Family Office

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Der aus dem angelsächsischen Raum stammende Begriff Family Office bezeichnet im eigentlichen Sinn eine Gesellschaft, deren Zweck die Verwaltung des privaten Großvermögens der Eigentümerfamilie ist. Daneben werden oftmals auch weitere klassische Sekretariats-Dienstleistungen erbracht wie Reiseplanung, Sicherheitsmanagement u. ä.[1]

Der wesentliche Unterschied zwischen einem Family Office im eigentlichen Sinn und einem Vermögensverwalter ist die Tatsache, dass ersteres unter Kontrolle der Anlegerfamilie selbst und letzteres unter Kontrolle eines Dritten steht. Entsprechend unterscheidet sich auch die Regulierung: Ein Vermögensverwalter benötigt die Erlaubnis der Regulierungsbehörde, während dies beim Family office nicht der Fall ist – zumindest wenn für die Gesellschafterversammlung das Einstimmigkeitsprinzip festgeschrieben ist.[2] Der Gesetzgeber geht hier durch die Identität von Anleger und Eigentümer des Family office davon aus, dass eine Schutzbedürftigkeit nicht besteht. Die Anlageentscheider sind dabei Angestellte des Family office und damit Untergebene der Anleger.[3]

Der Hauptvorteil des Family Office ist die Kostenersparnis. Da Anleger und Eigentümer identisch sind, muss keine Verwaltungsgebühr abgeführt werden; nur Personal- und Fremdkosten fallen an. Der Nachteil besteht in der notwendigen Größe. Ein Family office macht erst dann Sinn, wenn die Verwaltungsgebühren einer externen Vermögensverwaltung spürbar höher sind als die Personalkosten, die man für ein minimales Family office aufwenden muss. Die Kosten betragen ca. eine Million EUR pro Jahr, von denen ca. 60 % Personalkosten sind.[4] Zudem fällt Aufwand für die Kontrolle der Geschäftsführung an, die in der Regel mangels Expertise der Eigentümer an externe Berater delegiert werden muss.

Neben dieser familieneigenen Organisationsform werden unter dem Begriff inzwischen jedoch auch Dienstleistungen von Gesellschaften bzw. Abteilungen von Banken beworben, die Finanzdienstleistungen für die gleiche Kundengruppe erbringen.[5] Für diese Tätigkeit ist dann eine Regulierung vorgeschrieben, da es sich letztlich nur um ein werbewirksames Etikett für herkömmliche Bankdienstleistungen wie Finanzportfolioverwaltung und Anlagaberatung handelt.

Hintergründe[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Ursprünglich gründeten sehr vermögende Familien zur optimalen Bewirtschaftung ihrer privaten und unternehmerischen Vermögenswerte und Verpflichtungen eigene Familiengesellschaften. Das erste Family Office war das 1838 gegründete House of Morgan der amerikanischen Unternehmerdynastie Morgan.[6] Im Jahre 1882 erfolgte die Gründung des Family Office der Familie Rockefeller.[6]

In Europa gibt es über 4.000 Firmen, die Family-Office-Dienstleistungen erbringen, 750 davon widmen sich ausschließlich den Geschäften einer einzigen Familie, beispielsweise die Jacobs Holding in der Schweiz. Jedes dieser Single Family Offices verwaltet Anlagevermögen von mindestens 100 Millionen US-Dollar, wobei die empfohlene Mindestgröße für ein Single Family Office bei mindestens 500 Millionen Schweizer Franken liegt.

Sogenannte Multi Family Offices verwalten kleinere Vermögen. In Europa soll es knapp 2.000 geben, die im Durchschnitt 10 bis 15 Kunden mit einem Portfolio von 25 bis 50 Millionen US-Dollar betreuen.

In der Schweiz, die in Europa als Zentrum für Family Offices gilt, sollen zwischen 300 und 400 Family Offices bestehen, die vor allem ausländische Klienten betreuen und im Durchschnitt 20 Mitarbeiter beschäftigen. Ein Dutzend davon verwalten jeweils Einzelvermögen von 10 bis 15 Milliarden US-Dollar.

Geschäfts- und Privatbanken haben vermehrt begonnen, mit hauseigenen Multi Family Offices um die Kundschaft zu werben. Die unabhängigen Family Offices werfen diesen Bankgeschäftseinheiten vor, nicht die nötige Distanz bei Anlageentscheidungen zu haben und vor allem auf Kommissionen erpicht zu sein. Unabhängige Büros hingegen hätten andere Anreizsysteme und verrechneten strikter nach Aufwand, nicht in Prozenten der Anlagen oder Gewinne.[7]

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Steen Ehlern: Global Private Wealth Management: An international study on Private Wealth Management and Family Office Services for Ultra-High Net Worth Individuals. London 2006.
  • Felix Haupt, Thomas Hilger: Das Family Office: Integrierter Dienstleister oder strategischer Berater?. Forschungspapier Nr. 113, WHU – Otto Beisheim School of Management, 2006.
  • Florian Richter, Jan Eiben: Der Family Office Manager – Anforderungsprofil und institutionenökonomische Betrachtung seiner Beziehung zur Eigentümerfamilie. Forschungspapier Nr. 123. WHU – Otto Beisheim School of Management, 2009.
  • Maximilian A. Werkmüller (Hrsg.): Family Office Management als (Bank-)Dienstleistung für vermögende Privatkunden. Heidelberg 2009. ISBN 978-3-936974-83-6
  • Dirk Farkas-Richling, Thomas R. Fischer, Andreas Richter (Hrsg.): Private Banking und Family Office: Geschäftsmodelle - Produkte - Recht und Steuern. Schäffer-Poeschel Verlag Stuttgart. 2012
  • Kirby Rosplock: The Complete Family Office Handbook: A Guide for Affluent Families and the Advisors Who Serve Them. John Wiley & Sons, Inc., Hoboken, New Jersey. 2014

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Siehe auch[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. https://www.bafin.de/SharedDocs/Veroeffentlichungen/DE/Merkblatt/mb_140514_familyoffices.html Abschnitt 1
  2. https://www.bafin.de/SharedDocs/Veroeffentlichungen/DE/Merkblatt/mb_140514_familyoffices.html Abschnitt 4 b)
  3. https://www.bafin.de/SharedDocs/Veroeffentlichungen/DE/Merkblatt/mb_140514_familyoffices.html Abschnitt 4 a)
  4. https://www.private-banking-magazin.de/was-kostet-ein-family-office-1390316339/
  5. Die Geldmaschinen der Superreichen, Bilanz, 28. Juli 2004
  6. a b Julia Böhme: Der Königsweg. Family Office. In: Cash. Investieren wie die Profis, Nr. 11/2017, S. 84–88, hier S. 85.
  7. Das Family-Office als Butler der Reichen – Diskretes Geschäft mit Milliardenvermögen, Neue Zürcher Zeitung, 9. Januar 2009