Aufzeichnungen aus einem Totenhaus

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Aufzeichnungen aus einem Totenhaus (russisch Записки из Мёртвого дома, deutsche Transkription Sapiski is Mjortwowo doma) ist eine Prosaarbeit von Fjodor Michailowitsch Dostojewski, an der er seit 1856 gearbeitet hatte und die er vom Herbst 1861 bis Ende 1862 in seiner Zeitschrift Wremja veröffentlichte. Das Werk ist kein Roman, weil ein Roman begrifflich eine Handlung verlangt. Im "Toten Haus" passiert nichts, alles ist tot[1].

Handlung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Dostojewski schildert darin präzise und authentisch in Szenen und Beschreibungen das Leben in einem sibirischen Gefängnislager anhand eigener Erfahrungen während der Zeit seiner Verbannung (Katorga) von 1849 bis 1853.

Die Aufzeichnungen werden vom fiktiven Insassen Alexánder Petrówitsch Gorjántschikow verfasst, der wegen des Mordes an seiner Frau deportiert und zu zehn Jahren Zwangsarbeit verurteilt wurde. Aufgrund seiner adligen Herkunft wird er anfangs nicht nur vom Gefängnispersonal, sondern auch durch seine Mitgefangenen aus niedrigeren Schichten schikaniert, lebt sich während seiner Haft aber mehr und mehr in die Gemeinschaft ein.

Dostojewski porträtiert in dem Buch etwa 90 der 150 Gefangenen und Aufseher des Lagers. Von den teils grausamen Offizieren bis zu den in der Gefängnishierarchie tief unten stehenden Polen, über die Schmuggler bis selbst zu den Hunden bildet er alle Typen des Lagers ab und konfrontiert ihre Charaktere in der isolierten Lagersituation fast wie in einem Versuchsaufbau. Seine Kritik gilt sinnlosen und entwürdigenden Maßnahmen wie der Fesselung Schwerkranker und verweigerter Hygiene, aber auch der Stigmatisierung der Sträflinge und ihrer unterschiedslosen Behandlung, die weichere und geistig bedürftigere Gefangene ungleich schwerer trifft.

„Geld ist geprägte Freiheit“ schreibt Dostojewski und es ist in der Parallelwelt der Häftlinge besonders kostbar. Obwohl bei Prügelstrafe verboten, besteht ein lebhafter Handel mit Branntwein, Tee, Tabak und allen möglichen Waren und Dienstleistungen. Aber die Kopeken und Silberrubel haben wegen der ständigen Gefahr des Diebstahls oder der Konfiskation nicht den üblichen Wertaufbewahrungscharakter des Geldes, sondern müssen rasch ausgegeben werden, wie man das bei extremer Inflation kennt.

Rezeption[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Leoš Janáček benutzte den Stoff als Vorlage für seine letzte Oper Aus einem Totenhaus (Originaltitel: Z mrtvého domu), die 1930 postum uraufgeführt wurde.

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. zur literaturwissenschaftlichen/gattungspoetischen Einordnung siehe  Jacques Catteau: De la structure de la maison des morts. In: Revue des études slaves. 1982, ISSN 0080-2557, S. 63 - 72.; Horst-Jürgen Gerigk: Dostoevskijs "Aufzeichnungen aus einem Totenhaus": Täterliteratur mit vierfachem Schriftsinn. In: Ulrike Jekutsch, Walter Kroll (Hrsg.): Slavische Literaturen im Dialog. Festschrift für Reinhard Lauer zum 65. Geburtstag. Wiesbaden 2000, S. 247 - 254.