Das Steppenverhör

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Das Steppenverhör ist ein Roman von Werner Helwig. Es ist eine Parabel, in der „das Problem des Terrors zur Debatte steht“.[1] Helwig widmete das Buch „Allen Demagogen der Politik, des Geschmacks und der Gesinnung“.[2]

Inhalt[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Ein abenteuernder Nordamerikaner, der aus einer bürgerlichen Welt stammende Flüchtling Ellington, wird während eines Ritts durch eine südamerikanische Steppe, in der er sich verirrt hat, von zwei zweifelhaften „Caballeros“ eingeholt. Es sind primitiv-schlaue Menschenjäger einer ideologisch geprägten Diktatur. Er gerät im Verlauf eines zunächst harmlosen Gesprächs, das sich dann zu einem diabolischen Verhör ausweitet, immer weiter in Unfreiheit und in die brutale Gewalt der Beiden. Ellington entkommt schließlich den Menschenjägern, ist aber „durch das Steppenverhör in eine neue, bisher von ihm gemiedene Zone der Einsicht hineingetrieben worden“, denn, so fasst es Die Zeit zusammen, „die eigentliche Entscheidung vollzieht sich auf der Ebene der Gesinnung. Ihr Fazit heißt: Nicht privates Abseitsstehen, sondern Stellungnahme, Engagement.“ [3]

Form[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Das Steppenverhör erschien 1957 im Verlag Diederichs (Düsseldorf und Köln). Im Mai desselben Jahres wurde der Roman zum Buch des Monats gewählt. Auch eine Hörspielfassung wurde mehrmals gesendet.[4] Die Handlung spielt sich auf zwei Ebenen ab, die der aktuellen Zeit sowie die einer erinnernden, die im Druck kursiv wiedergegeben wird. Auf dieser zweiten Ebene wird erkennbar, dass Ellington sich der militärischen Einberufung entzogen und alle Brücken zur Vergangenheit abgebrochen hat. Die äußere Handlung ist nur skizzenhaft dargestellt. Helwig „gibt nur Andeutungen, zeigt Möglichkeiten auf und stellt der Phantasie des Lesers anheim, über Fortleben oder Tod seiner Gestalt zu entscheiden“.[5]

Rezeption[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Das Buch wurde unterschiedlich rezensiert, doch überwog die positive Kritik. Der Spiegel schrieb: „Nach dem mythischen Realismus seiner großen Griechenland-Romane wirkt Helwigs Versuch einer zeitkritischen Allegorie recht experimentell“.[6] Bettina Hürlimann verglich das Buch mit Max Frischs Homo faber und fand die Art, wie Handlung und Dialog ineinander verflochten seien, „meisterhaft und erregend“.[7] Der Literaturwissenschaftler Walter Schmiele bezeichnete den Roman als Zeit- und Kulturparabel, als Chiffre: „Das Vergnügen des Lesers ist Dechiffriervergnügen, er entknüpft ein episch-symbolisches Muster.“[8] Wolfgang Grözinger stellte die Frage: „War es wirklich nötig, die Moral der faszinierend erzählten Geschichte expressis verbis mitzugeben? Im Überdeutlichen verrät sich ein Mangel an Vertrauen in die Fabel.“[9]

Zitat[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Als er sich umsah, waren zwei Reiter da, grau, von Staub übersilbert, freche kleine Gestalten. Sie folgten ihm, einer auf der rechten, der andre auf der linken Seite seiner Grasspur. Er beschleunigte den Paßgang seines Pferdes, um unauffällig Vorsichtsmaßnahmen treffen zu können. Rasch schnallte er seine Armbanduhr ab, ließ sie in die Jackentasche gleiten. Zugleich zog er Ralphs Revolver, den er unter der Achsel auf der nackten Haut trug, griffbereit nach vorn. Störende Begebenheit, dachte er, während er mit schwacher Freundlichkeit den Gruß der Kavaliere erwiderte, die sich bereits auf einer Linie mit ihm befanden und ihn in ihre Mitte nahmen.

Werner Helwig[10]

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Wolfgang Grözinger: Werner Helwig. Das Steppenverhör. In: Wolfgang Grözinger: Panorama des internationalen Gegenwartsromans. Gesammelte ´Hochland`-Kritiken 1952-1965. (Hrsg. Erwin Rotermund). Schöningh, Paderborn 2004, ISBN 3-506-70116-9
  • Bettina Hürlimann: Werner Helwig: Das Steppenverhör. Max Frisch: Homo faber. Zwei Männerbücher. In: Atlantis. Länder, Völker, Reisen. Freiburg Breisgau und Zürich, Nr. 12/1957
  • Maria Poelchau: Im Steppenverhör. In: Die Zeit vom 9. Mai 1957
  • Walter Schmiele: Steppenparabel. In: Neue deutsche Hefte. Beiträge zur europäischen Gegenwart. Gütersloh, Nr. 40, November 1957, ISSN 0028-3142

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Jean Améry: Bildnisse berühmter Zeitgenossen: Werner Helwig. Jenseits der bürgerlichen Tradition in: St. Galler Tagblatt vom 2./3. Januar 1965
  2. Vorsatzbatt in: Das Steppenverhör. 1957
  3. Maria Poelchau: Im Steppenverhör. In: Die Zeit vom 9. Mai 1957
  4. u a. im Hessischen Rundfunk und z. B. am 31. August 1958 bei Radio Bremen
  5. Maria Poelchau: Im Steppenverhör. In: Die Zeit vom 9. Mai 1957
  6. Der Spiegel, Ausgabe 28, 1957
  7. Bettina Hürlimann in: Atlantis, Nr. 12/1957
  8. Walter Schmiele. In: Neue deutsche Hefte, Nr. 40, November 1957
  9. Wolfgang Grözinger: Hintergründe des Erzählens. In: Panorama des internationalen Gegenwartsromans. 2004
  10. Werner Helwig: Das Steppenverhör. 1957, Seite 30