Kunstmärchen

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Wechseln zu: Navigation, Suche
Adelbert von ChamissoPeter Schlemihls wundersame Geschichte; Radierung von G. Cruikshank, 1827

Kunstmärchen (in jüngerer Zeit auch: Moderne Märchen) sind eine spezielle Ausprägung der Literaturgattung des Märchens. Im Gegensatz zu den Volksmärchen ist die Urheberschaft von Kunstmärchen einem bestimmten Dichter oder Schriftsteller zuzuordnen.

Gattungsmerkmale[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Kunstmärchen nutzen wie Volksmärchen Metaphern und greifen häufig auch Stil, Themen und Elemente von Volksmärchen auf, sind aber meist weder in ihrer Erzählform eindimensional noch erschöpfen sie sich in stereotyper Abstraktion von Ort, Zeit und handelnden Personen, d.h. sie liefern oft zusätzlich detaillierte(re) Beschreibungen von Personen und Ereignissen. Anders als in Volksmärchen werden die Figuren zuweilen „gebrochen“ und deren Probleme psychologisiert, so dass sie auch „innere“ Wandlungen vollziehen. Anstelle eines Schwarz-Weiß-Schemas, wie z.B. das von "Gut und Böse" samt eindeutiger moralischer Positionierung, werden in Kunstmärchen auch moralische Grauzonen abgehandelt – manchmal sogar in satirischer Form (vgl. Jonathan Swift: Gullivers Reisen) –, und sie enden auch nicht immer glücklich (vgl. Hans Christian Andersen: Die kleine Meerjungfrau).

Kunstmärchen nutzen zudem nicht selten einen verschachtelten Aufbau (Märchen im Märchen) und sind oft umfangreicher sowie literarisch ambitionierter als Volksmärchen konzipiert. Wie schon die ursprünglichen Volksmärchen haben bzw. hatten auch die Kunstmärchen oft zuerst die Erwachsenen als Adressaten. Im Vorwort zu der märchenartigen Erzählung Der kleine Prinz wird hingegen von vorneherein hervorgehoben, dass sich das Buch sowohl an Kinder als auch an Erwachsene richtet.

Einige Kunstmärchen wurden bereits vor Jahrhunderten auch als Märchendrama oder Märchenoper adaptiert oder dafür konzipiert. Neben mehr oder weniger umfangreichen Erzählungen sind auch Märchenromane vorgelegt worden, die jedoch meist auch Merkmale der Fantasy-Literatur aufweisen und von daher schwer davon abzugrenzen sind.

Geschichte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Kunstmärchen sind seit der Antike verbreitet (Apuleius: „Amor und Psyche“, 2. Jh. n. Chr.). Die ersten neuzeitlichen Kunstmärchen finden sich in der Sammlung Le piacevoli notti (deutsch Die ergötzlichen Nächte) des Italieners Straparola. Die französischen Feengeschichten des Rokoko wurden in Deutschland zur Zeit der Weimarer Klassik insbesondere durch Christoph Martin Wieland in der Sammlung Dschinnistan aufgegriffen. Wielands Lulu oder die Zauberflöte inspirierte Emanuel Schikaneder zum Libretto von Mozarts Oper Die Zauberflöte. Von Johann Wolfgang Goethe stammen drei Kunstmärchen: Das Märchen (in Unterhaltungen deutscher Ausgewanderten), Der neue Paris (in Dichtung und Wahrheit) und Die neue Melusine (in Wilhelm Meisters Wanderjahre).

Die meisten Autoren der deutschen Romantik schrieben Kunstmärchen, so Ludwig Tieck (Der blonde Eckbert, 1797), Novalis (die Märchenerzählungen in der Erzählung Die Lehrlinge zu Sais, 1798–1799, und im Romanfragment Heinrich von Ofterdingen, 1800), Friedrich de la Motte Fouqué (Undine, 1811), E. T. A. Hoffmann, der das Oppositionsverhältnis zwischen poetischer Märchen- und prosaischer Alltagswirklichkeit thematisierte (Der goldne Topf, 1814), Adelbert von Chamisso (Peter Schlemihls wundersame Geschichte, 1813) und Clemens Brentano (Gockel, Hinkel und Gackeleia, 1838). Auch die phantasievollen Märchen des französischen Romantikers Charles Nodier zeigen kontrastreiche Momente zwischen Bizarrem und Wunderbarem.

Die Literatur der Restaurationsepoche (1815–48) ist reich an Kunstmärchen. Viele von ihnen erreichten die Popularität von Volksmärchen, so im biedermeierlichen Deutschland Wilhelm Hauffs Die Geschichte von Kalif Storch, Der Zwerg Nase, Die Geschichte von dem kleinen Muck und Eduard Mörikes Historie von der schönen Lau. In Dänemark schrieb Hans Christian Andersen eine große Zahl von Kunstmärchen, die inzwischen zur Weltliteratur gehören (Des Kaisers neue Kleider, Die kleine Meerjungfrau, Das hässliche Entlein).

Auch Dichter, die zum Realismus gerechnet werden, schrieben Kunstmärchen, so im deutschen Sprachraum Theodor Storm (Die Regentrude) und Gottfried Keller (Spiegel, das Kätzchen). Gegen Ende des 19. Jahrhunderts, in der Epoche der Neuromantik, entstanden in England die Märchendichtungen Oscar Wildes (Der glückliche Prinz und andere Märchen und Ein Granatapfelhaus).

Im 20. Jahrhundert wurde Manfred Kyber durch seine Tiermärchen bekannt, auch Richard Hughes’ phantasievollen und grotesken Märchen sind bemerkenswert (z. B. Gertrude und das Meermädchen illustriert von Nicole de Claveloux [1] und die Märchen aus Hughes’ Sammlung Der Wunderhund [2]). Hermann Hesse schrieb oft satirische Märchen. Auch J. R. R. Tolkien verfasste mehrere humorvolle Märchen (z. B. Bauer Giles von Ham). Die Entwicklungslinie reicht bis zu den „aufgeklärten Märchen“ von Peter Rühmkorf (Der Hüter des Misthaufens).

Die scheinbare Ausblendung der äußeren Wirklichkeit im Kunstmärchen ermöglicht es, sozialkritische Inhalte zu transportieren, z. B. in Goethes Märchen (1795) die symbolisch vermittelte Kritik an den gesellschaftlichen Verhältnissen im nachrevolutionären Frankreich und in Gerhart Hauptmanns Märchen (1941) an nationalsozialistischer Rassenhygiene und sogenannter Euthanasie.

Etwa ab den 1980ern fanden auch die Alternativbewegungen ihren Niederschlag in Kunstmärchen, in denen es dann weniger um literarische Qualitäten als eben um das Einbringen „alternativer“ bzw. im Gegensatz zur „etablierten“ gesellschaftlichen Mehrheit stehender Inhalte ging. So gelang es dem Lucy Körner Verlag in Fellbach mit seinem Autor und Herausgeber Heinz Körner als erstem Verlag Bestsellererfolge mit Märchenerzählungen und Märchenanthologien (u.a. Die Farben der Wirklichkeit, 1983) zu erzielen, die unter dem Motto „Bücher für eine bessere Welt“ esoterisch-alternative Themen behandelten. Neben Kristiane Allert-Wybranietz war auch Roland Kübler einer der Mitherausgeber und Autoren des Lucy Körner Verlags, der unter gleichen Vorzeichen ab 1987 mit seinem Verlag Stendel in Waiblingen ähnlich erfolgreich eigene Märchenerzählungen und Anthologien herausgegeben hatte. Der Metta-Kinau Verlag in Hamburg setzte innerhalb dieses Spektrums bei der 1984 mit Das kleine Märchenbuch eröffneten Reihe von Märchenanthologien hingegen eher auf ökologisch-emanzipatorische Inhalte und eine besondere Gestaltung. So zeichnete sich deren Ausstattung durch eine aufwendige Hardcover-Bindung und Umweltschutzpapier sowie die Bebilderung der handschriftlichen Textbeiträge mit Grafiken von jeweils anderen Illustratoren aus. Autoren waren u.a. Robert Habeck, Ulrich Karger und Konrad Lorenz. Trotz hoher Auflagen seiner insgesamt sieben Märchenanthologien ging der Verlag jedoch Mitte der 1990er Konkurs, während die beiden erstgenannten Verlage noch bestehen.

Für die Jahrtausendwende ist insbesondere Walter Moers zu nennen, der unter seinen sehr erfolgreichen und der Fantasy zuzurechnenden Zamonien-Romanen auch einen Band wie Ensel und Krete herausgebracht hat, der als Märchen-Parodie in der Tradition des Kunstmärchens steht.

Beispiele für Übergangsformen und Adaptionen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die folgende chronologische Liste zeigt die vielfältigen Möglichkeiten der Erscheinung, Adaption und Erweiterung der Gattung der Kunstmärchens.

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Friedmar Apel: Die Zaubergärten der Phantasie. Zur Theorie und Geschichte des Kunstmärchens. Carl Winter, Heidelberg 1987, ISBN 3-533-02748-1 (Reihe Siegen 13).
  • Volker Klotz: Das europäische Kunstmärchen. Fünfundzwanzig Kapitel seiner Geschichte von der Renaissance bis zur Moderne. Deutscher Taschenbuchverlag, München 1987, ISBN 3-423-04467-5 (dtv 4467).
  • Mathias Mayer, Jens Tismar: Kunstmärchen. 4. Auflage. Metzler, Stuttgart u. a. 2003, ISBN 3-476-14155-1, (Sammlung Metzler. Gattungen 155).
  • Wührl, Paul-Wolfgang: "Das deutsche Kunstmärchen." 3. Auflage. Schneider Verlag, Hohengehren 2012, ISBN 978-3-834-01061-2.

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Richard Hughes: Gertrude und das Meermädchen. Middelhauve, Köln 1971, ISBN 3-7876-9330-0.
  2. Richard Hughes: Der Wunderhund. Diogenes, Zürich 1981, ISBN 3-257-00618-7.