Erich Scheurmann

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Erich Scheurmann (* 24. November 1878 in Hamburg; † 4. Mai 1957 in Armsfeld) war ein deutscher Maler und Schriftsteller. Bekannt geworden ist er als Verfasser des Bestsellers Der Papalagi (1920). Zur Schattenseite seiner Biographie gehört, dass er sich in den 1930er Jahren der Nazi-Ideologie verschrieben hat.

Leben[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Karl Erich Scheurmann wurde in Hamburg geboren, wo er die Realschule zu Altona besuchte. Im Alter von neunzehn Jahren unternahm er eine Wanderung durch Deutschland. Nach dem Besuch von Kunstschulen in Hamburg und Nürnberg studierte er bis 1900 an der Münchener Kunstakademie. Ab 1903 lebte er am Bodensee auf der Halbinsel Höri. Dort traf er in den Jahren von 1904 bis 1907 mit dem fast gleichaltrigen Hermann Hesse zusammen.

1914 erhielt er vom Berliner Verleger Gustav Müller-Grote (1867–1949) einen Vorschuss über 1000 Mark für eine Südsee-Geschichte. Scheurmann reiste nach Samoa, dessen westlicher Teil zu diesem Zeitpunkt noch unter deutscher Kolonialherrschaft stand. Er wurde dort vom Ausbruch des Ersten Weltkrieges und der Übernahme der Kolonie durch neuseeländische Truppen überrascht. 1915 gelang es Scheurmann, aus Samoa in die USA auszureisen. Dort schrieb er an dem wohl bekanntesten Text der deutschen Samoa-Literatur mit dem Titel Der Papalagi. Anregungen dazu entnahm er dem 1912/1913 in der Zeitschrift Der Vortrupp erschienenen fiktiven Reisebericht Die Forschungsreise des Afrikaners Lukanga Mukara ins innerste Deutschland von Hans Paasche.[1] Er arbeitete darüber hinaus als Prediger für das Deutsche Rote Kreuz. 1916 wurde er als feindlicher Ausländer interniert. Kurz vor Kriegsende kehrte er nach Deutschland zurück. 1919 übernahm er für einige Zeit das gescheiterte Sanatorium auf dem Monte Verità von Ascona und führte es als Hotel.

Er lebte ab 1930 in Armsfeld bei Bad Wildungen und betätigte sich dort als Landschaftsmaler. Eines seiner Bilder soll im Münchener Haus von Hitler gehangen haben. Verschiedentlich verkaufte Scheurmann auch Bilder „des Führers“. Während der Nazi-Diktatur war Scheurmann auf finanzielle Zuwendungen aus der Künstlersozialkasse des Propagandaministeriums angewiesen. Seit 1937/38 war er Mitglied der NSDAP (Nr. 5400638). Er war als Volkstumswart und Blockwart aktiv und engagierte sich als Leiter einer Ortsgruppe des Vereins der Auslandsdeutschen. Um als Maler ausstellen zu können, ist Scheurmann Mitglied der Reichskammer der Künste geworden. Um publizieren zu können, hat er die Aufnahme in die Reichsschrifttumskammer beantragt. Dort denunzierte er die Verlagsbuchhandlung Grote in Berlin, weil diese im Widerspruch zur nationalsozialistischen Weltanschauung ausländische Autoren bevorzuge. Der Verlag hatte die Publikation von Scheurmanns Roman Urte trotz dessen enger Anlehnung an die Nazi-Ideologie aus literarischen und unternehmerischen Gründen abgelehnt. Scheurmann pflegte den Kontakt mit dem Ludendorffs-Verlag und korrespondierte mit dem als Kolonialschriftsteller bekannt gewordenen Gustav Frenssen. Während des Zweiten Weltkrieges war er als „Hilfslehrer“ (als Leiter einer Volksschule) tätig.

Rezeption[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Scheurmanns einziger literarischer Erfolg war und blieb über seinen Tod im Jahr 1957 hinaus Der Papalagi. Die Reden des Südseehäuptlings Tuiavii aus Tiavea (1920). Das Samoa-Büchlein bringt ein zeitgenössisches Unbehagen in der Kultur zum Ausdruck. Als Zivilisationskritiker vertritt die fiktive Figur des Tuiavii Positionen, die ihn nicht als Samoaner, sondern vielmehr als einen Repräsentanten der deutschen Lebensreform-Bewegung ausweisen. Dessen Reden avancierten schließlich zu einem Kultbuch der 1968er Kulturrevolution und der grün-alternativen Bewegung. Die Neuedition eines Schweizer Verlags wird auch vom Deutschen Taschenbuchverlag vertrieben, ohne dass dort die Sympathien des Autors für Hitler und sein Arrangement mit den Nazis Erwähnung fänden. Aus diesem Grund hält sich Der Papalagi auch in deutschen Lehrplänen des 21. Jahrhunderts als bewährte Lektüre (Hessen), um interkulturelle Bildung (Berlin), Auseinandersetzung mit dem Fremden (Bremen) oder Zivilisationskritik (Nordrhein-Westfalen) zu fördern bzw. zu behandeln.[2]

Werke (Auswahl)[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Ein Weg. Grote, Berlin 1911.
  • Abseits. Erzählungen. Grote, Berlin 1913.
  • Paitea und Ilse. Eine Südseegeschichte. Grote, Berlin 1919.
  • Der Papalagi. Die Reden des Südseehäuptlings Tuiavii aus Tiavea. Erstauflage Felsen, Buchenbach (Baden) 1920. Neuauflage 1952, zahlreiche Ausgaben ab 1973, z. B. Tanner & Staehelin, Zürich 1977; Deutscher Taschenbuchverlag (dtv), München 1991.
  • Adam. Eine Legende. Felsen, Buchenbach (Baden) 1921.
  • Erwachen. Ein Südseeroman. Felsen, Buchenbach (Baden) 1921.
  • Handbuch der Kasperei. Vollständiges Lehrbuch des Handpuppenspieles. Felsen, Buchenbach (Baden) 1924.
  • Das Hohe Lied der Kultur. Felsen, Buchenbach (Baden) 1924.
  • Samoa. Ein Bilderwerk. 1. Aufl. im Eigenverlag 1926; 2. Aufl., See, Konstanz 1927. Bearbeitete Neuauflage: Samoa gestern. Eine Dokumentation mit Fotografien von 1890–1918 und Text von Erich Scheurmann. Tanner & Staehelin, Zürich 1978. Samoa aus der Sicht des Papalagi. Ein Bericht mit vielen historischen Fotografien. Heyne, München 1990.
  • Die Lichtbringer. Die Geschichte vom Niedergang eines Naturvolks. Leben und Dichtung in neunzehn Bildern (1927/28). Ludendorffs, München 1935.
  • In Menschenspuren um die Welt. Ein Buch der Sehnsucht und der Erfüllung. Brunnen, Berlin 1929.
  • Erinnerungen aus der Besetzungszeit Samoas. Bing, Korbach 1935.
  • Zweierlei Blut. Ein Südsee-Roman. Ludendorffs, München 1936.
  • Ulfs Geschlecht. Eine Erzählung aus germanischer Vorzeit. Deutsche Revolution, Düsseldorf 1938.
  • Im Banne der Leidenschaft. Der Roman einer grossen Liebe. Familienfreund, Stuttgart 1954.

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Jürgen von Stackelberg: Grenzüberschreitungen. Studien zu Literatur, Geschichte, Ethnologie und Ethologie. Universitätsverlag Göttingen, Göttingen 2007, ISBN 978-3-940344-04-5, darin das Kapitel Die Geschichte von den „edlen Wilden“, von Kolumbus bis Gauguin, S. 113–124, hier S. 115.
  2. Thomas Steinfeld: "Geschichte eines Erfolges. Heim auf die Insel. Das einst äußerst erfolgreiche Samoa-Büchlein "Der Papalagi" von Erich Scheurmann bediente die Aussteiger-Träume der 68er-Generation - unter rassistischen Vorzeichen. In: Süddeutsche Zeitung, 6. Januar 2016, S. 12.