Antibiotika-assoziierte Diarrhoe

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Klassifikation nach ICD-10
K52.9 Nichtinfektiöse Diarrhoe, nicht näher bezeichnet
ICD-10 online (WHO-Version 2016)

Die Antibiotika-assoziierte Diarrhoe bezeichnet einen durch die Einnahme von Antibiotika entstandenen Durchfall.

Begriffserläuterung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Unter Antibiotika-assoziierte Diarrhoe werden unterschiedliche Krankheiten zusammengefasst, die alle zu einem Durchfall während oder bis zu acht Wochen nach Einnahme eines oder mehrerer Antibiotika führen.[1] Dabei spielt es keine Rolle, ob das Antibiotikum geschluckt oder als Infusion direkt in das Blut gegeben wird. Oft ist das Phänomen harmlos; selten jedoch kann die Antibiotika-assoziierte Diarrhoe lebensbedrohlich werden. Es ist durch Antibiotika allerdings auch eine bleibende Schädigung der Mikrobengemeinschaft im Darm möglich, insbesondere bei häufiger oder hochdosierter Gabe dieser Medikamente in der Kindheit.[2]

Epidemiologie[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Wahrscheinlichkeit, eine Antibiotika-assoziierte Diarrhoe zu erleiden, liegt bei 5-35 % und ist abhängig von der Art der Antibiotikums, der Gesundheit des Patienten und ob der Patient einer Vielzahl von pathogenen Keimen ausgesetzt ist. Aufgrund des üblicherweise schlechteren Gesundheitszustandes und möglichen Krankenhauskeimen ist die Wahrscheinlichkeit bei hospitalisierten Patienten höher, eine Antibiotika-assoziierte Diarrhoe zu erleiden, als im ambulanten Bereich.[1]

Ursachen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Man unterscheidet drei verschiedene Krankheitsursachen:

  • MeistensBeleg fehlt! ist es eine direkte Wirkung des Antibiotikums oder von Zusätzen des Antibiotikums auf den Darm, der dadurch zu einer schnelleren Bewegung des Darminhalts, der sogenannten Peristaltik, angeregt wird, was zu einem breiartigen Durchfall führt. Dieser Effekt tritt vor allem bei Penicillinen, insbesondere in Kombination mit Clavulansäure auf. Der Effekt ist harmlos und verschwindet beim Absetzen des Antibiotikums.
  • In 10 bis 20 %Beleg fehlt! der Fälle ist es eine Infektion, die durch die Antibiotika begünstigt wurde. Dabei vernichtet das Antibiotikum einen Teil der normalerweise im Darm lebenden Bakterien (Symbionten), und zwar selektiv die für dieses Antibiotikum empfindlichen Mikroorganismen der Darmflora. Resistentere oder weniger empfindliche Keime können Durchfall verursachende Bakterien sein, die sich sodann rasch vermehren können, da weniger konkurrierende Bakterien am Ort vorhanden sind. Meist handelt es sich um einen harmlosen bis mittelschweren Durchfall. In seltenen Fällen kann es jedoch zu einem lebensbedrohlichen Verlust von Flüssigkeit und Salzen über den Darm kommen. Besonders gefürchtet ist die Infektion mit Clostridium difficile, das die pseudomembranöse Colitis verursacht. Daneben können Infektionen mit Salmonellen durch bestimmte Antibiotika begünstigt werden. Andere Keime wie Staphylococcus aureus oder Pilze wie Candida albicans werden ebenfalls als Verursacher des Durchfalls vermutet.
  • Selten kommt es im Rahmen einer allergischen oder toxischen Reaktion des Darms auf die Antibiotika zu einem Durchfall. Durch das Absterben der Darmzellen entsteht ein schwerer Durchfall. Bei der allergischen Reaktion ist jedoch meist der den gesamten Körper betreffende anaphylaktische Schock die gefährlichere Komplikation.

Klinik[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Das Ausmaß und der Verlauf des Durchfalls hängen von seiner Ursache ab. Während eine angeregte Peristaltik harmlos ist, kann eine Infektion oder eine Allergie lebensbedrohliche Folgen haben. Neben einem massiven Verlust von Flüssigkeit und Salzen über den Darm kann es auch zu einem Eindringen von Bakterien in das Blut kommen, wo sie sich rasch vermehren können. Man spricht in diesem Fall von einer Sepsis.

Therapie (Behandlung)[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Der Verlust von Flüssigkeit und Salzen muss ausgeglichen werden. Oft braucht es dafür eine Infusion.
  • Daneben muss eine pseudomembranöse Kolitis (Überwucherung mit Clostridium difficile) antibiotisch behandelt werden – trotz der Risiken einer erneuten Antibiotika-Therapie. Hier kommen folgende Wirkstoffe zum Einsatz:
    • Erste Wahl: Metronidazol (3 × 500 mg) oral über 10 Tage
    • Zweite Wahl: Vancomycin (4 × 125 mg) oral über 10 Tage (bei schweren Verläufen eher bevorzugt)
  • Bei allergischen Reaktionen wie auch bei Infektionen muss das auslösende Antibiotikum abgesetzt werden. Bei allergischen Reaktionen muss das überschießende Immunsystem mit Immunmodulatoren wie Steroiden rasch unterdrückt werden.

Prophylaxe[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Mehrere Studien haben ergeben, dass Probiotika das Auftreten der Antibiotika-assoziierten Diarrhoe verhindern können, indem sie prophylaktisch bzw. zeitgleich zu einer notwendigen Antibiotikatherapie verabreicht werden. So ergab zum Beispiel eine kontrollierte, randomisierte Doppelblindstudie aus dem Jahr 1999,[3] die mit 202 Kindern im Alter von 6 Monaten bis 10 Jahren durchgeführt wurde (wovon 188 in die Auswertung einflossen), dass bei 25 von 95 Kindern der Placebogruppe, aber nur bei 7 von 93 Kindern der mit Lactobacillus rhamnosus GG behandelten Kinder (= Verumgruppe) Durchfälle nach der notwendigen Antibiotikatherapie auftraten. In einer weiteren kontrollierten, randomisierten Doppelblindstudie aus dem Jahr 2005, welche mit 269 Kinder im Alter von 6 Monaten bis 14 Jahren durchgeführt wurde (wovon 246 in die Auswertung einflossen), konnte gezeigt werden, dass sich das Risiko einer Antibiotika-assoziierten Diarrhoe durch die zeitgleiche Einnahme von Saccharomyces boulardii deutlich senkte. In der Placebogruppe erkrankten 22 von 127 Kindern an einer Antibiotika-assoziierten Diarrhoe, hingegen führte die Einnahme von Saccharomyces boulardii lediglich bei 4 von 119 Kindern zu dieser Art von Durchfällen.[4] Eine weitere Studie verwendete parallel zur Antibiotikagabe eine definierte Menge Joghurt (227 g) als Nahrungsergänzung. Ergebnis: Die Gabe von Joghurt halbierte die Zahl der Patienten mit Durchfällen und reduzierte noch deutlicher die Gesamtzahl der Tage mit Durchfall: Nur 12 % (gegenüber 24 %) klagten in der Joghurtgruppe über Durchfall; und 23 Durchfall-Tagen in der Joghurtgruppe standen 60 Durchfall-Tage in der Nicht-Joghurtgruppe gegenüber.[5]

Eine Metaanalyse, in der neun randomisiert kontrollierte Studien ausgewertet wurden, kommt zu dem Schluss, dass Probiotika bei der Prävention der Antibiotika-assoziierten Diarrhoe hilfreich sind. Saccharomyces boulardii und Lactobacillus sind bei dieser Indikation am wirksamsten.[6] Hierbei sollte jedoch beachtet werden, dass Bakterien (wie z. B. Lactobacillen) von Antibiotika angegriffen werden und somit eine zeitversetzte Einnahme zum Antibiotikum zu erfolgen hat. Auch die gleichzeitige Einnahme von Milchprodukten ist bei Antibiotika der Tetrazyklin-Gruppe und so genannten Gyrasehemmern nicht möglich, da ansonsten die Wirkung der Antibiotika verloren geht;[7] diese genannten Antibiotika sollten deshalb immer mindestens zwei bis drei Stunden zeitversetzt zum Verzehr von Milchprodukten eingenommen werden.

Siehe auch[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • W. L. George, R.D. Rolfe, V. L. Sutter, S. M. Finegold: Diarrhea and colitis associated with antimicrobial therapy in man and animals. In: Am J Clin Nutr., Jan. 1979, 32(1), S. 251–257
  • A. H. Lishman, I. J. Al-Jumaili, C. O. Record: Spectrum of antibiotic-associated diarrhoea. Gut. Jan. 1981, 22(1), S. 34–37
  • E. Mylonakis, E. T. Ryan, S. B. Calderwood: Clostridium difficile-associated diarrhea: a review. In: Arch Intern Med, 2000, 161, S. 525–533
  • C. Van Dessel, J. Flamaing, M. Hiele: Antibiotic associated diarrhea and Clostridium difficile associated diarrhea in the elderly. In: Tijdschr Gerontol Geriatr. Dez. 2005, 36(6), S. 247–50
  • J. A. Vanderhoof, D. B. Whitney, D. L. Antonson, T. L. Hanner, J. V. Lupo, R. J. Young: Lactobacillus GG in the prevention of antibiotic-associated diarrhea in children. In: J Pediatr. 1999 Nov, 135(5), S. 535–537, PMID 10547243.
  • R. S. Beniwal, V. C. Arena, L. Thomas et al.: A randomized trial of yoghurt for prevention of antibiotic-associated diarrhea. In: Dig Dis Sci 2003, 48, S. 2077–2082
  • Burkhard Göke, Frank Kolligs, Christian Rust: Interner Klinikleitfaden. München 2005, ISBN 3-00-017647-0

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. a b L. V. McFarland: Antibiotic-associated diarrhea: epidemiology, trends and treatment. In: Future microbiology. Band 3, Nummer 5, Oktober 2008, S. 563–578, doi:10.2217/17460913.3.5.563, PMID 18811240 (Review).
  2. Joël Doré: Die Wirkung von Darmbakterien geht über den Verdauungstrakt hinaus. (Memento vom 18. Juni 2012 im Internet Archive) 11. Juni 2012, abgerufen 16. Juni 2012 (INSA)
  3. JA Vanderhoof et al.
  4. M. Kotowska, P. Albrecht, H. Szajewska: Saccharomyces boulardii in the prevention of antibiotic-associated diarrhoea in children: a randomized double-blind placebo-controlled trial. In: Alimentary pharmacology & therapeutics. Band 21, Nummer 5, März 2005, S. 583–590, doi:10.1111/j.1365-2036.2005.02356.x, PMID 15740542.
  5. R. S. Beniwal et al., 2003
  6. A. L. D'Souza, C. Rajkumar, J. Cooke, C. J. Bulpitt: Probiotics in prevention of antibiotic associated diarrhoea: meta-analysis. In: BMJ (Clinical research ed.). Band 324, Nummer 7350, Juni 2002, S. 1361, PMID 12052801, PMC 115209 (freier Volltext) (Review).
  7. Interaktionen mit Antibiotika. Focus
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