Amir Zaidan

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Wechseln zu: Navigation, Suche

Amir Muhammad Adib Zaidan, arabisch أمير محمد أديب زيدان, DMG Amīr Muḥammad Adīb Zaydān (* 22. Juli 1964 in Ruhaibeh, Syrien) ist ein syrischer Koran-Übersetzer und Verfasser deutschsprachiger Bücher zum Islam.

In der Öffentlichkeit wurde er bekannt als Vorsitzender der Islamischen Religionsgemeinschaft Hessen (IRH), als Unterzeichner der sogenannten „Kamel-Fatwa“ und als Direktor des Islamischen Religionspädagogischen Instituts (IRPI) der Islamischen Glaubensgemeinschaft in Österreich (IGGiÖ).

Ausbildung und Tätigkeit[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Amir Zaidan studierte in Syrien ein Semester Medizin. 1983 kam er nach Deutschland und lernte die deutsche Sprache in Heidelberg, um Mathematik zu studieren. Danach hat er sein Studium der Mathematik in Karlsruhe angefangen und wechselte ohne Abschluss nach ein paar Jahren zum Studium der Kunststofftechnik in Darmstadt. Von 1993 bis 1996[1] absolvierte er ein vierjähriges[2] Fernstudium der Scharia und Usulud-din (auf Arabisch) am „Institut Européen des Sciences Humaines“ (IESH) bei Château-Chinon in Frankreich. Zaidan belegte in Deutschland sechs Seminare (auf Arabisch) im „Internationalen Zentrum für islamische Wissenschaften e. V.“ unter Leitung von Hassan Hitou und von 1999 bis 2001 an der Universität Jamia-Nizamia[3] ein arabischsprachiges Fernstudium im Fachbereich „Tafsir und ‘Ulumul-quran“.

Zaidan war bis mindestens[4][5] 1993 Funktionär der Muslim Studenten Vereinigung (M.S.V.) und veröffentlichte dort 1996 sein Buch Fiqh-ul-`ibadat – Einführung in die islamischen gottesdienstlichen Handlungen und 1997 Al-´aqida – Einführung in die Iman-Inhalte. Zaidan war auch für das „Islamische Konzil“ tätig.[5] 1994 gründete er mit den Vertretern der evangelischen Kirche, der katholischen Kirche und der islamischen Gemeinden die Islamisch-Christliche Arbeitsgemeinschaft in Hessen (ICA-Hessen), deren muslimischer Vorsitzender er bis 2003 war. In dieser Funktion nahm er an zahlreichen Dialog-Veranstaltungen teil und fungierte auch als Mediator bei interkulturellen Konflikten. 1994 gründete Zaidan auch den Islamischen Arbeitskreis Hessen (IAK-Hessen) mit, dessen Vorsitzender er drei Jahre lang war und der das religiöse Konsenspapier Darstellung der Grundlagen des Islam erstellte, das von allen islamischen Gemeinden in Hessen genehmigt und unterzeichnet wurde. 1997 löste sich der IAK-Hessen auf und die Islamische Religionsgemeinschaft Hessen (IRH) wurde gegründet, deren Vorsitzender Zaidan bis Juni 2000 war.

Von 1997 bis 2003 war Zaidan Lehrbeauftragter im Fachbereich Vergleichende Religionswissenschaft an der Johann Wolfgang Goethe Universität in Frankfurt am Main. 1998 gründete er die erste deutschsprachige Zeitung von Muslimen in Hessen mit, das Freitagsblatt, bei dem er bis 2000 als verantwortlicher Redakteur für Islam und Interreligiöses tätig war. 2001 gründete er im Rahmen des IRH das „Islamologische Institut e. V.“ mit, dem er seither als wissenschaftlicher Direktor vorsteht. 2001 gründete Zaidan mit Vertretern der jüdischen Gemeinde, der christlichen Kirchen und islamischer Gemeinden das Abrahamische Forum, wo er bis 2003 im abrahamischen Team als muslimischer Vertreter, zusammen mit einer Jüdin und einem christlichen Theologen, aktiv war. Zaidan saß 2002 zusammen mit dem muslimischen Rechtsanwalt Norbert Müller und dem ehemaligen M.S.V.-Vorsitzenden Ibrahim El-Zayat im Vorstand der „Gesellschaft Muslimischer Sozial- und GeisteswissenschaftlerInnen e. V.“ (GMSG).[6]

2003 siedelte Zaidan um nach Wien, wo er als Direktor des Islamischen Religionspädagogischen Instituts (IRPI), einer Bildungsinstitution der Islamischen Glaubensgemeinschaft in Österreich (IGGiÖ), zuständig ist für die Fort- und Weiterbildung der islamischen Religionslehrer in Österreich. 2003 organisierte er die Erste europäische Imamekonferenz mit, die die „Grazer Erklärung“[7] verabschiedete. 2005 war Zaidan auch an der Organisation der Ersten österreichischen Imamekonferenz[8] und der Wiener Konferenz gegen weibliche Genitalbeschneidung[9] und 2006 an der 2. Konferenz Europäischer Imame und Seelsorgerinnen in Wien[10][11][12] beteiligt. Seit 2006 ist Zaidan Chefredakteur und Herausgeber der ersten deutschsprachigen Zeitung von Muslimen in Österreich: Die Muslimische – Muslimische Allgemeine Zeitung.

Übersetzungen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Zaidans Koranübersetzung At-Tafsīr übernimmt zahlreiche Fachbegriffe als nicht übersetzte Fremdwörter. So werden Worte wie Dschihad, Iman, Kufr, Nifaq, Wali oder Zakat im Text nicht übersetzt, sondern in einem Anhang inhaltlich erläutert. Dies kann ein flüssiges Lesen erschweren.[13]

Islamologie[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Anders als die Orientalistik, Arabistik und die Islamwissenschaften bezeichnet der Begriff Islamologie in Deutschland kein universitäres Fachgebiet und keine anerkannte Wissenschaft. Zaidan versteht unter Islamologie - im Unterschied zu anderen Verwendungen -[14] die „Lehre der klassischen Islam-Wissenschaften“, die an den etablierten islamischen Universitäten wie etwa Al-Azhar in Kairo gelehrt werde. Ziel der Islamologie sei das umfassende Verstehen des Islam und dessen Quellen. Zaidan sieht Islamologie als Sammelbegriff für die Wissenschaften des Islam. Sie basieren auf den beiden primären Quellen des Islam –  dem Koran und der Sunna (vorbildhafte Überlieferungen von Muhammad) – und umfassen Fächer wie Fiqh, Al-qawa'id ul-fiqhiya und Usūl al-fiqh (Rechtsnormen und deren Prinzipien und Methodenlehre), Aqida (Glaubenslehre), Ulum al-Hadīth (Hadithkunde). In diesem Sinne wird der Begriff auch in dem von ihm in Hessen 2001 mitbegründeten Verein „Islamologisches Institut“ benutzt.[15]

Die sogenannte Kamel-Fatwa[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

In den Medien wird Zaidan wegen einer Fatwa – einem islamischen Rechtsgutachten – aus dem Jahre 1998 kritisiert, die er als Vorsitzender des Fiqh-Rates der IRH unterzeichnete. Die Fatwa wurde auf Anfrage mehrerer volljähriger Oberstufenschülerinnen zu einer geplanten zweiwöchigen Klassenfahrt nach Spanien erstellt:

„Eine mehrtägige Reise mit Übernachtung außerhalb der elterlichen Wohnung ist für muslimische Frauen ohne die Begleitung eines Mahram (dieser ist ein naher Verwandter, also der Ehemann, Vater, oder Bruder), nicht erlaubt und verstößt gegen islamische Regeln. Der Gesandte Muhammad sagte im Hadith: ‚Eine Frau darf nicht die Entfernung einer Tages- und Nachtreise ohne Mahram zurücklegen.‘ Diese Entfernung schätzen die islamischen Gelehrten heutzutage auf ca. 81 km. Gemäß der im Grundgesetz und in der Verfassung des Landes Hessen verankerten Religionsfreiheit ist es deshalb angebracht, muslimische Schülerinnen von der Teilnahme an derartigen schulischen Veranstaltungen freizustellen.
        Frankfurt/Main, den 7. Januar 1998, gez. Amir Zaidan“[16]

Die Fatwa wurde von der IRH damals dem zuständigen Schulamt vorgelegt, jedoch nicht veröffentlicht. Es wurden von der IRH auch keine weiteren Fatwas in diesem Sinne erstellt. Der Name „Kamel-Fatwa“ wurde durch die Annahme geprägt, dass die Wegstrecke von 81 km gleich der Strecke sei, die ein Kamel an einem Tag zurücklegt. Im Juli 2000, kurz bevor das Kultusministerium über den Antrag der IRH auf islamischen Religionsunterricht entschied, erschien in der taz ein Artikel[17] über die Fatwa, die unter muslimischen Eltern kursierte.[18] Aus dem Text der Fatwa geht nicht hervor, ob sie allgemein gültig ist oder nur für einen konkreten Anlass erstellt wurde. Schon zuvor als IAK-Vorsitzender hatte Zaidan von der hessischen Landesregierung einen „verbindlichen Erlaß an alle Lehrer zur Befreiung muslimischer Schülerinnen und Schüler von schuleigenen Freizeitaktivitäten wie Klassenfahrten, Schullandheimaufenthalte, Fastnachtsfeiern“ gefordert.[19] Gegenüber dem Stadtmagazin Falter gab Zaidan 2007 an, dass die Fatwa nur für diesen konkreten Fall erstellt worden sei. Er würde die Fatwa heute unter denselben Umständen wieder unterschreiben.

Vorwürfe islamistischer Verbindungen und Positionen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

In Deutschland wurde Zaidan in seiner Funktion als Vorsitzender des Islamischen Arbeitskreises Hessen (IAK) und als Vorsitzender der Islamischen Religionsgemeinschaft Hessen (IRH) teils heftig kritisiert. Laut Hessischem Verfassungsschutz waren im von Zaidan herausgegebenen Freitagsblatt „immer wieder Anhaltspunkte für extremistische Bestrebungen zu finden“.[20] Die Islamexpertin Ursula Spuler-Stegemann[21] und das Mitglied der Muslimischen Akademie und der Friedrich-Ebert-Stiftung Dr. Johannes Kandel[22] haben Zaidan als „syrischen Muslimbruder“ eingeschätzt und der hessische Verfassungsschutz hat ihm Verbindungen zur Muslimbruderschaft zugeschrieben.

2004 klagte Zaidan auf Löschung seiner Daten beim Hessischen Verfassungsschutz und damit auf Beendigung der Beobachtung. Dagegen wurden ihm seine Aussagen im erfolglosen Asylverfahren 1989–2002 vorgehalten, in welchem er Kontakte zur Muslimbruderschaft selbst betont hatte: „Ich bin offiziell kein Mitglied, aber ich vertrete das Gedankengut der Moslembruderschaft. […] Ich bin kein Moslembruder, aber ich habe viele enge Kontakte zu Moslembrüdern sowohl in Deutschland als auch in anderen Ländern und zwar insbesondere Kontakte zu führenden Leuten der Moslembruderschaft.“[5] Als weitere tatsächliche Anhaltspunkte wurden angeblich gefälschte Eintragungen als M.S.V.-Funktionär im Vereinsregister und auch die in seinen Schriften erkennbaren ideologischen Konzepte angeführt. Das Verwaltungsgericht lehnte Zaidans Klage 2005 rechtskräftig ab.[5]

Ähnliche Vorwürfe wurden in Österreich ab September 2006 im Magazin Falter[18] und im Wiener Landtag[23] geäußert und im ORF 2 gegenüber Präsident Schakfeh angesprochen.[24] Im September 2007 bezeichnete Jörg Haider Zaidan als „radikalen Islamisten“ und forderte seine Abberufung als Direktor des IRPI. Dafür zuständig wäre der IGGiÖ-Präsident Anas Schakfeh, der Zaidan im Mai 2006 als „anerkannten Wissenschaftler, ein gemäßigter Muslim“ einschätzte.[18] Zaidan bestreitet eine Mitgliedschaft in der Muslimbruderschaft und hat eine Klage gegen Haiders Äußerung angekündigt.[25]

Publikationen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Fachbücher[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Artikel und Aufsätze in Fachzeitschriften und -büchern[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Glaube und Spiritualität im Islam, Muslimische Jugendliche auf der Suche nach religiöser Identität; Muslimische Jugendliche in Frankfurt am Main (1996)
  • Religionen der Welt. AMKA, Band 47, Frankfurt/M. 1996, ISBN 3-931297-05-5
  • Das Kopftuch und der neue Rassismus, Texte des Interkulturellen Rates in Deutschland, 1997[26]
  • Islamischer Religionsunterricht an staatlichen Schulen in Deutschland, Beauftragte der Bundesregierung für Ausländerfragen, Schriftenreihe Nr. 8, Berlin 2000
  • Fremdsein im Dorf – Europäische Erfahrungen und Arbeit auf dem Lande. Interkultureller Rat in Deutschland, 2002.
  • Noah-Allianz unter dem Regenbogen?, Evangelische Zentralstelle für Weltanschauungsfragen, Juden, Christen und Muslime im Gespräch, EZW-Texte 163 (Hrsg. Ulrich Dehn, 2002)
  • Quran-Exegese, Evangelische Akademie Bad Boll, 2003
  • Bildung und Religion, Schriften zum Bildungsrecht und zur Bildungspolitik 10, Verlag Österreich, Wien 2006, ISBN 3-7046-3592-8
  • Heilung und Wunder, Theologische, historische und medizinische Zugänge; Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt 2007, ISBN 3-534-20074-8

Radio- und Fernsehsendungen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Gedanken für den Tag: Amir Zaidan zum Ramadan, ORF-Sendungen vom Oktober 2003 und Oktober 2005[27]
  • Religionen der Welt – Zum Geburtstag des Propheten: ORF-Sendung mit Amir Zaidan, vom 8. April 2006[28]

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Kurzbiografie (PDF) auf Webseite der Islamischen Religionspädagogischen Akademie
  2. Kurzbiografie auf Webseite des deutschsprachigen Islamologischen Institutes
  3. http://www.jamianizamia.org/recog.htm (Link nicht abrufbar)
  4. Verdächtige Einheit In: Süddeutsche Zeitung, 6. November 1998
  5. a b c d Urteil des Verwaltungsgericht Wiesbaden (Memento vom 30. November 2007 im Internet Archive) (AZ: 6 E 2129/04) vom 14. September 2005
  6. Jahrestagung 2002 der „Gesellschaft Muslimischer Sozial- und GeisteswissenschaftlerInnen e. V.“ (GMSG) Köln
  7. Grazer Erklärung zur Standortbestimmung des Islam in Europa (Memento vom 8. März 2005 im Internet Archive), Juni 2003
  8. Schlussdokument der Ersten österreichischen Imamekonferenz in Wien, 2005 (Memento vom 2. Mai 2006 im Internet Archive)
  9. MuslimInnen aktiv gegen FGM (Memento vom 14. Dezember 2007 im Internet Archive), Wiener Konferenz gegen weibliche Genitalbeschneidung, Juni 2005
  10. Schlusserklärung der Konferenz Europäischer Imame und Seelsorgerinnen in Wien, April 2006 (Memento vom 2. Juli 2007 im Internet Archive)
  11. ORF-Sendung „Imame-Konferenz in Wien“, 10. April 2006
  12. Imams vow to preach values of Islam. In: Washington Times, 10. April 2006
  13. Norbert Müller: Rezension für die Zeitschrift Die Brücke
  14. Z.B. im Sinne von „sozialwissenschaftliche Historiographie“ im Wortgebrauch von Bassam Tibi, der sich als Begründer der „Islamologie“ in Deutschland bezeichnet, siehe Bassam Tibi: Trilogie zur Begründung der Islamologie, die in der Reihe Suhrkamp-Taschenbuch-Wissenschaft erschien (Bde. 531/1985, 650/1987 und 889/1991). Zivilisationskonflikte und Kulturdialoge. Für eine neue Wissenschaft der Islamologie. In: Universitas 5/1995 ISSN 0041-9079, Seite 459–470. Der wahre Imam. Der Islam von Mohammed bis zur Gegenwart. Piper, München 1996, ISBN 3-492-22713-9, Seite 437.
  15. Methodik der Islamologie (Memento vom 5. September 2006 im Internet Archive)
  16. Fatwa des Fiqh-Rates der IRH vom 7. Januar 1998, unterschrieben vom Vorsitzenden Amir Zaidan (Memento vom 29. Juli 2004 im Internet Archive)
  17. Ahmet Senyurt: Bei Kilometer 82 endet die Freiheit. In: taz, 13. Juli 2000
  18. a b c Allah und er. In: Falter, 2. Mai 2006
  19. Heftige CDU-Kritik an der Islamischen Religionsgemeinschaft Hessen. In: Wetzlarer Kurier, 5. Januar 2005
  20. Hessischer Verfassungsschutzbericht 2004 (Memento vom 3. Februar 2006 im Internet Archive) (PDF)
  21. Ursula Spuler-Stegemann: Kirchen und Universitäten als Ansprechpartner islamistischer Aktivisten (Memento vom 12. Januar 2011 im Internet Archive) (PDF) 2002
  22. Johannes Kandel: Alle sind für „Dialog“. (PDF; 205 kB) FES, ISBN 3-89892-187-5
  23. Heiße Diskussion im Wiener Landtag kismetonline
  24. „Im Zentrum“ auf ORF 2 Fernsehdiskussion am 16. September 2007, 51. Minute
  25. Religionspädagogik: Islam-Akademie-Chef klagt Jörg Haider. In: Die Presse.com, 24. September 2007
  26. Das Kopftuch und der neue Rassismus, Texte des Interkulturellen Rates in Deutschland, 1997 (Memento vom 11. Mai 2003 im Internet Archive)
  27. Amir Zaidan zum Ramadan, ORF-Sendungen vom Oktober 2003 und Oktober 2005
  28. ORF-Sendung Religionen der Welt – Zum Geburtstag des Propheten, 8. April 2006