Carbon Accounting

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Carbon Accounting bezeichnet das systematische Erfassen, monetäre und nicht-monetäre Bewerten und das Monitoring der direkten und indirekten Emissionen von CO2 und anderen Treibhausgasen.[1] Dies kann auf Produkt- oder Projektebene, auf Unternehmensebene oder auf staatlicher Ebene zur Erstellung einer Treibhausgasbilanz erfolgen. Die Bilanz kann sowohl der Offenlegung als Teil des externen Berichtswesens als auch intern als Grundlage des Management von Emissionen dienen. Carbon Accounting lässt sich somit als Teildisziplin des Rechnungswesens ansehen. Gleichzeitig lässt sich Carbon Accounting als Teil eines Umwelt- oder Nachhaltigkeitsmanagements verstehen.[2]

Sowohl Gesetzgeber als auch Kunden, Investoren und Nichtregierungsorganisationen können Unternehmen dazu veranlassen, ein Carbon Accounting-System aufzubauen. Die Bilanzierung von Treibhausgasen unterliegt bislang nur wenigen rechtlichen Vorschriften. In Europa müssen am EU-Emissionshandel teilnehmende Branchen ihre Emissionen, die als Teil der Leistungserstellung anfallen (Scope 1-Emissionen), erfassen und berichten. In Deutschland fallen die betreffenden Anlagen unter das Treibhausgas-Emissionshandelsgesetz. Manche Kunden legen Wert auf emissionsarme oder -neutrale Produkte, hier bietet sich Unternehmen ein Marktpotential und Imagegewinn. Aus Kreisen von Investoren gibt es zunehmend Druck, Transparenz über unternehmerische Klimarisiken und, damit einhergehend, auch über Emissionen zu schaffen. Einige langfristig bzw. an Nachhaltigkeitskriterien orientierte Investoren bevorzugen Unternehmen mit niedrigem CO2-Fußabdruck (→ Divestment). Intransparenz oder ein hohes Emissionsniveau können dazu führen, dass ein Unternehmen zur Zielscheibe von Nichtregierungsorganisationen wird.[3]

Zum Carbon Accounting im Unternehmen gehören das Erfassen von Emissionen, sei es direkt durch Messungen oder indirekt durch Berechnung aus anderen Größen wie Verbrauchsmengen, und die Zuordnung zu Organisationseinheiten, Prozessen, Produkten oder Dienstleistungen. Carbon Accounting-Systeme können Emissionen in unterschiedlicher Tiefe einbeziehen:[4][5]

  • Etabliert ist die Differenzierung der einbezogenen Emissionsquellen nach den drei Scopes des GHG Protocol:
    • Scope 1-Emissionen stammen aus Emissionsquellen innerhalb der betrachteten Systemgrenzen, etwa unternehmenseigenen Kraftwerken oder Fahrzeugflotten,
    • Scope 2-Emissionen entstehen bei der Erzeugung von Energie, die von außerhalb bezogen wird, dies sind vor allem Strom und Wärme aus Energiedienstleistungen,
    • Scope 3-Emissionen sind sämtliche übrigen Emissionen, die durch die Unternehmenstätigkeit verursacht werden aber nicht unter der Kontrolle des Unternehmens stehen, zum Beispiel bei Zulieferern, Dienstleistern oder Mitarbeitern.
  • Neben CO2 können weitere Treibhausgase wie CH4 (Methan), N2 (Lachgas) oder Fluorkohlenwasserstoffe erfasst werden.
  • Die Ermittlung bzw. Zuordnung der Emissionen kann für verschiedener Bilanzierungsobjekte erfolgen, zum Beispiel das gesamte Unternehmen oder Unternehmensteile, Produkte, Prozesse oder Mitarbeiter.
  • Wenn Emissionen produktbezogen ermittelt werden, können verschiedene Stufen im Produktleben eingeschlossen werden. Dazu gehören meist Produktion und Vertrieb (Cradle to Gate), seltener auch Nutzung bzw. Verbrauch (Cradle to Grave) oder die Nachnutzung bzw. Entsorgung oder Wiederverwertung (Cradle to Cradle).
  • Für Scope 3-Emissionen ist zu klären, welche vorgelagerten Lieferketten wie weit betrachtet werden.[6] Auch nachgelagerten Lieferketten können in ein Carbon Accounting miteinbezogen werden.

Ein Carbon Accounting-System kann die Verantwortlichkeiten für die Erfassung und Lieferung von Daten, zum Beispiel über Energieverbrüche, definieren, Plausibilitäts- und Vollständigkeitsprüfungen vorsehen, Kennzahlen und Verfahren zu deren Berechnung oder Schätzung festlegen.[7]

Im Unternehmenskontext wird Carbon Controlling als Teil oder Ergänzung des Carbon Accounting verstanden. Die Wirtschaftswissenschaftlerinnen Kristin Stechemesser und Edeltraud Günther fassen unter den Begriff Carbon Controlling ein Carbon Accounting, das die erfassten und bewerteten Treibhausgasemissionen zur Steuerung und Regelung verwendet.[8]

Die Offenlegung der Treibhausgasbilanzen von Unternehmen (auch Carbon Disclosure[8]) erfolgt häufig als Teil eines Nachhaltigkeitsberichtes oder eines Berichtes zur Unternehmensverantwortung. In einigen Unternehmen werden die CO2-Emissionen auch im Rahmen des Geschäftsberichtes aufgeführt. Eine systematische Abfrage von Treibhausgasbilanzen großer Unternehmen betreibt z. B. das Carbon Disclosure Project.

Verschiedene Standards haben sich im Unternehmensbereich etabliert. Die Empfehlungen des Greenhouse Gas Protocol Corporate Standard (GHG Protocol) von WRI und WBCSD dienen als praktische Leitfäden für Unternehmen. Die Normierungsinstitutionen ISO und DIN haben die Umweltmanagementnorm ISO 14064 veröffentlicht, die auf dem GHG Protocol aufbaut. Speziell die Kombination aus den inhaltlichen Kategorien des GHG Protocol und den prozessualen Standards der ISO-Norm hat dabei eine hohe Bedeutung für das Carbon Accounting im Unternehmenskontext gewonnen. Das GHG Protocol orientiert sich an den Grundprinzipien der Relevanz, Vollständigkeit, Konsistenz, Transparenz und Genauigkeit und lehnt sich dabei an Prinzipien finanzieller Rechnungslegung an. Weiterhin definiert es Regeln zur organisationalen und operativen Abgrenzung einer Treibhausgasbilanz.

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Oliver Eitelwein und Lukas Goretzki: Carbon Controlling und Accounting erfolgreich implementieren: Status Quo und Ausblick. In: ZfCM – Zeitschrift für Controlling und Management., 54, H.1, 2010, S. 23–31.
  • Mario Schmidt: Carbon Accounting zwischen Modeerscheinung und ökologischem Verbesserungsprozess, In: ZfCM – Zeitschrift für Controlling und Management. 54, H.1, 2010, S. 32–37.

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Kristin Stechemesser und Edeltraud Guenther: Carbon Accounting: a systematic literature review. In: Journal of Cleaner Production. Band 36, November 2012, doi:10.1016/j.jclepro.2012.02.021.
  2. Stefan Schaltegger und Maria Csutora: Carbon accounting for sustainability and management. Status quo and challenges. In: Journal of Cleaner Production. Band 36, November 2012, doi:10.1016/j.jclepro.2012.06.024.
  3. Jochen Botta u. a.: Carbon Accounting und Controlling – Grundlagen und Praxisbeispiel Deutsche Post DHL (= Jürgen Weber [Hrsg.]: Advanced Controlling. Band 83). Wiley, 2012, ISBN 978-3-527-50697-2, 3 Relevanz von Treibhausgasemissionen, S. 15–24.
  4. Oliver Eitelwein und Lukas Goretzki: Carbon Controlling und Accounting erfolgreich implementieren – Status Quo und Ausblick. In: ZfCM Controlling & Management. Band 50, Nr. 1, Februar 2010, doi:10.1007/s12176-010-0010-6.
  5. Jochen Botta u. a.: Carbon Accounting und Controlling – Grundlagen und Praxisbeispiel Deutsche Post DHL (= Jürgen Weber [Hrsg.]: Advanced Controlling. Band 83). Wiley, 2012, ISBN 978-3-527-50697-2, 4 Carbon Accounting und Controlling, S. 25–33.
  6. vgl. auch World Resources Institute und World Business Council on Sustainable Development (Hrsg.): Corporate Value Chain (Scope 3) Accounting and Reporting Standard: Supplement to the GHG Protocol Corporate Accounting and Reporting Standard. 2011 (ghgprotocol.org [PDF]).
  7. Jochen Botta u. a.: Carbon Accounting und Controlling – Grundlagen und Praxisbeispiel Deutsche Post DHL (= Jürgen Weber [Hrsg.]: Advanced Controlling. Band 83). Wiley, 2012, ISBN 978-3-527-50697-2, 6 Die Carbon Accounting und Controlling Lösung bei Deutsche Post DHL, S. 45–50.
  8. a b Edeltraud Günther und Kristin Stechemesser: Carbon Controlling. In: ZfCM Controlling & Management. Band 50, Nr. 1, Februar 2010, doi:10.1007/s12176-010-0016-0.