Börneplatzkonflikt

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Zur Navigation springen Zur Suche springen

Der Börneplatzkonflikt war eine im Jahr 1987 deutschlandweit ausgetragene Debatte um den Umgang mit den Zeugnissen jüdischer Geschichte nach dem Holocaust.

1987 wurden bei Bauarbeiten für ein Verwaltungsgebäude am Frankfurter Börneplatz Fundamente von 19 Häusern der Frankfurter Judengasse entdeckt. Es handelte sich um den bis dahin größten archäologischen Fund einer jüdischen Siedlung aus der Frühen Neuzeit in Europa. Mit der Ausgrabung entbrannte ein öffentlicher Konflikt um die Frage, wie mit diesen Zeugnissen einer verdrängten jüdischen Geschichte umzugehen sei.

Vorgeschichte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Nach der Aufhebung des Ghettozwanges 1811 verließen die wohlhabenderen Bewohner nach und nach die enge und dichtbesiedelte Judengasse, die zu einem Armenviertel wurde und allmählich verfiel. 1874 wurden zunächst die mittlerweile als unbewohnbar geltenden Häuser auf der Westseite abgerissen, 1884 bis auf wenige Ausnahmen auch die auf der Ostseite. Zu den erhalten gebliebenen Gebäuden zählten unter anderem das Haus zum Grünen Schild, Stammhaus der Familie Rothschild, und die Hauptsynagoge. 1885 wurde die Gasse verbreitert, neubebaut und nach einem ihrer berühmtesten Bewohner, dem Publizisten Ludwig Börne, in Börnegasse umbenannt.

An deren südlichem Ende errichteten die orthodoxen Mitglieder der jüdischen Gemeinde die Börneplatzsynagoge. Im Novemberpogrom 1938 wurde sie zerstört, ihre Ruinen auf Kosten der Gemeinde abgetragen und das Grundstück zwangsweise an die Stadt abgetreten. Bereits 1935 waren die Börnegase und der Börneplatz wegen ihres jüdischen Namensgebers in Dominikanergasse und Dominikanerplatz umbenannt worden, nach dem gegenüber der Synagoge gelegenen Dominikanerkloster. Große Teile des 1828 geschlossenen alten jüdischen Friedhofs an der Battonnstraße wurde gegen Ende des Zweiten Weltkriegs durch die nationalsozialistische Stadtverwaltung zerstört.

Nach Kriegsende blieb das Trümmergelände Eigentum der Stadt Frankfurt. 1946 ließ die alliierte Militärverwaltung eine Gedenktafel für die Börneplatzsynagoge errichten. Beim Wiederaufbau ab 1952 wurde anstelle der früheren Börnegasse ein breiter Straßendurchbruch, die Kurt-Schumacher-Straße, durch das ehemals dichtbebaute Gelände geschlagen. Auf dem Dominikanerplatz entstanden eine Blumengroßmarkthalle und eine Tankstelle, die schon Ende der 1970er Jahre wieder abgerissen wurden. 1978 wurde der Dominikanerplatz auf Initiative des deutsch-jüdischen Historikers Paul Arnsberg wieder in Börneplatz rückbenannt. Erneute Vorschläge, hier eine Gedenkstätte zur Erinnerung an die frühere Börneplatzsynagoge und die jüdischen Opfer des Nationalsozialismus zu errichten, fanden keine ausreichende Unterstützung.[1]

Archäologische Funde[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

1984 schrieb die Stadt einen Wettbewerb für den Neubau eines Kundenzentrums für die Stadtwerke Frankfurt am Main aus, das hier errichtet werden sollte. Es war abzusehen, dass dabei auch Spuren des früheren Ghettos und der zerstörten Synagoge auftauchen würden. Gegen die Überbauung des Platzes wurde daher schon frühzeitig protestiert, auch seitens der jüdischen Gemeinde. Sie forderte, der historischen Bedeutung des Börneplatzes für die jüdische Geschichte der Stadt durch entsprechende bauliche Maßnahmen gerecht zu werden. Ihren Forderungen wurde insoweit entsprochen, als die Fläche des heutigen Neuen Börneplatzes neben dem jüdischen Friedhof nicht bebaut wurde. Hier entstand bis 1996 die Gedenkstätte Neuer Börneplatz.[2]

Tatsächlich wurden im Frühjahr 1987 Fundamente von Häusern der Judengasse sowie zwei Mikwen, jüdische Ritualbäder, freigelegt. Die Bauarbeiten wurden jedoch weiter vorangetrieben. Auch Überreste der 1938 zerstörten Synagoge wurden beseitigt. Um die fortgesetzte Zerstörung der Fundamente zu stoppen, besetzten protestierende Bürger am 28. August 1987 den Börneplatz. Am 2. September wurde der Platz von der Polizei geräumt. Daraufhin wurden ein Bauzaun errichtet und die Baustelle abgeriegelt, um die Arbeiten fortsetzen zu können, so wie von der Stadtverordnetenversammlung beschlossen. Die Bürgerinitiative „Rettet den Börneplatz“ warf der Stadt „Geschichtsentsorgung“ und die Verdrängung der jüdischen Geschichte vor.

Öffentliche Debatte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Museum Judengasse am Börneplatz

Der zunächst lokale Konflikt zog bald weitere Kreise und beschäftigte die Öffentlichkeit in der ganzen Bundesrepublik. Verschiedene Vertreter des Judentums in Frankfurt und Deutschland und andere Persönlichkeiten wie Ignatz Bubis, Michel Friedman, Eva Demski und Valentin Senger äußerten sich zu dem Streit. Der Publizist Micha Brumlik sprach vom „Kampf um den Börneplatz“ als einem „Beitrag zu jenem Kampf um die Erinnerung in der deutschen Gesellschaft, ohne dessen Gelingen die jüdische Existenz hierzulande auf tönernen Füßen stehen dürfte“.[3]

Die Demonstranten forderten einen vollständigen Erhalt der Ruinen, während Stadtwerke und Stadtverwaltung auf der Realisierung des Bauvorhabens bestanden. Schließlich wurde zwischen der Stadt Frankfurt und der jüdischen Gemeinde ein Kompromiss ausgehandelt: Fünf der entdeckten Hausfundamente und zwei Mikwen wurden abgetragen, konserviert und im Kellergeschoss des Verwaltungsgebäudes am originalen Platz wiederaufgebaut. Sie bilden bis heute den Mittelpunkt des 1992 eröffneten Museum Judengasse. Es wurde in die Zuständigkeit des 1988 eröffneten Jüdischen Museums Frankfurt gegeben. Die erste Ausstellung in dem neuen Museum widmete sich der Geschichte des Börneplatzkonflikts. Von vielen Beteiligten wurde der Kompromiss, die Einrichtung eines Museums im Keller des neuen Gebäudes, jedoch mit Enttäuschung aufgenommen und als unbefriedigende Verlegenheitslösung abgelehnt.

1996 wurde die Gedenkstätte Neuer Börneplatz für die 11.908 Frankfurter Opfer der Schoa eingeweiht. Gemeinsam mit dem Museum Judengasse und dem angrenzenden alten jüdischen Friedhof bilden diese drei Orte seither ein historisches und erinnerungspolitisches Ensemble. 2016 wurde das Museum Judengasse mit neuem Konzept und einer Dauerausstellung wiedereröffnet und beleuchtet seither jüdisches Alltagsleben in Frankfurt während der frühen Neuzeit. In seinem ersten Raum werden die Geschichte des Ortes und der Börneplatz-Konflikt behandelt.

Siehe auch[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Felicitas Heimann-Jelinek: Ort der Erinnerung: Von der Judengasse zum Börneplatz. In: Fritz Backhaus / Raphael Gross / Sabine Kößling / Mirjam Wenzel (Hrsg.): Die Frankfurter Judengasse. Katalog zur Dauerausstellung des Jüdischen Museums Frankfurt. Geschichte, Politik, Kultur. C.H. Beck Verlag, München 2016, ISBN 978-3-406-68987-1, S. 41–61.
  • Hans-Otto Schembs: Der Börneplatz in Frankfurt am Main. Ein Spiegelbild jüdischer Geschichte. Verlag Waldemar Kramer, Frankfurt am Main 1987, ISBN 3-7829-0344-7
  • Dieter Bartetzko, Roswitha Nees, (Hg.): Stationen des Vergessens: Der Börneplatz-Konflikt. Begleitbuch zur Eröffnungsausstellung, Museum Judengasse. Societäts-Verlag Frankfurt am Main 1992, ISBN 3-9802125-5-6.
  • Michael Best (Hg.): Der Frankfurter Börneplatz: Zur Archäologie eines politischen Konflikts. Fischer Taschenbuch, Frankfurt am Main 1988, ISBN 978-3-596-24418-8.
  • Walter Boehlich: Das Loch von Frankfurt. Der Börneplatz alias Karmeliterplatz alias Judenmarkt: ein Fall von Vergangenheitsbewältigung, in: DIE ZEIT, 10. Juli 1987

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Bartetzko, Dieter, Nees, Roswitha (Hg.): Stationen des Vergessens. Der Börneplatz-Konflikt. Begleitbuch zur Eröffnungsausstellung Museum Judengasse, Frankfurt am Main 1992, S. 131, 135.
  2. Bartetzko, Dieter, Nees, Roswitha (Hg.): Stationen des Vergessens. Der Börneplatz-Konflikt. Begleitbuch zur Eröffnungsausstellung Museum Judengasse, Frankfurt am Main 1992, S. 146ff.
  3. Micha Brumlik: Erinnern und Erklären. Unsystematische Überlegungen eines Beteiligten zum Börneplatz-Konflikt, in: Babylon. Beiträge zur jüdischen Gegenwart 3 (1988), S. 17.