Administrative Versorgung

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Die administrative Versorgung war eine in der Schweiz seit der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts bis 1981 praktizierte öffentlich-rechtliche Zwangsmassnahme, die durch eine Verwaltungsbehörde verfügt wurde.[1] Die Einsperrungen waren oft zeitlich unbefristet, konnten bei Widersetzlichkeiten verlängert werden und wurden, je nach kantonalen Gesetzen, auch als «Detention», «korrektionelle Versorgung», oft auch einfach «Einweisung» oder «Massnahme» bezeichnet.

Jugendliche und Erwachsene, die den Behörden negativ aufgefallen waren, wurden ohne Gerichtsurteil und meist auch ohne Anhörung in so genannte «Arbeitsanstalten» für Erwachsene, die bis in die 1970er Jahre teilweise noch «Zwangsarbeitsanstalten» hiessen, oder in «Erziehungsanstalten» respektive «Arbeitserziehungsanstalten» für Jugendliche und junge Erwachsene eingewiesen. Diese konnten Abteilungen normaler Strafanstalten sein (z. B. die Frauenstrafvollzugsanstalt Hindelbank im Kanton Bern oder Bellechasse im Kanton Fribourg oder Realta im Kanton Graubünden). Als Einweisungsgrund genügte bereits ein «liederlicher Lebenswandel», «Vaganterei[2]» oder wenn man als «arbeitsscheu» aufgefallen war.[3] Auch Prostituierte und Drogensüchtige wurden eingewiesen.[4] Beschwerden waren häufig ergebnislos oder wurden als «Querulantentum» abqualifiziert, weil sie nicht von unabhängigen Instanzen behandelt wurden, sondern sich an dieselben Behörden zu richten hatten, welche die Einweisung administrativ verfügt hatten.

Nachdem die Schweiz 1974 die Europäische Menschenrechtskonvention (EMRK) von 1950 um Jahrzehnte verspätet und mit Vorbehalten unterzeichnet hatte, wurde die administrative Versorgung in der Schweiz abgeschafft.[3] Vor 1981 Eingewiesene verblieben aber auch nach 1981 noch in den ihnen zugewiesenen geschlossenen Anstalten, wo sie Zwangsarbeit zu verrichten hatten.

Am 10. September 2010 hat sich Bundesrätin Eveline Widmer-Schlumpf im Rahmen eines Gedenkanlasses in Hindelbank im Namen des Bundes offiziell für das den Betroffenen widerfahrene Unrecht entschuldigt.[5] Einige der Betroffenen hatten das Geschehene bis anhin nicht verarbeitet und waren aufgrund ihres Aufenthaltes in «administrativer Versorgung» auch später noch diskriminiert worden. Betroffene gaben auch an, von Behörden, Wärtern und Anstaltsleitung in einer die Menschenwürde verletzenden Art behandelt worden zu sein.[5]

Am 21. März 2014 trat das Bundesgesetz über die Rehabilitierung administrativ versorgter Menschen in Kraft; es verlangt die wissenschaftliche Aufarbeitung der administrativen Versorgung in der Schweiz und anerkennt diese damaligen staatlichen Massnahmen als Unrecht.[6] In Vollzug dieses Gesetzes wurde am 14. November 2014 die Unabhängige Expertenkommission zur wissenschaftlichen Aufarbeitung der administrativen Versorgung vor 1981 vom Bundesrat eingesetzt.

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Peter Bossart: Persönliche Freiheit und administrative Versorgung. Schönenberger, Winterthur 1965, DNB 571862845 (Dissertation Universität Zürich, Rechts- und staatswissenschaftliche Fakultät, 103 Seiten).
  • Thomas Huonker:Anstaltseinweisungen, Eheverbote, Kindswegnahmen, Sterilisationen, Kastrationen. Fürsorge, Zwangsmassnahmen, 'Eugenik' und Psychiatrie in Zürich zwischen 1890 und 1970. Sozialdepartement der Stadt Zürich, Zürich 2002, ISBN 3-908060-13-3.
  • Thomas Huonker: Wandlungen einer Institution. Vom Männerheim zum Werk- und Wohnhaus. Werk- und Wohnhaus zur Weid, Zürich 2003, ISBN 3-9522643-0-X.
  • Sybille Knecht: Zwangsversorgungen. Administrative Einweisungen im Kanton St. Gallen 1872–1971. Staatsarchiv des Kantons St. Gallen, St. Gallen 2015, ISBN 978-3-033-05264-2 (Bericht im Auftrag des Staatsarchivs St. Gallen, 177 Seiten, kostenfrei).
  • Sabine Lippuner: Bessern und Verwahren: Die Praxis der administrativen Versorgung von «Liederlichen» und «Arbeitsscheuen» in der thurgauischen Zwangsarbeitsanstalt Kalchrain (19. und frühes 20. Jahrhundert) (= Thurgauer Beiträge zur Geschichte, Band 142). Historischer Verein des Kantons Thurgau, Frauenfeld 2005, ISBN 3-9522896-2-0.
  • Tanja Rietmann: «Liederlich» und «arbeitsscheu». Die administrative Anstaltsversorgung im Kanton Bern (1884–1981). Chronos, Zürich 2013, ISBN 978-3-0340-1146-4 (Dissertation Universität Bern 2011, 381 Seiten).
  • Dominique Strebel: Weggesperrt. Warum Tausende in der Schweiz unschuldig hinter Gittern sassen. Beobachter, Zürich 2010, ISBN 978-3-85569-439-6.

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Rezension zu Lippuner
  2. Häufiges Umherziehen von Ort zu Ort, fehlende Sesshaftigkeit, in den Gesetzestexten meist «Vagantität» genannt
  3. a b «Wir wurden weggesperrt». Abgerufen am 4. September 2010.
  4. Was bedeutet Administrativ-Versorgte? Abgerufen am 4. September 2010.
  5. a b Der Bundesrat entschuldigt sich. St. Galler Tagblatt vom 11. September 2010, S. 5
  6. " Bundesgesetz über die Rehabilitierung administrativ versorgter Menschen. 21. März 2014, abgerufen am 1. Februar 2016.