Allgemeinmedizin

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
(Weitergeleitet von Facharzt für Allgemeinmedizin)
Zur Navigation springen Zur Suche springen
Allgemeinärztliche Leistungen in Mecklenburg

In Europa versteht man unter Allgemeinmedizin den ersten medizinischen Kontaktpunkt im jeweiligen Gesundheitssystem. Sie gewährleistet dabei einen offenen und unbegrenzten Zugang für alle Nutzer und für alle Gesundheitsprobleme, unabhängig von Alter, Geschlecht oder anderen Merkmalen der betroffenen Person. Sie ist eine eigene wissenschaftliche Disziplin mit eigenen Lehrinhalten, ein klinisches Spezialgebiet, das auf die Primärversorgung ausgerichtet ist.[1] In Deutschland ist die Allgemeinmedizin eines der 33 Fachgebiete der Medizin. Die Weiterbildungswege und -zeiten unterscheiden sich dabei von Land zu Land. Im Jahr 1978 erklärt die WHO in der Deklaration von Alma-Ata Gesundheit zu einem Menschenrecht. In dieser Erklärung wird der Begriff der Primary Health Care geprägt, der seitdem international für den ersten Zugang zum Gesundheitswesen üblich ist.[2]

Deutschsprachige Fachgesellschaften[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

In Österreich wird die Allgemeinmedizin durch die Österreichische Gesellschaft für Allgemein- und Familienmedizin(ÖGAM) vertreten[3], in der Schweiz durch die Schweizerische Gesellschaft für Allgemeine Innere Medizin (SGAIM).[4] Beide sind Mitglied der World Family Doctors.[5] In Deutschland übernimmt die Deutsche Gesellschaft für Allgemeinmedizin und Familienmedizin(DEGAM) diese Aufgabe.[6]

Fachdefinition der Deutschen Gesellschaft für Allgemeinmedizin und Familienmedizin[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die Allgemeinmedizin bietet den niedrigschwelligen Erstkontakt im Gesundheitswesen für alle Gesundheitsprobleme. Von besonderer Bedeutung ist es dabei, die Gesamtpersönlichkeit des Patienten, sein Umfeld und seine Geschichte zu würdigen. Erwünscht sind auf Dauer angelegte Arzt-Patienten-Beziehungen. Ziel ist eine qualitativ hochwertige Versorgung, die den Schutz des Patienten, aber auch die Gesellschaft vor Fehl-, Unter- und Überversorgung mit einschließt. Die DEGAM betont die Funktion der Koordination und Integration medizinischer Maßnahmen in der Zusammenarbeit mit den medizinischen Spezialeinrichtungen sowie das Zusammenführen und Bewerten von Ergebnissen gemeinsam mit dem Patienten.[7]

Statistik[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Zum 31. Dezember 2017 gab es circa 43.500 anerkannte Fachärzte für Allgemeinmedizin in der Bundesrepublik Deutschland[8], davon waren etwa 31.500 als Allgemeinarzt niedergelassen. Daneben werden auch von den hausärztlich tätigen Internisten und den Notfallambulanzen der Krankenhäuser allgemeinmedizinische Aufgaben wahrgenommen.[9] Die Zahl der auch in diesem Sektor tätigen niedergelassenen Praktischen Ärzte ohne Gebietsbezeichnung, in der Approbationsordnung noch als „Praktische Ärzte und Geburtshelfer“ geführt, betrug 2017 nur noch über 6800 Ärzte und nimmt weiter ab.[10] In der Deutschen Gesellschaft für Allgemeinmedizin und Familienmedizin e. V. (DEGAM), der wissenschaftlichen Fachgesellschaft der Allgemeinärzte sind 7100 Allgemeinmediziner als Mitglieder organisiert.

Weiterbildung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die medizinische Bildung von Allgemeinärzten teilt sich in Ausbildung (Studium der Humanmedizin), Weiterbildung zum Facharzt für Allgemeinmedizin und Fortbildung als Facharzt für Allgemeinmedizin. Die Weiterbildung erfolgt in strukturierter Form und soll die notwendigen ärztlichen Fähig- und Fertigkeiten vertiefen. Die erforderlichen Inhalte und Weiterbildungsdauer wird von den Landesärztekammern festgelegt, eine (Muster-)Weiterbildungsordnung, mit empfehlendem Charakter, wird von der Bundesärztekammer verabschiedet.[11] In der (Muster-)Weiterbildungsordnung von 2018 ist eine Weiterbildungsdauer von 60 Monaten vorgesehen, wovon mindestens 24 Monate in der ambulanten hausärztlichen Versorgung und mindestens 12 Monate im Gebiet Innere Medizin der stationären Akutversorgung abgeleistet werden müssen. Zudem ist eine 80-Stunden-Weiterbildung in Psychosomatischer Grundversorgung Inhalt der Weiterbildung.[12]

Großbritannien (GB)[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Im englischsprachigen Ausland werden Allgemeinmediziner als General Practitioners (GP) bezeichnet. In Großbritannien besteht eine kostenlose Heilfürsorge, die vom National Health Service (NHS) organisiert wird. Die primäre Versorgung erfolgt durch den örtlichen Allgemeinmediziner, den örtlichen Apotheker, Zahnarzt, Optiker und Hörakustiker. In Großbritannien ist der Allgemeinmediziner primär für alle Patienten unabhängig von Alter und Geschlecht zuständig. Die Schwangerenvorsorge wird nicht von allen Allgemeinmedizinern durchgeführt. Auch für Kinder ist der Allgemeinmediziner zuständig. Die Regulierung der allgemeinmedizinischen Versorgung erfolgt durch die Royal Commission on the NHS, Chapter 7. In Großbritannien können Allgemeinmediziner in Einzelpraxen oder in Gruppenpraxen arbeiten. Sie sind keine direkten Angestellten des NHS, sondern bekommen Gehalt und Ausstattung über "Family Practitioner Committees (FPCs)". Die Allgemeinmediziner sind verpflichtet, neben Sprechstunden auch Hausbesuche durchzuführen. Sie organisieren einen regionalen 24-Stunden-Rufdienst.[13] Patienten können nicht direkt in ein Krankenhaus gehen, sondern müssen sich zunächst bei ihrem lokalen Allgemeinmediziner vorstellen. Diese Funktion wird im Englischen als „Gatekeeping“ bezeichnet. Diese Zugangskontrolle zum Krankenhaus durch Allgemeinmediziner wird in England sehr kontrovers diskutiert, da sie ökonomisch zwar sinnvoll ist, aber in dringenden Fällen die stationäre Aufnahme verzögert.[14]

Siehe auch[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Weiterbildungsordnung Allgemeinmedizin der Westfälischen Ärztekammer, Version vom 9. April 2005 in der Fassung vom 9. Juli 2011
  • Zeitschrift für Allgemeinmedizin („ZfA“), Organ der Deutschen Gesellschaft für Allgemeinmedizin und Familienmedizin e.V. (DEGAM) und der Gesellschaft der Hochschullehrer für Allgemeinmedizin (GHA); erscheint im Deutschen Ärzte-Verlag (Köln)
  • Zeitschrift Der Allgemeinarzt, Fortbildung und Praxis für den Hausarzt, Verlag Kirchheim + Co, Mainz, ISSN 0172-7249
  • Frank H. Mader, Herbert Weißgerber: Allgemeinmedizin und Praxis. 6. Auflage. Springer, Berlin 2007, ISBN 978-3-540-71902-1.
  • Erwin Rebhandl, Susanne Rabady, Frank C. Mader: Evidence based Medicine-Guidelines für Allgemeinmedizin. Deutscher Ärzte-Verlag 2007, ISBN 978-3-7691-1241-2.
  • Michael M. Kochen, Duale Reihe "Allgemeinmedizin und Familienmedizin", Thieme-Verlag 2012, 4. Auflage

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Commons: Allgemeinmedizin – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien
Wiktionary: Allgemeinmedizin – Bedeutungserklärungen, Wortherkunft, Synonyme, Übersetzungen

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. DIE EUROPÄISCHE DEFINITON DER ALLGEMEINMEDIZIN / HAUSARZTMEDIZIN. WONCA EUROPE, 2002, abgerufen am 30. Januar 2023.
  2. Thomas Zimmermann: Primäre Gesundheitsversorgung / Primary Health Care. Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung, 30. März 2021, abgerufen am 30. Januar 2023.DOI:10.17623/BZGA:Q4-i096-2.0
  3. ÖGAM | Österreichische Gesellschaft für Allgemein- und Familienmedizin. Abgerufen am 30. Januar 2023.
  4. Schweizerische Gesellschaft für Allgemeine Innere Medizin (SGAIM), 4002 Basel: SGAIM - SSMIG - SSGIM. Abgerufen am 30. Januar 2023.
  5. World family doctors. Caring for people. | WONCA Europe. Abgerufen am 30. Januar 2023.
  6. Deutsche Gesellschaft für Allgemeinmedizin und Familienmedizin - DEGAM. Abgerufen am 30. Januar 2023.
  7. Fachdefinition - DEGAM. Abgerufen am 30. Januar 2023.
  8. Ärztestatistik zum 31. Dezember 2017. (PDF) In: bundesaerztekammer.de. Abgerufen am 22. November 2019.
  9. Ambulant tätige Ärzte. Abgerufen am 22. November 2019 (deutsch).
  10. Bundesärztekammer Ärztestatistik 2017
  11. (Muster-)Weiterbildungsordnung. Abgerufen am 19. Juli 2019.
  12. Bundesärztekammer (Hrsg.): (Muster-)Weiterbildungsordnung 2018. Berlin November 2018.
  13. Merrison, Alec, Sir, 1924-, Great Britain. Parliament.: Report. H.M. Stationery Off, London 1979, ISBN 0-10-176150-3.
  14. Geva Greenfield, Kimberley Foley, Azeem Majeed: Rethinking primary care’s gatekeeper role. In: BMJ. 23. September 2016, ISSN 1756-1833, S. i4803, doi:10.1136/bmj.i4803.