Daumenhalter

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Zur Navigation springen Zur Suche springen
Verstellbarer Daumenhalter mit Gummiauflage

Ein Daumenhalter, auch Daumenstütze genannt, ist eine Vorrichtung, die dem Spieler bestimmter Holzblasinstrumente hilft, sie in der richtigen Position zu halten und sein Spiel zu erleichtern (Ansatz, Haltung, Fingersätze). Bei den Instrumenten handelt es sich vorwiegend um Klarinetten, Oboen, Saxophone und Flöten, teils auch Fagotte.[1]

Historie[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Entwicklungsgeschichtlich gesehen wurden Holzblasinstrumente zunächst aus Buchsbaum und Obstbaumholz hergestellt; sie waren relativ kompakt und leicht und sie verfügten nicht über einen Daumenhalter,[2] von wenigen Ausnahmen abgesehen.[3] Der Bedarf entstand etwa ab 1830 mit der Zunahme der Klappenanzahl bei Blasinstrumenten und dem Wechsel zu exotischen Holzarten, insbesondere Grenadill aus Mosambik, die die Instrumente schwerer machten.[4]

Um 1860 setzte der Miterfinder der Böhm-Klarinette Hyacinthe Klosé die Stütze in Frankreich[5] mittels seiner méthode complète de clarinette allgemein durch, nachdem auch er dazu übergegangen war, seine Klarinetten aus Grenadill herzustellen.[6][7]

Die Daumenstütze wurde entweder aus dem vollen Holz geschnitzt oder als Metallteil auf den Instrumententenkörper geschraubt.[5] Als Erfinder der Daumenstütze gilt der Klarinettist und Klarinettenbauer Iwan Müller. Tatsächlich wurde sie jedoch unabhängig voneinander von verschiedenen Holzblasinstrumentenbauern entwickelt. In der Zeit vorher steckten viele Klarinettisten das Mundstück so auf die Klarinette, dass das Blatt oben lag (Über-sich-Blasen statt des heute üblichen Unter-sich-Blasens mit dem Blatt auf der Unterlippe), weil sie so das Instrument besser halten konnten.[8][9]

Das Saxophon verfügt seit seiner Entstehung 1849 über eine Daumenstütze.[10] Das Saxophonmodell Selmer Mark VI aus dem Hause Henri Selmer Paris, das bei seiner Vorstellung 1954 die Ergonomie dieses Instruments revolutionierte, verfügte über eine verstellbare Daumenstütze aus Kunststoff oder Metall.[11]

Die Seite der Daumenstütze, die mit dem Finger in Berührung kommt, ist in der Regel mit einem aufgeklebten Kork oder einem aufgesteckten Gummipad ausgestattet, um den Finger zu schützen. Bei manchen Musikern entsteht in diesem Kontaktbereich eine Hornschwiele. Einige Daumenstützen haben bieten eine Vorrichtung, die die Verwendung eines Tragebandes ermöglicht, um den Daumen zu entlasten.

Stütze beim Fagott[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Anstelle einer Daumenstütze verwenden Fagottisten beim deutschen Fagott (Heckel-System) eine Handstütze. Das französische Fagott verzichtet darauf.[12]

Daumenstützen und Muskel-Skelett-Erkrankungen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Um Muskel-Skelett-Erkrankungen (z. B. chronischen Schmerzen) zu begegnen, gibt es mittlerweile ergonomische Daumenstützen, die das Gewicht des Instruments auf den ganzen Daumen und/oder den Daumen und das Handgelenk verteilen.[13][14] Auch einige dieser Stützen lassen sich mit einem Trageband kombinieren.[15][16]

Galerie[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Quellen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • ARCHIVES MUSIQUE, FACTEURS, MARCHANDS, LUTHIERS (Musikarchive, Hersteller, Händler, Guitarrenbauer). Abgerufen am 21. November 2022 (französisch, englisch, deutsch).
  • Stephanie Angloher: Das deutsche und französische Klarinettensystem. Hrsg.: Ludwig-Maximilians-Universität München. 2007, doi:10.5282/EDOC.7344 (uni-muenchen.de [abgerufen am 21. November 2022]).
  • Noel A. Garcia: The Ergonomics of Playing Bassoon: A Natural and Stress Free Approach to Playing the Instrument (Die Ergonomie des Fagottspiels: Eine natürliche und stressfreie Herangehensweise an das Spielen des Instruments). Hrsg.: University of Cincinnati. 2011 (englisch, google.com [abgerufen am 21. November 2022]).
  • Chelsea Shanoff, Kang Kyurim, Chrtitinev Guptill und Michael Thaut: Playing-Related Injuries and Posture Among Saxophonists (Spielbedingte Verletzungen und Körperhaltung bei Saxophonisten). In: Science and Medicine, Inc. (Hrsg.): Medical Problems of Performing Artists. Band 34, Nr. 4, 2019, ISSN 0885-1158, S. 215–221, doi:10.21091/mppa.2019.4032 (englisch). [abgerufen am 21. November 2022]
  • Kathryn E. Young und Sara A. Winges: Thumb-Rest Position and its Role in Neuromuscular Control of the Clarinet Task (Die Daumenstütze und ihre Rolle bei der neuromuskulären Kontrolle des Klarinettenspiels). In: Science and Medicine, Inc. (Hrsg.): Medical Problems of Performing Artists. Band 32, Nr. 2, 1. Juni 2017, ISSN 0885-1158, S. 71–77, doi:10.21091/mppa.2017.2013, PMID 28599013 (englisch). [abgerufen am 21. November 2022]
  • Kathryn Young: Clarinet Thumb-rest Function: The Pedagogy of Positioning and Electromyography Evidence (Funktion der Daumenstütze der Klarinette: Die Pädagogik der Positionierung und elektromyographische Beweise). Hrsg.: Louisiana State University Libraries. 2014, doi:10.31390/gradschool_dissertations.691 (englisch). [abgerufen am 21. November 2022]

Siehe auch[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Portal: Musik – Übersicht zu Wikipedia-Inhalten zum Thema Musik

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Instruments. In: Ton Kooiman, Woodwind Ergonomics. Ton Kooiman Design, abgerufen am 21. November 2022 (englisch).
  2. "Enfin il faut noter la finesse et la légèreté de l’instrument car il n’y a pas de repose pouce à l’époque, ni de garnitures en ivoire. (Schließlich ist noch zu erwähnen, dass das Instrument sehr dünn und leicht ist, da es damals keine Daumenstützen oder Elfenbeinbeschläge gab.)" José-Daniel Touroude: Découverte d'une clarinette rare de J. G. GEIST facteur en France sous Louis XV (Entdeckung einer seltenen Klarinette von J. G. GEIST, die in Frankreich unter Ludwig XV. gebaut wurde.). In: rp-archivesmusiquefacteurs.blogspot.com. 13. November 2020, abgerufen am 13. November 2022 (französisch).,
  3. Analyse d’une clarinette en Ré à 10 clés avec corps de rechange en Ré dièse. Reprise de l’exposé, lors de la visite de la collection de José-Daniel Touroude (Analyse einer Klarinette in D mit 10 Klappen und einem Ersatzkorpus in Dis. Wiederholung des Vortrags, während des Besuchs der Sammlung von José-Daniel Touroude). In: rp-archivesmusiquefacteurs.blogspot.com. Rene Pierre, 7. Oktober 2012, abgerufen am 13. November 2022 (französisch)..
  4. Kathryn Young: Clarinet Thumb-rest Function. S. 13–14, doi:10.31390/gradschool_dissertations.691 (englisch).
  5. a b José Daniel Touroude: Quels bois à tourner pour faire une clarinette ? (Welche Hölzer sollen für den Bau einer Klarinette verwendet werden?). In: rp-archivesmusiquefacteurs.blogspot.com. 5. Februar 2013, abgerufen am 13. November 2022 (französisch)..
  6. Kathryn Young: Clarinet Thumb-rest Function. S. 16, doi:10.31390/gradschool_dissertations.691 (englisch).
  7. History of the clarinet. In: Henri SELMER Paris. 27. Juni 2019, abgerufen am 21. November 2022.
  8. Kathryn Young: Clarinet Thumb-rest Function. S. 4, doi:10.31390/gradschool_dissertations.691 (englisch).
  9. Stephanie Angloher: Das deutsche und französische Klarinettensystem. S. 24 (uni-muenchen.de).
  10. Kathryn Young: Clarinet Thumb-rest Function. S. 12, doi:10.31390/gradschool_dissertations.691 (englisch).
  11. Kathryn Young: Clarinet Thumb-rest Function. S. 10–11, doi:10.31390/gradschool_dissertations.691 (englisch).
  12. Beatrix Kiss: Die Entwicklung des Fagotts, im besonderen die Entwicklung des französischen Systems. Hrsg.: UNIVERSITÄT FÜR MUSIK UND DARSTELLENDE KUNST IN WIEN. 14. April 2003, S. 29 (docplayer.org [abgerufen am 21. November 2022]).
  13. Home. In: Ton Kooiman, Woodwind Ergonomics. Ton Kooiman Design, abgerufen am 13. November 2022 (englisch).
  14. Kathryn Young: Clarinet Thumb-rest Function. S. 27–28, doi:10.31390/gradschool_dissertations.691 (englisch).
  15. Kathryn Young: Clarinet Thumb-rest Function. S. 136, doi:10.31390/gradschool_dissertations.691 (englisch).
  16. Kathryn E. Young und Sara A. Winges: Thumb-Rest Position and its Role in Neuromuscular Control of the Clarinet Task. S. 71 ff. (englisch).