Bananenrepublik

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Wechseln zu: Navigation, Suche

Bananenrepublik ist die abwertende Bezeichnung für Staaten, in denen Korruption und Bestechlichkeit vorherrschen, deren Rechtssystem nicht funktioniert, deren wirtschaftliche oder politisch-moralische Verhältnisse von Ineffizienz und Instabilität geprägt sind oder in denen staatliche Willkür herrscht oder denen diese Eigenschaften zugeschrieben werden.

Allgemeines[Bearbeiten]

Der umgangssprachliche Begriff ist eine Lehnübersetzung des US-amerikanischen Begriffs banana republic.[1] Als Bananenrepubliken wurden ursprünglich die kleinen Staaten in den Tropen Mittelamerikas bezeichnet, die überwiegend vom Bananenexport abhängig waren und dabei auf fremdes Kapital – meist aus den USA – angewiesen waren.[2] Die Wehrlosigkeit eines Staates gegenüber Partialinteressen führt zu dessen Status als Bananenrepublik.[3]

Geschichte[Bearbeiten]

Diese Partialinteressen wirkten sich in Mittelamerika besonders deutlich aus. Anfangs wurden einzig solche Länder so bezeichnet, die nur oder vorwiegend Bananen exportierten bzw. produzierten. Der Begriff geht dabei vor allem auf die mittelamerikanischen Staaten wie etwa Honduras, Nicaragua oder Panama zurück, deren Politik und Staatsgeschäfte über Jahrzehnte durch den Einfluss der großen Südfruchtexporteure United Fruit Company (Chiquita)[4] und Standard Fruit Company (Dole) bestimmt wurde. Die wirtschaftliche Macht dieser US-amerikanischen Unternehmen war weitaus größer als die politische Macht der Regierungen oder gar der Bevölkerung dieser Länder. Ein früherer US-amerikanischer PR-Berater, Edward L. Bernays, war u. a. zuständig für die Öffentlichkeitsarbeit von United Fruit.

Im April 1907 installierten die USA in Honduras eine korrupte Diktatur durch Miguel R. Dávila, um die Interessen der United Fruit Company zu schützen. Bereits 1910 kontrollierten die US-Firmen 80 % der honduranischen Bananenpflanzungen.[5] Die Diktatoren Tiburcio Carías Andino und Juan Manuel Gálvez, die von 1933 bis 1948 bzw. von 1949 bis 1954 an der Macht waren, betätigten sich ebenfalls als Handlanger der United Fruit Company. Ähnlich verlief es 1930 in der Dominikanischen Republik mit Rafael Trujillo, in Guatemala 1954 mit Carlos Castillo Armas und in Chile 1973 mit Augusto Pinochet.[6] Die United Fruit Company kontrollierte in Guatemala nicht nur den Bananenhandel („Chiquita“), sondern auch die Post, den größten Hafen und die Stromversorgung des Landes.[7]

Ausweitung auf andere Staaten[Bearbeiten]

Der Begriff Bananenrepublik geht vermutlich auf den US-amerikanischen Schriftsteller O. Henry (eigentlich William Sydney Porter) zurück. In einer 1904 erschienenen Novelle, Cabbages and Kings (Kohlköpfe und Könige), heißt es, wohl unter Anspielung auf Honduras: „At that time we had a treaty with about every foreign country except Belgium and that banana republic, Anchuria“ („Zu dieser Zeit hatten wir mit fast jedem Land einen Vertrag geschlossen, mit Ausnahme von Belgien und dieser Bananenrepublik, Anchurien“). Der abschätzige, in der heutigen Form benutzte Begriff wurde 1935 erstmals verbreitet gebraucht. Der Ausdruck reflektierte zunächst den übermäßigen Einfluss von Bananenimporteuren. Der Begriff Bananenrepublik hat sich seitdem auf andere Staaten ausgeweitet und wird heute weltweit als negativer Ausdruck für einen Staat verwendet, in dem auf wirtschaftlichem, politischen oder rechtlichen Gebiet Korruption herrscht.[2]

Systemkritische Protestfahne
„BananenRepublik Deutschland“

Am 4. Mai 1981 titelte in Deutschland Der Spiegel „Wie in einer Bananenrepublik“ über die Geschäftspraktiken der deutschen Lebensversicherer.[8] Im Zusammenhang mit der Flick-Affäre griff der Spiegel den Begriff erneut auf: „Seit Mitte Dezember 1981 liefert Bonn eine neue Definition: BRD = Bananenrepublik Deutschland.“[9] Die Flick-Affäre entwickelte sich zu einem der größten Skandale der Nachkriegszeit. Dabei ging es um illegale Parteienfinanzierung durch Gelder vor allem des Unternehmers Friedrich Karl Flick. In diesem Zusammenhang wurde Bananenrepublik 1984 zu einem der Wörter des Jahres.[10]

Heutige Verwendung[Bearbeiten]

Der Begriff wird heute über Mittel- und Südamerika hinaus auch für andere Staaten verwendet, die die Attribute einer Bananenrepublik aufweisen. Hierzu zählen eine schwache Wirtschaft, die weitgehend von einem Exportartikel abhängig ist, politische Instabilität, Wirtschaft und Politik bestimmende mafiöse Strukturen, Auseinandersetzungen werden mit Waffengewalt ausgetragen, fehlende oder nicht funktionierende despotisch regierende Staatsmacht, lasche Gesetze und nicht funktionierende Strafverfolgung oder Versickerung.

Heute wird Bananenrepublik zum einen abwertend für Länder (meist der so genannten Dritten Welt) verwendet, in denen durch erhebliche Einflussnahme von ausländischen Unternehmen Korruption, Verbrechen, Vetternwirtschaft, persönliche Bereicherung auf Staatskosten und zweifelhafte Wahlen gefördert wurden. Zum anderen wird der Begriff aber auch als unscharfer Streitbegriff gegen Staaten in Stellung gebracht, deren politische Kultur mit Korruption und Willkür in Zusammenhang gebracht wird. Deshalb wird dieser Begriff abwertend auch in politischen Diskussionen und Polemiken über Industrieländer wie beispielsweise die Schweiz, Deutschland, Frankreich, Österreich, Griechenland oder Italien verwendet, wenn man ähnliche Praktiken (die teilweise verdeckt oder beschönigt werden) unterstellt oder kritisiert.

Sonstiges[Bearbeiten]

Banana Republic ist auch der Name einer hochpreisigen Modekette.

Literatur[Bearbeiten]

  • O. Henry: Cabbages and Kings.
  • Fritz Lietsch, Bernhard Michalowski (Hrsg.): Die Bananenrepublik: Skandale und Affären in der Bundesrepublik; eine Chronik, Heyne, München 1989, ISBN 3-453-03364-7; 2. Auflage (um die DDR erweitert), 1990, ISBN 3-453-03364-7.
  • Wolfhart Berg: Bananenrepublik Deutschland : Korruption - der ganz alltägliche Skandal, mvg, Landsberg am Lech 1997, ISBN 3-478-71830-9.
  • Steve Striffler, Mark Moberg: Banana Wars: Power, Production, and History in the Americas. Duke University Press, Durham (NC) 2003, ISBN 978-0-8223-3196-4

Weblinks[Bearbeiten]

 Wiktionary: Bananenrepublik – Bedeutungserklärungen, Wortherkunft, Synonyme, Übersetzungen
  • Thomas H. Holloway: Banana Republic. 18. November 1996 (archivierte Version, 12. Oktober 2008).

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Friedrich Kluge, Etymologisches Wörterbuch, 2002, S. 87
  2. a b  Renate Wahrig-Burfeind: Brockhaus Wahrig Deutsches Wörterbuch. Mit einem Lexikon der Sprachlehre. In: Digitale Bibliothek. 9., vollständig neu bearbeitete und aktualisierte Auflage. wissenmedia in der inmedia ONE GmbH, Gütersloh/München 2012, ISBN 978-3-577-07595-4 (CD-ROM-Ausgabe)., Stichwort »Bananenrepublik«
  3. Heinz Duthel, Korruption und Kapitalismus, 2014, S. 75
  4. Stephen Schlesinger, Stephen Kinzer, Bananen-Krieg – CIA-Putsch in Guatemala Ernst Kabel Verlag GmbH, Hamburg 1984, ISBN 3-921909-52-X.
  5. Robert J. McMahon/Thomas W. Zeiler, Guide to U.S. Foreign Policy: A Diplomatic History, 2012, S.112
  6. James H. Hill, The Everyday Language of White Racism, 2011, o. S.
  7. Dr. Wort (radio ffn), Mich laust der Affe: Neues aus der Welt der Redewendungen, 2012, o. S.
  8. DER SPIEGEL 19/1981 vom 4. Mai 1981, S. 79
  9. DER SPIEGEL 52/1981 vom 21. Dezember 1981, Rückspiegel-Zitat aus dem Handelsblatt, S. 182
  10. Gesellschaft für deutsche Sprache, Wort des Jahres 1984, Rang 5