Carta Caritatis

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Die Carta Caritatis ist das Verfassungsdokument des Zisterzienserordens. Das Dokument regelt die Beziehungen der Zisterzienserklöster untereinander. Es wurde 1119 von Papst Calixtus II. approbiert und gelangte um 1155 zu seiner gereiften Form. Als kanonisches Regelwerk machte es den Zisterzienserorden zum ersten Orden der Kirchengeschichte. Es gehört zu den wesentlichen Wesensmerkmalen des Orders und genießt eine universale Wertschätzung als juristisches Monument.

Name[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Der Name Carta Caritatis wird im Dokument selbst erklärt: Diesem Dekret wollten sie den Namen Carta Caritatis geben, denn es schließt jede Belastung durch Abgaben aus und hat so allein die Liebe und das Wohl der Seelen in göttlichen und menschlichen Dingen zum Ziel.[1] Der Name wird oft aus mangelnder Kenntnis des Textinhalts als "Urkunde der Liebe" im affektiven oder spirituellen Sinne missdeutet. Wer sie gelesen hat, weiß, dass sie ein Verwaltungs- und Verfassungstext darstellt. Die "Liebe" (caritas) des Titels bezieht sich auf die Befreiung der Klöster von finanziellen Abgaben an die Mutterklöster. Im vorhergehenden cluniazensischen Modell, wovon die Zisterzienser sich abgrenzen wollten, waren nämlich hohe Abgaben zu leisten.

Inhalt[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Carta regelt die gemeinsame Existenz von mehreren Klöstern in einem Verband hauptsächlich durch die Rechtsmittel der Visitation durch den Vaterabt (dessen Kloster das Tochterkloster gegründet hat) und des jährlichen Generalkapitels in Cîteaux, der Mutterabtei aller Zisterzen. Ebenso regelt die Carta folgende Punkte:

  • Verbot von materiellen Belastungen der Neugründungen,
  • einheitliche Riten und liturgische Bücher,
  • verpflichtende Auslegung der Benediktsregel durch das Kloster Cîteaux,
  • Verbot von Privilegien oder Grablegung von Stiftern,
  • Rangfragen beim Zusammentreffen mehrerer Äbte,
  • Professriten,
  • Visitation,
  • Neugründungen,
  • Verfahren beim Generalkapitel,
  • Abtwahlen bzw. Sedisvakanzen,
  • Abtsrücktritt,
  • Ermahnungs- und Absetzungsverfahren für Äbte,
  • abweichender Ort des Generalkapitels, und
  • Stabilitas loci.

Die Stelle, die im Wortlaut weiteste Verbreitung gefunden hat, lautet: una caritate, una regula, similibusque vivamus moribus (Wir wollen in der einen Liebe, unter der einen Regel und nach denselben Bräuchen leben). Diese Aussage, wie auch eigentlich der gesamte Inhalt des Textes, werden heute vom Orden nur im übertragenen Sinne aufrechterhalten. Allein die Aufhebung des Filiationssystems durch die modernen Kongregationen hat die Systematik der Carta Caritatis undurchführbar gemacht.

Rezeption[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Carta gelangte durch das IV. Laterankonzil zu ihrer vollen geschichtlichen Wirkung, da sie dort – vor allem wegen der vorgeschriebenen Visitation – als Vorbild für alle neuen Orden ausgerufen wurde.[2] Auch Nachfolgerpäpste haben sie zur Schatztruhe der Tugenden deklariert.[3]

Fassungen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Seit Jahrhunderten wird darüber gestritten, ob Stephan Harding als Verfasser der Carta gelten darf. Das Verfassungswerk ist – wie bei fast allen Verfassungen – allerdings als Ergebnis vieler Autoren zu sehen. Zwei Funde haben die CC-Forschung im 20. Jahrhundert besonders angefeuert (Pater Tiburtius Hümpfner entdeckte eine Version der Summa Carta Caritatis in 1932, Auguste Trilhe eine der Carta Caritatis prior in 1939). Bis heute genießt sie relativ hohe Aufmerksamkeit von Rechts- und Ordenshistorikern. Die Carta Caritatis liegt heute in drei Fassungen vor.

Carta Caritatis prior[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die älteste Fassung ist die Carta Caritatis prior, die bald nach den ersten Tochtergründungen von Cîteaux verfasst wurde, die in den Jahren 1113 bis 1115 stattfanden. In diesem Dokument geht es um das Verhältnis der Tochterklöster zu ihrer Mutterabtei Cîteaux. Jede Tochterabtei wird einmal pro Jahr visitiert. Nicht visitiert wird aber das Mutterkloster Cîteaux. Außerdem schreibt das Dokument dem Abt von Cîteaux große Vollmacht beim Generalkapitel zu. Diese Fassung der Carta Caritatis war lange unbekannt. Die Handschrift der von ihm so genannten Carta Caritatis prior hat Josef Turk 1939 im Codex 31 der Universitätsbibliothek von Ljubljana gefunden[4], ediert wurde sie 1947 von C. Noschitzka.[5] Heute sind acht Handschriften der Carta Caritatis prior bekannt, die Handschrift des Codex 31, der aus dem Jahr 1152 stammt, ist aber weiterhin die älteste.

Summa Cartae Caritatis[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

1927 entdeckte der Priester Auguste Trilhe aus Toulouse in einer Handschrift der Pariser Nationalbibliothek[6] einen Vorläufer der bis dahin einzig bekannten Überlieferung der Carta. Im von Tiburtius Hümpfner 1932 edierten Text bekam Trilhes Entdeckung den Titel Summa Cartae Caritatis (SCC)[7] Die Bedeutung dieser Entdeckung wurde erst in späteren Jahren erkannt. Die SCC ist eine Zusammenfassung der Carta Caritas prior. Eine weitere Abschrift der SCC befindet sich im von Jean Leclercq entdeckten Kodex[8] von Trient[9]. Diese Handschrift dürfte aus den Jahren 1130 bis 1134 stammen. Heute sind fünf Handschriften der Summa Cartae Caritatis bekannt, entstanden dürfte die Summa etwa 1124 sein. Inhaltlich geht die Summa genauer auf das Verhältnis von Vater- und Tochterabt ein, auch die Vollmacht eines Visitators wird genauer beschrieben.[10]

Carta Caritatis posterior[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Neben der Carta Caritatis prior und der Summa Cartae Caritatis gibt es noch eine dritte Fassung, die heute als Carta Caritatis posterior bezeichnet wird. Bis in die erste Hälfte des 20. Jahrhunderts war sie die einzig bekannte Fassung der berühmten Zisterzienserverfassung. Diese Version dürfte um 1165 in ihrer letzten Fassung festgelegt worden sein, sie ist in 26 Handschriften bezeugt.[11]

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Polykarp Zakar, Art. Carta Caritatis, in: Dizionario degli Istituti di Perfezione 2 (1975), Sp. 609–613.
  • Jean-Baptiste Auberger, L'unanimité cistercienne primitive : mythe ou réalité? (Achel 1986 Achel).
  • Hildegard Brem und Alberich Martin Altermatt (Hg.), Einmütig in der Liebe: die frühesten Quellentexte von Cîteaux lateinisch-deutsch (Quellen und Studien zur Zisterzienserliteratur 1, Langwaden 1998). ISBN 978-3-910082-58-8.
  • M. Hildegard Brem OCist: Die Carta Caritatis. In: Cistercienser Chronik 126. Jg. (2019), S. 194–214.
  • Monika R. Dihsmaier: Carta Caritatis. Verfassung der Zisterzienser. Rechtsgeschichtliche Analyse einer Manifestation monastischer Reformideale im 12. Jahrhundert (Berlin 2010). ISBN 978-3-428-13404-5.
  • Patrologia Latina Bd. 166, S. 1377–1384.

Anmerkungen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Carta Caritatis Prior (Memento vom 17. Juni 2010 im Internet Archive).
  2. Antonio García y García, Constitutiones concilii quarti Lateranensis una cum commentariis glossatorum (Rom 1981), Constitutio 12.
  3. Thesaurus virtutum, so die Formulierung von Papst. Innozenz IV. in einer Bulle vom 2. Mai 1245, zit. in Jörg Oberste, Visitation und Ordensorganisation. Formen sozialer Normierung, Kontrolle und Kommunikation bei Cisterziensern, Prämonstratensern und Cluniazensern (12. - frühes 14. Jahrhundert) (Vita regularis 2, Münster 1996), S. 64, Fn. 38.
  4. J. Turk, Prvotna Charta charitatis. Ljubljana 1942.
  5. C. Noschitzka, Codex manuscriptus 31 Bibliothecae Universitatis Labacensis. In: ACi 6 (1950) 1–124.
  6. Paris, Bibliothèque Nationale, ms lat. 4346.
  7. T. Hümpfner, Exordium Cistercii cum Summa Cartae Caritatis et fundatione primarum quattuor filiarum Cistercii. Vác 1932.
  8. J. Leclercq, Une ancienne rédaction des coutumes cisterciennes, in: RHE 47 (1952) 172–176.
  9. Trento, Biblioteca Comunale, ms 1711.
  10. Hildegard Brem und Alberich Martin Altermatt (Hg.), Einmütig in der Liebe: die frühesten Quellentexte von Cîteaux lateinisch-deutsch (Quellen und Studien zur Zisterzienserliteratur 1, Langwaden 1998). ISBN 978-3-910082-58-8, S. 23.
  11. Hildegard Brem und Alberich Martin Altermatt (Hg.), Einmütig in der Liebe: die frühesten Quellentexte von Cîteaux lateinisch-deutsch (Quellen und Studien zur Zisterzienserliteratur 1, Langwaden 1998). ISBN 978-3-910082-58-8, S. 23f.