Arbeiterselbstverwaltung

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Dieser Artikel befasst sich mit der Arbeiterselbstverwaltung in der SFR Jugoslawien. Für die Selbstverwaltung als alternative Unternehmensform siehe Kollektive Selbstverwaltung.
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Arbeiterselbstverwaltung (serbokroatisch: radničko samoupravljanje, slowenisch: delavsko samoupravljanje, mazedonisch: работничко самоуправување) bezeichnet das in der SFR Jugoslawien praktizierte Wirtschafts- bzw. Unternehmensmodell.

Entstehung der Arbeiterselbstverwaltung in Jugoslawien[Bearbeiten]

In den Jahren 1945 bis 1948 wurden die Unternehmen in Jugoslawien verstaatlicht. Am 28. Juni 1948 wurde Jugoslawien wegen ideologischer Abweichung aus dem Kominform ausgeschlossen. Damit versuchte Josef Stalin, ein Exempel gegen die Versuche einer von der Sowjetunion unabhängigen Entwicklung des Sozialismus zu statuieren, wie er in Ansätzen auch in anderen Staaten des Ostblocks (Bulgarien und Ungarn) zu beobachten war. Jugoslawien war nun politisch und wirtschaftlich isoliert. In dieser Krisensituation kam es zu ersten „Beratungen zwischen Unternehmensleitungen, ehemaligen Widerstandskämpfern und den besten Arbeitern“, aus denen die Einführung von Arbeiterräten in zunächst 215 Betrieben entstand. Ziel der nun entstehenden Arbeiterselbstverwaltung war einerseits die Demokratisierung der Wirtschaft, andererseits auch eine Effizienzsteigerung gegen die schon früh sichtbaren Bürokratisierungstendenzen in der zuvor als zentrale Planwirtschaft geführten Ökonomie Jugoslawiens.[1] Räte wurden schließlich zwischen 1950 bis 1953 in allen Betrieben eingeführt, 1957 wurden zusätzlich in den einzelnen Abteilungen der Betriebe (ekonomske jednice) Arbeiterräte eingeführt.[2]

Praktische Konsequenzen der Arbeiterselbstverwaltung waren:

  • die Beschäftigten eines Unternehmens wählten den Direktor
  • die Beschäftigten entschieden über Investitionen, Löhne, Produktionsplanung usw., allerdings innerhalb eines festgelegten Rahmens, der die Ausplünderung des Betriebs verhindern sollte.

Die Unternehmensform größerer Betriebe mit Arbeiterselbstverwaltung wurde als SOUR (Složena organizacija udruženoga rada, dt.: Zusammengesetzte Organisation der vereinigten Arbeit) bezeichnet.

Vorbildfunktion für andere Staaten[Bearbeiten]

Die Führung der ČSSR unter Alexander Dubček begann 1968 mit der Einführung der Arbeiterselbstverwaltung, die aber nach der Absetzung Dubčeks wieder abgeschafft wurde. Michail Gorbatschow sprach sich Ende der 1980er Jahre für eine Arbeiterselbstverwaltung in der Sowjetunion aus.[3]

Probleme und Kritik[Bearbeiten]

Der zur Praxis-Gruppe gehörende Philosoph Mihailo Marković kritisierte 1971 an der Arbeiterselbstverwaltung in Jugoslawien:[4]

„Trotz der Bedeutung, die die Selbstverwaltung in der offiziellen Theorie und in der Öffentlichkeit beigemessen wird, ist sie nicht in dem Maße entwickelt, wie es eigentlich möglich wäre: Sie wird vielmehr ständig durch bürokratische Elemente in ihrer Entwicklung behindert, und ihre materielle Basis ist ausgesprochen schwach.“

Ökonomische Analyse[Bearbeiten]

Die Idee der Arbeiterselbstverwaltung wird auch in den Wirtschaftswissenschaften diskutiert. Auch wenn die ökonomische Literatur sich vielfach auf das jugoslawische Modell bezieht, sind die Erkenntnisse nicht auf die jugoslawische Form der Arbeiterselbstverwaltung beschränkt und sind daher im Artikel Kollektive Selbstverwaltung#Ökonomische Analyse beschrieben.

Perspektiven einer Ausweitung der Selbstverwaltung[Bearbeiten]

Mit der neuen Verfassung Jugoslawiens von 1963 wurde die bislang nur in den Betrieben geltende Selbstverwaltung in Ansätzen auch auf andere Bereiche ausgedehnt. Der zur Praxis-Gruppe gehörende Philosoph Veljko Cvjetičanin sah in der Selbstverwaltung in den Betrieben nur einen ersten Schritt hin zu einer Selbstverwaltung in allen Bereichen der Politik. Dann entstehe

„[…] aus den technologischen Wirtschaftsverhältnissen eine neue, politische Selbstverwaltungsstruktur, die allmählich jedes staatsparteiliche Monopol, wie es in den ersten Entstehungsphasen des Sozialismus unumgänglich ist, begrenzt und überflüssig macht. Durch Formen der direkten Demokratie entwickelt sich das Selbstverwaltungssystem gegenüber dem Ein- oder Mehrparteiensystem, das stets die Herrschaft durch den Staat bedeutet.“

Durch die konsequente Ausweitung der Selbstverwaltung komme es zum „Verschwinden der Schicht der professionellen Leitenden, denen die Politik als Herrschaft über Menschen Lebensberuf ist.“[2]

Auch Mihailo Marković forderte,[4] die Arbeiterselbstverwaltung dürfe

„[…] nicht auf ihre historisch bedingten Anfangsformen, wie sie augenblicklich in Jugoslawien bestehen, beschränkt bleiben. Das bedeutet zum ersten, daß sie nicht nur auf die Produktionsverhältnisse im Rahmen der Unternehmungen und der lokalen Organe der Gesellschaftsverwaltung begrenzt werden darf. Eine endgültige Überwindung des Bürokratismus ist erst dann möglich, wenn die Selbstverwaltung bis in die Spitze ausgebaut wird, das heißt, wenn auch die zentralen Staatsorgane zu Selbstverwaltungsorganen werden.“

Siehe auch[Bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Vgl. Todor Kulijc: Der flexible Feind. Zur Rolle des Antibürokratismus bei der Legitimierung von Titos Selbstverwaltungssystem, in: JahrBuch für Forschungen zur Geschichte der Arbeiterbewegung, Heft III/2011.
  2. a b Veljko Cvjetičanin: Die Entwicklung der Selbstverwaltung in Jugoslawien. In: Rudi Supek und Branko Bošnjak (Hrsg.): Jugoslawien denkt anders. 1971, ISBN 3-203-50242-2, S. 243ff.
  3. Theodor Bergmann: Arbeiterselbstverwaltung. In: Historisch-Kritisches Wörterbuch des Marxismus. Band 1, S. 487.
  4. a b Mihailo Marković: Sozialismus und Selbstverwaltung. In: Rudi Supek und Branko Bošnjak (Hrsg.): Jugoslawien denkt anders. 1971, ISBN 3-203-50242-2, S. 215ff.

Literatur[Bearbeiten]

Deutschsprachige Monographien[Bearbeiten]

  • Viktor Meier: Das neue jugoslawische Wirtschaftssystem. 1956.
  • Harry Schleicher: Das System der betrieblichen Selbstverwaltung in Jugoslawien. 1961.
  • Karl Heinz Jäger: Arbeiterselbstverwaltung und gesellschaftliches Eigentum. Ein Beitrag zum Status jugoslawischer Unternehmen. 1969.
  • Herwig Roggemann: Das Modell der Arbeiterselbstverwaltung in Jugoslawien. 1970.
  • Ernest Mandel (Hrsg.): Arbeiterkontrolle, Arbeiterräte, Arbeiterselbstverwaltung. Eine Anthologie. 1971, ISBN 3-434-10032-6.
  • Milojko Drulović: Arbeiterselbstverwaltung auf dem Prüfstand. Erfahrungen in Jugoslawien. 1976, ISBN 3-8012-1087-1.
  • Gudrun Lemân: Das jugoslawische Modell: Wege zur Demokratisierung. 1976, ISBN 3-434-10082-2.
  • Hans-Erich Gramatzki und Gudrun Lemân: Arbeiterselbstverwaltung und Mitbestimmung in den Staaten Osteuropas. 1977, ISBN 3-7716-2097-X.
  • Ekkhart Stein: Arbeiterselbstverwaltung. Lehren aus dem jugoslawischen Experiment. 1980, ISBN 3-7663-0422-4.
  • Gabriele Herbert: Das Einfache, das schwer zu machen ist. Selbstverwaltung in Jugoslawien, ein Beispiel für die Probleme von Übergangsgesellschaften. 1982, ISBN 3-8015-0182-5.

Deutschsprachige Artikel[Bearbeiten]

  • Todor Kulijc: Der flexible Feind. Zur Rolle des Antibürokratismus bei der Legitimierung von Titos Selbstverwaltungssystem, in: JahrBuch für Forschungen zur Geschichte der Arbeiterbewegung, Heft III/2011.
  • Elmar Wolfstetter: Die betriebliche Arbeiterselbstverwaltung in Jugoslawien. In: Zeitschrift für Betriebswirtschaft. Jg. 39., 1969, ISSN 0044-2372, S. 737–752.
  • Gudrun Lemân: Arbeiterselbstverwaltung und Gewerkschaften in Jugoslawien. In: Aus Politik und Zeitgeschichte. Jg. 1982, Heft B29/30, S. 27–38.
  • Rudi Supek: Probleme und Erfahrungen der jugoslawischen Arbeiterselbstverwaltung. In: Klaus-Detlev Grothusen, Othmar Nikola Haberl & Wolfgang Höpken (Hrsg.): Jugoslawien am Ende der Ära Tito. Band 2, 1986, ISBN 3-486-51411-3, S. 159–185.
  • Artikel Arbeiterselbstverwaltung, Jugoslawisches Unternehmensmodell und Jugoslawisches Wirtschaftssystem. In: Vahlens Großes Wirtschaftslexikon. 2. Aufl., Band 1, 1993, ISBN 3-8006-1698-X.

Fremdsprachige Publikationen[Bearbeiten]

  • Josip Obradović (Hrsg.): Workers' self-management and organizational power in Yugoslavia. 1978, ISBN 0-916002-30-6.
  • Hans Dieter Seibel, Ukandi G. Damachi: Self-management in Yugoslavia and the developing world. 1982, ISBN 0-333-27433-4.
  • Stephen R. Sacks: Self-management and efficiency : large corporations in Yugoslavia. 1983, ISBN 0-04-334008-3.
  • Artikel Delavsko samoupravljanje. In: Enciklopedija Slovenije. Band 2, 1988.


Weblinks[Bearbeiten]