(162173) Ryugu

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Zur Navigation springen Zur Suche springen
Asteroid
(162173) Ryugu
Orbit des Asteroiden Ryugu
Orbit des Asteroiden Ryugu
Eigenschaften des Orbits (Animation)
Epoche: 9. Dezember 2014 (JD 2.457.000,5)
Orbittyp Apollo-Typ
Große Halbachse 1,1895 AE
Exzentrizität 0,1903
Perihel – Aphel 0,96319 AE – 1,41582 AE
Neigung der Bahnebene 5,8839°
Länge des aufsteigenden Knotens 251,6117°
Argument der Periapsis 211,4257°
Siderische Umlaufzeit 473,87 d
Physikalische Eigenschaften
Mittlerer Durchmesser 0,9 km
Albedo 0,07
Mittlere Dichte 1,19 g/cm³
Rotationsperiode 7,63 h
Absolute Helligkeit 19,173 mag
Spektralklasse C (Tholen) / Cg[1] (SMASSII)
Geschichte
Entdecker LINEAR
Datum der Entdeckung 10. Mai 1999
Quelle: Wenn nicht einzeln anders angegeben, stammen die Daten von JPL Small-Body Database Browser. Die Zugehörigkeit zu einer Asteroidenfamilie wird automatisch aus der AstDyS-2 Datenbank ermittelt. Bitte auch den Hinweis zu Asteroidenartikeln beachten.

(162173) Ryugu (auch: 1999 JU3, von japanisch 竜宮 Ryūgū, deutsch ‚Drachenpalast‘[2]) ist ein Asteroid des Apollo-Typs, der am 10. Mai 1999 im Rahmen des LINEAR-Projekts entdeckt wurde. Der Asteroid wird unter anderem vom Arecibo-Observatorium und dem Goldstone Deep Space Communications Complex beobachtet.

Physikalische Daten[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Ryugu misst etwa einen Kilometer im Durchmesser, seine Masse beträgt etwa eine halbe Milliarde Tonnen. Der C-Typ-Asteroid („C“ für kohlenstoffreich) ähnelt den keinen höheren Temperaturen ausgesetzten und damit wenig veränderten 4,5 Milliarden Jahre alten kohligen Chondriten in Meteoritensammlungen. Die durchschnittliche Dichte beträgt nur 1,19 ± 0,02 Gramm pro Kubikzentimeter, was bedeutet, dass ein großer Teil des Asteroiden von Hohlräumen durchzogen sein muss.[3]

Umlaufbahn[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Ryugu umrundet die Sonne innerhalb von 473,9 Tagen in einem Abstand von 0,96 AE bis 1,42 AE, kreuzt also die Umlaufbahn der Erde und nähert sich der Umlaufbahn des Mars an. Der kleinste Abstand des Asteroiden zur Erde (Earth MOID) beträgt 94.246,66 km.[4]

Aufbau[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Nachbildung der Oberfläche von Ryugu in der japanischen Ausstellung „Kuroi Sho-Wakusei – Ryugu“

Aus der mittleren Dichte von Ryugu kann die Schlussfolgerung gezogen werden, dass der Asteroid aus zahlreichen, von der Gravitationskraft zusammengehaltenen, kleinen „Brocken“ besteht (engl. rubble pile).

Auf Fotoaufnahmen von MASCOT, die der Lander während des Abstiegs und auf der Oberfläche angekommen selber machte, „sind hauptsächlich dunkle dezimeter- bis metergroße kantige, manchmal aber auch glatte Felsblöcke zu sehen. Felsblöcke mit glatten Bruchflächen und scharfen Kanten sind dabei etwas heller als Brocken mit einer unregelmäßigeren, blumenkohlartigen und teilweise krümeligen Oberfläche. […] Die beiden beobachteten Felstypen sind zu etwa gleichen Teilen auf der Oberfläche auf Ryugu verteilt.“[3] Überraschenderweise war auf der Oberfläche nicht so viel feiner Staub, also durch Weltraumverwitterung entstandenes Regolith, wie erwartet.

Die Form des Asteroiden wurde vor Ankunft der Sonde Hayabusa 2 zunächst „eher rundlich“ geschätzt. Erste während der Ankunft der Mission gemachte Aufnahmen zeigen seine Gestalt als „überraschend scharfkantig“ und oktaederförmig mit einer deutlich ausgeprägten Verdickung am Äquator. Es wird spekuliert, dass der Asteroid früher rascher rotierte und durch die Fliehkraft Material von den Polen zum Äquator bewegt wurde.[5]

Entstehungsgeschichte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Der Asteroid entstammt ursprünglich aus dem Asteroidengürtel zwischen Mars und Jupiter und dürfte bei einem Zusammenprall größerer Körper entstanden sein, indem die Trümmer sich durch die gegenseitige Anziehung sammelten und einen neuen Asteroiden bildeten. Ryugu hat Ähnlichkeit mit dem Asteroiden (101955) Bennu, sodass es wahrscheinlich ist, dass beide aus derselben Asteroidenfamilie stammen.

Erforschung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Erforschung von der Erde aus[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

„Außerdem zeigen Messungen von der Erde aus, dass das Gestein des Asteroiden eventuell einmal mit Wasser in Berührung gekommen ist.“

Ralf Jaumann, DLR-Planetenforscher und wissenschaftlicher Sprecher zu den Experimenten auf dem Lander MASCOT, Oktober 2012[6]

Mit Hilfe der Astrospektroskopie wurde Ryugu analysiert und gemäß der SMASSII-Klassifikation der seltenen Spektralklasse Cg der kohligen Chondriten zugeordnet. Die 0,7-μm-Absorptionslinie, die wasserhaltige Schichtsilikate anzeigt, wurde zwar einmal gemessen, doch haben weitere Untersuchungen diese Absorptionslinie nicht zeigen können.[1] Die Messungen vor Ort mit der Kamera AMICA (Asteroid Multi-band Imaging Camera) und dem entsprechenden Filter bestätigten das Fehlen dieser Absorptionslinie.[7]

Hayabusa-2-Mission[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

(162173) Ryugu wurde als primäres Zielobjekt für die am 3. Dezember 2014 gestartete Hayabusa-2-Mission der Japan Aerospace Exploration Agency (JAXA) ausgewählt.[8] Bei der Marco-Polo-Mission der ESA im Rahmen ihres Cosmic-Vision-Programms gehört er ebenfalls zu den möglichen Zielen.

JAXA schrieb 2015 einen öffentlichen Wettbewerb zur Namensfindung für den Asteroiden aus.[9] Am 28. September 2015 wurde er nach dem Unterwasserpalast des Drachengottes Ryūjin aus einer japanischen Sage benannt. Der Fischer Urashima Tarō besuchte diesen Palast und brachte eine schwarze Kiste mit Geheimnissen zurück. In Analogie dazu wird Hayabusa 2 den Asteroiden besuchen und eine Kapsel mit Gesteinsproben zurückbringen.

Messungen und Fotos durch die Sonde und deren Auswertung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Erste Messungen zeigten eine Oberflächentemperatur von 30 bis 100 °C.[10]

Die Sonde Hayabusa 2 kam wiederholt nahe an die Oberfläche heran und nahm dabei hochauflösende Fotos auf, beispielsweise gelang am 21. September 2018 ein Foto aus einer Höhe von nur 64 Metern,[11] wobei auch die Oberfläche eines mehrere Meter großen Felsbrockens im Detail zu sehen ist. Auffallend ist hier, dass die Oberfläche frei von Regolith ist. In einer anderen Aufnahme erkennen Sugita et al. auf einem etwa 20 Meter großen Felsbrocken in Vertiefungen auf der Oberfläche Ablagerungen von Regolith.[12]

Aufgrund spektroskopischer Daten der Kamera AMICA klassifizierten Sugita et al. Ryugu nach der SMASSII-Klassifikation als einen Cb-Asteroiden.[13] Des Weiteren nennen sie die Asteroidenfamilien Eulalia und Polana[7] als möglichen Ursprung von Ryugu. Aufgrund der großen Einschlagskrater (z. B. Urashima und Kolobok: 290 m und 240 m im Durchmesser) nehmen Sugita et al. an, dass der Asteroid noch vor 10 Millionen bis 100 Millionen Jahren im Asteroidengürtel war und erst danach seine neue Umlaufbahn eingenommen hat. Vor weniger als 1 Millionen Jahren muss Ryugu oberflächlich umgestaltet worden sein, wie die kleinen Einschlagskrater mit einem Durchmesser von etwa 10 Metern belegen.[7]

Entnahme der Bodenproben[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Raumsonde Hayabusa 2 bringt Bodenproben zur Erde, die Ende 2020 mit einer Landekapsel in Australien ankommen sollen. Es wurden an räumlich benachbarten Stellen zwei Proben genommen. Die erste am 22. Februar 2019 (japanischer Zeit). Die Raumsonde wurde an die Oberfläche herangesteuert und bei Kontakt des Samplers mit der Oberfläche wurde auf diese aus dem Inneren des Samplers ein 5 Gramm schweres Tantal-Projektil abgeschossen. Das dadurch auffliegende Material wurde eingefangen. Bei der zweiten Probenaufnahme feuerte die Raumsonde am 5. April 2019 eine zwei Kilogramm schwere, flache Kupferscheibe auf die Oberfläche, die sich durch die Beschleunigung verformte, und entnahm am 11. Juli 2019[14][15] aus dem derart erzeugten Krater mit dem Sampler frisches Bodenmaterial, das somit nicht der Weltraumverwitterung unterlag.

Grundsätzlich können mit dem Sampler verschiedene Materialproben genommen werden: Zum einen auffliegendes festes Material und dann kann Gas – auch Edelgase – in gasdichte Kammern eingefangen werden. Unabhängig von der Auslösung des Tantal-Projektils können dort, wo der Sampler die Oberfläche von Ryugu berührt, mit Hilfe einer rein mechanisch arbeitenden Vorrichtung 1 mm bis 5 mm große Körner aufgenommen werden.

Siehe auch[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. a b S. Tachibana, M. Abe, M. Arakawa, M. Fujimoto, Y. Iijima: Hayabusa2: Scientific importance of samples returned from C-type near-Earth asteroid (162173) 1999 JU3. In: GEOCHEMICAL JOURNAL. Band 48, Nr. 6, 2014, ISSN 0016-7002, S. 573–574, doi:10.2343/geochemj.2.0350 (jst.go.jp [abgerufen am 14. September 2019]).
  2. リュウグウを下見する?(その4. In: hayabusa2.JAXA.jp. Japan Aerospace Exploration Agency, abgerufen am 27. Juni 2018 (japanisch).
  3. a b Erdnaher Asteroid Ryugu: ein fragiler kosmischer ‚Schutthaufen‘. In: dlr.de. Deutsches Zentrum für Luft- und Raumfahrt, 22. August 2019, abgerufen am 31. August 2019.
  4. 162173 Ryugu. In: neo.ssa.ESA.int. Europäische Weltraumorganisation, 20. August 2019, abgerufen am 31. August 2019.
  5. Tilmann Althaus: Hayabusa-2 erkundet das Drachenschloss. In: spektrum.de. Spektrum der Wissenschaft, 7. August 2018, abgerufen am 18. August 2018.
  6. MASCOT: Asteroidenlander mit Orientierungssinn. In: DLR.de. Deutsches Zentrum für Luft- und Raumfahrt, 1. Oktober 2012, abgerufen am 29. Juni 2018.
  7. a b c S. Sugita, R. Honda, T. Morota, S. Kameda, H. Sawada: The geomorphology, color, and thermal properties of Ryugu: Implications for parent-body processes. In: Science. 19. März 2019, ISSN 0036-8075, S. eaaw0422, doi:10.1126/science.aaw0422 (researchgate.net [abgerufen am 16. September 2019]).
  8. Martin Holland: Deutsch-japanische Asteroidenmission Hayabusa2 gestartet. In: heise.de. 3. Dezember 2014, abgerufen am 3. Dezember 2014.
  9. Tilmann Althaus: Geben Sie dem Asteroiden 1999 JU3 einen Namen! In: spektrum.de. Spektrum der Wissenschaft, 22. Juli 2015, abgerufen am 16. August 2015.
  10. Probe finds asteroid’s surface is 30–100 degrees C. In: newsonjapan.com. 20. Juli 2018, archiviert vom Original am 27. Februar 2019; abgerufen am 31. August 2019.
  11. Ryugu surface imaged at highest resolution so far. In: hayabusa2.JAXA.jp. Japan Aerospace Exploration Agency, 27. September 2018, abgerufen am 14. September 2019 (englisch, mit Fotos).
  12. S. Sugita, R. Honda, T. Morota, S. Kameda: High-resolution imaging and dynamic response observations of asteroid Ryugu. Abgerufen am 16. September 2019 (englisch, PDF; 0,5 MB).
  13. S. Sugita, R. Honda, T. Morota, S. Kameda, H. Sawada: The geomorphology, color, and thermal properties of Ryugu: Implications for parent-body processes. In: Science. 19. März 2019, ISSN 0036-8075, S. eaaw0422, doi:10.1126/science.aaw0422 (sciencemag.org [abgerufen am 22. September 2019]).
  14. 2nd touchdown image bulletin. In: hayabusa2.JAXA.jp. Japan Aerospace Exploration Agency, 11. Juli 2019, abgerufen am 14. September 2019 (englisch, mit Fotos).
  15. Images from the 2nd touchdown. In: hayabusa2.JAXA.jp. Japan Aerospace Exploration Agency, 26. Juli 2019, abgerufen am 14. September 2019 (englisch, mit Fotos und Video vor und nach dem Touchdown).