Abtsche Weiche

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Abt’sche Weiche an der 1895 eröffneten Standseilbahn Dresden (Bild von 1985)

Die abtsche Weiche (auch Abt’sche Weiche oder abtsche Ausweiche) ist eine vom Schweizer Eisenbahn-Konstrukteur Carl Roman Abt als „passive Weiche“ erfundene Gleiskonstruktion für Standseilbahnen, die eine selbsttätige Vorbeifahrt der Fahrzeuge an einer Ausweichstelle eingleisiger Strecken ermöglicht.

Geschichte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Erstmalige Ausführung der Abt’schen Weiche bei der Giessbachbahn, die von der heutigen Ausführung abwich, die Bahn wurde 1890 auf das heutige System umgebaut. Erstmalige Ausführung der Abt’schen Weiche bei der Giessbachbahn, die von der heutigen Ausführung abwich, die Bahn wurde 1890 auf das heutige System umgebaut.
Erstmalige Ausführung der Abt’schen Weiche bei der Giessbachbahn, die von der heutigen Ausführung abwich, die Bahn wurde 1890 auf das heutige System umgebaut.

Die erste Abt’sche Weiche wurde auf der 1879 eröffneten Giessbachbahn verbaut, die dadurch auch zur ersten nur eingleisig gebauten Standseilbahn wurde. Für die erstmalige Anwendung der Abt’schen Weiche wurde die Bahn im August 2015 von der American Society of Mechanical Engineers als historisches Denkmal des Maschinenbaus ausgezeichnet.[1] Entsprechende Gedenktafeln befinden sich in der Tal- und der Bergstation.[2]

Die bei der Giessbachbahn angewendete Bauform der Abt’schen Weiche entsprach noch nicht der heute üblichen, womit die Fahrwerke der Wagen auch anders ausgeführt werden mussten – ein Wagen verwendete außenliegende Spurkränze, der andere innenliegende. Bei der Gleisanlage konnte nur die linke Schiene durchgehend ausgeführt werden, während die rechte Schiene unterbrochen war, damit der Wagen mit den außenliegende Spurkränzen die Ausweiche befahren konnte.[3][4] Die Gleisanlage wurde wegen den Lücken in der rechten Schiene und den zusätzlich nötigen Radlenkern komplizierter und wartungsintensiver als die heute verwendete Bauart.[5] Jedoch konnten im Eisenbahnbau übliche Räder mit jeweils einseitigem Spurkranz eingesetzt werden.

Die heute übliche Ausführung der Abt’schen Weiche wurde erstmals 1886 bei der Standseilbahn Lugano–Bahnhof SBB ausgeführt. Im Winter 1890/1891 wurde die Giessbachbahn auf die heute übliche Bauform umgebaut.[6]

Funktionsprinzip[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Heute übliche Ausführung der Abt’schen Weiche und der Spurkränze der Wagen Heute übliche Ausführung der Abt’schen Weiche und der Spurkränze der Wagen
Heute übliche Ausführung der Abt’schen Weiche und der Spurkränze der Wagen

Diese Weichen-Konstruktion ohne Weichenzunge und sonstige bewegliche Teile findet an den in der Streckenmitte nötigen Ausweichstellen eingleisiger Standseilbahnen Anwendung, um die Vorbeifahrt entgegenkommender Fahrzeuge beziehungsweise Bahnkabinen selbsttätig („automatisch“) zu bewerkstelligen. Sie kann auch in einer Kurve liegen und muss nicht zwangsläufig in gerader Fahrtrichtung gebaut werden. Die Abtsche Weiche ermöglicht auch eine problemlose Führung des Antriebsseils, welches mit schräg gestellten Rollen zwischen den Fahrschienen korrekt in das jeweilige Ausweichgleis geführt wird.

Jeder Radsatz eines Wagens ist mit zwei unterschiedlichen Rädern ausgerüstet: Auf der einen Wagenseite mit einem Doppelspurkranzrad oder Doppelflanschrad – ein Rad, das auf beiden Seiten Spurkränze trägt, auf der anderen Seite mit einem breiten Walzenrad ohne Spurkränze. Von den beiden Wagen, die gegenläufig auf der eingleisigen Strecke betrieben werden, hat einer die Doppelspurkranzräder auf der rechten und der andere auf der linken Seite. Die Wagen werden auf der gesamten Strecke nur von den Doppelspurkranzrädern geführt.

An der Ausweichstelle führen beide Schienen nach außen und die diesen Schienen zugehörigen Doppelspurkranzräder führen den jeweiligen Wagen immer auf die gleiche Seite. Unabhängig von der Fahrtrichtung fährt der eine Wagen so immer auf die rechte und der andere immer auf die linke Seite. Die Zugseile werden dafür mittels schräg gestellter Stützrollen ebenfalls auf die zugehörige Seite abgelenkt. Die breiten Walzenräder auf der jeweils anderen Seite dienen dazu, die Lücken für die Seildurchführung und für den Durchlauf der inneren Spurkränze der Doppelflanschräder ohne große Stösse zu überlaufen. Durch die spurkranzlosen Walzenräder sind keine Herzstücke notwendig.

Ausfallsicherheit[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Weil die Weiche keine beweglichen Teile hat, ist sie weitestgehend wartungsfrei und völlig ausfallsicher, was bei Bahnen dieser Art mit ihren zum Teil sehr steilen Strecken einen wichtigen Sicherheitsfaktor darstellt.

Einsatzgebiet[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Abt’sche Weichen werden sowohl bei Standseilbahnen am Berg als auch in der Ebene eingesetzt. Ebenfalls möglich ist der Betrieb von Pendelbahnen mit freifahrenden Fahrzeugen mit Eigenantrieb wie Zahnradbahnen. Nicht verwendbar sind sie, wenn auf der Standseilbahn Regelfahrzeuge mit gewöhnlichen Radsätzen befördert werden sollen. Ein Beispiel dafür ist die Bahnstrecke Triest–Opicina.

Sonstiges[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Weil die Wagen in den Endhaltestellen ohne Wenden des Fahrzeugs ihre Fahrtrichtung umkehren, kommt es technisch bedingt an der Abtschen Weiche wechselweise zu Links- und Rechtsverkehr. Jeder Wagen fährt immer auf „seiner“ Seite der Ausweichstelle durch, unabhängig davon, ob er nach oben oder unten unterwegs ist.

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • R. Abt: Seilbahn Lugano: System Abt. In: Schweizerische Bauzeitung. Band 9, Nr. 6, 1887, S. 38, doi:10.5169/SEALS-14347 (Zeitgenössische Beschreibung der Abtschen Weiche in der heutigen Bauform).

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Commons: Abtsche Weiche – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Giessbachbahn funicular named mechanical engineering. ASME, 27. August 2015, abgerufen am 22. Dezember 2019 (englisch).
  2. Grand Hotel Giessbach (Hrsg.): Giessbach Standseilbahn. S. 6 (giessbach.ch [PDF]).
  3. R. Abt: Die Seilbahn am Giessbach. In: Die Eisenbahn. 1879, S. 103–104, doi:10.5169/SEALS-7731.
  4. R. Abt: Die Seilbahn am Giessbach. 1879, doi:10.5169/SEALS-7733 (Beilage mit Tafel III Oberbau Seilbahn am Giessbach).
  5. Literatur. Vorstellung Adolf Wild: Die Standseilbahn am Giessbach. In: Eisenbahn Amateur. Nr. 9, 2017, S. 427.
  6. 3855.01 Giessbach See Schiffstation - Giessbach Grandhotel. In: standseilbahnen.ch.