Lese (Bonn)

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Haus der Lese- und Erholungsgesellschaft, Adenauerallee 37 (2013)
Luftaufnahme (2018)

Die Lese- und Erholungs-Gesellschaft von 1758 (kurz: Lese) ist ein altrechtlicher Verein in Bonn und steht in der Tradition einer Lesegesellschaft. Das Haus der Lese liegt an der Adenauerallee 37 am Rheinufer (Rathenauufer) mit einem gleichnamigen Restaurations-Betrieb.

Geschichte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Nach Erfindung des modernen Buchdrucks war der Besitz gedruckter Vervielfältigungen wissenschaftlicher, philosophischer, zeitgeschichtlich kritischer und politischer Bücher, Aufsätze, Reden und Diskurse sowie Flugblätter, Schmähschriften und Pamphlete für jedermann möglich – sofern er über die notwendigen finanziellen Mittel verfügte –, oder sich in Vereinen zusammenschloss, um sich die Schriften gegenseitig auszuleihen. Im 18. Jahrhundert, der Epoche der Aufklärung, war das Wissens-Monopol der Kirche endgültig gefallen und es entwickelten sich im aufstrebenden Bildungsbürgertum, jetzt auch in Deutschland, verschiedene Vereinigungen, Logen und (Geheim)-Bünde wie Illuminaten, Rosenkreuzer und Freimaurer. Die feudalen Herrscher reagierten: die 1775 gegründete Freimaurer-Loge in der Residenzstadt Bonn löste sich drei Jahre später ebenso auf wie der 1776 gegründete Illuminaten-Orden Minervalkirche Stagira im Jahr 1785.

Nur zwei Jahre später, am 1. Dezember 1787 gründete eine Gruppe durch Bildung und Stand ausgezeichnete Männer[1] in einem angemieteten Haus, gegenüber dem kurfürstlichen Residenzschloss, eine Literarische Gesellschaft, der sie später den Namen "LESE-Gesellschaft" gaben. Unter den ersten Mitgliedern waren die ehemaligen Illuminaten Nikolaus Simrock, Christian Gottlob Neefe, Franz Anton Ries, der Freimaurer Eulogius Schneider sowie der geheime kurkölnische Hofrat Bernhard Franz Josef von Gerolt. Schon Anfang 1788 wurde der Kurfürst Max Franz von Österreich Förderer und Protektor der Gesellschaft. Das Motto der Lese lautete: et sibi et aliis (lat. Sowohl für sich selbst, als auch für die Anderen); das Signet zeigte einen Bienenstock, in den fleißige Bienen den (Wissens)-Nektar sammeln und bewahren.

1794, als Graf Ferdinand von Waldstein, der Freund und Förderer des jungen Beethoven, Mitglied der Lese seit 1788, deren gewählter Direktor war, standen französische Revolutionstruppen vor Bonn. Kurfürst Max Franz, jüngster Sohn der Kaiserin Maria Theresia, floh aus dem Kurkölnischen, begleitet u. a. von Waldstein. Die 167 Lesemitglieder, nun führungslos, beschlossen die Auflösung des Vereins und verteilten untereinander das Inventar, um ein paar Monate später – diesmal mit Protektion der französischen Besatzung – feierlich und an selber Stelle im Rathaus als cabinet de litterature wiederzueröffnen. Im Unterschied zur Fürstenzeit, in der in den Räumen noch ausschließlich gelesen und/oder darüber diskutiert und nicht gegessen, getrunken oder Karten gespielt wurde, vollzog sich nun unter dem kulturellen Eindruck der Besatzungsmacht ein Wandel. Im Rathaus wurden zusätzliche Räume zur Erholung und Bewirtschaftung zur Verfügung gestellt und ein Billardtisch aufgebaut. Im Verein wurden Bildung und Erholung gleichberechtigt.

Nach 1815[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

1818 wurde die Universität Bonn gegründet und die Mitgliederzahl der jetzt Lese und Erholungsgesellschaft Bonn stieg von Jahr zu Jahr. Studenten und fast die gesamte Professorenschaft (in 20 Jahren waren es über 50 Hochschullehrer)[2] sowie später auch die studierenden Söhne des preußischen Königs und Deutschen Kaisers Wilhelm I. nahmen nun als Mitglieder an den geselligen und kulturellen Veranstaltungen teil – wenn sie nicht mit ihren Bundesbrüdern vom Corps Borussia Bonn in der Kaiserhalle feierten. Aber nicht nur Universitätsangehörige, sondern auch berühmte Persönlichkeiten der Bonner Prominenz, wie Friedrich Schlegel, Ernst Moritz Arndt, Barthold Georg Niebuhr, Alexander Koenig, August Kekulé, Rudolf Hammerschmidt waren Lese-Mitglieder. Nach 50 Jahren waren es über 600 Mitglieder.

1824 erwarb der Verein ein eigenes Domizil, das 1833 um einen Anbau in Richtung Remigiusstraße (Verbindungsstraße vom Marktplatz zum Münsterplatz) mit Saal für Gesellschaften, Weinproben, Bälle und Restauration erweitert wurde. Finanziert wurden die Vorhaben stets durch Freiwillige festverzinsliche Actien-Zeichnung der Mitglieder, eine Vorwegnahme des späteren Genossenschaftsgedankens. Die Lese- und Erholungsgesellschaft hatte sich seit der Vereinsgründung zum kulturellen Zentrum in Bonn entwickelt und blieb es bis zum Ende des 19. Jahrhunderts. Ehemalige Lese-Mitglieder, die sich von der politisch-(religions)kritischen Ausrichtung der Gesellschaft abwendeten, wirkten 1862 an der Gründung des Bonner Bürgervereins mit.

Neuzeit[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

1892 bezog der Verein ein nach Plänen des Berliner Architekturbüros Kayser & von Großheim[3] neuerbautes Gesellschaftshaus in Form eines repräsentativen Stadtpalais[4] am Ende des Hofgartens, das von der Coblenzer Straße (heute Adenauerallee 37/ Erste Fährgasse) bis zum Rheinufer reichte. Für die Gestaltung des Neubaus hatte der Bonner Architekt und Regierungsbaumeister Anton Zengeler wesentliche Anregungen geliefert.[5] Es war mit allen räumlichen Möglichkeiten, großer Bibliothek, großem Festsaal und großen Gesellschaftsräumen (sowie einem eigenen Weinhandel) ausgestattet. Die Lese war in den folgenden Jahrzehnten erneut ein vielgenutzter Ort für einen anregenden oder entspannenden Aufenthalt.

Am Ende des Zweiten Weltkriegs wurde das Gesellschaftshaus am 18. Oktober 1944 im alliierten Luftkrieg bei dem verheerendsten der Bombenangriffe auf Bonn gemeinsam mit einem Großteil der Innenstadt zerstört. In der Nachkriegszeit wurde der Wiederaufbau am Rheinufer nur langsam aufgenommen, auch in den beiden Jahrzehnten nach der Bestimmung Bonns zum Regierungssitz der Bundesrepublik Deutschland 1949. Das Areal zwischen Adenauerallee, Erster Fährgasse, Rheinuferpromenade, Universitätsbibliothek und Institut français galt als zu wertvoll, um nur von der nach dem Krieg verkleinerten Lesegesellschaft genutzt zu werden.

Haus der Lese- und Erholungs­gesellschaft, Eingang zum Saal und Aufgang zur Restaurantetage

1974 wurde eine bauliche Gesamtkonzeption für das Carée erstellt. Mit Beteiligung der evangelischen und der neuapostolischen Kirche, die hier bereits 1951/52 errichtet worden war[6], entstand nach einem Entwurf des Bonner Architekten Ernst van Dorp eine Terrassenhausanlage als reiner Sichtbetonbau[7] mit gemeinsamer Tiefgarage, einem gemeinsam nutzbaren großen Saal, einem Trakt mit Konferenzräumen, einer neuapostolischen Kirche (Erste Fährgasse 4), Verwaltungsräumen evangelischer Kirchenkreise im Haus der evangelischen Kirche sowie einer Restaurantetage mit Rheinterrassen.

Bekannte Mitglieder[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Andreas Pellens: Ein Bonner baut. Ernst van Dorp 1950−2000. Bouvier-Verlag, Bonn 2002, ISBN 978-3-416-03033-5, S. 138 f.
  • Karl Moritz Kneisel: Geschichtliche Nachrichten von der Lese- und Erholungsgesellschaft in Bonn. Von ihrer Gründung bis zu ihrer Semisäcularfeier, 1787 bis 1837. Carl Georgi, Bonn 1837. (Online UB Düsseldorf)

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

 Commons: Adenauerallee 37 (Bonn) – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien
  • lesebonn.de – Offizielle Webseite der Lese-Gesellschaft Bonn

Einzelnachweise und Anmerkungen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. 22 [16] - Geschichte der Lese- und Erholungs-Gesellschaft in Bonn. - Seite - Digitale Sammlungen - Digitale Sammlungen. In: digital.ub.uni-duesseldorf.de. Abgerufen am 28. September 2016.
  2. Mitgliederliste im Anhang der 50-jährigen Chronik von 1837, digital.ub.uni-düsseldorf (siehe 2)
  3. Landeskonservator Rheinland (Hrsg.): Die Bonner Südstadt, Arbeitsheft 6, Zweite, veränderte Auflage, Rheinland-Verlag, Köln 1976, ISBN 3-7927-0265-7, S. 18.
  4. Foto im Bonner General-Anzeiger zum Artikel 225 Jahre Bonner Lesegesellschaft
  5. 1889–1989. Verein Beethoven-Haus [Festschrift zum 100-jährigen Bestehen]. Verlag Beethoven-Haus, Bonn 1989, S. 52.
  6. Peter Jurgilewitsch, Wolfgang Pütz-Liebenow: Die Geschichte der Orgel in Bonn und im Rhein-Sieg-Kreis, Bouvier Verlag, Bonn 1990, ISBN 3-416-80606-9, S. 31–32.
  7. Paul Schneider-Esleben 1970: Konrad Adenauer Airport-Terminal 1

Koordinaten: 50° 43′ 55,1″ N, 7° 6′ 31,7″ O