Der Totenwald

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Der Totenwald ist ein dokumentarisches Prosastück von Ernst Wiechert, das – gegen Ende 1939 geschrieben[1][A 1] – erstmals 1946 in Zürich erschien. Der „Bericht“ wurde ins Englische, Amerikanische, Französische, Finnische, Holländische, Italienische, Polnische, Spanische und Schwedische übertragen.[2]

Mit dem Totenwald meint der Autor das thüringische Konzentrationslager Buchenwald[3], in dem er im Sommer 1938[4] als Häftling Nr. 7188[5] zwei Monate überlebte. Der schmale Band kann selbst dem distanziertesten Leser[A 2] „Respekt vor dem Leiden der Leidenden“[6] abnötigen.

Ernst Wiechert bietet kein Stück Autobiographie, sondern erzählt zeitlich zusammenhängende Episoden aus dem Leben eines Intellektuellen namens Johannes, eines Kriegs­teilnehmers. Vor der Beschreibung der zirka zweimonatigen Haft im Konzentrationslager kommt noch einiges aus der Vorgeschichte zur Sprache – die Haussuchung durch drei Gestapo-Männer und die Haft im Münchner Gestapo-Gefängnis[7].

Inhalt[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Deutschland zur Zeit der „Rückkehr Österreichs an das Reich[8]: Johannes gerät im März 1938 in den Fokus von Partei und Staat und wird vier Monate inhaftiert, nachdem er die Stimme gegen die Verschleppung eines Pfarrers[A 3] „in ein Lager[9] erhoben hatte.

Während der oben genannten mehrstündigen Durchsuchung seines Arbeitszimmers darf Johannes den Raum nicht verlassen. Unbedachterweise hatte er zuvor weder Briefe noch Tagebücher vernichtet. Im oben genannten Gefängnis wird Johannes etwa sieben Stunden von Untersuchungsbeamten, die die Gesinnung erforschen und Andersdenken nicht tolerieren wollen, verhört. Der Haftbefehl „wegen betont staatsfeindlicher Gesinnung und Erregung öffentlicher Unruhe gegen Staat und Partei“ bleibt nicht aus.[10] Nach sieben Wochen Haft wird Johannes von einem „Kulturpolitiker“ verhört, der ihm Baldur von Schirach vergeblich als poetisches Vorbild empfehlen möchte. Leider – so beschließt der Beamte die Vernehmung – könne nun die Überweisung in ein Konzentrationslager nicht ausbleiben. Die Fahrt dorthin führt am 1. Juli 1938 zunächst zum Münchner Polizeipräsidium und dann mit der Eisenbahn durch Ostbayern und über Hof, Leipzig, Halle nach Weimar. Johannes trifft unterwegs auf andere „Kritiker der Staatsführung“.

Anfangs hatte der Name „Buchenwald“ schön geklungen und der Ettersberg an Goethe erinnert. Sogleich folgt die Ernüchterung. Der „Unterlagerführer in SS-Uniform“ – das ist der Pfarrerssohn Hartmann[11] – droht den „Schweinen“, also den „Schutzhäftlingen“, bei etwaigem Widerstand mit Erschießung und empfiehlt, die „Schnauzen geradeaus zu nehmen“.[12] Die Ankömmlinge müssen als Exempel „neuer Menschenerziehung“[13] mitansehen, wie ein Häftling über den Bock[14] geht. Die Neuen müssen sich entkleiden. Im Freien wird ihnen alles Haar geschoren.[15]

Johannes muss Schwerarbeit im Freien leisten und lernt den „Hochverräter“ Josef, zuletzt Straßenbahnführer in Saarbrücken, kennen. Der Schlosser Josef ist in den letzten Jahren durch mehrere Lager gegangen. Als bei Johannes, bedingt durch die schwere körperliche Arbeit, ernsthafte gesundheitliche Schäden nicht mehr zu übersehen sind, wird schlagartig der Wendepunkt erreicht: Johannes erfährt die Solidarität der Häftlinge. Josef vermittelt dem Kranken leichte Arbeit in einer Baracke.

Auf dem Weg in die Freiheit muss Johannes beim „Propagandaminister“ vorbei. Goebbels droht ihm, ein zweites Mal werde er ein Lager nicht lebend verlassen.[16]

Form[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Im Untertitel steht Ein Bericht. Gewiss fehlt es dem Text nicht an Fakten. Johannes berichtet von 103 Toten im Juli 1938 im KZ Buchenwald[17] und schätzt dort „etwa achttausend Gefangene“[18]. Johannes, der Bürgerliche, lernt Kommunisten – wie zum Beispiel Walter Husemann – kennen und respektieren.[19]

Als Augenzeuge berichtet Johannes

  • Häftlinge werden von SS-Männern mit Füßen getreten oder ins Gesicht geschlagen.[20]
  • „der Scharführer
    • [schleudert dem Häftling] „einen kopfgroßen Stein mit voller Wucht in den Rücken“[21]
    • [schlägt dem Häftling] „mit einem fingerstarken Stock … auf die Wangen, die Ohren, die Schläfen.“[22]
  • Häftlinge müssen zur Strafe den ganzen Tag stehen und dürfen nicht austreten.[23] Uniformierte Passanten schlagen die Unglücklichen gelegentlich.[24]
  • ein Häftling hängt „an den auf dem Rücken zusammengeschnürten Armen … in einem Baume“.[25]

Trotzdem ist der Text mehr Anklage als Bericht.

Mancher Gedankensprung Ernst Wiecherts ist Jahrzehnte nach der Niederschrift des Textes fast unverständlich geworden. Der Leser aus dem 21. Jahrhundert fragt zum Beispiel, was bedeutet die Lobeshymne des Erzählers auf den Nationalsozialisten Wilhelm Hug?[26][A 4]

Rezeption[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • 1951: Reinhold Schneider: „Ernst Wiechert ist den Weg nach Buchenwald gegangen; wir werden ihm immer dankbar sein müssen dafür …“[27] „Sowenig ein Dichter sich lösen kann von der Welt der Bilder … sowenig dürfen wir uns lösen von seinem Schmerz …“[28]
  • 1977: Nach Eike Middell rangiert der Text zwar deutlich hinter Nackt unter Wölfen und Der Ermittlung[29], doch „Als Zeugnis auch im Schlimmsten nicht nur bewahrter, sondern auch bewährter Menschlichkeit bleibt Der Totenwald ein ergreifendes Dokument, ein schlichtes, anrührendes Gedenken an die Opfer des Faschismus.“[30]
  • 1994: Ausgehend vom Nachwort, in dem Ernst Wiechert mahnt und statuiert, der Text enthalte „die reine Wahrheit und nichts als die Wahrheit“ und die Schreibabsicht sei eine Verwandlung der Wirklichkeit „in eine höhere Wahrheit, eben in die der Kunst“[31], registriert Manfred Karnick „eine gewollte Manier der Schlichtheit und inhaltlich die Anlehnung an die Bibel.“[32] Zudem sei der Stoff „schon literarisch gefaßt“.[33]
  • 2008: Buchenwaldhäftling Nr. 7188: Ernst Wiechert. Wiederbegegnung mit Ernst Wiecherts KZ-Bericht „Der Totenwald“, berlinerliteraturkritik.de, Rezension der Suhrkamp-Ausgabe anno 2008

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Textausgaben[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Sekundärliteratur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Manfred Karnick: Krieg und Nachkrieg, Erzählprosa im Westen, Kapitel II in: Wilfried Barner (Hrsg.), Geschichte der deutschen Literatur. Band 12: Geschichte der deutschen Literatur von 1945 bis zur Gegenwart. C. H. Beck, München 1994, ISBN 3-406-38660-1 Inhaltsverzeichnis

Anmerkungen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Manche Stellen wurden jedoch nach 1939 editiert – zum Beispiel die Bemerkung über den Tod Husemanns im Mai 1943 (Verwendete Ausgabe, S. 123, 10. Z.v.u.).
  2. Zum Beispiel habe Thomas Mann den Bericht als „sehr mild und verschwiemelt“ abgetan (Thomas Mann, zitiert bei Eike Middell im Nachwort der verwendeten Ausgabe, S. 201, 14. Z.v.u.).
  3. Ernst Wiechert meint Martin Niemöller (siehe zum Beispiel bei Hupka: Den Kommenden zur Mahnung (Memento des Originals vom 3. November 2013 im Internet Archive) i Info: Der Archivlink wurde automatisch eingesetzt und noch nicht geprüft. Bitte prüfe den Link gemäß Anleitung und entferne dann diesen Hinweis.@1@2Vorlage:Webachiv/IABot/www.ernst-wiechert.de (PDF; 31 kB)“ (S. 127 oben)).
  4. Von seinem relativ sicheren Standort Schweiz oder auch USA aus machte 1938 mancher Emigrant zu solchen Vorgängen im Reich bittere Bemerkungen. Erika Mann soll zum Beispiel gesagt haben, Ernst Wiechert sei nach seiner Entlassung aus dem Lager ein „braver Junge“ (zitiert von Eike Middell im Nachwort der verwendeten Ausgabe, S. 199, 4. Z.v.o.) geworden.
  5. Verwendete Ausgabe.

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. im Nachwort der verwendeten Ausgabe auf S. 193, 17. Z.v.o. zitiert von Eike Middell aus Ernst Wiecherts Erinnerungen Jahre und Zeiten (Memento des Originals vom 3. November 2013 im Internet Archive) i Info: Der Archivlink wurde automatisch eingesetzt und noch nicht geprüft. Bitte prüfe den Link gemäß Anleitung und entferne dann diesen Hinweis.@1@2Vorlage:Webachiv/IABot/www.ernst-wiechert.de
  2. Der Totenwald (Memento des Originals vom 3. November 2013 im Internet Archive) i Info: Der Archivlink wurde automatisch eingesetzt und noch nicht geprüft. Bitte prüfe den Link gemäß Anleitung und entferne dann diesen Hinweis.@1@2Vorlage:Webachiv/IABot/www.ernst-wiechert.de bei ernst-wiechert.de
  3. Verwendete Ausgabe, S. 83, 11. Z.v.u.
  4. Klappentext in der verwendeten Ausgabe, 18. Zeile
  5. Verwendete Ausgabe, S. 4, 10. Z.v.u.
  6. Eike Middell im Nachwort der verwendeten Ausgabe, S. 203, 4. Z.v.u.
  7. Verwendete Ausgabe, S. 19, 9. Z.v.u. sowie S. 59, 1. Z.v.o.
  8. Verwendete Ausgabe, S. 12, 14. Z.v.u.
  9. Verwendete Ausgabe, S. 11, 8. Z.v.o.
  10. Verwendete Ausgabe, S. 25, 14. Z.v.o.
  11. Verwendete Ausgabe, S. 64, 7. Z.v.u.
  12. Verwendete Ausgabe, S. 62, 8. Z.v.o.
  13. Verwendete Ausgabe, S. 69, 9. Z.v.u.
  14. Verwendete Ausgabe, S. 69, 2. Z.v.o.
  15. Verwendete Ausgabe, S. 70, 13. Z.v.u.
  16. Verwendete Ausgabe, S. 131, 3. Z.v.u.
  17. Verwendete Ausgabe, S. 90, 1. Z.v.o.
  18. Verwendete Ausgabe, S. 71, 6. Z.v.o.
  19. Verwendete Ausgabe, S. 122 oben
  20. Verwendete Ausgabe, S. 66, 4. Z.v.u. und S. 64, 8. Z.v.o.
  21. Verwendete Ausgabe, S. 79, 19. Z.v.o.
  22. Verwendete Ausgabe, S. 80, 15. Z.v.o.
  23. Verwendete Ausgabe, S. 108, 5. Z.v.u.
  24. Verwendete Ausgabe, S. 109, 8. Z.v.o.
  25. Verwendete Ausgabe, S. 114, 14. Z.v.u.
  26. Verwendete Ausgabe, S. 123, 3. Z.v.u.
  27. Reinhold Schneider: Ernst Wiechert in Buchenwald. Verwendete Ausgabe, S. 189, 3. Z.v.o.
  28. Reinhold Schneider: Ernst Wiechert in Buchenwald. Verwendete Ausgabe, S. 190, 2. Z.v.u.
  29. Eike Middell im Nachwort der verwendeten Ausgabe, S. 192, 12. Z.v.u.
  30. Eike Middell im Nachwort der verwendeten Ausgabe, S. 199, 16. Z.v.u.
  31. Verwendete Ausgabe, S. 134
  32. Karnick in Barner (Hrsg.), S. 41, 1. Z.v.o.
  33. Karnick in Barner (Hrsg.), S. 50, 10. Z.v.u.