Wirtschaftsrechnung im Sozialismus

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Die Debatte über die Wirtschaftsrechnung im Sozialismus (engl. Calculation Debate) war eine wirtschaftswissenschaftliche Auseinandersetzung, die zuerst 1920 und 1922 durch Ludwig von Mises angestoßen und später unter anderem von Friedrich August von Hayek, Trygve J. B. Hoff, Wilhelm Röpke, Lionel Robbins und Abram Bergson fortgeführt wurde. Mises' und seiner Nachfolger Absicht hierbei war, theoretisch die „Undurchführbarkeit“ des Sozialismus zu beweisen. Innerhalb der Österreichischen Schule wurde diese These breit, von anderen Strömungen dagegen kaum oder in abgeschwächter Form rezipiert. Eine ähnliche Auffassung wie Mises vertrat auch Max Weber in der 1922 postum veröffentlichten III. Abteilung des Grundriss der Sozialökonomik.

Grundgedanke[Bearbeiten]

Mises behauptete, dass eine Wirtschaft, die durch zentrale Planentscheidungen gesteuert werde und somit den Markt und die freie Preisbildung ausschalte, zu einer realistischen Rechnungsweise – also zu einer rationalen Verwendung ihrer Ressourcen – nicht in der Lage sei. Kosten hätten in ihr keine Bedeutung mehr, der Wert der Produktionsfaktoren sei daher nicht bestimmbar; ohne Geldrechnung, so Mises, gebe es „kein Mittel, zu erkennen, was rationell ist“. Nach einer Aufhebung des Privateigentums – oder, mit Mises, des „Sondereigentums“ – trete an die Stelle der „anarchischen Produktionsweise (...) das nutzlose Gebaren eines zweckwidrigen Apparates (...). Die Räder werden sich drehen, doch sie werden leer laufen.“[1] Daraus leitete Mises die objektive „Unmöglichkeit“ einer sozialistischen Wirtschaftsweise ab:

„Wir haben zeigen können, worin die Undurchführbarkeit sozialistischer Wirtschaftsordnung zu suchen ist. Nicht weil die Menschen moralisch zu niedrig stehen, sondern weil die Aufgaben, die eine sozialistische Gesellschaftsordnung ihrer Vernunft stellen müsste, vom menschlichen Verstande nicht gelöst werden können, kann es keinen Sozialismus geben. Die Unverwirklichbarkeit des Sozialismus ist nicht in der sittlichen, sondern der intellektuellen Sphäre gegründet. Weil eine sozialistische Gesellschaft nicht rechnen könnte, kann es keine Gemeinwirtschaft geben.“[2]

Das Postulat, dass der Sozialismus „unmöglich“ sei, wurde in späteren Jahren zwar nicht zurückgenommen, aber unter anderem von Hayek insofern entschärft und anschlussfähiger gemacht, als nun unter Rückgriff auf die Grundgedanken Mises' die stattfindende realsozialistische Planung als – verglichen mit dem Marktpreis-Mechanismus – „unglaublich plump, primitiv und unzureichend“[3] angegriffen wurde. Die in der gegenwärtig gängigen Volkswirtschaftslehre weitgehend selbstverständliche Anwendung von kapitalistisch gedachten Effizienz- und Rationalitätsmaßstäben auf sozialistische Modelle geht substanziell auf diese Überlegungen zurück.

Literatur[Bearbeiten]

Primärliteratur[Bearbeiten]

  •  Ludwig von Mises: Die Gemeinwirtschaft – Untersuchungen über den Sozialismus. 1922, ISBN 978-3878811039 (online (PDF; 2,9 MB)).
  •  Ludwig von Mises: Human Action: A Treatise on Economics (Scholars Edition). Ludwig von Mises Institute, Auburn (Alabama) 2007, ISBN 978-0945466246, S. 694–711 (Economic Calculation under Socialism) (Neudruck der Erstauflage., online (PDF; 55,7 MB)).
  •  Friedrich August von Hayek: The Nature and History of the Problem. In: Friedrich August von Hayek (Hrsg.): Collectivist Economic Planning. 1935, S. 1–47.

Sekundärliteratur[Bearbeiten]

  •  David M. Levy und Sandra J. Peart: Socialist calculation debate. In: Steven N. Durlauf and Lawrence E. Blume (Hrsg.): The New Palgrave Dictionary of Economics. 2. Auflage. Palgrave Macmillan, 2008.
  •  Peter J. Boettke (Hrsg.): Socialism and the market: The socialist calculation debate re-visited. 9 Bände, Routledge, London 2000, ISBN 0-415-19586-1 (Kommentierte Textsammlung).

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Mises, Ludwig von, Die Gemeinwirtschaft. Untersuchungen über den Sozialismus, Jena 1932, S. 99.
  2. Mises, Gemeinwirtschaft, S. 420.
  3. Hayek, Friedrich August von, Der Weg zur Knechtschaft, Erlenbach-Zürich 1952, S. 75.