Börneplatzkonflikt

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Der Börneplatzkonflikt war eine im Jahr 1987 deutschlandweit ausgetragene Debatte um den Umgang mit den Zeugnissen jüdischer Geschichte nach dem Holocaust.

1987 wurden bei Bauarbeiten für ein Verwaltungsgebäude am Frankfurter Börneplatz Fundamente von 19 Häusern der Frankfurter Judengasse entdeckt. Sie war 1462 als erstes jüdisches Ghetto Europas eingerichtet worden und war über lange Zeit eines der bedeutendsten kulturellen Zentren des deutschsprachigen, aschkenasischen Judentums. Es handelte sich um den bis dahin größten archäologischen Fund einer jüdischen Siedlung aus der Frühen Neuzeit in Europa. Mit der Ausgrabung entbrannte ein öffentlicher Konflikt um die Frage, wie mit diesen Zeugnissen einer verdrängten jüdischen Geschichte umzugehen sei.

Vorgeschichte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Von der Einrichtung des Ghettos 1462 an lebten die Frankfurter Juden für rund 350 Jahre in diesem abgeschlossenen Wohnbezirk. 1796 brannte ein Teil des Viertels ab, als Frankfurt in den Revolutionskriegen von französischen Truppen beschossen wurde. Ein Teil der Bewohner verließ die Judengasse und ließ sich in christlichen Teilen der Stadt nieder. 1811 wurde der Ghettozwang endgültig aufgehoben. Mit der Abwanderung der Juden in andere Stadtviertel verfiel die Judengasse zusehends. Ab den 1860er Jahren wurde sie schrittweise abgerissen und die Gegend neu bebaut. 1885 wurde die frühere Gasse nach einem ihrer berühmtesten Bewohner, dem Publizisten Ludwig Börne, in Börnestraße umbenannt. An deren südlichem Ende errichteten die orthodoxen Mitglieder der jüdischen Gemeinde die Börneplatzsynagoge. Im Novemberpogrom 1938 wurde sie zerstört und die Ruinen auf Kosten der Gemeinde abgetragen. Bereits 1935 wurde der Platz wegen seines jüdischen Namensgebers in Dominikanerplatz umbenannt. Der angrenzende alte jüdische Friedhof an der Battonnstraße, der schon seit 1828 nicht mehr belegt wurde, blieb nach dem Abriss der Judengasse erhalten. Während des Zweiten Weltkriegs wurden Teile durch die nationalsozialistische Stadtverwaltung zerstört. Schon in den 1950er Jahren gab es erste Forderungen, an diesem Ort eine Gedenkstätte zu errichten, jedoch ohne Erfolg. Stattdessen entstanden auf der Brachfläche eine Blumengroßmarkthalle und eine Tankstelle. 1978 wurde der Dominikanerplatz auf Initiative des deutsch-jüdischen Historikers Paul Arnsberg wieder in Börneplatz rückbenannt. Erneute Vorschläge, hier eine Gedenkstätte zur Erinnerung an die frühere Börneplatzsynagoge und die jüdischen Opfer des Nationalsozialismus zu errichten, fanden keine ausreichende Unterstützung.[1]

Archäologische Funde[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

1984 schrieb die Stadt Frankfurt einen Wettbewerb für den Neubau eines Kundenzentrums für die Stadtwerke aus, das hier errichtet werden sollte. Es war abzusehen, dass dabei auch Spuren des früheren Ghettos und der zerstörten Synagoge auftauchen würden. Gegen die Überbauung des Platzes wurde daher schon frühzeitig protestiert, auch seitens der jüdischen Gemeinde. Sie forderte, der historischen Bedeutung des Börneplatzes für die jüdische Geschichte der Stadt durch entsprechende bauliche Maßnahmen gerecht zu werden. Ihren Forderungen wurde insoweit entsprochen, als die Fläche des heutigen Neuen Börneplatzes neben dem jüdischen Friedhof nicht bebaut wurde. Hier entstand bis 1996 die Gedenkstätte Neuer Börneplatz.[2]

Tatsächlich wurden im Frühjahr 1987 Fundamente von Häusern der Judengasse sowie zwei Mikwen, jüdische Ritualbäder, freigelegt. Die Bauarbeiten wurden jedoch weiter vorangetrieben. Auch Überreste der 1938 zerstörten Synagoge wurden beseitigt. Um die fortgesetzte Zerstörung der Fundamente zu stoppen, besetzten protestierende Bürger am 28. August 1987 den Börneplatz. Am 2. September wurde der Platz von der Polizei geräumt. Daraufhin wurden ein Bauzaun errichtet und die Baustelle abgeriegelt, um die Arbeiten fortsetzen zu können, so wie von der Stadtverordnetenversammlung beschlossen. Die Bürgerinitiative „Rettet den Börneplatz“ warf der Stadt „Geschichtsentsorgung“ und die Verdrängung der jüdischen Geschichte vor.

Öffentliche Debatte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Museum Judengasse am Börneplatz

Der zunächst lokale Konflikt zog bald weitere Kreise und beschäftigte die Öffentlichkeit in der ganzen Bundesrepublik. Verschiedene Vertreter des Judentums in Frankfurt und Deutschland und andere Persönlichkeiten wie Ignatz Bubis, Michel Friedman, Eva Demski und Valentin Senger äußerten sich zu dem Streit. Der Publizist Micha Brumlik sprach vom „Kampf um den Börneplatz“ als einem „Beitrag zu jenem Kampf um die Erinnerung in der deutschen Gesellschaft, ohne dessen Gelingen die jüdische Existenz hierzulande auf tönernen Füßen stehen dürfte“.[3]

Die Demonstranten forderten einen vollständigen Erhalt der Ruinen, während Stadtwerke und Stadtverwaltung auf die Realisierung des Bauvorhabens bestanden. Schließlich wurde zwischen der Stadt Frankfurt und der jüdischen Gemeinde ein Kompromiss ausgehandelt: Fünf der entdeckten Hausfundamente und zwei Mikwen wurden abgetragen, konserviert und im Kellergeschoss des Verwaltungsgebäudes am originalen Platz wiederaufgebaut. Sie bilden bis heute den Mittelpunkt des 1992 eröffneten Museum Judengasse. Es wurde in die Zuständigkeit des 1988 eröffneten Jüdischen Museums Frankfurt gegeben. Die erste Ausstellung in dem neuen Museum widmete sich der Geschichte des Börneplatzkonflikts. Von vielen Beteiligten wurde der Kompromiss, die Einrichtung eines Museums im Keller des neuen Gebäudes, jedoch mit Enttäuschung aufgenommen und als unbefriedigende Verlegenheitslösung abgelehnt.

1996 wurde am Neuen Börneplatz eine Gedenkstätte für die aus Frankfurt deportierten Jüdinnen und Juden eingeweiht. Gemeinsam mit dem Museum Judengasse und dem angrenzenden alten jüdischen Friedhof bilden diese drei Orte seither ein historisches und erinnerungspolitisches Ensemble. 2016 wurde das Museum Judengasse mit neuem Konzept und einer Dauerausstellung wiedereröffnet und beleuchtet seither jüdisches Alltagsleben in Frankfurt während der frühen Neuzeit. In seinem ersten Raum werden die Geschichte des Ortes und der Börneplatz-Konflikt behandelt.

Bedeutung des Konflikts[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Blick ins Museum Judengasse mit den Ruinen des ersten jüdischen Ghettos Europas

Der Konflikt stellte eine Zäsur im Verhältnis zwischen Juden und Nicht-Juden in der Nachkriegszeit dar und warf neue Fragen zur Erinnerungskultur in Deutschland auf. „Im Zusammenhang mit diesem Konflikt wurde das erste Mal in der deutschen Nachkriegsgeschichte die Frage gestellt, wie mit den Überresten materiellen jüdischen Kulturgutes adäquat umzugehen sei.“ Die Erinnerung fokussierte sich in den folgenden Jahren stark auf die Zeit des Nationalsozialismus und des Holocaust. Die ältere deutsch-jüdische Geschichte spielte kaum eine Rolle und wurde lediglich von wenigen Spezialisten erforscht. Die Diskussionen 1987 machten deutlich, dass Frankfurt eine große und weit zurückreichende jüdische Tradition besaß, die jedoch bis dahin kaum gewürdigt worden war.

Wenige Jahre vor dem Börneplatzkonflikt war bereits ein heftiger Streit um die Aufführung eines Theaterstücks von Rainer Werner Fassbinder ausgetragen worden: Als 1985 „Der Müll, die Stadt und der Tod“ aufgeführt werden sollte, gab es dagegen große Proteste. Dem Autor wurde wegen der Bezeichnung der anonymen Hauptfigur als „Der reiche Jude“ Antisemitismus vorgeworfen. In diesem Streit hatten sich erstmals jüdische Bürger Frankfurts mit öffentlichkeitswirksamen Aktionen wie der Besetzung der Bühne der Frankfurter Kammerspiele gegen antisemitische Diffamierung zur Wehr gesetzt. 1987 wurde erneut die Frage aktuell, ob im Umgang mit den archäologischen Funden antisemitische Ressentiments ans Tageslicht kämen.

Heftig gestritten wurde in der öffentlichen Auseinandersetzung um die Deutung der Ghettoreste: Waren sie eher Zeugnisse eines Schutzraumes oder Relikte jahrhundertelanger Ausgrenzung? Sollte – nach dem Höhepunkt des Historikerstreits – Geschichte im Museum „entsorgt“ werden? Führte ein direkter Weg von den frühneuzeitlichen zu den nationalsozialistischen Ghettos des Zweiten Weltkriegs, die Teil der nationalsozialistischen Vernichtungspolitik waren? Die Ausgrabungen lösten so eine grundsätzliche Debatte über das Verhältnis zwischen Juden und Nichtjuden in Frankfurt und Deutschland und seine historischen Wurzeln aus.

Siehe auch[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Felicitas Heimann-Jelinek: Ort der Erinnerung: Von der Judengasse zum Börneplatz. In: Fritz Backhaus / Raphael Gross / Sabine Kößling / Mirjam Wenzel (Hrsg.): Die Frankfurter Judengasse. Katalog zur Dauerausstellung des Jüdischen Museums Frankfurt. Geschichte, Politik, Kultur. C.H. Beck Verlag, München 2016, ISBN 978-3-406-68987-1, S. 41–61.
  • Hans-Otto Schembs: Der Börneplatz in Frankfurt am Main. Ein Spiegelbild jüdischer Geschichte. Verlag Waldemar Kramer, Frankfurt am Main 1987, ISBN 3-7829-0344-7
  • Dieter Bartetzko, Roswitha Nees, (Hg.): Stationen des Vergessens: Der Börneplatz-Konflikt. Begleitbuch zur Eröffnungsausstellung, Museum Judengasse. Societäts-Verlag Frankfurt am Main 1992, ISBN 3-9802125-5-6.
  • Michael Best (Hg.): Der Frankfurter Börneplatz: Zur Archäologie eines politischen Konflikts. Fischer Taschenbuch, Frankfurt am Main 1988, ISBN 978-3-596-24418-8.
  • Walter Boehlich: Das Loch von Frankfurt. Der Börneplatz alias Karmeliterplatz alias Judenmarkt: ein Fall von Vergangenheitsbewältigung, in: DIE ZEIT, 10. Juli 1987

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Bartetzko, Dieter, Nees, Roswitha (Hg.): Stationen des Vergessens. Der Börneplatz-Konflikt. Begleitbuch zur Eröffnungsausstellung Museum Judengasse, Frankfurt am Main 1992, S. 131, 135.
  2. Bartetzko, Dieter, Nees, Roswitha (Hg.): Stationen des Vergessens. Der Börneplatz-Konflikt. Begleitbuch zur Eröffnungsausstellung Museum Judengasse, Frankfurt am Main 1992, S. 146ff.
  3. Micha Brumlik: Erinnern und Erklären. Unsystematische Überlegungen eines Beteiligten zum Börneplatz-Konflikt, in: Babylon. Beiträge zur jüdischen Gegenwart 3 (1988), S. 17.