gleichzeitig auch die Angebotsmenge auf dem Weltmarkt, was zu einem Preisverfall führt. Sinken in diesem Zuge nicht auch die Importgüterpreise, kommt es zu einer Verschlechterung der Terms of Trade-Rate, das Land erleidet mehr Verlust als Gewinn trotz gesteigerter Produktion. Ähnliche Ansätze finden sich auch in der Prebisch-Singer-These.

Eine weitere Ursache für Verelendungswachstum kann die Spezialisierung auf nur wenige Exportgüter sein. Steigen die Preise für ein Exportgut sinkt die Nachfrage, da es für dieses Gut ausreichend Substitutionsgüter anderer Anbieter gibt. Weiterhin sind Missmanagement der Regierung und Ausbeutung der Bevölkerung ein Problem in vielen Entwicklungsländern. Gewinne im Exportbereich werden häufig nicht ausreichend an die Arbeitende Bevölkerung weitergegeben, so dass keine Entwicklung des inländischen Marktes stattfinden kann.

Zudem spielen kulturelle und politische Abhängigkeitsbeziehungen zwischen Entwicklungs- und Industriestaaten eine Rolle. Im politischen Bereich sind zum Beispiel Zölle und Subventionen entscheidende Faktoren.

Beispiel[Bearbeiten]

Der Kaffeemarkt erweist sich als ein geeignetes Beispiel um das Verelendungswachstum zu verdeutlichen. Die Weltbank förderte durch finanzielle Mittel in den letzten Jahren den Ausbau der Kaffeeproduktion in Vietnam.

Durch diese Unterstützung und die niedrigen Löhne in Vietnam konnte das Land zum zweitgrößten Kaffeeproduzenten der Welt aufsteigen. Heute ist die weltweite Kaffeeproduktion wesentlich höher als der Verbrauch. Zudem ermöglichen neue Technologien die Verarbeitung von Rohkaffee minderer Qualität, so dass der Ausschuss deutlich reduziert wurde. Durch die Überschwemmung des Marktes mit Billigkaffee aus Vietnam kam es zu einem deutlichen Preisverfall. Der Preis für Rohkaffee sank 2003 inflationsbereinigt auf den tiefsten Stand seit 100 Jahren.[8] Weltweit übersteigen die Kosten des Anbaus die der Verkaufserlöse. Dieses Kostendefizit führt zu einer Reduzierung der Anbauflächen und sinkenden Reallöhnen der Bauern. Somit sinkt auch der Konsum und damit auch der Wohlstand. Dieser Prozess wird als Verelendungswachstum bezeichnet.

Vor allem Staaten, in denen mit dem Kaffeeexport ein großer Teil der Devisen erwirtschaftet wird, mit denen Schulden abgezahlt werden müssen, sind von diesem Problem betroffen.[9]

Seit dem Jahr 2004 nimmt der Preis für Rohkaffee wieder deutlich zu. Diese Steigerung der Devisenerlöse bedeutet, dass der Wohlstand einer Nation zunimmt und einem Verelendungswachstum entgegengewirkt.

Literatur[Bearbeiten]

  • Albers, Willi: Handwörterbuch der Wirtschaftswissenschaft (HdWW). 2. Auflage, G. Fischer Verlag, Stuttgart 1988 (Band 2).
  • Bhagwati, Jagdish N.; Douglas A. Irwin: Political Economy and International Economics.The MIT Press, Cambridge 1996, ISBN 0-262-52218-7
  • Bhagwati, Jagdish. N. Distortions and Immiserizing Growth: A Geometrical Note. In: "The Review of Economic Studies Vol. 35." Nr. 4, 1968.
  • Bhagwati, Jagdish N.;Panagariya, Arvid;Srinivasan, T. N.:Lectures on International Trade. 2. Auflage. The MIT Press, Cambridge, 1998, ISBN 0-262-52247-0.
  • Dybe, Georg: Regionaler wirtschaftlicher Wandel.Die Sicht der evolutorischen Ökonomie und der "Neuen Wachstumstheorie." LIT-Verlag, ISBN 3-8258-6766-8 (Band 2.)
  • Johnson, H. G.: Increasing Productivity, Income-Price Trends and the Trade Balance. In: The Economic Journal., Nr. 64, 1954, Seite 462-485.
  • Johnson, H. G.: The possibility of income losses from increased efficiency or factor accumulation in the presence of tariffs. In: Economic Journal. Nr. 77, 1967, Seite 151-154.
  • Hicks, J. R.: An Inaugural Lecture In: "Oxford Economic Papers, New Series Vol 5." Nr. 2, Oxford University Press, 1953, Seite 117 - 135.
  • Krugman, P. R.; Obstfeld, M. International Economics: Theory and Policy, 6. Auflage, Pearson Verlag, 2002, ISBN 81-7758-830-3, S. 196.
  • Rübel, Gerhard: Grundlagen der realen Außenwirtschaft. Oldenbourg Wirtschaftsverlag, 2004, ISBN 3-486-27560-7

Weblinks[Bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Rübel, Gerhard: Grundlagen der realen Außenwirtschaft. Oldenbourg Wirtschaftsverlag, 2004, ISBN 3-486-27560-7, S.103.
  2. Vgl. Bhagwati, Jagdish N.;Panagariya, Arvid;Srinivasan, T. N. Lectures on International Trade. 2. Auflage. The MIT Press, Cambridge, 1998, ISBN 0-262-52247-0, S. 369.
  3. Vgl. Krugman, P. R.; Obstfeld, M. International Economics: Theory and Policy, 6. Auflage, Pearson Verlag, 2002, ISBN 81-7758-830-3, S. 196.
  4. Vgl. Johnson, H. G. The possibility of income losses from increased efficiency or factor accumulation in the presence of tariffs. In: Economic Journal. Nr. 77, 1967, Seite 151-154.
  5. Vgl. Bhagwati, Jagdish. N. Distortions and Immiserizing Growth: A Geometrical Note. In: The Review of Economic Studies Vol. 35. Nr. 4, 1968, Seite 481.
  6. Vgl. Bhagwati, Jagdish N.;Panagariya, Arvid;Srinivasan, T. N. Lectures on International Trade. 2. Auflage. The MIT Press, Cambridge, 1998, ISBN 0-262-52247-0, S. 370.
  7. Rübel, Gerhard: Grundlagen der realen Außenwirtschaft. Oldenbourg Wirtschaftsverlag, 2004, ISBN 3-486-27560-7, S.103.
  8. [1] (PDF; 160 kB) Vgl. Artikel: 60 Jahre nach der Bretton Woods-Konferenz:Gründung, Ziele, Macht und Reformbedarf bei IWF und Weltbank (Abgerufen am: 3. Mai 2009; 18.52 Uhr).
  9. [2] (PDF; 160 kB) Vgl. Artikel: 60 Jahre nach der Bretton Woods-Konferenz:Gründung, Ziele, Macht und Reformbedarf bei IWF und Weltbank (Abgerufen am: 3. Mai 2009; 18.52 Uhr).