Bildungsferne

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Bildungsferne bezeichnet den Zustand, dass ein Personenkreis oder eine Bevölkerungsschicht über ein vergleichsweise geringes Maß an Bildung verfügt bzw. dass ein Personenkreis durch das Bildungssystem nicht erreicht oder von diesem ausgeschlossen wurde. Der Begriff wird teils diskriminierend verwendet und ist nicht hinreichend definiert. Das statistische Bundesamt umschreibt ihn mit „Schüler, deren Eltern maximal über einen Hauptschulabschluss verfügen“.

Begriff[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Der Begriff „Bildungsferne“ wird widersprüchlich beschrieben. Eine personenbezogene Bedeutung meint, dass die betreffende Person über keinen oder nur einen niederen Schulabschluss verfügt und folglich auch keine Kenntnis des Lehrstoffs besitzt, der an Hochschulen unterrichtet wird. Die Person ist folglich weder in der Lage, ihren Kindern das für das „höhere“ Bildungssystem nötige Wissen zu vermitteln, noch die dort herrschenden Möglichkeiten und Praktiken.

Das Statistische Bundesamt beschreibt in seinem Bericht 2013[1] die Begriffe „bildungsnah“ und „bildungsfern“:

Bildungsfern
„Schülerinnen und Schüler, deren Eltern maximal über einen Hauptschulabschluss verfügen“
Bildungsnah
„Schülerinnen und Schüler, von denen mindestens ein Elternteil über eine Hochschulreife verfügt“

An Bekanntheit gewann der Begriff u. a. durch die Verwendung der Begriffe „Bildungsnähe“ und „Bildungsferne“ im Zusammenhang mit den Detailauswertungen der PISA-Studien; dort wurde festgestellt, dass Kinder „bildungsferner Eltern“ durchschnittlich deutlich schlechtere Ergebnisse erzielen als Kinder von Akademikern.

Kritik[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Der Begriff hat viele Unschärfen und wird deshalb von Kritikern wahlweise als diskriminierend, beschönigend oder unklar abgelehnt.

Fehlende Definition[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Eine allgemein akzeptierte Definition des Begriffs besteht nicht. Teilweise wird versucht, die Gruppe dieser Personen über persönliche Eigenschaften wie Geschlecht, Herkunft oder Erstsprache zu definieren. Andere Ansätze gehen in die Richtung, sie formal z. B. durch eine vergleichsweise geringe Anzahl an Bildungszertifikaten zu bestimmen.

Diskriminierung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Nationale Armutskonferenz, ein Zusammenschluss der fünf großen Wohlfahrts-Verbände Deutschlands und des Gewerkschaft, bezeichnete den Begriff als diskriminierend, da er die Schuld den Betroffenen zuschiebe. Man solle lieber von „vom Bildungswesen nicht erreichten Personen“ sprechen. Sie nahm ihn 2013 in ihre Liste der „sozialen Unwörter“ auf.[2]

Beschönigung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Der Begriff wird im Gegensatz hierzu teilweise auch als Euphemismus wahrgenommen; aus Sicht der Kritiker solle das Wort „bildungsfern“ z. B. das Wort „ungebildet“ beschönigend ersetzen. Dadurch bekomme es zunehmend den gleichen abwertenden Inhalt (siehe Euphemismus-Tretmühle). Andere verwenden hingegen bewusst den Begriff „bildungsfern“, weil er kein absoluter Begriff ist, anders als „ungebildet“, der nicht nur unterstellt, dass die betreffenden Menschen über wenig, sondern über keinerlei Bildung verfügen.

Falsche Raummetaphorik[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Gegen den Begriff der Bildungsferne hat sich auch der Erziehungsphilosoph Roland Reichenbach verschiedentlich geäußert. Unter anderem macht er darauf aufmerksam, dass die Raummetaphorik des Adjektivs „bildungsfern“ suggeriere, dass die Nähe oder Ferne zu Bildung graduell bestimmbar sei. Zudem gibt er zu bedenken, dass Bildungsferne kein wissenschaftlicher Begriff, sondern eher eine rhetorische Diskursvokabel sei, die in politisch korrekter Weise benutzt werde: Statt von „ungebildeten“ werde einfach von „bildungsfernen“ Menschen gesprochen.[3]

Siehe auch[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Axel Bolder, Wolfgang Hendrich: Fremde Bildungswelten. Alternative Strategien lebenslangen Lernens. Leske + Budrich, Opladen 2000, ISBN 3-8100-2884-3 (Studien zu Erziehungswissenschaft und Bildungsforschung 18).
  • Pierre Bourdieu, Patrick Champagne: Die intern Ausgegrenzten. In: Pierre Bourdieu u. a.: Das Elend der Welt. Zeugnisse und Diagnosen alltäglichen Leidens an der Gesellschaft. UVK, Konstanz 1997, ISBN 3-87940-568-9, S. 527–533 (Edition discours 9).
  • Heinz Bude: Die Ausgeschlossenen. Das Ende vom Traum einer gerechten Gesellschaft. Carl Hanser, München 2008, ISBN 978-3-446-23011-8.
  • Helmut Dornmayer: Weiterbildung für „bildungsferne“ ArbeitnehmerInnen. Forschungsbericht des IBE. Institut für Berufs- und Erwachsenenbildungsforschung an der Universität Linz, Linz 2002.
  • Ingolf Erler: Der Bildung ferne bleiben. Was meint „Bildungsferne“? In: MAGAZIN erwachsenenbildung.at. Das Fachmedium für Forschung, Praxis und Diskurs. 10, 2010 (PDF; 3,6 MB).
  • Peter Faulstich: Lernen und Widerstände. In: Peter Faulstich, Mechthild Bayer (Hrsg.): Lernwiderstände. Anlässe für Vermittlung und Beratung. VSA-Verlag, Hamburg 2006, ISBN 3-89965-150-2, S. 7–25.
  • Birgit Hammerer: Thematische Handreichung: Neue Lernkulturen. Institute for Future Studies 2006.
  • Daniela Holzer: Widerstand gegen Weiterbildung. Weiterbildungsabstinenz und die Forderung nach lebenslangem Lernen. LIT-Verlag, Münster u. a. 2004, ISBN 3-8258-7507-5 (Arbeit – Bildung – Weiterbildung 3).
  • Monika Kastner: BiKoo – Bildungskooperative Oberes Waldviertel. Evaluation des Ziel-3-Projektes „BildungseinsteigerInnen“. Bundesministerium für Bildung – Wissenschaft und Kultur – Abt. Erwachsenenbildung V/8 Wien 2006 (Materialien zur Erwachsenenbildung. 1, 2006), online (PDF; 1,6 MB).
  • Monika Kastner: Angebote für Bildungsferne als Instrument Lernender Regionen. In: ÖIEB (Red.): Handbuch Lernende Regionen. Band 3: Bundesweite Instrumente. 3. Auflage. BMLFUW, Wien 2008, S. 89–97.
  • Ingo Mörth, Susanne Ortner, Michaela Gusenbauer: Niedrigqualifizierte in Oberösterreich – der Weg in die Weiterbildung. (Unter Mitarbeit von Sandra Kettner, Andrea Palmetshofer und Alfons Stadlbauer). Universität Linz, Linz 2005.
  • Netzwerk Mensch zuerst: Dafür kämpfen wir: Wir wollen „Menschen mit Lernschwierigkeiten“ genannt werden! 2005–2008.
  • Bernhard Obermayr: Bildungsferne Gruppen – Definition und Indikatoren. o. J.
  • Erich Ribolits: Wer bitte sind hier die Bildungsfernen? In: Eveline Christof u. a. (Hrsg.): schriftlos = sprachlos? Alphabetisierung und Basisbildung in der marktorientierten Gesellschaft. Studien Verlag, Innsbruck u. a. 2008, ISBN 978-3-7065-4556-3, S. 133–121 (Schulheft. Heft 131).
  • Ulla Sladek, Doris Kapeller, Ingeborg Pretterhofer: Aus Erfahrungen lernen. Zielgruppenerreichung, Weiterbildungsbarrieren und Lernen aus der Sicht ehemals lernungewohnter Frauen. Empirische Untersuchung und Entwicklung neuer Strategien. Eb Projektmanagement GmbH, Villach 2006 (learn forever).

Fußnoten[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Dr. Steffen Schindler: Öffnungsprozesse im Sekundarschulbereich und die Entwicklung von Bildungsungleichheit. (PDF) Statistisches Bundesamt, 2013, abgerufen am 1. Januar 2017.
  2. Nationale Armutskonferenz. 25. Februar 2013. Liste der sozialen Unwörter
  3. Roland Reichenbach: Über Bildungsferne. In: Merkur. 69. Jahrgang, Nr. 793, August 2015, S. 5–15 (merkur-zeitschrift.de [abgerufen am 18. Januar 2018]).