Cosmographia (Sebastian Münster)

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Titelblatt der Erstausgabe, gedruckt in Basel von Heinrich Petri
Die Belagerung von Belgrad („Kriechisch Wyssenburg“) 1456. Holzschnitt aus Sebastian Münsters Cosmographia (1545).

Cosmographia hat unter anderem Sebastian Münster (1488–1552) sein Hauptwerk auf dem Gebiet der Kosmographie genannt. Es war die erste wissenschaftliche und zugleich allgemeinverständliche Beschreibung des Wissens der Welt in deutscher Sprache, worin die Grundlagen aus Geschichte und Geographie, Astronomie und Naturwissenschaften, Landes- und Volkskunde nach dem damaligen Wissensstand zusammengefasst worden sind. Cosmographia ist die lateinische Form von griechisch kosmographía „Weltbeschreibung“ (kósmos „Weltordnung“, „Weltall“; gráphein „schreiben“).

Unter Kosmographie versteht man die Wissenschaft von der Beschreibung der Erde und des Weltalls; bis ins Spätmittelalter gehörten dazu auch Geographie, Geologie und Astronomie (siehe Kosmologie des Mittelalters). Sebastian Münster gehört zu den berühmten Kosmographen der Renaissance, zusammen mit Leonardo da Vinci (1452–1519), Martin Behaim (1459–1507), Martin Waldseemüller (1472/75–1520), Petrus Apianus (1495–1552) und Gerhard Mercator (1512–1594).

Entstehung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Nach seinen Studien in Theologie, Altgriechisch, Hebräisch, Mathematik, Geographie, Kosmographie und Astronomie war Sebastian Münster unter anderem von 1521 bis 1529 als Hochschullehrer in Heidelberg tätig. Bereits zu dieser Zeit (1524) regte der elsässische Humanist Beatus Rhenanus (1485–1547) an, Sebastian Münster solle sein Wissen in dem Gesamtwerk einer Kosmographie zusammenfassen. Aber erst in der Zeit seiner Hochschultätigkeit in Basel (ab 1529) und nachdem er durch seine Heirat mit Anna Selber, der Witwe des Basler Buchdruckers Adam Petri, von Alltagssorgen befreit war, konnte er sich diesem großen Vorhaben und seiner Begeisterung für die Geographie intensiv widmen. So entstand in einer Vorbereitungszeit von etwa zwanzig Jahren seine Cosmographia, an der nach eigener Darlegung mehr als 120 „Standespersonen, Gelehrte und Künstler“ mitgearbeitet hatten.

In der Einleitung zu einem seiner Bücher schreibt Münster bescheiden, aber durchaus selbstbewusst: „Für meine Arbeit erwarte ich weder Lohn noch Ehre, vielmehr genügt mir das Bewusstsein, mit den Pfunden gewuchert zu haben, die Gott mir verlieh.“

Titel und Inhalt[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Das deutschsprachige Werk enthält in sechs Büchern „eine Beschreibung der ganzen Welt mit allem, was darinnen ist“. Die ersten Ausgaben von 1544 bis 1548 tragen den lateinischen Titel Cosmographia, die Ausgaben von 1550 bis 1614 den deutschen Titel Cosmographei oder Cosmographey. Die Ausgaben von 1615 bis 1628 haben wieder den Titel Cosmographia.

Der vollständige Titel der ersten Ausgabe von 1544 lautet:

Cosmographia.
Beschreibung aller Lender durch Sebastianum Munsterum, in welcher begriffen Aller völcker, Herrschafften, Stetten und namhafftiger flecken, herkommen: Sitten, gebreüch, ordnung, glauben, secten vnd hantierung, durch die gantze welt, vnd fürnemlich Teutscher nation. Was auch besunders in iedem landt gefunden, vnnd darin beschehen sey. Alles mit figuren vnd schönen landt taflen erklert, vnd für augen gestelt.

Von der ersten Auflage an hat Sebastian Münster der Cosmographia einen Widmungsbrief an den schwedischen König Gustav I. Ericson Wasa beigefügt, datiert „Basel am 17. August 1544“, ohne dass seine Motive hierfür ermittelt werden konnten.

Im ersten Buch werden die Grundzüge der physischen und mathematisch-astronomischen Erdkunde dargestellt. In den folgenden Büchern sind Länderbeschreibungen enthalten: Süd- und Westeuropa (2. Buch), Deutschland (3. Buch), Nord- und Osteuropa (4. Buch), Asien und die neuen Inseln (5. Buch), Afrika (6. Buch).

Quellen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Sein Wissen bezog Sebastian Münster aus den Reiseberichten und Erzählungen verschiedener Gelehrter, Geographen, Kartographen und von Seereisenden. Er zog auch literarische Werke heran, die mehr oder minder glaubwürdig waren. Marco Polo zählte ebenso zu seinen Quellen, wie beispielsweise der Bericht des (fiktiven) Ritters Jehan de Mandeville über Indien und China, der 1356 in Lüttich erschienen war. So beschrieb Münster nach und nach auch eine fabelhafte Welt, in der die seltsamsten Geschöpfe vorkommen, wie beispielsweise Menschen mit Hundeköpfen, Großfüßler, Blemmyer, Doppelköpfige sowie sagenhafte Tiere und Seeungeheuer. Die meisten dieser Geschöpfe werden auf Holzschnitten abgebildet.

Karte vom Nordgau, Cosmographia 1628

Ungefährlich war die Sammlung und Recherche über andere Städte, Länder und Sitten nicht. Der Theologe Sigismondo Arquer beispielsweise klagte in seiner Reisebeschreibung Sardiniens, die er Münster für die Cosmographia zur Verfügung gestellt hatte, über die Intoleranz und Gier der Kirche. Nachdem seine Schrift auf italienisch übersetzt worden war, musste er sich vor der Inquisition rechtfertigen und wurde auf dem Scheiterhaufen verbrannt. Die lateinische Ausgabe von 1550 wurde durch Hugo von Amerongen im Auftrag der Inquisition zensiert.[1] Bei allen für die Inquisition greifbaren Exemplaren der gedruckten Ausgabe von 1550 wurden die zensierten Stellen mit Tinte übermalt oder mit Papier überklebt.[2]

Münster musste die ihm zugehenden Erzählungen ihrer Glaubwürdigkeit nach aussortieren und kritisch betrachten, was er als Weltbeschreibung gelten lassen wollte. Auf diese Weise leidet beispielsweise auch der Bericht über die Größe der Pyramiden in Ägypten, in Münsters Darstellung werden sie beträchtlich kleiner beschrieben. Begleitet werden die Berichte aus den damals bekannten Kontinenten und Ländern von zahlreichen, von Münsters selbst gezeichneten Karten. Die Weltkarte, die Münster 1532 bereits für die Cosmographia gezeichnet hatte, deutete den neuen amerikanischen Kontinent 40 Jahre nach seiner Entdeckung nur am Rande an, und ist, zehn Jahre nach der Weltumsegelung durch Ferdinand Magellan, von der Realität weit entfernt.

Am Ende der Cosmographia bittet Münster den Leser, wegen etwa vorkommender Fehler oder abweichender Meinungen nicht das ganze Werk abzulehnen, sondern zu bedenken, dass es unmöglich sei, jedermann zu Gefallen zu schreiben.

Dass er jedoch nicht ausschließlich in der Schreibstube und nach zweiter Hand gearbeitet hat, zeigt sein Kapitel über die Bergwerke. Daraus geht hervor, dass er „im Hornung 1545“ zum Studium des Bergbaus das Silberbergwerk Rumpapump im Elsass besichtigt hat.

Verbreitung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Aus der Cosmographia, Ausgabe 1628
Europa Regina in der Ausgabe von 1570

1544 erschien die erste Ausgabe der Cosmographia, gedruckt in der Offizin von Heinrich Petri in Basel. Heinrich Petri war ein Sohn aus der ersten Ehe von Münsters Frau mit dem Basler Buchdrucker Adam Petri.

Die Erstausgabe der Cosmographia erfolgte 1544 in deutscher Sprache und über die Hälfte aller Ausgaben bis 1628 erschien ebenfalls in deutscher Sprache. Das Werk wurde jedoch auch auf lateinisch, französisch, tschechisch und italienisch publiziert. Die englischen Ausgaben umfassten alle nur einen Teil des Gesamtwerkes. Viktor Hantzsch ermittelte 1898 noch insgesamt 46 Ausgaben (deutsch 27; lateinisch 8; französisch 3; italienisch 3; tschechisch 1) die von 1544 bis 1650 erschienen sind[3], während Karl Heinz Burmeister 1964 nur noch 36 (deutsch 21; lateinisch 5; französisch 6; italienisch 3; tschechisch 1) nachweisen konnte, die von 1544 bis 1628 erschienen sind.[4]Nach der ersten Ausgabe von 1544 folgten 1545 die zweite, 1546 die dritte, 1548 die vierte und 1550 die fünfte Ausgabe, jeweils durch neue Berichte und Details, Textbilder, Stadtansichten und Karten ergänzt sowie insgesamt überarbeitet. Darüber welche Personen - nebst den Buchdruckern Heinrich Petri und Sebastian Henricpetri — die Neuausgaben nach Münsters Tod besorgten ist wenig überliefert. Die Ausgabe von 1628 wurde von dem Basler Theologen Wolfgang Meyer bearbeitet und erweitert.[5]

Während die erste Ausgabe von 1544 nur 660 Seiten stark war, enthielt die letzte von Münster persönlich im Jahr 1550 überarbeitete Ausgabe bereits 900 Seiten und die letzte überhaupt gedruckte Ausgabe von 1628 fast 1800 Seiten. In der Offizin der Familie Petri in Basel entstanden auf diese Weise in 84 Jahren etwa 50.000 Exemplare in deutscher Sprache und etwa 10.000 Exemplare in lateinischer Sprache.

Die Kosten für ein gebundenes Werk beliefen sich bei der 5. Ausgabe auf 2 Gulden, wovon etwa 0,4 Gulden auf die Buchhändler entfielen.

Bedeutung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Sebastian Münster hat mit der Cosmographia erstmals ein Gemeinschaftswerk von gelehrten Geschichtsschreibern und Künstlern, von Verlegern, Holzschneidern und Stechern herausgegeben. Die zahlreichen Veduten sind in aller Regel als Holzschnitte ausgeführt. Die Forschung konnte zeigen, dass viele der Abbildungen jedoch nicht eigens für die Cosmographia gefertigt wurden, sondern aus den Beständen der Druckerei einflossen, um das Werk qualitativ aufzuwerten.[6] So wurde z.B. der Druckstock einer Höhenburg mehrfach und je nach Auflage unterschiedlich bei mehreren Burgen zur Illustration eingefügt, gleichsam ein Piktogramm für Höhenburg.[7] Auch Abbildungen zur Beschreibung von Ureinwohnern Afrikas und Asiens sind identisch in verschiedenen Bänden ein zweites mal verwendet worden.

Mit den Ausgaben der Cosmographia ist quantitativ und qualitativ ein neuer Maßstab für die Ausstattung von Städtebüchern gesetzt worden. So ist das 1572 erschienene Städtebuch Civitates Orbis Terrarum von Georg Braun und Frans Hogenberg in Format und Layout zwar am Theatrum Orbis Terrarum von Abraham Ortelius angelehnt, beruht im Konzept jedoch auf der Cosmographia.

Vorlagenzeichner und Stecher[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Zu den bekanntesten Zeichnern der Stadtansichten, die durch ihre Monogramme bestimmt werden konnten, gehören:

Die bekanntesten Formschneider, die an der Cosmographia mitgewirkt haben, sind:

  • Christoph Stimmer (oder Christoff Schwytzer?), seit 1550 Formschneider in Strassburg, mit dem Zeichen -C.S.-;
  • Heinrich Holzmüller, um 1550 Goldschmied und Formschneider in Bern und Basel, mit dem Zeichen HH oder HHF;
  • Hieronymus Wyssenbach Basiliensis, Formschneider in Basel, mit dem Zeichen HWB;
  • Martin Hoffmann, Formschneider in Strassburg, mit dem Zeichen MH oder MHF;
  • Meister HIW, der den Holzschnitt von Strassburg geschnitten hat;
  • Meister M.G., der u.a. den Holzschnitt von Amberg gefertigt hat;
  • Gregorius Sickinger (um 1558–1631), Maler, Zeichner, Formschneider, Radierer und Kupferstecher aus Solothurn, mit dem Zeichen GS; er soll ab 1578 bei den Ausgaben der Cosmographia als Formschneider mitgearbeitet haben.

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Viktor Hantzsch: Sebastian Münster. Leben, Werk, wissenschaftliche Bedeutung (= Abhandlungen der Philologisch-Historischen Klasse der Königlich-Sächsischen Gesellschaft der Wissenschaften. 18, 3, ZDB-ID 219472-7 = Abhandlungen der Königlich-Sächsischen Gesellschaft der Wissenschaften. 41, 3). Teubner, Leipzig 1898 (Reprografischer Nachdruck. De Graaf, Nieuwkoop 1965), Volltext.
  • S. Vögelin: Sebastian Münsters Cosmographey. In: Basler Jahrbuch 1882. Basel 1882, S. 110–152 Internet Archive
  • Karl Heinz Burmeister: Sebastian Münster. Eine Bibliographie. Pressler, Wiesbaden 1964.
  • Peter H. Meurer: Der neue Kartensatz von 1588 in der Kosmographie Sebastian Münsters. In: Cartographica Helvetica. 4, Heft 7, 1993, ISSN 1015-8480, S. 11–20, Volltext.
  • Hans Georg Wehrens: Freiburg in der „Cosmographia“ von Sebastian Münster. In: Hans Georg Wehrens: Freiburg im Breisgau. Holzschnitte und Kupferstiche. 1504–1803. Herder, Freiburg (Breisgau) u. a. 2004, ISBN 3-451-20633-1, S. 34 ff.
  • Günther Wessel: Von einem, der daheim blieb, die Welt zu entdecken. Die Cosmographia des Sebastian Münster oder Wie man sich vor 500 Jahren die Welt vorstellte. Campus-Verlag, Frankfurt am Main u. a. 2004, ISBN 3-593-37198-7.

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

 Commons: Sebastian Münster – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Weitere siehe

 Wikisource: Sebastian Münster – Quellen und Volltexte und in der lateinischen, italienischen und französischen wikisource (Links von der deutschen Seite)

Siehe auch[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Die zahlreichen zensierten Stellen sind bei Thomas Theodor Crusius: Thomae Crenii Animadversiones Philologicae Et Historicae. Pars VIII, S. 93–128 dokumentiert Digitalisat des Münchner Digitalisierungszentrums
  2. s. Vögelin S. 122
  3. Viktor Hantzsch: Sebastian Münster. Leben, Werk, wissenschaftliche Bedeutung. In: Abhandlungen der Königlich Sächsischen Gesellschaft der Wissenschaften. 41. Band. B. G. Teubner, Leipzig 1898; Separatabdruck, S. 153–156 Digitalisat der Sächsische Landesbibliothek – Staats- und Universitätsbibliothek Dresden
  4. Karl Heinz Burmeister: Sebastian Münster – Versuch eines biographischen Gesamtbildes. Basler Beiträge zur Geschichtswissenschaft, Band 91, Basel und Stuttgart 1963, S. XV-XVI
  5. s. Vögelin S. 124 und Hantzsch S. 67, sowie Matthias Graf: Nachricht von den Lebensumständen Doktor Wolfgang Meyers's. In: Wolfgang Meyer, Johann Jakob Breitinger, Matthias Graf (Herausgeber): Beyträge zur Kenntniß der Geschichte der Synode von Dordrecht. J.G.Neukirch, Basel, 1825, S. 196 Google-Books
  6. Wessel S. 291
  7. so findet sich z.B. in der Ausgabe von 1550 für die Burg Rötteln und die Burg Hohenkrähen dieselbe Illustration