Entchristlichung

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Unter Entchristlichung (oder Dechristianisierung etc.) versteht man die Verdrängung des Christentums aus gesellschaftlichen Bereichen, in denen es bislang eine selbstverständliche Grundlage gebildet hat. Dabei kann es um eine Verweltlichung und Säkularisierung gehen, aber auch um eine Ersetzung durch nicht-christliche Weltanschauungen und Religionen. Im Unterschied zu anderen Begriffen ist Entchristlichung ein politisches Programm (siehe Beispiele unten).

Begriffsgeschichte[Bearbeiten]

Die erste Verwendung des Begriffs Entchristlichung geht vermutlich auf den Historiographen Jules Michelet (1798–1874) zurück, der von der „Entchristlichung der lateinischen Wurzeln“ sprach. Unter anderem durch Friedrich W. Graf und Hartmut Lehmann wird die früher auch durch Historiker häufig gebrauchte Gleichung Entkirchlichung = Entchristlichung = Säkularisierung als oberflächlich und einseitig abgelehnt. Es handelt sich weder um deckungsgleiche Begriffe, noch sind sie für sich genommen neutral.

Entchristlichung der Schule[Bearbeiten]

Der Begriff findet sich literarisch zunächst bei christlichen Autoren im Zusammenhang mit dem Schulwesen als „Entchristlichung der Schule“. Dabei wird vor allem auch die Rolle des Neopaganismus angeprangert.

Entchristlichung in verschiedenen Epochen[Bearbeiten]

Französische Revolution[Bearbeiten]

Siehe Hauptartikel Entchristianisierung.

Entchristlichung in der Moderne[Bearbeiten]

Im allgemeineren Sinn von Säkularisation und Säkularismus findet sich der Begriff literarisch vor allem in der Endphase der Weimarer Republik.

Entchristlichung durch den Nationalsozialismus[Bearbeiten]

Der Nationalsozialismus betrieb aus der Sicht der christlichen Kirchen die Entchristlichung des Volkslebens vor allem als Entkirchlichung. Er strebte letztlich die Liquidierung der Kirchen an und setzte dabei ideologisch vor allem bei der „Entchristlichung der Jugend“ an. Umgekehrt wurde von nationalsozialistischen Autoren ins Feld geführt, dass der nihilistische Wesenskern des Nationalsozialismus gerade die Folge der Entchristlichung der Gesellschaft sei (z. B. Hermann Rauschning: Die Revolution des Nihilismus, 1938). Auf der anderen Seite setzten sich allerdings auch Gruppierungen wie die Deutschen Christen für eine Vermischung von Protestantismus und NS-Gedankengut ein.

Entchristlichung im Sozialismus[Bearbeiten]

In ähnlicher Weise erhob sich unter dem Stichwort „Entchristlichung“ die kirchliche Kritik des Sozialismus und Kommunismus, insofern dieser die Religion aus der Gesellschaft ins Private abzudrängen versuchte und den Einfluss der Kirchen durch gezielte verdeckte und offene Maßnahmen (z. B. durch die Geheimdienste) auszumerzen versuchte. Exemplarisches dazu siehe unter „Christen und Kirchen in der DDR“.

Entchristlichung Europas in Moderne und Postmoderne[Bearbeiten]

Der Begriff findet sich literarisch erst wieder gehäuft seit Ende seit den siebziger Jahre als spezifizierendere soziologisch-historischen Beschreibung des meist mit dem Zeitraum 1750 bis 1900 angegebenen Säkularisierungsprozesses in Europa.

Indem die christlichen Traditionen für das existenzielle Selbstverständnis wie für die gesamtkulturelle Gestaltung ihre Bedeutung und Allgemeinverbindlichkeit verlieren, führt der Säkularisierungsprozess nach Ansicht des Frankfurter Theologieprofessors Erwin Fahlbusch zur „Entchristlichung“ beziehungsweise „Entkirchlichung“; die ihn begleitende Rationalisierung aller Lebensbereiche bringt die „Entzauberung der Welt“ mit sich.

Entchristlichung und Wiederverchristlichung[Bearbeiten]

Aktuell wird der Begriff im kirchlichen Kontext immer häufiger dafür eingesetzt, die nach 1945 und 1989 fortgesetzte Säkularisierung kritisch zu hinterfragen, die Übernahme von zivilreligiösen Konzepten und Praktiken aus den Vereinigten Staaten sowie in der Populärkultur und Werbung zu kritisieren und eine Wiederverchristlichung der Gesellschaft zu fordern.

Siehe auch[Bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten]

  • Die Maulwurfsarbeit der „Bayerischen Lehrerzeitung“ und der neuheidnischen Lehrervereinsführer zur Entchristlichung der Schule. Ein Wort zur Aufklärung an das christliche Bayernvolk. Nürnberg 1896.
  • Claus Bernet: Die Toleranz der Dechristianisierung und Desakralisierung: Über die Verbindung von Staat und Religion in der Architektur der Frühen Neuzeit und Moderne; in: Zeitschrift für Religions- und Geistesgeschichte, 63/1 (2011), S. 1-22.
  • Claus Bernet: Der Christus so zu Jerusalem eingeritten, sey ein Dieb und Huren Sohn. Der Prozess der Dechristianisierung in Preußen um 1800; in: Forschungen zur Brandenburgischen und Preußischen Geschichte, 18/1 (2008), S.19–51.
  • Ludwig Brandl: Wider die Entchristlichung. Dokumentation einer Predigt P. Rupert Mayers aus dem Jahre 1937 über die Entkonfessionalisierung des öffentlichen Lebens. In: Klerusblatt „München“. 1997.
  • Robert Braun: Was geht in Schweden eigentlich vor? Analyse und Kritik einer Entchristlichung. Nürnberg 1967.
  • Friedrich W. Graf: Die Wiederkehr der Götter. Religion in der modernen Kultur. 2004.
  • Anselm Günthör: Wird Europa gottlos? Entchristlichung und Wiederverchristlichung. Kisslegg 2003.
  • Karl Immer: Entchristlichung der Jugend. Eine Materialsammlung. Wuppertal-Barmen 1936.
  • Rolf Kramer: Die postmoderne Gesellschaft und der religiöse Pluralismus. Eine sozialethische Analyse und Beurteilung. 2004.
  • Rainer Marbach: Säkularisierung und sozialer Wandel im 19. Jahrhundert. Die Stellung von Geistlichen zu Entkirchlichung und Entchristlichung in einem Bezirk der hannoverschen Landeskirche. Göttingen 1978.
  • Demosthenes Savramis: Entchristlichung und Sexualisierung – zwei Vorurteile. München 1969.
  • Hans Georg Schenk: Die Entchristlichung Europas „1750–1900“. 1977.
  • Ferdinand Jakob Schmidt: Die Entchristlichung der Schule. Berlin 1919.
  • Martin Schlunk: Die Überwindung des Säkularismus. Die Entchristlichung der modernen Menschheit und die Aufgaben der Weltmission des Christentums. Berlin 1929.
  • Gerhard Schmidtchen, Wilhelm F. Kasch (Hrsg.): Entchristlichung und religiöse Desozialisation (Tagung am 6. u. 7. Okt. 1977 in Bayreuth). Paderborn 1978.
  • Karl Veidt: Die Entchristlichung. „Säkularisation“ des Volkslebens als Schicksalsfrage der deutschen Politik. Vortrag über die grundsätzliche Einstellung des christlich-sozialen Volksdienstes auf der Reichsvertretertagung in Kassel zu Ostern 1930. Korntal-Stuttgart 1930.
  • Manfred Welker: „… daß die hiesige Lehrerschaft, soweit sie auf Gebet und Kreuz verzichteten, wieder zur Sitte der Väter zurückkehrt“. Der letzte Schritt zur Entchristlichung der Schule führte am 11. Juli 1941 in Herzogenaurach zu massiven Protesten. Herzogenaurach 2004.

Weblinks[Bearbeiten]