Aimée du Buc de Rivéry

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Aimée du Buc de Rivéry

Aimée du Buc de Rivéry (geboren am 19. Dezember 1768 in Trois-Îlets bei Fort-de-France auf Martinique; verschollen um 1788) war eine französische Adlige. Legenden zufolge war sie unter dem Namen Nakşidil Mätresse von Sultan Abdülhamid I., Mutter von Mahmud II. und Valide Sultan von 1808 bis 1817, dies ist jedoch ohne historische Basis.

Leben[Bearbeiten]

Aimée du Buc de Rivéry war die Tochter eines wohlhabenden Plantagenbesitzers auf der Insel Martinique, sowie eine Cousine (zweiten Grades) von Joséphine de Beauharnais (1763–1814), spätere Kaiserin der Franzosen. Nachdem Aimée in einer Klosterschule bei Nantes erzogen wurde, sollte sie per Schiff zurück nach Hause fahren. Auf dem Weg dorthin wurde das Schiff von ottomanischen Piraten angegriffen und versenkt.

Legende[Bearbeiten]

Es wurde angenommen, Aimée du Buc de Rivéry könnte von den Piraten versklavt und später als Geschenk des Bey von Algier an den osmanischen Sultan Abdülhamid I. (1725–1789) nach Istanbul geschickt worden sein. Die Mutter des späteren Sultans Mahmud II. (1785–1839), Nakşidil (1768–1817), könnte demnach identisch mit der vermissten Aimée sein.

Nakşidil im Jahre 1808

Der Legende zufolge kam Aimée in den Harem von Abdülhamid I. und bekam, wie üblich, einen neuen, türkischen Namen zugewiesen, Nakşidil (Nakshidil, Nakş-î Dil). Um sie an ihre Heimat zu erinnern, soll der Sultan einige Räume im Topkapı-Palast in einem französisch eleganten Rokoko-Stil eingerichtet haben. Während sie oberflächlich islamischen Riten folgte, habe sie dennoch auch den christlichen Glauben behalten und diesen gegen ihr Lebensende sogar offen praktizieren dürfen. Varianten der Legende platzieren Aimée auch im Harem von Abdülhamids Nachfolger Selim III.

Sie soll dem Sultanssohn Französisch beigebracht haben, direkt oder indirekt für die gesellschaftlichen und militärischen Reformen unter Selim III. und Mahmud II. verantwortlich gewesen sein wie auch dafür, dass das Osmanische Reich eine ständige Botschaft in Paris einrichtete. Die inneren Reformen seien zudem der Grund für eine Palastrevolte der Janitscharen gewesen, der sie und die mit ihr verbündeten Männer bei Hof nur knapp entrannen.

Schließlich wird ihr auch zugeschrieben, dass sie ihrem Sohn 1812 den Friedensschluss zwischen Russland und dem Osmanischen Reich diktiert habe, um Joséphine zu rächen, von der sich Napoleon zugunsten von Marie-Luise getrennt hatte. So habe der russische Zar alle Kräfte zum Kampf gegen Napoleon einsetzen können, und Aimée den Niedergang des Mannes, welcher ihre Cousine verließ.[1]

Hintergründe der Legende[Bearbeiten]

Die Geschichte weist deutliche Parallelen zu Geschichten auf, die bereits im frühen 16. Jahrhundert kursierten, also bereits lange vor Aimées angeblicher Gefangennahme. Namen und Daten zu den angeblich gefangenen französischen Prinzessinnen existierten bei diesen Geschichten noch nicht; es handelte sich um Erfindungen osmanischer Hofbeamten, die von französischer Seite nicht dementiert wurden. Die so suggerierten Verbindungen zwischen osmanischem und französischem Herrscherhaus erschienen oberflächlich plausibel und wurden früh auch politisch verwendet, zumeist zur Rechtfertigung von politischen Allianzen zwischen Frankreich und dem Osmanischen Reich. Dies war auch der Fall bei Aimée du Buc de Rivery: Bereits Napoleon III. und Abdülaziz sollen aus der vermeintlichen weitläufigen Verwandtschaft gesellschaftliches und politisches Kapital geschlagen haben.[2]

Ebenso dienten derartige Legenden in Europa zur Festigung eines rückschrittlichen Orientbildes – osmanische Herrscher empfingen demnach ein modernes Weltbild erst durch die Erziehung durch ihre westliche Sklaven-Mutter. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde der Stoff in zahlreichen Romanen verwertet, die zur Verbreitung dieser Legende sowie weiterer Harems-Mythen weiter beitrugen.[2]

Es gilt als historisch gesichert, dass Aimée im Jahr 1788 noch in Frankreich weilte, während Mahmud II. 1785 geboren wurde.[2] Diese Tatsache umschiffen zahlreiche Varianten der Legende so, dass Aimée erst 1788 gefangennommen wurde und in Istanbul als Ersatz für die früh verstorbene leibliche Mutter Mahmuds fungierte. Doch auch hierfür existieren keine Belege.

Nach einem ebenfalls unzuverlässigen zeitgenössischen Bericht von 1817 anlässlich ihres Todes sei Nakşidil, die Mutter Mahmuds II., im Alter von zwei Jahren auf einem französischen Schiff gefangen genommen worden und dann in einem Harem aufgezogen worden. Hierbei kann es sich wiederum nicht um Aimée du Buc de Rivéry gehandelt haben.

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Antonius Lux (Hrsg.): Große Frauen der Weltgeschichte. Tausend Biographien in Wort und Bild. Sebastian Lux Verlag, München 1963, S. 395.
  2. a b c Christine Isom-Verhaaren: Journal of World History - Royal French Women in the Ottoman Sultans' Harem (Memento vom 25. Oktober 2006 im Internet Archive) (engl.)

Literarische Verwertung[Bearbeiten]

  • Benjamin A. Morton: The Veiled Empress: An Unacademic Biography. G. P. Putnam's Sons, New York 1923
  • Lesley Blanch: The Wilder Shores of Love. Simon and Schuster, New York 1954, ISBN 0-7867-1030-6.
  • March Cost: The Veiled Sultan. Vanguard Press, New York 1969, ISBN 0-8149-0666-4.
  • Barbara Chase-Riboud: Valide: A Novel of the Harem. New York, Avon, 1986, ISBN 0-688-04334-8.
  • Alev Croutier: Palast der Tränen. Dtv 2002, ISBN 3-423-20934-8.
  • Janet Wallach: Serail. Goldmann Verlag 2004, ISBN 3-442-45638-X
  • Maurizio Costanza, La Mezzaluna sul filo - La riforma ottomana di Mahmûd II. Marcianum Press, Venezia 2010 (appendix.1)
  • Prince Michael of Greece: Sultana. Harper and Row, New York 1983, ISBN 0-380-68502-7.

Weblinks[Bearbeiten]