Der blonde Eckbert

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Wechseln zu: Navigation, Suche

Der blonde Eckbert ist ein Kunstmärchen der Frühromantik von Ludwig Tieck. Es erschien erstmals 1797 in einer, von Tieck selbst herausgegebenen, Sammlung mit dem Titel Volksmärchen, verlegt von Carl August Nicolai in Berlin. Sie beinhaltet u.a. auch Tiecks Der Gestiefelte Kater und Ritter Blaubart.

Zuweilen wird die Veröffentlichung des Eckberts als Beginn der deutschen Literaturepoche der Romantik gesehen.

Inhalt[Bearbeiten]

Es geht um ein Ehepaar, den blonden Eckbert und seine Frau Bertha, die in Zurückgezogenheit leben. (Die angesprochene „Waldeinsamkeit“ bezieht sich auf Berthas vergangenen Zustand.) Eckberts Freund Walther ist der einzige Kontakt zur Außenwelt. Eines Tages erzählt Bertha von ihrer Jugend:

Als Kind von ihrem Vater, einem armen Hirten, hart behandelt, ist sie achtjährig in den Wald geflüchtet und dort einer alten Frau begegnet, die sie mit in ihre Hütte nimmt. Sie lernt spinnen und lesen und muss den Hund und einen herrlich singenden Vogel betreuen, der täglich ein Ei mit einer Perle oder einem Edelstein legt. Sechs Jahre verbringt Bertha so bei der Alten, die mit ihr sehr zufrieden ist. Immer größer aber wird ihre Sehnsucht nach der Welt der Ritter, die sie aus ihrer Lektüre kennt, und eines Tages flüchtet sie mit einem Gefäß voller Edelsteine, lässt den Hund zurück und erwürgt unterwegs den Vogel, der sie mit seinem Lied in Angst versetzt hat. Als sie in ihrem Heimatdorf erfährt, dass ihre Eltern gestorben sind, zieht sie in die Stadt und vermählt sich später mit dem Ritter Eckbert.

Eckbert glaubt, der Freund habe Schuld an der Krankheit, die letztlich auch zum Tod seiner Frau führt. Grund für den Verdacht ist, dass Walther bei den wundersamen Geschichten aus Berthas Jugend wusste, dass ihr Hund Strohmian hieß, ohne dass Bertha der Name eingefallen wäre.

Eckbert steigert sich wegen der ungewohnten völligen Intimität mit seinem nun Vertrauten Walther und des schlechten Gesundheitszustands seiner Frau in einen Wahn und auf einem Ausritt erschießt er Walther. Als er nach Hause kommt, ist auch seine Frau gestorben am schlechten Gewissen bezüglich des Hundes der Alten.

Er bricht immer wieder von zu Hause auf, lässt den Wahnsinn scheinbar zurück und findet in Hugo einen neuen Freund, bis er auch hinter diesem Walther zu sehen scheint. Letzten Endes vermischt Eckbert immer mehr die momentane Wahrnehmung mit der Geschichte seiner Frau und seinem Verdacht gegenüber Walther. Er erfährt durch Berthas Fürsorgerin, welche ebenfalls Walther und Hugo ist (in verwandelter Form), dass er und seine Frau Halb-Geschwister sind und verstirbt im Wahn.

Interpretation[Bearbeiten]

Die Binnenhandlung erzählt die Protagonistin Bertha durchgehend aus eigener Sicht in der Ich-Form. Sie weist die Zuhörer – Eckbert und Walther – explizit darauf hin, dass sie die Geschichte nicht für ein Märchen halten sollten, nur weil sie „sonderbar klingen mag“, woraufhin der Leser genau auf das Märchenhafte der Erzählung achtet, was beabsichtigt ist. Die optische und akustische Beschreibung der Natur spiegelt sich im Gefühlsleben der Erzählerin wider. Hierbei wird ein Konflikt zwischen Natur und Mensch aufgebaut, der nur durch die Vermittlung der Religion aufgehoben werden kann. Es existiert neben der äußeren Rahmenhandlung auch eine innere Erzählung, die das Gefühlsleben Eckberts betrifft, der nicht klar zwischen Wirklichkeit und Wahn unterscheiden kann.

Interessant ist, dass die typisch romantische Verklärung des Wahnsinns bei Tieck aufgenommen und weiterverarbeitet wurde. Zwar ermöglicht der Wahn die Erkenntnis des Lebens in Inzest, aber er führt letztlich auch zum Tode.

Paul Wührl weist darauf hin, dass Der Blonde Eckbert dem Märchen Frau Holle ähnele. Denn beide Märchen thematisieren einen problematischen Reifeprozess von jungen Mädchen, der motivisch durch eine unglückliche Kindheit, die Hilfe durch eine alte Frau und teilweise gar mit dem Scheitern der Individuation gekennzeichnet ist. Genauer aufgeschlüsselt lässt sich dieses „Frau Holle-Schema“ wie folgt beschreiben: Frau Holle (oder die alte Frau der Waldeinsamkeit) repräsentiert eine mythische Mutterfigur, die Geborgenheit gewährt, solange man ihren Regeln folgt. Sowohl Pech- als auch Goldmarie fallen in den Brunnen, d.h. sie unternehmen eine Reise in die Unterwelt. Spindel und Nadel repräsentieren hierbei – wie oft von der Forschung bzgl. des Volksmärchens gedeutet – Geschlechtsreife. Brot und Äpfel stehen sinnbildlich dagegen dafür, dass Goldmarie ihr Dasein sichern kann. Die Initiationsprobe durch die Mutterfigur Holle tritt sie an, unterwirft sich den ihr aufgetragenen Pflichten und kann dementsprechend Frau Holles Haus als vollerblühte Frau verlassen. Pechmarie hingegen empfindet die weiblichen Pflichten als unzumutbaren Leistungsdruck. Da sie somit den Normen der Gesellschaft nicht gehorcht, wird sie der Ächtung preisgegeben. Jedoch sind auch zwei wesentliche Unterschiede zwischen den beiden Märchen auszumachen: Das Märchen Frau Holle unterstützt die erfolgreiche Individuation der Goldmarie durch das Negativbeispiel der Pechmarie. Außerdem endet Der Blonde Eckbert in Rätseln, Frau Holle jedoch mit volksmärchentypischem klaren Schluss in naiver Moral: Die „Gute“ wird belohnt, die „Böse“ bestraft.

Sekundärliteratur[Bearbeiten]

  • Claudia Stockinger, Ronald Weger: Tieck-Bibliographie: In: Ludwig Tieck : Leben – Werk – Wirkung. Hg. von Claudia Stockinger und Stefan Scherer. Berlin [u. a.]: de Gruyter, 2011, S. 697–807, hier 770–774 [76 Studien zum Blonden Eckbert]. ISBN 978-3-11-018383-2, e-ISBN 978-3-11-021747-6.
  • Winfried Freund: Ludwig Tieck: Der blonde Eckbert. Lektüreschlüssel, Ditzingen, Reclam 2005.
  • Hanne Castein: Der blonde Eckbert. Der Runenberg. Erläuterungen und Dokumente, Ditzingen, Reclam 1986.
  • Thomas Neubner: Das Paradies ist längst zerstört! Der Zerfall des Raum-Zeit-Kontinuums als erzählerisches Stilmittel. Eine werkimmanente Interpretation unter sozialpsychologischen Gesichtspunkten am Beispiel der Biografie der Bertha in Ludwig Tiecks Werk „Der Blonde Eckbert“. In: Mauerschau 1/2010. Raum und Zeit. Fachzeitschrift Germanistik. Universitätsverlag Rhein-Ruhr 2010.
  • Sandra Schött: Nachwort. In: Ludwig Tieck: Der blonde Eckbert. Der Runenberg. Märchen. [Hg. mit Nachwort, Zeittafel, Worterklärungen und Literaturverzeichnis von Sandra Schött.] Husum/Nordsee 2011 [Jeweils die zweiten Fassungen aus dem Phantasus 1812], 39–41.
  • Thomas Fries: Ein romantisches Märchen: „Der blonde Eckbert“ von Ludwig Tieck. In: Modern Language Notes 88 (1973), 1180–1211.
  • Paul Wührl: Das deutsche Kunstmärchen: Geschichte, Botschaft und Erzählstrukturen. Heidelberg: Quelle und Meyer, 1984.

Weblinks[Bearbeiten]