Über das Fernsehen

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Über das Fernsehen (dt. 1998) ist ein Buch des französischen Soziologen Pierre Bourdieu, das zuerst 1996 in Frankreich erschienen ist.

Überblick[Bearbeiten]

Das Buch enthält, in essayhafter und mitunter polemischer Form, eine Untersuchung des journalistischen Feldes und ist aus einem Vortrag am Fernsehen entstanden. Es besteht aus zwei Vorträgen, die ungefähr die gleiche Länge aufweisen und sich inhaltlich zum Teil überschneiden: Bourdieu sieht das Fernsehen als „sehr große Gefahr“. Sein normatives Idealbild des Journalisten ist das eines guten Sozialwissenschaftlers, der die Bürger bei ihren Problemen unterstützt und sie nicht für Quoten auszunutzen versucht. Die Leute sollten sich dementsprechend genau überlegen, ob und unter welchen Bedingungen sie im Fernsehen auftreten wollen.

Erster Vortrag: Das Fernsehstudio und seine Kulissen[Bearbeiten]

Der erste Vortrag behandelt verschiedene Themenbereiche im Zusammenhang mit dem Medium des Fernsehens, die sich in drei Blöcke gliedern lassen: die Produktionsbedingungen von TV-Sendungen, die negativen Auswirkungen dieser Produktionsbedingungen und die Heteronomie des Fernsehens, also dessen Abhängigkeit von externen Feldern und Akteuren.

Die Produktionsbedingungen von TV-Sendungen[Bearbeiten]

Bourdieu hält es für wichtig im Fernsehen zu sprechen, sofern dies unter gesunden Bedingungen geschieht. Seine Situation beim Vortrag unterscheidet sich ganz grundlegend von üblichen Auftritten im Fernsehen: Seine Redezeit ist nicht beschränkt, das Thema nicht aufgezwungen und er hat keinen Regisseur, der ihn maßregelt. Kurz: er hat die „Verfügungsgewalt über die Produktionsmittel“.

Warum treten gewisse Leute doch am Fernsehen auf, wenn die Bedingungen so schlecht sind? Weil sie gesehen werden möchten, und nicht weil sie etwas Wichtiges zu sagen haben. „Der Bildschirm wurde auf diese Weise eine Art Spiegel des Narziss, eine Stätte narzisstischer Zurschaustellung.“ Deshalb sei es wünschenswert, sich genau zu überlegen, ob man Einladungen beim Fernsehen annehme oder nicht. Weil das Fernsehen in der Lage ist so viele Leute zu erreichen, müssten ein paar Vorklärungen zu dessen Charakter gemacht werden: „Geht das, was ich zu sagen habe, jeden an? Bin ich bereit, meine Rede formal so zu gestalten, dass alle sie verstehen? Soll sie überhaupt von allen verstanden werden?“

Mit dem Auftritt am Bildschirm sei eine unsichtbare Zensur verbunden: das Thema und die Redezeit sind vorgegeben, die werden vorausgesetzt. Zudem existierten ökonomische Zensurinstanzen, z. B. über die Eigentümerstrukturen der Medienunternehmen. Aufgrund dieser Mechanismen eigne sich das Fernsehen zur Aufrechterhaltung der symbolischen Ordnung.

Nicht nur das Was, sondern auch das Wie (Art der Präsentation) spiele eine Rolle: Die Beispiele dafür stammen von Patrick Champagne und können auch im „Elend der Welt“ eingesehen werden. Sie behandeln die Berichterstattung über die Unruhen in den banlieues. Die Medien konzentrieren sich laut Bourdieu auf das Konflikthafte, auf die Sensation und dramatisierten die gewöhnlichen Ängste und Nöte der Bewohner, um ihnen "eine Stimme" zu geben. „Denn nichts ist schwieriger, als die Realität in ihrer Banalität erfahrbar zu machen.[1] Gustave Flaubert sprach gerne davon, das Mittelmäßige sorgfältig auszumalen.“

Negative Konsequenzen: Homogenisierung und Denken in Gemeinplätzen[Bearbeiten]

Trotz der vordergründigen Verschiedenheit der Journalisten untereinander, seien sie sich im Grunde ähnlich. Die Tendenz zur Homogenisierung liege vor allem in den Medienzwängen begründet. „Vergleichen Sie bloß die Titelseiten der Wochenpresse im Vierzehntagerhythmus: Sie finden fast überall dieselben Aufmacher [...] Niemand liest so viele Zeitungen wie die Journalisten, die im übrigen zu der Ansicht neigen, dass jedermann sämtliche Zeitungen läse.“ Die gegenseitige Beobachtung, Orientierung und ständige Bezugnahme führe zur Abkapselung und Ähnlichkeit. Hinzu kämen soziale Homologien der Journalisten untereinander, zum Beispiel bezüglich Ausbildung, Herkunft und Milieu. Die Journalisten informierten sich meistens über die Medien selbst, so dass eine Zirkularität entstehe, die letztlich unhinterfragt aufgenommen werde.

Ebenso kritisiert wird die Fixierung auf die Einschaltquote, nach der man sich ausrichte. „Dieses Messinstrument ist für den Journalisten das göttliche Gericht.“ Mehr und mehr gilt der Markt als legitime Legitimationsinstanz. Im Fernsehen setzt sich die Einschaltquote im Zeitdruck um. Zu wenig Zeit schadet laut Bourdieu dem öffentlichen Diskurs. Somit muss sich das Fernsehen mit fast-thinkern abfinden. Wie schaffen es diese Denker, so schnell zu denken? „Die Antwort liegt, scheint mir, darin, dass sie in Gemeinplätzen denken.“

Auch auf Fernsehdiskussionen geht Bourdieu ein. Diese seien ein abgekartetes Spiel: Die Teilnehmer kennen sich gut und wissen genau, wie sie aufeinander reagieren können. „Und wirklich ist das Universum der ständigen Fernsehgäste eine geschlossene Welt, in der jeder jeden kennt und die einer Logik ständiger Selbstbestätigung folgt.“ Bourdieu untersucht eine Debatte: diejenige um Cavada bei den Novemberstreiks. Hier herrscht eine Reihe von Zensurmaßnahmen: Moderator, Gäste, Zusammensetzung der Runde (Einladungen)... „Und das stellt unter demokratischen Gesichtspunkten ein äußerst wichtiges Problem dar: Offenkundig sind nicht alle Teilnehmer gleichermaßen mit solchen Diskussionsrunden vertraut.“ Der Moderator müsse den Unbeholfenen etwas nachhelfen, wie dies die Interviewer in der soziologischen Studie Das Elend der Welt getan haben.

Heteronomie des Fernsehens[Bearbeiten]

Das Fernsehen sei als Kommunikationsmedium wenig autonom und einer Reihe von Zwängen ausgesetzt, die auf gemeinsamen Interessen verweisen und mit der Position der Journalisten im Feld der symbolischen Produktion zusammenhängen. Besonders stark sei der Konflikt zwischen dem autonomen und heteronomen Pol, also denen, die sich den kommerziellen Zwängen nicht unterwerfen und denen die dies tun. „Die Spannung zwischen dem, was beruflich verlangt wird, und den Ansprüchen, die man in den Journalistenschulen und auf den Universitäten erwirbt, steigt immer weiter – obwohl, wer wirklich Karriere machen will, sich schon vorgreifend anpasst.“ Bei den Journalisten fänden sich dementsprechend viele Enttäuschte und Zyniker.

Zweiter Vortrag: Die unsichtbare Struktur und ihre Auswirkungen[Bearbeiten]

Der zweite Vortrag enthält Ausführungen zum Feld journalistischer Produktion in Frankreich und zu den Habitus der beteiligten Akteure. Zum Schluss schlägt Bourdieu Gegenmaßnahmen gegen die negativen Tendenzen des Fernsehens vor.

Das journalistische Feld[Bearbeiten]

Zunächst geht es um den Begriff des journalistischen Feldes, den Bourdieu definiert. Um z. B. TF1 zu verstehen, genügt es nicht die Eigentümerverhältnisse und ökonomischen Kennzahlen zu kennen. Vielmehr muss man die Stellung von TF im Feld der journalistischen Produktion rekonstruieren, d. h. auch die ganzen anderen Akteure und deren Verhältnisse zu TF1 anschauen, die Zuschauer, die Werbekunden etc. Wie sieht dieses Feld heute aus? Diese Frage lässt sich besser beantworten, wenn man sich die historische Transformation anschaut. „[...] In den fünfziger Jahren spielte das Fernsehen im journalistischen Feld kaum eine Rolle", heute sei es dagegen(ökonomisch) dominierend. Am Beispiel von Le Monde verdeutlicht Bourdieu Positionsverschiebungen im Feld.

Welche Konsequenzen bringt das Auftauchen des Fernsehens mit sich? Bourdieu wählt einen Mittelweg zwischen „nie dagewesen“ und „alles wie gehabt“. Zuerst einmal sei die Reichweite zu nennen, die das Fernsehen der Presse überlegen macht. Zudem wohne dem Fernsehen eine konservative Tendenz inne, zu der ein bestimmter Moralingehalt gehöre. Das Medium fördere Konformismus und Akademismus und Journalisten könnten der ganzen Gesellschaft ihre Problemstellung und ihre Weltsicht aufdrängen. Trotz verschiedener Sichtweisen „basiert das journalistische Feld [...] unweigerlich und jenseits aller Unterschiede von Position und Meinung auf einer Gesamtheit von allen geteilter Grundannahmen und Dogmen.“ Die Journalisten üben eine „erbarmungslose Zensur“ aus, ohne dass sie es wissen (Agenda Setting, Gatekeeping).

Der journalistische Habitus[Bearbeiten]

Akteure im journalistischen Feld haben laut Bourdieu oft stereotype Ansichten über ihre Berufskollegen (z. B. kritische Position der Presse gegenüber dem Fernsehen). Es handele sich dabei sowohl um Stellungnahmen als auch um Strategien. Der Pressejournalismus sei aber gegenüber dem Fernsehen deutlich im Rückzug, was sich in der untergeordneten Position der Zeitungsschreiber im Gegensatz zu den TV-Leuten ausdrücke. Im Zuge des Bedeutungsgewinns des Fernsehens gewinne eine bestimmte Art von Berichterstattung an Bedeutung: der Sensationalismus. Die Zeitungen müssten sich fragen, ob sie der Logik des Fernsehens folgen wollen oder ihrer Eigenlogik treu bleiben.

Im Gegensatz zu anderen Feldern der Kulturproduktion sei dasjenige des Journalismus stärker von externen Kräften abhängig. Zudem existierten im Journalismus kaum internen Sanktionsinstanzen, anders als in den Feldern Wissenschaft, Politisches Feld, Wirtschaft. Das journalistische Feld steht laut Bourdieu unter dem Einfluss des ökonomischen Feldes und übt seinerseits Druck auf andere Felder aus. Auguste Comte sagte: „Aus Wissenschaft folgt Prognose, aus Prognose folgt Handlung.“ [2] Gegenwärtig sind laut Bourdieu alle Felder der Kulturproduktion journalistischem Druck ausgesetzt.

Anschließend handelt Bourdieu das Verhältnis von Journalismus und Intellektuellen ab. Die Medien würden sich in andere Felder einmischen, so z. B. in die Wissenschaft oder in die Kunst. Damit sie dies tun können, müssen sie auf Komplizenschaft hoffen. Bourdieu fragt sich: Wer kollaboriert und wer leistet Widerstand? Die empirische Untersuchung zeige, dass Leute mit hoher Wertschätzung seitens der Kollegen eher nicht kollaborieren. „Wenn es mir unerlässlich scheint, diese heteronomen Intellektuellen zu bekämpfen, so deswegen, weil sie das Trojanische Pferd sind, durch das die Heteronomie, das heißt die Gesetze des Kommerzes, der Ökonomie, in das Feld Einzug halten.“ Auch in der Politik stelle das Fernsehen die Autonomie des Feldes in Frage. Die Medien könnten hier zu Brandstiftern werden, indem sie die Wut der Bevölkerung aufstacheln. „Es zeigt sich, wie eine Logik der Rache wiederersteht, gegen die die gesamte juristische und auch die politische Logik aufgebaut worden sind.“

Gegenmaßnahmen?[Bearbeiten]

Was kann man gegen all diese – in Bourdieus Sicht eher negativen – Entwicklungen tun? Man müsse die Bedingungen besser verhandeln, unter denen man im Fernsehen auftritt. „Anders gesagt, man muss dafür kämpfen, dass die zur Förderung des Universellen notwendigen Produktionsbedingungen bereitgestellt werden, und gleichzeitig an der Verallgemeinerung der Zugangsbedingungen zum Universellen arbeiten, damit immer mehr Menschen die Voraussetzungen erfüllen, sich das Universelle anzueignen [...] Man kann und muss im Namen der Demokratie gegen die Einschaltquote kämpfen.“

Ausgaben[Bearbeiten]

Weblinks[Bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. http://www.transforma-online.de/deutsch/transforma2005/papers/wetzig.html
  2. Boike Rehbein: Die Soziologie Pierre Bourdieus, Verlag UTB, 2006, ISBN 3-8252-2778-2, Seite 220