Bruce-Springsteen-Konzert 1988 in Ost-Berlin

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Springsteen während seines Auftritts

Das Bruce-Springsteen-Konzert am 19. Juli 1988 in Ost-Berlin war das größte Konzertereignis in der Geschichte der DDR und in der Laufbahn des US-amerikanischen Rockmusikers Bruce Springsteen. Mindestens 160.000 Zuschauer nahmen an dem Ereignis auf der Radrennbahn Weißensee teil.[1][2] Gelegentlich wird dem Konzert zugeschrieben, zum Fall der Mauer beigetragen zu haben.[3]

Vorgeschichte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Springsteens erster DDR-Aufenthalt fand 1981 statt. Während einer Europatournee unternahm er von West-Berlin aus mit seinem damaligen Gitarristen Steven Van Zandt eine Fahrt in den Ostteil. In seiner 2016 erschienenen Autobiografie beschreibt er den Besuch als bedrückend, das dortige System sei „ein Schlag ins Gesicht der Menschlichkeit“ gewesen.[2]

1987 veröffentlichte er das Album Tunnel of Love und unternahm anschließend die Tunnel of Love Express Tour durch die USA und Westeuropa. Erstmals war auch ein Auftritt in der DDR eingeplant, wo sich die Kulturpolitik soweit gelockert hatte, dass Konzerte mit westlichen Musikern akzeptiert wurden. Dabei spielte auch eine Rolle, dass zuvor Konzerte weltbekannter Bands auf der Westseite der Mauer, etwa von Pink Floyd, zahlreiche Zuhörer aus der DDR zur Ostseite angelockt hatten.[4] Im Juni 1988 erklärte der Zentralrat der FDJ: „Rockkonzerte mit Zehntausenden Besuchern haben sich als wirksame Form der massenpolitischen Arbeit der FDJ unter der Jugend der DDR bewährt.“[5] Die FDJ-Funktionäre, die das Konzert organisierten, hatten die Genehmigung erhalten, weil sie angaben, es politisch ausnutzen zu wollen. Es sollte sich laut Eintrittskarte – ohne dass Springsteen davon wusste – um ein „Konzert für Nikaragua“ handeln;[5] der neunte Jahrestag der sandinistischen Revolution sollte gefeiert werden.[6] Entsprechende Banner wurden vor Konzertbeginn an der Bühne befestigt.

Vom 16. bis 19. Juni 1988 hatte bereits ein Festival auf der Radrennbahn stattgefunden, auf dem unter anderem der britische Rocksänger Joe Cocker vor 85.000 Zuschauern aufgetreten war.[7]

Der Vorverkauf der insgesamt 100.000[1] oder 160.000[5] Karten für das Springsteen-Konzert fand ausschließlich in Ost-Berlin statt;[5] Karten wurden auch an Betriebe in der DDR verteilt. Der Eintritt kostete 20 Mark.[8] Zahlreiche Interessierte aus entfernteren Orten fuhren ohne Eintrittskarte zum Konzert.[2]

Die Band[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Bruce Springsteen (Gesang, Gitarre, Mundharmonika) wurde von seiner E Street Band begleitet, die aus folgenden Musikern bestand:

sowie den Horns of Love:

  • Mario Cruz (Saxophon)
  • Eddie Manion (Saxophon)
  • Max Pender (Trompete)
  • Richie „La Bamba“ Rosenberg (Posaune)
  • Mike Spengler (Trompete)

Ablauf[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Da es keine Karten mehr gab, strömten zahlreiche Menschen an FDJ-Ordnern und Einzäunungen vorbei auf das Gelände. Die Gesamtzahl der Zuschauer wird mit 160.000[1], 200.000[5], 300.000[4] oder bis zu 500.000[7] angegeben. Springsteens Manager Jon Landau verfügte vor dem Konzert, dass die – von der FDJ aufgehängten – Banner abgehängt werden. Erstmals bei Konzerten in der DDR wurden Videoleinwände verwendet.[5]

Das Konzert begann um 19:07 Uhr[5] mit Badlands und dauerte fast vier Stunden. Nach etwas mehr als einer Stunde zog Springsteen einen Zettel aus der Tasche und las auf Deutsch vor: „Es ist gut, in Ost-Berlin zu sein. Ich bin hier nicht für oder gegen irgendeine Regierung. Ich bin gekommen, um für euch Rock’n’Roll zu spielen, für euch Ost-Berliner, in der Hoffnung, dass eines Tages alle Barrieren umgerissen werden.“ Anschließend spielte er Chimes of Freedom von Bob Dylan.[4] Vor dem Konzert hatte Springsteens Management die Botschaft entschärft, nachdem Springsteen ursprünglich von Mauern statt Barrieren sprechen wollte.[7]

Bei dem Konzert wurden selbstgefertigte USA-Flaggen geschwenkt.[4] Beim Stück Dancing in the Dark kam eine junge Frau aus dem Publikum auf die Bühne, tanzte mit Springsteen und fiel ihm in die Arme.[4]

Das Konzert wurde zeitversetzt im DDR-Rundfunk bei DT64 und im zweiten Programm des Fernsehens der DDR übertragen. Dabei wurde die Ansprache Springsteens herausgeschnitten.[2]

Wirkung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Dem Konzert wurde mehrfach ein Einfluss auf den Fall der Mauer 16 Monate später zugeschrieben. 2013 veröffentlichte der US-Amerikaner Erik Kirschbaum sein Werk Rocking the wall: the Berlin concert that changed the world, in dem er diese These vertritt. Auch Gerd Dietrich, ehemaliger Historiker an der Berliner Humboldt-Universität, sagte: „Springsteens Konzert und Ansprache trugen im weiteren Sinne zu den Ereignissen bei, die zum Fall der Mauer führten. [Das Konzert] begeisterte Menschen für mehr und mehr Veränderung. […] Es zeigte den Menschen, wie eingeschlossen sie wirklich waren.“ Thomas Wilke, Experte für den Einfluss der Unterhaltungsmusik in der DDR, gab an, dass das Konzert das Fühlen der DDR-Bürger veränderte.[6]

Die DDR-Gruppe Sandow schrieb kurz nach dem Konzert das Lied Born in the G.D.R., das auf Springsteens Born in the U.S.A. und das Mitsingen des Publikums anspielt.[9] In dem Lied heißt es: „Ich habe 160.000 Menschen geseh’n, die sangen so schön, die sangen so schön: ‚Born in the G.D.R.‘“[10] Die Ironie um den vermeintlichen Nationalstolz wurde aber häufig missverstanden.

Sonstiges[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Bereits 1986 war beim DDR-Plattenlabel Amiga ein Lizenzalbum mit Liedern Springsteens herausgekommen,[11] das dem 1984 erschienenen Album Born in the U.S.A. entsprach.

Das Konzert ging mit dem größten Verkehrsstau der DDR-Geschichte einher.[5] Für die Ordner war der FDJ-Funktionär und spätere Linken-Politiker Roland Claus zuständig.[1]

Am Tag nach dem Konzert gab Springsteen in Ost-Berlin Autogramme. Nach eigenen Angaben war er von Menschen aller Altersgruppen „umlagert“.[2] Am 22. Juli setzte Springsteen die Tournee in der West-Berliner Waldbühne mit ähnlicher Setlist fort.[12]

Filmdokumentationen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Kalter Krieg der Konzerte – Wie Bruce Springsteen den Osten rockte. Arte, 2013, 50 Minuten.[13]
  • Mein Sommer ’88 – Wie die Stars die DDR rockten. MDR, 2013, 88 Minuten.[14]

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Erik Kirschbaum: Rocking the wall: the Berlin concert that changed the world. 2. Auflage. Berlinica Publishing Company, Berlin 2015, ISBN 978-1935902829.
    • Deutsche Übersetzung der 1. Auflage als Rocking the wall – Bruce Springsteen in Ost-Berlin 1988 – Das legendäre Konzert. Berlinica Publishing Company, Berlin 2014, ISBN 978-1935902782.

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. a b c d Erik Kirschbaum: Memories of how Springsteen rocked Berlin. reuters.com vom 16. Juli 2008 (englisch), abgerufen am 10. Dezember 2017
  2. a b c d e Andreas Conrad: Sein größtes Konzert: Boss Ost. tagesspiegel.de vom 15. Oktober 2016, abgerufen am 9. Dezember 2017
  3. Kate Connolly: The night Bruce Springsteen played East Berlin – and the wall cracked. The Guardian vom 5. Juli 2013 (englisch), abgerufen am 10. Dezember 2017
  4. a b c d e Did Bruce Springsteen kick a hole in the Berlin wall? ndtv.com vom 14. Juli 2013 (englisch), abgerufen am 9. Dezember 2017
  5. a b c d e f g h Steffen Gerth: Stars and Stripes über Ost-Berlin. spiegel.de vom 19. Juli 2008, abgerufen am 9. Dezember 2017
  6. a b Meldung vor Konzertbeginn bei highbeam.com (englisch), abgerufen am 9. Dezember 2017
  7. a b c Michael Pilz: Wie Springsteen die Mauer zum Wackeln brachte. welt.de vom 19. Juli 2013, abgerufen am 10. Dezember 2017
  8. Abbildung einer Eintrittskarte bei ddr-museum.de, abgerufen am 10. Dezember 2017
  9. Born in the GDR – Sandow gehen auf Tour und bringen Best-of-Album heraus. mz-web.de vom 9. November 2015, abgerufen am 9. Dezember 2017
  10. Songtext bei songtexte.com, abgerufen am 10. Dezember 2017
  11. Katalogeintrag bei liedderzeit.de, abgerufen am 9. Dezember 2017
  12. Setlist des Konzerts am 22. Juli 1988 bei setlist.fm (englisch), abgerufen am 16. Dezember 2017
  13. Beschreibung bei programm.ard.de, abgerufen am 10. Dezember 2017
  14. Beschreibung (Memento vom 12. Dezember 2017 im Internet Archive) bei mdr.de