Extinktion (Psychologie)

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Zur Navigation springen Zur Suche springen

Extinktion (lateinisch exstinguere = auslöschen, löschen) nennt man in den behavioristischen Lerntheorien einen Lernprozess, nach dem die bedingte bzw. instrumentelle Reaktion nicht mehr gezeigt wird. Dabei handelt es sich weder um Vergessen, noch um Verlernen, sondern um ein „zusätzliches“ Lernen, das die Wirkung des bedingten Reizes vorübergehend und kontextabhängig außer Kraft setzt.

Wichtige Merkmale der Extinktion sind Spontanerholung (spontaneous recovery),[1] Erneuerung (renewal) und Wiederinkraftsetzung (reinstatement). Spontanerholung bedeutet, dass das Extinktionslernen nur vorübergehend wirkt, dass also nach einer gewissen Zeit nach Abschluss des Extinktionstrainings das bedingte Verhalten wieder auftritt. Mit Erneuerung bezeichnet man die Beobachtung, dass das Extinktionslernen kontextabhängig ist, also nur in der Lernumgebung wirkt. Wird zu einem späteren Zeitpunkt der bedingte Stimulus im Extinktionskontext getestet, werden geringere bedingte oder instrumentelle Reaktionen gezeigt werden im Vergleich zu einem Test in einem anderen Kontext (entweder im ursprünglichen Lernkontext oder in einem ganz neuen Kontext). Wiederinkraftsetzung bezeichnet das Phänomen, dass eine wiederholte (und nicht mit dem bedingten Reiz gekoppelte) Darbietung des unbedingten Reizes dazu führt, dass auf den bedingten Reiz wieder eine bedingte Reaktion folgt.

Die Extinktion spielt sowohl bei der klassischen als auch bei der operanten Konditionierung eine Rolle. Beim Extinktionstraining[2] (Prozedur, die zur Extinktion führt in Abgrenzung zum Extinktionslernen, das die Abnahme der Reaktion als Ergebnis des Extinktionstrainings angibt und zur Extinktion, dem zugrundeliegenden theoretischen Prozess) in der klassischen Konditionierung wird der bedingte Reiz (conditional stimulus, CS) so oft ohne folgenden unbedingten Reiz (unconditional stimulus, US) dargeboten, bis der CS keine bedingte Reaktion mehr auslöst. Ähnlich wird bei instrumentell erlerntem Verhalten der Stimulus so oft ohne folgende Verstärkung dargeboten, bis das Verhalten nicht mehr auftritt.

Klassische Konditionierung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Ein Hund, der gelernt hat, dass er nach dem Ertönen einer Glocke (CS) immer gefüttert (US) wird, sondert bereits nach dem Glockenton Speichel ab (bedingte Reaktion, conditional response, CR). Folgt dem Glockenton jedoch nicht mehr eine Fütterung, so lässt auch das Speicheln (CR) nach. Aus Pawlows Theorie folgt streng genommen, dass ein einmal erworbener bedingter Reflex niemals wieder komplett gelöscht werden kann. Er wird durch das Ausbleiben des unkonditionierten Stimulus (US) lediglich gehemmt. Der Begriff Löschung wurde von Pawlow selbst nie verwendet; er schrieb stets von Hemmung und Abschwächung. In der englischen Übersetzung wurde daraus extinction. Da Pawlows Werke dann aus dem Englischen ins Deutsche übersetzt wurden (statt direkt aus dem Russischen), etablierte sich der Übersetzungsfehler auch im Deutschen als Fachausdruck (Extinktion oder Löschung).

Eine weitere theoretische Erklärung zur Extinktion lieferte Anfang der 1970er Jahre das Rescorla-Wagner-Modell. Tatsächlich wird dort der Prozess der Extinktion jedoch übersimplifiziert, da Effekte der Spontanerholung, Erneuerung und Wiederinkraftsetzung nicht durch das vorgestellte Modell erklärt werden konnten.

Quellen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Jürgen Margraf, Silvia Schneider: Lehrbuch der Verhaltenstherapie: Grundlagen, Diagnostik, Verfahren, Rahmenbedingungen. Band 1. Springer, 2009, ISBN 978-3-540-79541-4, S. 521.
  2. Lonsdorf, Menz, Andreatta, Fullana, Golkar, Haaker, Heitland, Hermann, Kuhn, Kruse, Meir Drexler, Meulders, Nees, Pittig, Richter, Römer, Shiban, Schmitz, Straube, Vervliet, Wendt, Baas, Merz: Don't fear 'fear conditioning': Methodological considerations for the design and analysis of studies on human fear acquisition, extinction, and return of fear. In: PubMed.gov. Abgerufen am 5. November 2019 (englisch).