Virtuell-analoger Synthesizer

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Ein virtuell-analoger Synthesizer emuliert in digitaler Weise das Verhalten der Schaltkreise eines analogen Synthesizers, indem er das Verhalten berechnet.

Die Berechnung kann auf einem Computer (als Software-Synthesizer), oder auf einer speziellen Hardware, auf der sich DSPs (Digitale Signalprozessoren) und eine vorinstallierte Software befinden, geschehen.

Virtuell-analoge Synthesizer kamen nach der Erfindung des Physical Modelling – einer Syntheseform, die physikalische Schwingungserzeugungsformen durch digitale Modelle nachzuahmen versucht – Ende der 1980er Jahre auf und erfuhren in den 1990er Jahren einen Boom, zunächst als Hardware-Lösungen, danach (etwa ab 1997) auf reiner Software-Basis. Einige bekannte Synthesizer dieser Art, wie zum Beispiel der Clavia Nord Lead und der Access Virus, wurden zu Kultgeräten. Ebenfalls konnten sich Unternehmen wie Waldorf, Novation oder Oberheim auf dem Sektor der VA-Synthesizern etablieren.

Kritiker – zumeist Fans von analogen Synthesizern – bemängeln, dass bei diesem Verfahren im Klang ein Verlust entstünde: Da die Auflösung (gemessen in Kilohertz für die Frequenzdarstellung und in Bits für die Amplitude) die Präzision des Berechnungsvorgangs bestimme, sei der Klang nur bei sehr hohen Auflösungen realistisch. Zudem sei die Eigenschaft analoger Synthesizer, unberechenbare, aber für ihren Klangcharakter mitverantwortliche Fehler zu produzieren, nicht nachbildbar und daher der Klang virtuell-analoger Synthesizer „steriler“, als der der Originale.

Als Gegenargument wird vorgebracht, dass bei den heute gebräuchlichen Auflösungen (96 oder 192 kHz / 20 oder 24 bit) durch die Auflösung bedingte Unterschiede zum analogen Klangbild so gut wie unhörbar sind. Maßgeblich ist damit die Güte des verwendeten Modells und die eingesetzte Rechengenauigkeit, bei der, bedingt durch die begrenzte Rechenkapazität, oftmals Kompromisse gemacht werden. Durch Vereinfachungen der Algorithmen können auf Synthesizern mehr Stimmen berechnet werden. Andererseits wird bei modernen virtuell-analogen Synthesizern die Emulierung der „Fehler“ analoger Geräte ebenfalls zunehmend angegangen und in die Wellen-Algorithmen implementiert.

Ein bestehendes Problem ist, daß die meisten Synthesizer über das MIDI-Protokoll, welches nur 7-Bit Parameter kennt, gesteuert werden und dieses speziell bei VA-Synthesizern fast immer auch auf die internen Parameter angewendet wird. Damit entstehen bei gering ausgesteuerten Werten für z.B. die Lautstärke, Vibrato oder Filtergrenzfreqenzen vergleichsweise grobe Abstufungen. Soll dann ein frequenzbestimmender Wert für ein Filter, der nur bei 50 steht, um 10 % gesenkt werden, stehen dafür nur 5 Stufen bereit. Deshalb müssen alle von der internen Steuergruppe oder externen Geräten ankommende Änderungskommandos künstlich geglättet werden, um hörbare Stufen zu vermeiden, während bei den klassischen Analoggeräten die Parameter über stufenlose Potentiometer direkt vorgegeben werden. Dies gilt in ähnlicherweise für die MIDI-fähigen (nachgerüsteten) analogen Synthesizer, die nur die Noteninformation verarbeiten und für die Steuerung der Baugruppen ebenfalls Potentiometer besitzen.

Literatur[Bearbeiten]

  • Michael Dickreiter, Volker Dittel, Wolfgang Hoeg, Martin Wöhr (Hrsg.), "Handbuch der Tonstudiotechnik", 8., überarbeitete und erweiterte Auflage, 2 Bände, Verlag: Walter de Gruyter, Berlin/Boston, 2014, ISBN 978-3-11-028978-7 oder e-ISBN 978-3-11-031650-6
  • Roland Enders: Das Homerecording Handbuch. Der Weg zu optimalen Aufnahmen. 3., überarbeitete Auflage. Carstensen, München 2003, ISBN 3-910098-25-8.