Yi Guan Dao

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Wechseln zu: Navigation, Suche

Yi Guan Dao oder "I Kuan Tao" (一貫道) ist eine Religion, die aus China stammt, sich aber in Taiwan entwickelte. Yi Guan Daos Zweige befinden sich nicht nur in Taiwan, sondern auch in verschiedenen Länder wie z. B. USA, Japan, Korea, Österreich, Frankreich, Australien, Thailand usw. In der Volksrepublik China ist Yi Guan Dao seit der Machtübernahme der Kommunistischen Partei grundsätzlich verboten.

Der Begriff „Yi Guan Dao“ oder „I Kuan Tao“ stammt aus der chinesischen Sprache. „Yi“ oder „I“ bedeutet „Eins“, „Guan“ oder „Kuan“ bedeutet „verbinden“, und „Tao“ symbolisiert den Ursprung alles Seins und heißt wörtlich u. a. „der Weg“. In diesem Sinne könnte „Yi Guan Dao“ oder „I Kuan Tao“ als „Der Weg, der alles in einem verbindet“ übersetzt werden.

Bedeutung von „Yi Guan Dao“ bzw. „I Kuan Tao?“[Bearbeiten]

Im taoistischen Hauptwerk Tao Te King (Dao De Jing) über das Ursein und die Kraft, heißt es:

„Da ist Eines, nicht unterschieden, doch vollkommen. Dies Eine ist da, bevor Himmel und Erde sind. Welche Ruhe und Stille! In sich selbst erfüllt – unwandelbar –, kreisend in Ewigkeit, durch Räume und Zeiten, doch niemals fassbar. Die Mutter des weiten Weltalls mag es wohl sein. Seinen Namen kennen wir nicht, Tao ist unser Zeichen dafür.“

In diesem Sinn bedeutet I Kuan Tao jenes Eine, das schon da war, bevor alles entstand. Es ist die Mutter alles Seins, von welcher wir geboren sind, und ist daher die Quelle des Lebens. Über die Eigenschaft des Tao kann man dem Hauptwerk des Zen-Buddhismus, Das Sutra des Sechsten Patriarchen, entnehmen:

„Erleuchtung und Verblendung, der gemeine Mensch betrachtet sie als zwei Dinge. Ein Weiser jedoch betrachtet diese ohne Differenzierung. Der undifferenzierte Sinn, ist der wahre Sinn. Dieser ist nicht vermindert bei den Verblendeten, aber auch nicht vermehrt bei den Weisen. Er ist nicht verwirrt bei Chaos und nicht still bei Ruhe. Er bricht nicht ab, ist aber auch nicht stetig. Er kommt nicht, und geht auch nicht. Er ist nicht in der Mitte, aber auch nicht im Außen oder Innen. Er ist nicht geboren und wird auch nicht sterben. Er ist immerwährend und wandelt nicht. Wir nennen ihn Tao.“

Diesen Eigenschaften zufolge vermittelt I Kuan Tao jenes Eine, das immerwährend ist und nicht wandelt. Man gebraucht es täglich, ohne aber sich dessen bewusst zu sein. Im konfuzianischen Hauptwerk Lun Yu - Die Gespräche des Konfuzius steht: „In der Frühe das Tao vernehmen und des Abends schon sterben: das ist nicht schlimm.“ Damit deutete Konfuzius wohl auf die Wichtigkeit des Tao für die Menschen hin. Diese Bedeutung ist an einem anderen seiner Sätze ebenso erkennbar: „Wer kann schon hinaus, ohne durch das Tor zu gehen; warum dann nicht durchs Tao?“ Hierin weist der Meister darauf hin, dass das Tao jener Weg ist, der jeder von uns gehen sollte. An einer anderen Stelle des Buches sprach er zu seinen Schülern: „Mein Tao verbindet alles in Einem.“ Von diesem Satz stammt der Begriff „I Kuan Tao“ („Der Weg, der alles in einem verbindet“).

Geschichte[Bearbeiten]

Der Genealogie des I Kuan Tao (sog. Tao-Tong) zufolge werden große Meister der drei Lehren Konfuzianismus, Taoismus und Buddhismus von den Angehörigen des I Kuan Tao als berufene Lehrer anerkannt. Generation für Generation überliefern sie die große Lehre, welche die Menschen zu ihrem ursprünglichen Sein führt. Die Chinesen bezeichnen es mit dem Wort „Tao“. Im 17. Jahrhundert wurde diese Überlieferung vom 9. Patriarch Huang unter dem Namen „Xian Tian Tao“ (Der Urhimmlische Weg) fortgesetzt. Der 15. Patriarch Wang schaffte dann die strenge innere Übung ab und betonte die Umsetzung der konfuzianischen Werte im weltlichen Leben als Hauptpraxis. Er legte auch die theoretische Basis dazu fest und bezog sich auf die Worte des Konfuzius „Mein Tao verbindet alles in Einem“ und erklärte, dass die drei Lehren den gleichen Ursprung und das gleiche Ziel haben. Der 16. Patriarch Liu benannte daraufhin den Namen des Ordens in „I Kuan Tao“ um. Unter dem 17. Patriarch Lu begann die sogenannte Phase des „Weißen Yang“, in welcher die Lehre an einfache Menschen des Volkes vermittelt werden konnte. Die 18. Nachfolge wurde mit der Großmeisterin Sun zum ersten Mal in der Tao-Genealogie ein Matriarchat. Zusammen mit Großmeister Zhang versuchte sie, möglichst vielen Menschen die Lehre zu vermitteln. Um diese Aufgabe zu erfüllen, wurden unter den Schülern „die Tugendhaften“ auserwählt und zu Vertretern der beiden Großmeister berufen, die ihnen halfen, die Lehre weltweit zu verbreiten.

Als 1947 der Großmeister Zhang starb, war der Tao-Orden in ganz China vertreten. Nach der Himmelkehr des Großmeisters führte Großmeisterin Sun alleine die Aufgabe fort. Ihrer Anweisung zufolge gingen viele der vertretenden Meister ins Ausland und verbreiteten die Lehre weltweit. Sie selbst zog 1954 nach Taiwan. Das Zentrum der Tao-Angelegenheit verlagerte sich damit nach Taiwan. Aufgrund politischer Unruhen in Taiwan mussten alle Aktivitäten zunächst im Untergrund weiter verlaufen. In 1975 starb auch die Großmeisterin. Die Seniormeister unter den vertretenden Meistern führten das Mandat weiter aus. Es kam zu einer raschen Verbreitung weltweit. 1986 wurde I Kuan Tao offiziell von der Behörde in Taiwan als Religionsgemeinschaft anerkannt und der I-Kuan-Tao-Verband in Taiwan gegründet. Dies führte zu einer rasanten Entwicklung der Gemeinde in Taiwan. Inzwischen ist I Kuan Tao eine der drei größten Religionsgemeinschaften in Taiwan. 1996 wurde der I-Kuan-Tao-Weltverband in Los Angeles in den USA gegründet. Inzwischen ist I Kuan Tao weltweit in mehr als 80 Nationen vertreten. Man leistet soziale Beiträge für die Gesellschaft, respektiert die ansässige Kultur der Länder, unterstützt ihre Behörden bei sozialen Angelegenheiten und kooperiert mit anderen religiösen Gemeinschaften, um mehr Frieden und Harmonie in der Gesellschaft zu schaffen.

Lehre[Bearbeiten]

Die Prinzipien des Yi Guan Dao werden in folgendem Text zusammengefasst, der als „die Grundsätze des Tao“ 道的宗旨 bezeichnet wird:

Den Himmel und die Erde ehren und die Gottheit respektieren; (敬天地,礼神明) Das Heimatland/Schutzland lieben und die Loyalität üben; (爱国忠事) Die Moral pflegen und die Sitte schätzen; (敦品崇礼) Die Eltern ehren und die Lehrenden respektieren; (孝父母,重师尊) Verlässlich sein den Freunden gegenüber und friedlich mit Nachbarn leben; (信朋友,和乡邻) Schlechte Gewohnheiten und Charakterzüge korrigieren und sich dem Guten zuwenden; (改恶向善) Die fünf menschlichen Beziehungen und die acht Tugenden erklären und die verborgene Botschaft der Weisen aus den fünf Religionen erläutern; (讲明五伦八德,阐发五教圣人之奧旨) Die Ritualen gemäß den gesellschaftlichen Ordnungsprinzipien praktizieren und die kardinalen Tugenden befolgen; (恪遵四维纲常之古礼) Den Geist reinigen und sich von unreinen Gedanken befreien; (洗心涤虑) Nutze das Unwahre (physischer Körper) um das Wahre (Geist/Seele) zu kultivieren; (借假修真) Zur eigenen Natur zurückkehren und die natürliche Weisheit und Fähigkeit zur Vollendung bringen; (恢复本性之自然,启发良知良能之至善) Hat man sich selbst etabliert, dann hilft man anderen sich aufzurichten; Hat man sich selbst verwirklicht, dann hilft man anderen es auch zu erreichen. (己立立人,己达达人) Reinheit und Frieden auf der Welt schaffen, die Herzen der Menschen auftauen und die Welt der großen Harmonie anstreben. (挽世界为清平,化人心为良善,冀世界為大同)

Die angestrebte ideale Welt wird mit dem Text aus dem konfuzianischen Klassiker „das Buch der Riten“ (Liji, 礼记) wie folgt beschrieben:

Ist das große Tao in Gange, so wird Uneigennützigkeit überall unter dem Himmel herrschen. 大道之行也,天下为公。 Man wählt die Tüchtigsten und Fähigsten, die die Wahrheit sprechen und die Eintracht pflegen. 选贤与能,讲信修睦。 Darum lieben die Menschen nicht nur ihre eigenen Eltern und versorgen nicht nur ihre eigenen Kinder. 故人不独亲其亲,不独子其子. Die Alten können in Ruhe ihrem Ende entgegensehen; die Kräftigen haben ihre Arbeit und die Kinder ihre Erziehung; 使老有所终,壮有所用,幼有所长, die Witwer und Witwen, die Waisen und Kinderlosen und die Kranken haben alle ihre Pflege; 鳏寡孤独废疾各皆有所养。 Die Männer haben ihre Stellung und die Frauen ihr Heim. 男有分,女有归. Die Güter wird man nicht ungenützt verloren gehen lassen, aber man sucht sie nicht für sich selbst aufzustapeln. 货恶其弃於地也,不必藏於己. Die eigene Kraft wird man nicht unbetätigt lassen, aber man arbeitet nicht um des eigenen Vorteils willen. 力恶其不出於身也,不必为己. Mit allen Listen und Ränken ist es zu Ende, denn man braucht sie nicht mehr. 是故谋闭而不兴. Diebe und Räuber, Mörder und Unruhestifter gibt es nicht. 盗窃乱贼而不作. Darum schließt man nicht die Tore, auch wenn niemand daheim ist. 故外户而不闭. Dies ist die Welt der großen Harmonie. 是谓大同

Literatur[Bearbeiten]

  • Robin Munro: Syncretic Sects and Secret Societies. Revival in the 1980s. In: Chinese Sociology and Anthropology. 21, Nr. 4, Summer 1989, ISSN 0009-4625, S. 49–84.
  • Song Guangyu 宋光宇: Tiandao Gouchen (天道钩沉) Erforschungen des Himmelswegs - Berichte über die Recherchen zu Yiguan Dao. 2. Auflage. Taipei 1983.
  • Hubert Seiwert: Unterdrückung der Volksreligiosität in China. In: Neue Zürcher Zeitung. 6. Juli 2001.
  • Thomas Weyrauch: Gepeinigter Drache. Chinas Menschenrechte im Spätstadium der KP-Herrschaft. 2. aktualisierte Auflage. Longtai, Heuchelheim 2006, ISBN 3-938946-00-8.
  • Thomas Weyrauch: Yiguan Dao. Chinas Volksreligion im Untergrund. Longtai, Heuchelheim 2006, ISBN 3-938946-02-4.

Weblinks[Bearbeiten]