Adhān

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Der Adhān[1] (arabisch أَذَان‎ [ʔaˈðaːn]) ist der islamische Gebetsruf. Er wird traditionell in arabischer Sprache fünfmal täglich zum Aufruf des gemeinschaftlichen Gebets (Salat)[2] durch den Muezzin gerufen sowie zum Freitagsgottesdienst.[1] Die linguistische Wurzel ist ʾadhina أَذِنَ‎ und bedeutet so viel wie zuhören oder informiert sein. Eine andere Ableitung ist ʾudhun أُذُن‎ und bedeutet Ohr.

In großen Moscheen wird er vom Minarett aus gerufen, in kleinen Moscheen von der Tür aus oder von der Seite des Gebäudes. Heute geschieht dies meist über Lautsprecher. Der Adhān ruft die Gläubigen zum Ort des Gebetes, wogegen unmittelbar vor Beginn des Gebetes im Innern der Moschee nochmals die sogenannte Iqama (Gebetsaufruf) ertönt, die bis auf eine zusätzliche Zeile dem Adhān gleicht.

Ritualrechtliche Einordnung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Unter den vier sunnitischen Rechtsschulen besteht Einigkeit darüber, dass der Adhān und die Iqāma für die fünf täglichen Gebete und das Freitagsgebet religionsrechtlich vorgeschrieben sind. Während sie im hanafitischen, malikitischen und schafiitischen Madhhab als Sunna (islamische Tradition, Taten des Propheten) eingeordnet werden, hat sie Ahmad ibn Hanbal – der Gründer der hanbalitischen Rechtsschule – zur farḍ al-kifāya erklärt, also zur Pflicht, die dadurch erfüllt wird, dass einer sie für die Gemeinschaft erfüllt. Für Frauen dagegen ist der Adhān nicht vorgesehen.[3]

Geschichte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Der erste Adhān in der Geschichte des Islam soll, nachdem der Prophet Mohammed, angeregt durch Salmān al-Fārisī, den Gebetsruf beschlossen hatte[4], von Bilal al-Habaschi, einem freigelassenen abessinischen Sklaven und engem Vertrauten des Propheten, um 623 (kurz nach dem Auswandern (Hidschra) aus der Stadt Mekka) gerufen worden sein.

Bevor man sich zum Adhān als Form des Gebetsrufs entschieden hatte, wurden auch Alternativen vorgeschlagen, beispielsweise ein Feuer, eine Glocke, ein Hornsignal oder die Verwendung des Naqus.

Kontroversen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Der Adhān in Deutschland ist stark kontrovers. Kritiker sehen einen „Herrschaftsanspruch“ oder einen Verstoß gegen das Bundesimmissionsschutzgesetz. Befürworter berufen sich auf den vierten Artikel im deutschen Grundgesetz, die die freie Religionsentfaltung schützt.[5]

Gesetz[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Der Adhān wird vom Artikel Vier im Grundgesetz (Religionsfreiheit) gedeckt, muss sich jedoch an das Bundesimmissionsschutzgesetz halten. Die Umsetzung artikuliert sich regional verschieden.[5]

Wortlaut[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Wiederh. Arabisch Wortlaut des Adhān deutsche Übersetzung Kommentar
4x الله أكبر‎ Allāhu akbar Allah (Gott) ist groß (größer als alles und mit nichts vergleichbar) malikitische Rechtsschule: 2x
2x أشهد أن لا اله إلا الله‎ Ašhadu an lā ilāha illā llāh Ich bezeuge, dass es keine Gottheit gibt außer Allah (Gott)
2x أشهد أن محمدا رسول الله‎ Ašhadu anna Muḥammadan rasūlu llāh Ich bezeuge, dass Mohammed Allahs (Gottes) Gesandter ist
2x حي على الصلاة‎ Ḥayya ʿalā ṣ-ṣalāt Eilt zum Gebet
2x حي على الفلاح‎ Ḥayya ʿalā l-falāḥ Eilt zur Seligkeit (Heil/Erfolg)
2x حي على خير العمل‎ Ḥayya ʿalā ḫayri l-ʿamal Eilt zum besten Werk ausschließlich Schiiten
2x الصلاة خير من النوم‎ aṣ-Ṣalātu ḫayrun mina n-naum Das Gebet ist besser als Schlaf ausschließlich Sunniten (nur zum Morgengebet)
2x الله أكبر‎ Allāhu akbar Allah (Gott) ist groß (größer als alles und mit nichts vergleichbar)
1x لا إله إلا الله‎ Lā ilāha illā llāh Es gibt keine Gottheit außer Allah (Gott) Schiiten 2x

Die Formel Ḥayya ʿalā ḫayri l-ʿamal wird beim Gebetsruf ausschließlich von Schiiten verwendet und dient ihnen als Erkennungszeichen. Wenn sie vom Minarett einer Moschee ertönt, weiß das Volk, dass hier die Schia maßgeblich ist. Weiter bezeugen Schiiten für gewöhnlich nach dem Prophetentum noch das Imamat Alis durch zweimaligen Ausruf von Ašhadu anna ʿAlīyan Walīyu llāh, was allerdings nicht als Pflichtbestandteil des Adhān angesehen wird.

Regionale Besonderheiten[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • In Abu Dhabi-Stadt ist der Gebetsruf koordiniert. Aus allen Moscheen der Stadt tönt der Gebetsruf des Muezzin der Sheikh-Zayed-Moschee. Der ägyptische Minister für religiöse Stiftungen, Hamdi Zaqzouq, regte 2004 an, auch in Kairo die Gebetsrufe durch einen einzigen Muezzin zentral ausführen zu lassen, scheiterte jedoch mit seinem Vorstoß.[6]
  • In Indonesien wird oft auf einen Muezzin verzichtet und mittels Gongschlägen zum Gebet aufgerufen.
  • Im französischen Marseille hat die muslimische Gemeinde der neuen geplanten Großmoschee ebenfalls bewusst auf den Muezzinruf verzichtet und sendet stattdessen – „als Zeichen der Assimilation“ – zum Gebet ein Lichtsignal aus.[7]
  • Deutschland: siehe Islam in Deutschland: Muezzinrufe

Adhān in der Türkei[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Ziya Gökalp formulierte als Vorbereiter der türkischen Nationalidentität erstmals in dem Gedicht Vaṭan („Das Vaterland“, 1918) den Wunsch nach einer Liturgie in türkischer Sprache. Die erste Strophe lautet in deutscher Übersetzung:[8]

Ein Land, in dem der Müezzin auf Türkisch den Gebetsruf singt,
Wo seines Betens Sinn erfasst des Bauern einfacher Verstand,
Wo überall aus Schülermund auf Türkisch der Koran erklingt,
Wo jedem einz’gen, gross und klein, das göttliche Gebot bekannt:
O wisse es, du Türkenspross, dies Land, es ist dein Vaterland!

Im Zuge der sprachlichen Türkisierung (Öztürkçe) wurde der Adhān ab 1932 auf Türkisch ausgerufen. Der landesweit verpflichtete türkische Gebetsruf wurde am 18. Juli 1932 durch Anordnung des Diyanet İşleri Başkanlığı eingeführt.[9] Am 16. Juni 1950 nahm das Parlament ein Änderungsgesetz an,[10] mit dem das seit 1941 bestehende strafrechtliche Verbot (Art. 526 Abs. 2 tStGB aF), den Adhān und die Iqāma in arabischer Sprache zu rufen, aufgehoben und der arabische Gebetsruf zu Beginn des Ramadan 1369 AH (17. Juni 1950) wieder zugelassen wurde.[11]

Wortlaut[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Wiederh. Wortlaut des Adhān türkischer Wortlaut deutsche Übersetzung
4x Allāhu akbar Tanrı uludur Gott ist groß
2x Aschhadu an la ilaha illa-llah Şüphesiz bilirim bildiririm Tanrı´dan başka yoktur tapacak Zweifellos weiß ich und verkünde, dass es außer Gott nichts gibt zum Anbeten
2x Aschhadu anna Muhammadan rasūlu llāh Şüphesiz bilirim bildiririm Tanrı´nın elçisidir Muhammed Zweifellos weiß ich und verkünde, dass Muhammed Gottes Gesandter ist
2x Hayya ʿalā-ṣ-ṣalāh Haydi namaza Auf zum (rituellen) Gebet
2x Hayya 'alā-l-falāḥ Haydi felaha Auf zur Seligkeit (Heil/Erfolg)
2x aṣ-ṣalātu khayrun mina-n-naum Namaz uykudan hayırlıdır Das Gebet ist besser (segenreicher) als Schlaf
2x Allāhu akbar Tanrı uludur Gott ist groß
1x Lā ilāha illā llāh Tanrı'dan başka yoktur tapacak Es gibt nichts außer Gott zum Anbeten

Varianten[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Eine Besonderheit in der Türkei ist das Vortragen des Adhān in verschiedenen Makam. In der Türkei wird zu jeder der fünf Gebetszeiten ein anderer Melodietyp verwendet, was jedoch auch an anderen Orten anzutreffen ist. Die Makam-Tradition in der Türkei ist:

Gebetszeit Makam
Sabah (Fajr / Morgen) Sabâ oder Dilkeşhâveran
Öğle (Dhur / Mittag) Sabâ oder Hicaz
İkindi (Asr / Nachmittag) Hicaz
Akşam (Magreb / Abend) Hicaz oder Rast
Yatsı (Isha / Nacht) Hicaz, Bayatî, Nevâ oder Rast

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. a b Adhan – Rechtschreibung, Bedeutung, Definition, Herkunft (de) Abgerufen am 3. Mai 2016.
  2. Salat – Rechtschreibung, Bedeutung, Definition, Herkunft (de) Abgerufen am 3. Mai 2016.
  3. Vgl. Ibn Hubaira: al-Ifṣāḥ ʿan maʿānī aṣ-ṣiḥāḥ. Beirut: Dar al-Kutub al-ʿilmīya 1996. Bd. I., S. 64 (Bāb al-aḏān).
  4. Nasser Kanani: Traditionelle persische Kunstmusik: Geschichte, Musikinstrumente, Struktur, Ausführung, Charakteristika. 2. überarbeitete und erweiterte Auflage, Gardoon Verlag, Berlin 2012, S. 80 f.
  5. a b sz-online: Was der Muezzinruf mit Immissionsschutz zu tun hat (de) Abgerufen am 3. Mai 2016.
  6. Muezzins in uproar over Cairo’s plan for a single call to prayer. 13. Oktober 2004, archiviert vom Original am 20. März 2006, abgerufen am 19. Januar 2015 (englisch).
  7. French Mosque’s minaret will be silent, no muezzin, Instead, the minaret will flash light 5 times a day – Muslims Debate. In: muslimsdebate.com. Abgerufen am 19. Januar 2015 (englisch).
  8. Erich Pritsch: Mitteilungen des Bundes der Asienkämpfer. VI, 1924, 113, WI XV 30 u. Sonderband 1941, 127, zitiert nach Gotthard Jäschke: Der Islam in der neuen Türkei. Eine rechtsgeschichtliche Untersuchung. In: Die Welt des Islams. Neue Serie, Band 1, Nr. 1–2, 1951, S. 3–174 (69).
  9. Klaus Kreiser: Geschichte der Türkei. Von Atatürk bis zur Gegenwart. Verlag C.H. Beck, München 2012, ISBN 978-3-406-64065-0, S. 67.
  10. Gesetz Nr. 5665 vom 16. Juni 1950, Amtsblatt Nr. 7535 vom 17. Juni 1950, S. 18633 (PDF-Datei; 3,62 MB).
  11. Gotthard Jäschke: Der Islam in der neuen Türkei. Eine rechtsgeschichtliche Untersuchung. In: Die Welt des Islams. Neue Serie, Band 1, Nr. 1–2, 1951, S. 3–174 (76 ff).

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Th. W. Juynboll in: E. J. Brill’s First Encyclopaedia Of Islam 1913–1936, Leiden 1987, Bd. I, Stichwort: Adhān books.google.de

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

 Commons: Adhan – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien