Erdnahes Objekt

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Bahn des Asteroiden 2011 MD bei seinem Vorbeiflug am 27. Juni 2011 in einem Abstand von 12.000 km zur Erdoberfläche

Erdnahe Objekte (englisch near-Earth object, NEO), auch Erdbahnkreuzer, sind Asteroiden, Kometen und große Meteoroiden, die bei ihrem Umlauf um die Sonne die Erdbahn kreuzen und deshalb eine Kollisionsgefahr bergen. Um dieser Gefahr begegnen zu können, sind genaue Kenntnisse über solche Objekte notwendig.

Klassifikation erdnaher Objekte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Nach Art und Größe unterteilt man die Erdbahnkreuzer in:[1]

Meteoroiden sind größer als der interplanetare Staub, aber kleiner als Asteroiden, wobei es aber weder von der Größe noch von der Zusammensetzung her eine eindeutige und einheitliche Grenze zwischen den beiden Objektarten gibt.

Die Asteroiden und Meteoroiden zählen zusammen mit den Kometen zu den Kleinkörpern des Sonnensystems.

Himmelsüberwachung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Radaraufnahme des Einschlagkraters Aorounga im Tschad

Nach dem Einschlag des Kometen Shoemaker-Levy 9 1994 auf Jupiter erhielt die NASA 1998 vom amerikanischen Kongress den Auftrag, 90 % derjenigen Erdbahnkreuzer zu katalogisieren, die mehr als 1 km Durchmesser besitzen.[2] Dies soll durch spezielle Programme zur Himmelsüberwachung, wie z. B. LINEAR, LONEOS, NEAT, CSS, CINEOS, Spacewatch oder ADAS, erreicht werden.[3] Der Einschlag eines Asteroiden oder Kometen dieser Größenordnung könnte ein Areal der Größe Frankreichs zerstören[2] und hätte auch globale Auswirkungen.[4] Das größte erdnahe Objekt mit einem Durchmesser von etwa 31 km ist (1036) Ganymed.

Im Jahr 2005 wurde der Auftrag an die NASA dahingehend erweitert, bis zum Jahr 2020 Instrumente und Suchprogramme zu schaffen, die es ermöglichen, erdnahe Objekte ab einer Größe von 140 m zu entdecken.[5] Objekte dieser Größenordnung könnten beim Einschlag z. B. die Region Washington DC zerstören.[2] Nach der zweiten, nicht mehr kryogenen Beobachtungsphase des Wide-Field Infrared Survey Explorers, die Anfang 2011 endete, extrapolierten die Forscher, dass das 90-%-Soll im Größenbereich über 1 km bereits übererfüllt sei, dass aber noch rund 80 % der NEOs über 100 m zu entdecken seien (von wahrscheinlich rund 20.000 waren 5.200 entdeckt).[6] Anfang 2018 waren es mehr als 8.000 (> 140 m)[7] von wahrscheinlich 30.000.[8]

Mit dem empfindlicheren Large Synoptic Survey Telescope, zurzeit im Bau, wird es innerhalb weniger Jahre gelingen auch in diesem Bereich fast 90 % zu entdecken.[9]

Risikoabschätzung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Es gibt zwei Einteilungen zur Klassifizierung des Einschlagsrisikos:

Turiner Skala[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

2003 wurde für die beiden erdnahen Asteroiden (143649) 2003 QQ47 und (433953) 1997 XR2 ein Risiko größer Null festgestellt, beide sind in die Gefahrenstufe 1 eingeordnet. Nach genauen Bahnmessungen im Jahr 2005 wurde dem Objekt (99942) Apophis (2004 MN4) als erstem eine Risikostufe größer als 1 zugewiesen, kurzfristig war der Asteroid sogar in die Stufe 4 eingeordnet worden. Zwischen Februar und Mai 2006 wurde (144898) 2004 VD17 auf der Turiner Skala mit 2 eingestuft, er war damit erst der zweite Asteroid, der einen Wert von über 1 auf der Turiner Skala erreichte.

Palermo-Skala[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Bisher ist ein erdnahes Objekt mit einem Risiko größer null bekannt; für (29075) 1950 DA wird eine enge Begegnung im Jahr 2880 vorhergesagt. Sollte es zu einem Einschlag dieses Objekts kommen, könnte ein Massensterben die Folge sein, bei dem die meisten Lebensformen auf der Erde ausgelöscht würden. Für (99942) Apophis erreichte 2005 die Risikobewertung des Einschlags auf der Palermo-Skala für kurze Zeit den Wert 1,80.

Annäherungen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Das Objekt mit dem bisher knappsten bekannten Vorbeiflug, in 6.500 km Abstand, ist 2004 FU162 mit etwa 6 m Durchmesser. Es konnte am 31. März 2004 für 44 Minuten durch LINEAR beobachtet werden und wurde durch die Erde um 20° abgelenkt.
  • Am 27. Juni 2011 erfolgte durch 2011 MD die zweitgrößte Annäherung an die Erde mit einem Abstand von rund 12.000 km. Der Asteroid hat einen Durchmesser von etwa 10 m, wurde fünf Tage zuvor durch LINEAR entdeckt und konnte nach dem Vorbeiflug noch sechs Tage lang beobachtet werden.
  • Am 8. November 2011 passierte der etwa 400 m große Asteroid (308635) 2005 YU55 die Erde in etwa 0,85-facher Monddistanz (325.000 km) und erreichte dabei eine scheinbare Helligkeit von 11 mag, sodass er mit Instrumenten ab 80 mm Öffnung beobachtet werden konnte.
  • Am 15. Februar 2013 passierte der etwa 46 m große (367943) Duende die Erde in einer Entfernung von etwa 28.000 km.
  • Am 13. April 2029 wird der 270 m große (99942) Apophis die Erde in einer Entfernung von etwa 30.000 km passieren.

Erster vorausberechneter Meteor[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Am 6. Oktober 2008 wurde 2008 TC3 in mehr als Mondentfernung entdeckt und explodierte etwa 20 Stunden später in der Stratosphäre.

Liste potentiell gefährlicher Objekte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Bezeichnung größte Annäherung
Monddistanzen km
(7482) 1994 PC1 0,005966988 2.294
(152664) 1998 FW4 0,010080437 3.875
(37368) 1993 VB 0,017828967 6.853
(2002) EY2 0,030332494 11.660
(177049) 2003 EE16 0,049877584 19.173
(267337) 2001 VK5 0,054504037 20.951
(297300) 1998 SC15 0,056665098 21.782
2001 EC 0,076372277 29.358
(433953) 1997 XR2 0,078531003 30.187
(137108) 1999 AN10 0,094539511 36.341
(216985) 2000 QK130 0,099837672 38.378
(99942) Apophis 0,105483750 40.548
(292220) 2006 SU49 0,114382901 43.969
(247360) 2001 XU 0,196846856 75.668
2006 GG21 0,241523183 92.842
2005 LW3 0,245039334 94.193
(143487) 2003 CR20 0,253009925 97.257
(162173) Ryugu 0,267567218 102.853
(35396) 1997 XF11 0,291597298 112.090
(163132) 2002 CU11 0,341506404 131.275
(90416) 2003 YK118 0,341603697 131.312
(162416) 2000 EH26 0,379825639 146.005
(405212) 2003 QC10 0,394575571 151.675
(267131) 2000 EK26 0,422109349 162.259
2000 TU28 0,425312218 163.490
(141495) 2002 EZ11 0,462579137 177.815
(164207) 2004 GU9 0,474406013 182.362
(85640) 1998 OX4 0,484831878 186.369
(89959) 2002 NT7 0,497230834 191.136
Bezeichnung größte Annäherung
Monddistanzen km
2002 JZ8 0,525465117 201.989
(85236) 1993 KH 0,537066275 206.448
2000 KA 0,543028360 208.740
2005 GY8 0,551103637 211.844
(144898) 2004 VD17 0,580155178 223.012
(467351) 2003 KO2 0,589440774 226.581
(152685) 1998 MZ 0,600792863 230.945
(387668) 2002 SZ 0,635187707 244.166
(171576) 1999 VP11 0,639997848 246.015
(2201) Oljato 0,643165692 247.233
1997 GL3 0,680343102 261.524
(434734) 2006 FX 0,681214843 261.859
(330233) 2006 KV86 0,684390470 263.080
2002 SQ41 0,696649325 267.792
(89958) 2002 LY45 0,714169759 274.527
(153814) 2001 WN5 0,723809500 278.232
2002 NY40 0,739948380 284.436
(101869) 1999 MM 0,748467311 287.711
289P/Blanpain 0,755242761 290.315
2001 QJ96 0,761263220 292.630
2004 XP14 0,822826023 316.294
2003 MK4 0,840513799 323.094
(387746) 2003 MH4 0,847359300 325.725
(85713) 1998 SS49 0,850044573 326.757
1999 RM45 0,871810851 335.124
(162162) 1999 DB7 0,893514862 343.467
(497117) 2004 FU4 0,938390054 360.717
(444193) 2005 SE71 0,984105854 378.290
(154276) 2002 SY50 0,986736643 379.302

Sonstiges[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Viele erdnahe Objekte enthalten Metalle in hoher Konzentration, wie z. B. Platin und Metalle der Seltenen Erden, die in Zukunft für die Rohstoffgewinnung von Bedeutung sein könnten.[10][11] Um diese Ressourcen in Zukunft abzubauen, gibt es theoretische Überlegungen für Asteroidenbergbau.

Siehe auch[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. NEO GROUPS neo.jpl.nasa.gov (abgerufen am 2. September 2010)
  2. a b c Tad Friend: Vermin of the Sky. In: The New Yorker, 28. Februar 2011, S. 22–29.
  3. Asiago DLR Asteroid Survey (ADAS). jpl.nasa.gov, abgerufen am 16. Juli 2011.
  4. Speech by Gen. Simon Worden: Military Perspectives on the Near-Earth Object (NEO) Threat. spaceref.com, abgerufen am 19. Juli 2011.
  5. The Threat to Earth from Asteroids & Comets. (Memento des Originals vom 29. Dezember 2008 im Internet Archive) i Info: Der Archivlink wurde automatisch eingesetzt und noch nicht geprüft. Bitte prüfe den Link gemäß Anleitung und entferne dann diesen Hinweis.@1@2Vorlage:Webachiv/IABot/pan-starrs.ifa.hawaii.edu pan-starrs.ifa.hawaii.edu, abgerufen am 26. Juli 2011.
  6. Amy Mainzer, et al.: NEOWISE observations of near-Earth objects: Preliminary results. In: The Astrophysical Journal. 743, 2011. arxiv:1109.6400. doi:10.1088/0004-637X/743/2/156.
  7. Cumulative Totals: Near-Earth Asteroids Discovered. In: cneos.jpl.nasa.gov. Jet Propulsion Laboratory, abgerufen am 2. November 2017 (englisch).
  8. Eva Schunová-Lilly, et al.: The size-frequency distribution of H > 13 NEOs and ARM target candidates detected by Pan-STARRS1. In: Icarus. 284, 2017. arxiv:1611.03095. doi:10.1016/j.icarus.2016.11.010.
  9. R. Lynne Jones, et al.: The Large Synoptic Survey Telescope as a Near-Earth Object Discovery Machine. In: Icarus. accepted, 2017. arxiv:1711.10621.
  10. Near-Earth Objects As Future Resources neo.jpl.nasa.gov; Part III: Near-Earth Objects – Resources of Near-Earth Space nss.org; The Role of Near-Earth Asteroids in Long-Term Platinum Supply. (PDF; 73 kB) nss.org; abgerufen am 1. März 2011
  11. John S. Lewis: Mining the sky – untold riches from the asteroids, comets, and planets. Addison-Wesley, Reading 1997, ISBN 0-201-32819-4