Witkowitzer Eisenwerke

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49.8202418.27957Koordinaten: 49° 49′ 13″ N, 18° 16′ 46″ O

Nationales Kulturdenkmal Hochofen in Vítkovice

Die Witkowitzer Eisenwerke (tschechisch Vítkovické železárny, VŽ) waren im 19. und 20. Jahrhundert ein wichtiges Unternehmen der mährischen Schwerindustrie. Auf relativ kleinem Raum waren Kohleförderung, Kokerei, Roheisenerzeugung, Stahlveredelung und -verarbeitung sowie Maschinenbau vereinigt. Die Anlagen prägen auch heute noch das Stadtbild von Vítkovice (Ostrava) und werden manchmal als „Ostravské Hradčany“ (in Anlehnung an den Prager Hradschin) bezeichnet. Die Hochöfen und die Kokerei haben seit 2002 den Status eines Nationalen Kulturdenkmals der Tschechischen Republik.

Geschichte[Bearbeiten]

Witkowitzer Eisenwerke um 1850
Ausdehnung der Industriegebäude 1873 - 1907

Das Eisenwerk Rudolfshütte in Witkowitz nahe Mährisch-Ostrau wurde im Jahr 1828 auf Anregung des Wiener Professors Franz Xaver Riepl vom Olmützer Kardinal und habsburgischen Erzherzog Rudolf Rainer gegründet. Nach dem Tod des Bischofs interessierte sich 1831 Salomon Rothschild für das mit damals moderner Technologie arbeitende Unternehmen, es gab jedoch zunächst Widerstände seitens des Domkapitels.

Zwischenzeitlich wurde das Werk um eine eigene Kokerei erweitert. 1836 wurde der erste Hochofen in Betrieb genommen, zwei Jahre später der zweite. 1839 kam ein Walzwerk hinzu. Nach Bildung einer Gewerkschaft, die die Hütte zunächst langfristig pachtete und ausbaute, gelang es Rothschild 1843, das Werk seinem persönlichen Besitz einzuverleiben. Es war für ihn vor allem wegen des damals aktuellen Baues der Kaiser-Ferdinands-Nordbahn von besonderem Interesse. Um nicht mehr auf die Anlieferung von Kohle angewiesen zu sein, wurde 1852 mit dem Bau eines Schachtes begonnen und die Kohle unter dem Werksgelände abgebaut.

Um 1870 zog sich Anselm Salomon von Rothschild, der Sohn Salomons langsam aus dem Industriegeschäft zurück. 1873 wurde deshalb die Witkowitzer Bergbau- und Hüttengewerkschaft gegründet, an der die Rothschilds nur mehr 51 Prozent, die Wiener Kohlengroßhändler Wilhelm Ritter von Gutmann aber 49 Prozent hielten. Diese Beteiligungssituation blieb bis zur Enteignung im Zuge der Arisierung im Nationalsozialismus intakt. Die Werke wurden in die Reichswerke Hermann Göring eingegliedert und produzierten v.a. Munition sowie später Bauteile für die Rakete Aggregat 4 (V2). Am 20. Oktober 1942 wurde mit der Expansion nach Ostrava-Kunčice begonnen. Auf dem Gelände des dort errichteten „Südbaus“ entstand später die „Nová huť“.

Nach 1945 wurde das Unternehmen in tschechoslowakischen Staatsbesitz übernommen und firmierte nun als Vítkovické železárny Klementa Gottwalda n.p. (VŽKG). Der Fokus lag in der Tschechoslowakei in dieser Zeit auf dem Auf- und Ausbau der Stahlwerke in Ostrava-Kunčice und Třinec, so dass in Witkowitz erst Anfang der 1960er Jahre mit sowjetischer Hilfe modernisiert wurde.

Gegenwart[Bearbeiten]

Hochofen und Winderhitzer

Die historische Entwicklung führte dazu, dass die ursprüngliche Eisenhütte zu einem großen Industrieunternehmen wurde, das sich auch dem Maschinenbau widmete. Am Ende des 20. Jahrhunderts geriet das Unternehmen in große wirtschaftliche Schwierigkeiten. Die tschechische Regierung musste vom ursprünglichen Privatisierungsplan abweichen und die Unternehmensführung übernehmen. Es kam zur Trennung der Unternehmensteile Verhüttung und Maschinenbau, die getrennt privatisiert wurden.

Wie in anderen Stadtteilen von Ostrava wurde 1994 die Förderung von Kohle beendet. Die Rohstahlproduktion wurde eingestellt, am 27. September 1998 fand der letzte Abstich statt.

Im Jahr 2002 wurden die Kohlegrube Dul Hlubina, die Kokerei und die Hochöfen zum Nationalen Kulturdenkmal erklärt.[1]

Seit 2005 gehören die Eisenwerke zur russischen Stahlwerks- und Fördertechnikgruppe Evraz-Gruppe unter dem Namen Evraz Vítkovice Steel. Auf einen Teil des Areals hat sich die Firma Škoda Vagonka a.s. angesiedelt.

Im Jahr 2008 wurde ein Teil des Geländes und einige Gebäude zum Europäischen Kulturerbe erklärt.

Zurzeit wird ein Teil des Areals in ein Kultur- und Veranstaltungszentrum umgebaut. In den Sommermonaten finden an den Wochenenden Führungen auf dem Gelände statt.

Quellen[Bearbeiten]

  • Vortrag von Milan Myška, XIV International Economic History Congress, Helsinki 2006, Session 70 (auch im Web verfügbar)
  • Věra Kučová, Miloš Matěj: Industrial Complexes in Ostrava. To be nominated for Inscription on the UNESCO World Heritage List. National Institute for the Protection and Conservation of Monuments and Sites – Cetral Unit Prague and Regional Department Ostrava, Prag 2007, ISBN 978-80-85034-02-8.

Weblinks[Bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Daten auf monumnet.npu.cz