Fatti di Innsbruck

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Achille Beltrame: Aus der Bilderserie in der italienischen Sonntagszeitung La Domenica del Corriere (1904)

Die italienische Umschreibung Fatti di Innsbruck (dt. Die Ereignisse von Innsbruck) bezeichnet die gewaltsamen, nationalistisch motivierten Auseinandersetzungen zwischen deutschnationalen und italienischen Studenten an der Universität Innsbruck anlässlich der Eröffnung der italienischen Rechtsfakultät im Jahr 1904. Die Tumulte gelten als eines von mehreren Schlüsselereignissen in den Jahren der sich zuspitzenden Nationalitätenkonflikte im Vielvölkerstaat Österreich-Ungarn. Die Ausschreitungen forderten ein Todesopfer aufseiten der antiitalienischen Demonstranten und führten zur Verwüstung und offiziellen Schließung der italienischen Universitätseinrichtung.

Vorgeschichte: Der Streit um eine italienische Universität in Österreich[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Im Vielvölkerstaat Österreich-Ungarn existierte seit dem Verlust Veneziens (mit der dort situierten Universität Padua) im Jahr 1866 keine italienischsprachige Universitätsausbildung mehr. Von Seiten der Italiener Österreichs, die im Kronland Tirol bzw. im Trentino sowie in der Küstenregion um Triest beheimatet waren, wurden daraufhin verstärkt Forderungen nach Errichtung einer neuen italienischen Universität gestellt. Von konservativen und deutschnationalen Kreisen in Wien und Innsbruck wurde die Gründung einer italienischen Universität jedoch abgelehnt. Als treibendes Motiv wirkte die Befürchtung, dass eine italienische Universität den antiösterreichischen Irredentismus unter den Italienern Österreichs weiter befördern würde.

Die politische Debatte um die Errichtung der italienischen Universität in Österreich zog sich über mehrere Jahrzehnte hin, wobei verschiedene Optionen diskutiert wurden. Die italienische Maximalforderung zielte ursprünglich auf die Neugründung einer eigenständigen Universität in Triest („Trieste o nulla!“, dt. Triest oder nichts!), die später um die Kompromissstandorte Trient und Rovereto erweitert wurden. Das offizielle Österreich lehnte diese Vorschläge jedoch sämtlich ab. Erst 1904 kam eine für alle Seiten unbefriedigende Kompromisslösung zustande, die die Gründung einer italienischen Rechtsfakultät innerhalb der deutschsprachigen Universität Innsbruck vorsah.[1]

Die Gründung der italienischen Rechtsfakultät in Innsbruck[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Am 27. September 1904 verfügte der österreichische Bildungsminister die Gründung einer provisorischen Rechtsfakultät in italienischer Sprache an der Universität Innsbruck. Diese wurde schließlich am 3. November im Innsbrucker Stadtteil Wilten offiziell eröffnet. An den Einweihungsfeierlichkeiten nahmen zahlreiche italienische Studenten teil, die an anderen Universitäten Österreichs (in Wien und Graz) studierten. Unter ihnen befanden sich auch die späteren italienischen Spitzenpolitiker Cesare Battisti und Alcide Degasperi.[2]

Im Anschluss an die Eröffnung beschlossen italienische Studenten und Professoren die Feierlichkeiten im Gasthaus Weißes Kreuz in der Innsbrucker Innenstadt. Dort kam es infolge von verbalen Anfeindungen zwischen italienischen und deutschösterreichischen Studenten schließlich zur physischen Festsetzung der italienischen Feiergemeinschaft durch einen aufgebrachten Mob, der das Gastlokal belagerte. Nach Beginn von handfesten Auseinandersetzungen zwischen den verfeindeten Gruppen (infolge einer missglückten polizeilichen Evakuierung der Italiener) konnte die Lage nur mehr mit Hilfe der vom Statthalter von Tirol und Vorarlberg Erwin von Schwartzenau herangerufenen Kaiserjäger unter Kontrolle gebracht werden. Dabei wurde der ladinische Maler August Pezzey aufseiten der antiitalienischen Demonstranten von einem Kaiserjäger mit dem Bajonett erstochen.

Die durch die Tumulte und den Tod Pezzeys angeheizte Stimmung entlud sich am 4. und 5. November in pogromähnlichen Exzessen gegen italienische Geschäfte und Einrichtungen in Innsbruck, wobei auch die neu eröffnete Rechtsfakultät von einer aufgebrachten Menge gestürmt und verwüstet wurde. Die Ausschreitungen ebbten schließlich mit der Verhaftung von 138 Vertretern der italienischen Studentenschaft – unter ihnen auch die Trentiner Vertreter Cesare Battisti und Alcide Degasperi – allmählich ab. Die Verhafteten wurden erst nach mehrwöchigem Arrestaufenthalt entlassen. In der Zwischenzeit wurden die italienischen Lehrveranstaltungen an der Universität Innbruck bereits am 7. November wieder eingestellt; am 17. November wurde die italienische Rechtsfakultät offiziell aufgelöst.[3]

Folgen der Ereignisse[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die fatti di Innsbruck markieren die Steigerung einer latenten Benachteiligung von Italienern an der Universität Innsbruck um die Jahrhundertwende zu einer institutionalisierten Ausgrenzung des Italienischen am Vorabend des Ersten Weltkriegs. Auf italienischer Seite haben die fatti di Innsbruck ebenso zu einer weiteren Radikalisierung beigetragen, die sich u. a. in der Hinwendung des ursprünglich internationalistisch gesinnten Sozialisten Cesare Battisti zu Positionen des Irredentismus äußerte.

Der Ausbau der universitären Strukturen, wie er im Vorfeld der fatti di Innsbruck diskutiert worden war, realisierte sich erst in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts unter gänzlich veränderten politischen Vorzeichen. In Italien erfolgte die Gründung der Universität Triest (1924) und der Universität Trient (1962). Ein Institut für italienisches Recht entstand an der Universität Innsbruck erst wieder im Jahr 1971, wesentlich angestoßen von den politischen Ereignissen rund um die Südtirolfrage.[4]

Literatur (chronologisch)[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Claus Gatterer: Erbfeindschaft Italien-Österreich, Europa-Verlag, Wien-Frankfurt-Zürich 1972.
  • Gerhard Oberkofler: Die Rechtslehre in italienischer Sprache an der Universität Innsbruck (1864–1904), Innsbruck 1975.
  • Gerhard Oberkofler/Peter Goller: Geschichte der Universität Innsbruck (1669–1945), Peter Lang Verlag, Frankfurt-Wien u. a. 1996.
  • Irmgard Plattner: Fin de siècle in Tirol. Provinzkultur und Provinzgesellschaft um die Jahrhundertwende, StudienVerlag, Innsbruck/Wien 1999.
  • Michael Gehler/Günther Pallaver (Hrsg.): Università e nazionalismi: Innsbruck 1904 e l'assalto alla Facoltà di giurisprudenza italiana, Trento 2010.
    • Michael Gehler/Günther Pallaver (Hrsg.): Universität und Nationalismus. Innsbruck 1904 und der Sturm auf die italienische Rechtsfakultät, Museo Storico del Trentino, Trient 2013.

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Claus Gatterer: Erbfeindschaft Italien-Österreich, Europa-Verlag, Wien u. a. 1972.
  2. Graziano Riccadonna: In lotta per l'università... italiana Vita trentina vom 6. Januar 2011
  3. Michael Gehler: Die fatti di Innsbruck oder der Sturm auf die italienische Rechtsfakultät am 4. November 1904. Ein Ereignis im gesamtpolitischen Kontext der ausklingenden Habsburger Monarchie, in: Michael Gehler/Günther Pallaver: Universität und Nationalismus. Innsbruck 1904 und der Sturm auf die italienische Rechtsfakultät, Trient 2013, S. 19–55.
  4. Website des Instituts für Italienisches Recht an der Universität Innsbruck