Das Fass Amontillado

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Das Fass Amontillado, Illustration von Harry Clarke, 1919

Das Fass Amontillado, engl. The Cask of Amontillado, ist eine der berühmten späten Kurzgeschichten von Edgar Allan Poe, die erstmals 1846 in der November-Ausgabe von Godey’s Lady’s Book veröffentlicht wurde.[1]

Inhalt[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Der Ich-Erzähler Montrésor lockt den verhassten Fortunato, der sich noch für Montrésors Freund hält, während des Karnevals in die Gewölbe unter seinem Palazzo und mauert ihn dort als Rache für erlittene „tausendfältige Unbill“ lebend ein. Als Köder dient Montrésor ein Fass Amontillado, das dort unten angeblich auf die beiden Kenner wartet und begutachtet werden muss. Immer wenn Fortunato mitzukommen zögert, erwähnt Montrésor Luchresi (gemäß der Originalausgabe,[1] bei moderneren Ausgaben und in der Literaturforschung wird gelegentlich auch „Luchesi“ verwendet), einen anderen Freund, den er ja auch um sein Urteil bitten könne. Das genügt, um Fortunato in die mörderische Falle zu locken. Was Fortunato dem Ich-Erzähler Montrésor angetan hat, bleibt im Dunkeln.

Im Text erwähnt Montrésor sein Familienmotto „Nemo me impune lacessit“ („Niemand kränkt mich ungestraft“ oder auch „Niemand greift mich ungestraft an“). Nicht in jeder Fassung des Textes wird das lateinische Familienmotto übersetzt.

Deutung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Edgar Allan Poe schrieb und publizierte diese Erzählung 1846, als er sich im War of the Literati befand, der in einer Klage Poes wegen übler Nachrede gipfelte. Poes Gegner war Thomas Dunn English, die Auseinandersetzung fand statt in den Spalten des New Yorker Evening Mirror, dessen Leiter Hiram Fuller war. Die heimliche Wut des Ich-Erzählers Montrésor würde bei dieser Deutung dann seine Wut auf Thomas Dunn English (Fortunato) widerspiegeln, mit dem immer wieder aufgeführten Luchresi könnte Hiram Fuller gemeint sein (Hiram Fuller schielte leicht, wodurch die Anglifizierung „Look crazy“ des italienischen Luchresi Sinn bekommt), den Poe als Richter anzurufen droht.

1846 publizierte English einen Roman "1844, or, The Power of the S.F." bzw. "MDCCCXLII. or the Power of the S. F.". In ihr findet sich auch eine Persiflage Poes wieder:

Marmaduke Hammerhead, the famous author of "The Black Crow", who uses phrases like "Nevermore" and "lost Lenore", referring to Poe's poem "The Raven". This parody of Poe was depicted as a drunkard, liar, and an abusive lover. [2]

Die Kurzgeschichte Poes greift viele Themen und Szenen dieses Romans auf und persifliert sie.[3]

Martha Womack weist auf weitere Parallelen der Figur des "Fortunato" auf Poes Stiefvater John Allan hin. [4]

Wie Hagopian und Cunliffe sowie O‘Donovan in ihrer Deutungen der Geschichte aufzeigen, geht Das Fass Amontillado jedoch bei weitem über den gattungstypischen Rahmen einer bloßen Schauergeschichte hinaus. Jenseits der Lesart als wirkungsvolle düstere Horror- oder Rachegeschichte („first-class gothic story“) im Sinnes des von Poe poetologisch geforderten „single effect“ (dt.: „einzigartigen Effekts“)[5] kann The Cask of Amontillado gleichermaßen als „a profound psychological and moral study“ (dt.: „eine tiefsinnige psychologische und moralische Studie“) verstanden werden, die suggestiv die Imagination und Vorstellungskraft des Lesers anspricht.

So legt Montreso fünfzig Jahre nach seiner grausigen Mordtat – vermutlich in Gegenwart eines Priester auf dem eigenen Todesbett[6] – ein intimes Geständnis ab, in dem er einerseits Reue zeigt und für die Seele seines Opfers bete, andererseits sich jedoch zugleich äußerst verbittert darüber zeige, dass sein Plan einer perfekten Rache sich letztlich nicht erfüllt habe.[7]

Eine andere Deutung des "In Pace Requiescat" stellt es als eine letzte Verhöhnung des Opfers dar. Der Grund der "Rache" wird in der gesamten Geschichte nicht genannt; "Montrésor" und "Fortunato" werden dabei als sehr ähnliche Charaktere dargestellt, das Wappen der Montrésors, ein eine Schlange zertretender Fuß, in dessen Ferse sich die Zähne der Schlange verbeißen, ist dabei ein Symbol für die im Grundsatz fehlgeleitete "Rache": Während der unzuverlässige Erzähler Montrésor sich als den Fuß, der die Schlange Fortunato zertritt sieht, ist die für den Leser einleuchtendere Deutung, daß Fortunato tollpatschig auf die Schlange Montrésor getreten habe, die sich daraufhin zeitlebens in Fortunato verbissen habe.[4]

Poes Protagonisten beschreiben Amontillado, der eine Form von Sherry ist, als eine italienische Weinsorte („I was skillful in the Italian vintages myself and bought largely whenever I could.“) Die beiden Freunde kosten einen Médoc, ebenfalls nicht die „italienische Lese“, auf die Montrésor sich zu kaprizieren vorgibt. Fortunato, der angebliche "Weinkenner", erklärt dabei den von Montrésor vorgeschlagenen Köder Luch(r)esi als Dilettanten, da dieser "Amontillado nicht von Sherry" unterscheiden könne; die Weine, die Montrésor ihm reicht, weiß er nicht einzuordnen, und durch sein Trinken bringt er sich außerstande, wie "erbeten" den Amontillado einzuordnen. Er könnte anstelle eines Connoisseurs, wie er vermeintlich ist, ein reiner Alkoholiker sein.[8]

Der Ich-Erzähler besitzt zwar einen römischen Palazzo, trägt aber einen französischen Namen. Am italienischen Dekor reizen Poe (wie in Politian und Die Verabredung) Maske, Musik und Einbettung in fiktive uralte Traditionen, wie es sie in den Vereinigten Staaten nicht gibt, außerdem huldigt er darin der schwarzen Romantik Byrons.

Die Furcht vor lebendigem Begräbnis war zur Entstehungszeit der Geschichte weit verbreitet. Viele Särge bekamen Möglichkeiten, mit denen sich ein zu Unrecht für tot erklärter noch nach dem Begräbnis bemerkbar machen konnte.

Völlig aus dem Kontext scheint Marie Bonaparte die Erzählung zu reißen, die sie als Zeuge für die mittlerweile als Pseudowissenschaft entlarvte Psychoanalyse sieht und andere Gleichsetzungen durchführt. Sie sieht in Fortunato ein Abbild des verhassten Ziehvaters John Allan und reiht die Erzählung in die Gruppe derjenigen ein, die in verschlüsselter Form Poes vermeintliche "Vatermordphantasien" behandelten. Die gemeinsame Liebe zum Wein deutet sie als "Ödipusrivalität", sie setzt psychoanalytisch das Gewölbes mit dem Mutterleib gleich. Dass er als Gruft dargestellt wird, leuchte ein, wenn man bedenke, dass sowohl Poes Mutter und Ziehmutter wie auch sein Vater und Ziehvater zu diesem Zeitpunkt tot sind und seine Ehefrau todkrank ist. Außerdem weist Marie Bonaparte darauf hin, dass Poe zu dieser Zeit die Dichterin Frances Osgood verehrte, auf die auch sein „Freund“ Rufus Wilmot Griswold ein Auge geworfen hatte. Rivalität um die geliebte Frau könne also ein drittes Motiv für die Erzählung gewesen sein.[9]

Anmerkung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Erzählung wurde auf dem Album Tales of Mystery and Imagination des Alan Parsons Project musikalisch vertont.

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Edgar Allan Poe: Werke. hrsgg. von Kuno Schuhmann und Hans Dieter Müller, Olten 1966.
  • John V. Hagopian, W. Gordon Cunliffe: Poe, Edgar Allan – The Cask of Amontillado. In: John V. Hagopian, Martin Dolch (Hrsg.): Insight I. Analyses of American Literature. Hirschgraben Verlag Frankfurt a.M. 1971, S. 203–207.
  • Noreen O’Donovan: Edgar Allan Poe, The Cask of Amontillado. In: Noreen O’Donovan: Famous Stories of Surprise. Model Interpretations. Klett Verlag, Stuttgart 1988, ISBN 3-12-577610-4, S. 17–24.
  • Frank T. Zumbach: E.A. Poe – Eine Biographie. München 1986.
  • Frank T. Zumbach: E.A. Poe – Eine Biographie. Neuausgabe, Patmos Verlag, Düsseldorf 2007, ISBN 978-3-491-69144-5.

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

 Commons: The Cask of Amontillado – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. a b Vgl. die digitale Ausgabe des Erstabdrucks vom 5. November 1846 in Godey’s Lady’s Book The Cask of Amontillado by Edgar A. Poe. Auf: Edgar Allan Poe Society of Baltimore. Abgerufen am 30. Januar 2015.
  2. en:The Cask of Amontillado
  3. Rust, Richard D. "Punish with Impunity: Poe, Thomas Dunn English and 'The Cask of Amontillado'" in The Edgar Allan Poe Review, Vol. II, Issue 2 – Fall, 2001, St. Joseph's University.
  4. a b http://www.poedecoder.com/essays/cask/
  5. Vgl. Poes Essays The Philosophy of Composition und The Poetic Principle
  6. Vgl. John V. Hagopian und W. Gordon Cunliffe: Poe, Edgar Allan – The Cask of Amontillado. In: John V. Hagopian, Martin Dolch (Hrsg.): Insight I. Analyses of American Literature. Hirschgraben Verlag Frankfurt a.M. 1971, S. 206, und Noreen O‘Donovan: Edgar Allan Poe, The Cask of Amontillado. In: Noreen O‘Donovan: Famous Stories of Surprise. Model Interpretations. Klett Verlag, Stuttgart 1988, ISBN 3-12-577610-4, S. 20.
  7. Vgl. detailliert John V. Hagopian und W. Gordon Cunliffe: Poe, Edgar Allan – The Cask of Amontillado. In: John V. Hagopian, Martin Dolch (Hrsg.): Insight I · Analyses of American Literature. Hirschgraben Verlag Frankfurt a.M. 1971, S. 203 ff., und Noreen O’Donovan: Edgar Allan Poe, The Cask of Amontillado. In: Noreen O’Donovan: Famous Stories of Surprise. Model Interpretations. Klett Verlag, Stuttgart 1988, ISBN 3-12-577610-4, S. 17 f. und 19 ff.
  8. Cecil, L. Moffitt. "Poe's Wine List", from Poe Studies, Vol. V, no. 2. December 1972. p. 41.
  9. Marie Bonaparte: Edgar Poe. Internationaler psychoanalytischer Verlag, Wien 1934.