Fluchtverhalten

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Als Fluchtverhalten (auch: Fluchtreaktion) bezeichnet man in der Verhaltensforschung alle Bewegungsabläufe, die einem Tier dazu dienen, sich durch Flucht vor einem tatsächlichen oder vermeintlichen Angreifer in Sicherheit zu bringen, wenn dieser die Fluchtdistanz nicht einhält.[1][2] Beeinflusst wird das Fluchtverhalten insbesondere durch die Ausschüttung des Hormons Adrenalin.[3]

Das Fluchtverhalten ist in der Regel in allen wesentlichen Elementen angeboren, kann aber durch Erfahrung modifiziert werden. Es ist vermutlich dasjenige Verhalten, auf das in jeder Umwelt der höchste Selektionsdruck gerichtet ist, da bereits ein einziges „Versagen“ zum Tod führen kann. Dies erklärt beispielsweise das sehr unterschiedliche Fluchtverhalten von Feldhase und Wildkaninchen: hasentypisches Fluchtverhalten zeigt sich im Hakenschlagen, was bedeutet, dass der Feldhase seine Fluchtrichtung plötzlich und nahezu im rechten Winkel ändern kann;[4] ein Kaninchen hingegen flüchtet sich gezielt in seinen Bau.[5] Ursache dieses unterschiedlichen Fluchtverhaltens ist, dass Hasen ausschließlich oberirdisch leben, während Kaninchen in Erdbauen leben.

Neben den Feldhasen, deren Fluchtverhalten in der Redewendung „das Hasenpanier zeigen“ sprichwörtlich wurde, gelten beispielsweise auch Hauspferde als typische „Fluchttiere“:[6]

„In seiner Phylogenese hat sich der Körper des Pferdes auf diese Verhaltensweise spezialisiert. Die Sinnesorgane sind auf eine frühzeitige Wahrnehmung eines Feindes ausgerichtet und die ausgeprägte Leistungsfähigkeit von Bewegungsapparat, Herz-Kreislauf-System und Atmungstrakt ermöglichen dem Pferd eine schnelle Flucht. Dieses Verhalten ist trotz der Domestikation in einem starken Ausmaß vorhanden geblieben und ist für den Menschen bei der Nutzung des Pferdes die größte Herausforderung.“

Bei wildlebenden Huftieren wird manchmal beobachtet, wie sie auf der Flucht vor Raubtieren menschliche Siedlungen aufsuchen.[7][8]

Stammesgeschichtlich eng verbunden ist das Fluchtverhalten einerseits mit dem Erkundungsverhalten und mit agonistischem Verhalten, andererseits mit dem Erkennen von Warnsignalen anderer Tiere. So ist es für viele bodenlebende Kleinsäuger beispielsweise überlebenswichtig, rasch zu erkennen, wo ein Bodenfeind sich aufhält, um in eine entgegengesetzte Richtung zu fliehen. Bei einem Angreifer aus der Luft spielt hingegen die Fluchtrichtung keine besonders große Rolle, da es in diesem Fall darauf ankommt, möglichst rasch eine Deckung aufzusuchen.

Erkundungsverhalten wiederum zielt u. a. darauf ab, neue Nahrungsquellen zu erschließen, birgt aber die Gefahr, im unbekannten Gelände besonders leicht ein Opfer von Fressfeinden zu werden. Beim agonistischen Verhalten ist die Bereitschaft zum Wechsel zwischen Aggression, Abwehr- und Fluchtverhalten eine elementare Voraussetzung für den Erfolg beispielsweise im Zweikampf um Sexualpartner. Fluchtverhalten kann durch Rückzug aus dem Territorium eines überlegenen Gegners eine Aggressionshemmung auslösen, es kann aber auch dazu führen, dass das fliehende Tier durch das Fluchtverhalten ins Beuteschema fällt und durch diesen Schlüsselreiz eine Verfolgung auslöst.

Siehe auch[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

 Wiktionary: Fluchtverhalten – Bedeutungserklärungen, Wortherkunft, Synonyme, Übersetzungen

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. vergl. Fluchtverhalten auf spektrum.de, eingesehen am 9. September 2015
  2. Christiane Buchholtz: Auslösemechanismen. Kapitel 5.2 in: (dieselbe:) Grundlagen der Verhaltensphysiologie. Vieweg, Braunschweig 1982, S. 65
  3. Markus Schumacher: Verhaltensbiologie, S. 25. Eingesehen am 10. April 2018
  4. Thomas Gehle: Zur Biologie und Ökologie des Feldhasen. Erstellt für die Deutsche Wildtier Stiftung, April 2002, S. 20, Volltext (PDF)
  5. Der Unterschied: Hase oder Kaninchen. Auf: revvet.de, eingesehen am 9. September 2015
  6. Kristina Goslar: Temperaments- und Charakterbeurteilung bei Reitpferden. Inauguraldissertation, Hannover 2011, S. 8, Volltext (PDF)
  7. D. P. J. Kuijper, E. Sahlén, B. Elmhagen, S. Chamaillé-Jammes, H. Sand, K. Lone, J. P. G. M. Cromsigt: Paws without claws? Ecological effects of large carnivores in anthropogenic landscapes. In: Proceedings of the Royal Society B. Bd. 283, Nr. 26, 2016, doi:10.1098/rspb.2016.1625
  8. Märkische Allgemeine: Hetze durchs Dorf: Frauen wollen Reh vorm Wolf retten