Schibboleth

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Dieser Artikel beschäftigt sich mit Schibboleths im Sinne eines Sprachtests. Für eine Beschreibung des gleichnamigen Authentifzierungsverfahrens siehe Shibboleth (Internet).
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Ein Schibboleth (betont Schibboleth; Plural: Schibboleths oder Schibbolethe) ist eine sprachliche Besonderheit, durch die sich ein Sprecher einer sozialen Gruppe oder einer Region zuordnen lässt. Zu unterscheiden sind Schibboleths von Zungenbrechern, die für alle Sprecher schwer auszusprechen sind. Vielmehr handelt es sich bei Schibboleths um Wörter, an deren verschiedener Aussprache die Herkunft des Sprechers zu erkennen ist und die somit zu einem sozialen Code werden.

Etymologie[Bearbeiten]

Schibboleth (hebr. שיבולת, punktiert שִׁבֹּלֶת, Plural schibbolim[1]) ist ein hebräisches Wort und bedeutet wörtlich Getreideähre, wird aber in der Bedeutung von Kennwort oder Codewort verwendet. Im jüdischen Tanach (dem christlichen Alten Testament) heißt es im Buch der Richter 12, 5-6:

„Und die Gileaditer besetzten die Furten des Jordans vor Ephraim. Wenn nun einer von den Flüchtlingen Ephraims sprach: Lass mich hinübergehen!, so sprachen die Männer von Gilead zu ihm: Bist du ein Ephraimiter? Wenn er dann antwortete: Nein!, ließen sie ihn sprechen: Schibbolet. Sprach er aber: Sibbolet, weil er's nicht richtig aussprechen konnte, dann ergriffen sie ihn und erschlugen ihn an den Furten des Jordans, sodass zu der Zeit von Ephraim fielen zweiundvierzigtausend.“

In hebräischer Schrift ist die Aussprache des Schin nicht ersichtlich, wenn es nicht punktiert ist. So sind die beiden punktierten Varianten שִׁבֹּלֶת (Schibboleth) bzw. שִׂבֹּלֶת (Sibboleth). Der tatsächliche hebräische Bibeltext in diesem Vers, der wie die ganze hebräische Bibel ursprünglich unpunktiert niedergeschrieben wurde, verwendet allerdings zur Klarstellung den Buchstaben Samech und nicht Sin für den letzteren Fall. Die jeweiligen Ausspracheweisen dienten der Einteilung von Personen in die Dichotomie Feind und Freund.

Der französische Philosoph Jacques Derrida hat 1984 in einem Vortrag anlässlich eines Internationalen Paul-Celan-Symposions das Codewort (die Parole) aufgegriffen. Zur Kennung der Ephraimiter schreibt Derrida:

„Ein gewisses Unvermögen, das ihrem Stimmapparat zugestoßen war..., war dafür verantwortlich, daß die Ephraimiter ihre Unfähigkeit, das auszusprechen, was – wie sie wohl wußten – Schibboleth und nicht Sibboleth lauten mußte, im Körper und am eigenen Leib zu spüren bekamen.“

Das Wort Schibboleth ist demgemäß selbst ein Schibboleth (Homolog). Es wird in der Freimaurerei traditionell als Passwort des Gesellengrades verwendet.[2]

Schibboleths im deutschsprachigen Raum[Bearbeiten]

Mit Schibboleths im weiteren Sinn kann im Hochdeutschen die Herkunft eines Sprechers durch verschiedene kleine Eigenheiten der Aussprache einer mehr oder weniger großen Region zugeordnet werden. Dem Sprecher selbst sind dabei diese Eigenheiten oft gar nicht bewusst. Die Zuordnung ergibt sich ganz natürlich im Gespräch ohne Verwendung eines besonderen Kennworts.

Deutsch (Schriftdeutsch)[Bearbeiten]

Für den Unterschied zwischen Norddeutschen und Süddeutschen gilt das s im Wortanlaut als Merkmal: Süddeutsche Sprecher verwenden hier das stimmlose (IPA: [s]), norddeutsche das stimmhafte (IPA: [z]). So kann ein Wort wie Sonne als Schibboleth verwendet werden. Eine weitere Nord-Süd-Unterscheidung zeigt die Aussprache von st: „Schornsteinfeger Stefan fischt im Nest nach Wurst.“ Je südlicher die sprachliche Herkunft des Sprechers ist, desto häufiger spricht er das „st“ wie scht aus (bis zu viermal). Im Bremer Dialekt werden sp und st stets in s-p [sp] und s-t [st] statt standarddeutsch schp [ʃp] und scht [ʃt] getrennt, was im klassischen Satz „Der Stadtbremer ist über den spitzen Stein gestolpert“ verdeutlicht wird.

Helles ch und sch sind vor allem für Sprecher aus dem Rheinland, Sachsen und Südhessen schwer zu unterscheiden: „Schwarzwälder Kirschtörtchen“, „griechische Geschichte“, „tschechischer Tontechniker“.

Regionale Aussprache des r:

  • Münsterland und Ostwestfalen: auch nach kurzvokaler Vokalisierung (bzw. aufgrund der fehlenden Unterscheidung der Länge hier Zusammenfall), z. B. in „Kirche“: IPA ['kiːɐçə] statt ['kɪʁçə] (Fangsatz: „Hirsch heiß ich.“); dagegen in der oberen Lausitz sowie Siegerland und Wetterau: fast analog zum amerikanischen r, d.h. als alveolarer Approximant [ɹ]: „Rahm“ als [ɹaːm] statt [ʁaːm].
  • Franken: Typisch ist hier das alveolar gerollte [r] v.a. nach Konsonanten, d.h. wie in italienischer oder schwedischer Hochsprache: „Rahm“ als [rɑːm]. Vor Konsonanten hingegen oft Angleichung an den folgenden Konsonanten: „Sport“ [ʃpɔd̥].
  • Rheinland: nach hinteren Vokalen wie velares/uvulares ch (IPA [x] oder [χ]): „Sport“ [ʃpɔχt].

Norddeutsche und westfälische Aussprache von pf am Wortanfang wie f. Pennälerscherz: Caesar equus consilium = ‚Caesar Pferd Rat‘ = ['tsɛːsaː fɛːɐt raːt] = Caesar fährt Rad.

Schweizerisch, bairisch und österreichisch (vor allem Tirol) wird k oft zu kch [kχ].

Schweizerische Aussprache von chs immer als ch-s: Sechsachser (IPA [ˈsæxsʌxsəɾ] statt [ˈzɛksʔaksɐ])

Ü versus i und ö versus e fällt West- und Norddeutschen typischerweise leicht, Polen, Tschechen, Bayern und Sachsen typischerweise schwer. (Im Bairischen kommt „ü“ z.B. gar nicht vor.)

Schwäbisch: nasal gefärbt etc.

Test auf französischen Akzent: „Hans hat in einem hohen Hochhaus gewohnt.“ Erstens fällt die Aussprache von h und dem Rachen-ch in Hochhaus schwer; zweitens wird Hans und gewohnt gerne nasalisiert; drittens wird das e in hohen gerne als ɛ oder sehr kurzes, leicht gerundetes œ ausgesprochen (korrekt wäre ungerundetes ə).

Im Bairischen gibt es feinere Unterscheidungen bei Lautnuancen und Phonemen als im Standarddeutschen. Ein Beispiel sind die standarddeutschen Phoneme /a/ [a] und /o/ [ɔ] oder [o], denen im Bairischen drei bis vier Phoneme (würden die nasalen Vokale dazugenommen werden, so wären es noch mehr) gegenüberstehen: Das überhelle a /à/ [], das dunkle a /å/ [ɒ], das offene o /ò/ [ɔ] (die beiden letzteren werden teilweise nicht unterschieden) und das geschlossene o /o/ [o]. Ein westmittelbairisches Beispiel ist nà - na - nò - no (nein - dann - hinab - noch).[3][4]. Deshalb kann der Satz „Der Papst pappt Pop-Plakate.“ auch als Schibboleth verwendet werden, um Nichtbaiern zu erkennen, so wird ein Baier (wer einen bairischen Dialekt spricht) den Schibboleth-Satz auch im bairischen Deutsch[5] mit zwei unterschiedlich gefärbten a-Lauten aussprechen: „Papst“ und „pappt“ mit dunklerem a, „Plakate“ mit zweimal hellerem a, während im Wort „Pop“ ein deutlich dunkles o gesprochen wird.[6]

Schibboleths in der geschriebenen Sprache[Bearbeiten]

Als Schibboleths in der geschriebenen Sprache bezeichnet man Merkmale, die einen, im besten Fall ohne Kenntnis der betreffenden Sprache, schnell erkennen lassen, um welche Sprache es sich handelt. Im einfachsten Fall sind dies charakteristische diakritische Zeichen an Buchstaben wie dem deutschen ä, ö und ü, dem ungarischen ő und ű, dem französischen é und ê oder dem spanischen ñ. Oder auch Ligaturen wie das deutsche ß, das jedoch in der Schweiz nicht verwendet wird.

Schibboleths in anderen Sprachen[Bearbeiten]

Englisch[Bearbeiten]

"red lorries, yellow lorries, red lorries, yellow lorries" ... (wird wiederholend ausgesprochen; gilt auch als Zungenbrecher) bedeutet 'rote Lastkraftwagen, gelbe Lastkraftwagen' …

Dies können insbesondere die Engländer im Südwesten des Landes (Cornwall) und die Südstaatler der USA nicht oder nur mit Mühe aussprechen, weil vor lauter gerollten 'r' und 'l' die Feinabstimmung versagt.

Die Aussprache des Namens der texanischen Stadt Corpus Christi gilt als einfacher Test, um Südtexaner und Südstaatler von anderen amerikanisch-Englischsprechern zu trennen, da bei Einheimischen die erste Silbe über 70 % der Sprechdauer des Namens ausmacht, wobei „o“ und „r“ verschmelzen, was mit wachsender Entfernung graduell abnimmt.

Polnisch[Bearbeiten]

Für Ausländer[Bearbeiten]

Nach dem missglückten Krakauer Aufstand des Vogtes Albert gegen den polnischen Herzog von Krakau Władysław (Ladislaus) Ellenlang wurde die Loyalität der Krakauer Bürger von diesem mit einem einfachen Sprachtest überprüft. Wer die Worte soczewica, koło, miele, młyn (Linse, Rad, mahlen, Mühle) nicht fehlerfrei nachsprechen konnte, galt als schuldig. Die zu einem erheblichen Teil deutschsprachigen Bürger Krakaus, die wesentlich die Rebellion getragen hatten, konnten dies nicht korrekt aussprechen und wurden zum Teil vertrieben oder waren Repressionen ausgesetzt.

innerhalb Polens[Bearbeiten]

Oberschlesier kennen statt drei nur zwei Reihen Zischlaute (Siakanie): Das betrifft allerdings nur eine ganz kleine Gruppe der Oberschlesier bei der tschechisch-slowakischen Grenze:

  • polnisch c / ć / cz // s / ś / sz // z / ź / ż = rz
  • oberschlesisch c / (ć =) cz // s / (ś =) sz // z / (ź =) ż = rz

Niederländisch[Bearbeiten]

In den Niederlanden wird gerne das Wort Scheveningen als Sprachtest verwendet. Die niederländische Aussprache lautet „S-cheveningen“ ( anhören?/i), während Deutsche das Toponym typischerweise mit einem ʃ am Anfang aussprechen. Entsprechendes gilt für Enschede und Schiphol. Bei Letzterem ist zu beachten, dass das „ph“ nicht wie „F“ ausgesprochen wird, sondern getrennt, also „S-chip-hol“.

Ebenso gern der Name des bekannten Grandhotel Huis ter Duin, dessen korrekte Aussprache mit etwa „Häüs t(e)r Däün“ beschrieben werden kann und von Nichtholländern entweder buchstabengetreu oder wie „Höis ter Döin“ ausgesprochen wird.

Tschechisch / Slowakisch[Bearbeiten]

Der „Satz ohne Vokale“: Strč prst skrz krk (‚Steck den Finger durch den Hals‘).

Dänisch[Bearbeiten]

„Rødgrød med fløde“ [ˈʁœðɡʁœðʔ me fløːð] (‚Rote Grütze mit Sahne‘) ist der bekannteste dänische Sprachtest für Ausländer. Die Schwierigkeit besteht darin, dreimal in kurzer Folge das für die dänische Sprache charakteristische „weiche d“ [ð] auszusprechen. Dieser Laut ist für sich genommen schon eine Herausforderung. In Kombination mit einem vorausgehenden ø bzw. den beiden r in „rødgrød“ verlangt er Fremdsprachigen zudem eine ungewohnte Abfolge von Zungen- und Mundbewegungen ab.

Schwedisch[Bearbeiten]

Der Satz „sju sjösjuka sjömän sköttes av sju sköna sjuksköterskor“ /ˈɧʉː .../ Hörprobe?/i (‚Sieben seekranke Seemänner wurden von sieben schönen Krankenschwestern gepflegt‘) oder einer seiner vielen Variationen stellen die Fähigkeit des Sprechers auf die Probe, den schwedischen „sj“-Laut mehrmals hintereinander zu produzieren. Nicht-Schweden neigen dazu, diesen Laut wie „sch“, „ch“, „s(j)“ oder „h“ auszusprechen, aber der Laut liegt irgendwo dazwischen. In der südschwedischen Aussprache eher beim „h“, im Nordschwedischen eher beim „sch“, aber zumindest für einen Schweden deutlich davon unterscheidbar.

Italienisch[Bearbeiten]

Während des Aufstands von 1282 (Sizilianische Vesper) wurden die Franzosen in Sizilien verfolgt und vertrieben. Wer verdächtigt wurde, ein untergetauchter Franzose zu sein, soll dazu gezwungen worden sein, das Wort ceciri (dt.: ‚Kichererbsen‘) auszusprechen. Statt [ˈtʃɛːtʃɪɾɪ] (sizilianisch) sprachen viele Franzosen das Wort auf französisch als [sesiˈʀi] aus und wurden daraufhin ermordet.[7]

Türkisch[Bearbeiten]

Der Berg Ararat in der Türkei (Ostanatolien) heißt auf Türkisch: 'Ağrı Dağı' [ʼɑɣɾɯ dɑɣɯ]. Dies wird meistens als Türkisch-Test für Ausländer angewendet. Die Aussprache ist für Nicht-Muttersprachler unter anderem deshalb so schwierig, da in vielen anderen Sprachen (außer Turksprachen) die Buchstaben 'ğ' ("weiches" G) und 'ı' (ein 'i' ohne i-Punkt; sogenannter "Schwa"-Laut) nicht existieren und somit keine Entsprechung oder ähnliche Laute haben.

Literatur[Bearbeiten]

Siehe auch[Bearbeiten]

Weblinks[Bearbeiten]

 Wiktionary: Schibboleth – Bedeutungserklärungen, Wortherkunft, Synonyme, Übersetzungen

Referenzen[Bearbeiten]

  1. Langenscheidts Taschenwörterbuch Hebräisch (ISBN 3-468-10160-0) verzeichnet zwei feminine Wörter שִׁבֹּלֶת, eines (mit den Bedeutungen Kornähre und Schibboleth) hat den Plural שִׁבֳּלִים (z.B. Gen 41,5 EU), das andere (mit der Bedeutung Wasserwirbel) hat den Plural שִׁבּוֹלוֹת
  2. Dieter Binder: Die Freimaurer. Ursprung, Rituale und Ziele einer diskreten Gesellschaft. Freiburg i.Br.: Herder 2006, S. 241
  3. Ludwig Zehetner: Das bairische Dialektbuch, München 1985, ISBN 3-406-30562-8, Abschnitt Lautlehre, S. 75 - 78
  4. Ludwig Zehetner: Basst scho! Wörter und Wendungen aus den Dialekten und der regionalen Hochsprache in Altbayern, Regensburg, 2009, ISBN 978-3-939112-42-6, Kapitel 36
  5. Ludwig Zehetner: Bairisches Deutsch. Lexikon der deutschen Sprache in Altbayern, Kreuzlingen 2005, ISBN 3-9807028-7-1, Definition siehe Einleitung, S. 13–24
  6. Ludwig Zehetner: Bairisches Deutsch. Lexikon der deutschen Sprache in Altbayern, Kreuzlingen 2005, ISBN 3-9807028-7-1, Stichwörter a; à und o sowie Papst, pappen, Plakatsäule.
  7. http://www.comune.sperlinga.en.it/storia.asp