Flucht

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Dieser Artikel erläutert die Flucht als ungeordnetes Zurückweichen; andere Bedeutungen unter Flucht (Begriffsklärung).
Hl. Hieronymus mit dem Löwen im Kloster

Eine Flucht ist das plötzlich-eilige, auch unerlaubte oder heimliche Verlassen eines Landes oder Aufenthaltsortes, das gewaltsame Ausbrechen aus einem Gewahrsam, ebenso das ungeordnete (im Gegensatz zum Rückzug), teilweise unüberlegt-überstürzte Davonlaufen vor einem Feind, Angreifer, vor Kriegshandlungen, Greueln und Massakern (z. B. der Völkermord in Ruanda oder das Massaker von Srebrenica) oder vor Naturkatastrophen und Großunfällen (z. B. Vulkanausbrüchen, Tsunami, Atom-GAU). Statt einer (möglicherweise ziellosen) Bewegung weg von einer Bedrohung kann Flucht auch definiert sein als das Aufsuchen eines Zufluchtsortes.

Begriff[Bearbeiten]

David Roberts: Der Auszug der Israeliten aus Ägypten, 1830
Festnahme durch Polizeivollzugsbeamte nach einer Flucht

Im Krieg kann es zu einer Flucht kommen, wenn der feindliche Angriff zu stark wird und der Gegner zu schnell vorrückt. Dann bricht unter den angegriffenen Soldaten leicht Panik aus und sie fliehen ungeordnet im Gegensatz zu einem geordneten Rückzug. In Burganlagen, die den Schutz der Besatzung und der umliegenden Bevölkerung sicherstellen sollten, war der Bergfried ein besonders gesicherter Turm. In Anlehnung an diese letzte verfügbare Fluchtmöglichkeit wird der Vorgang des Flüchtens umgangssprachlich auch als türmen bezeichnet, was sich über das mittelalterliche Rotwelsch bis in unsere heutige Zeit erhalten hat. Heute gibt es vergleichbare Einrichtungen wie Panikräume oder Schutzbunker. Fluchtwege und -treppen müssen aufgrund gesetzlicher Vorschriften als Rettungswege besonders ausgewiesen, gekennzeichnet und frei zugänglich sein; sie können zugleich von den Helfern benutzt werden, um schnellen Zugang zu den Betroffenen zwecks ihrer Evakuierung zu finden.

Von Flucht spricht man auch im Falle von Menschen, die einen Zustand der Unfreiheit durch Überwindung von Barrieren, Weggehen und zumindest zeitweisem Untertauchen zu beenden suchen, z. B. Sklaven oder Gefangene (siehe auch Gefängnisausbruch). Von einer Massenflucht spricht man, wenn eine Vielzahl von Flüchtlingen aus einem Kriegs- oder Katastrophengebiet oder aus Furcht vor Massakern, Terroranschlägen oder politischer Verfolgung oder aufgrund unüberwindbarer Armut flüchten. Diese Menschen nennt man auch Kriegs-, Katastrophen- oder Wirtschaftsflüchtlinge, welche im Zufluchtsland oft die dortige Sprache nicht beherrschen und aufgrund der bestehenden Kommunikationsbarriere isoliert bleiben. Nicht immer genau kann die Massenflucht von der Vertreibung abgegrenzt werden, da Vertriebene von (feindlichen) Machthabern meist gewaltsam zum Verlassen ihres Heimatlandes gezwungen werden (z. B. die als Flucht aus Ägypten benannte Auswanderung der Israeliten). Flucht und Vertreibung sind oftmals Folgen innen- und außenpolitischer Konflikte, die es einem Teil der Bevölkerung unmöglich machen, im Heimatland zu bleiben (vgl. z. B. Flucht und Vertreibung der deutschen Bevölkerung aus den Ostgebieten zum Ende des Zweiten Weltkriegs, Republikflucht aus der DDR). Flucht und Vertreibung veranlassen die Betroffenen zur Beantragung von Asyl in den Zufluchtsstaaten. Eine Flucht kann aber auch psychisch angelegt sein, als Abkehr von der Welt und ihrem Getriebe (sogenannte Weltflucht oder Flucht in die soziale Isolation).

Bei Tieren spricht man von Fluchtverhalten, wobei diejenigen, deren Verteidigungsstrategien hauptsächlich oder ausnahmslos aus diesem Fluchtverhalten bestehen (z. B. Pferde, Rotwild), Fluchttiere genannt werden. Eine instinktive Massenflucht unter Tieren wird Stampede genannt.

Rechtsstatus[Bearbeiten]

Vergleichbar dem in Aussageverweigerungs- und Notwehrrechten verkörperten Selbstbehauptungs- und Selbstverteidigungsprivileg wird einem Gefangenen das der menschlichen Natur immanente, unauslöschbare Freiheitsstreben und der daraus resultierende existentielle Motivationsdruck als psychischer Ausnahmesituation in vielen Ländern strafrechtlich nicht vorgeworfen.[1] Es ist allgemein nachvollziehbar, dass ein durchschnittlich belastbarer Häftling eine ihm sich bietende Fluchtchance nicht tatenlos verstreichen lässt und aus einem nicht hinreichend gesicherten Gefängnis ausbricht. Eine solche Handlung, die auf bloße Selbstbegünstigung gerichtet ist und kein anderes Rechtsgut verletzt, erscheint in einem Maße verständlich, dass eine diesbezügliche strafrechtliche Ahndung als nicht geboten empfunden wird. Daher ist das Ausbrechen aus Gefängnissen entgegen zumeist indifferenten Darstellungen in den Medien in vielen Staaten, so auch in Deutschland, nicht verboten. Zur Bestrafung einer Flucht kommt es dort nur, wenn dabei weitere Straftaten begangen werden (z. B. Sachbeschädigung, Körperverletzung). Diese nationalen Rechte üben Nachsicht gegenüber dem menschlichen Freiheitsdrang, der zu einer notstandsähnlichen Lage führt. Dass ein Gefangener zu fliehen versucht, wird zumeist als zu respektierende, natürliche Reaktion gesehen, deren Bestrafung mit einem an aufgeklärter Humanität orientierten, modernen Menschenbild nicht zu vereinbaren ist.

Hingegen wird eine Flucht vom Unfallort erst dann straffrei, wenn die sofortige und zutreffende Unterrichtung der Personalien an Unfallbeteiligte oder Polizei absolut sichergestellt ist.

Auch im Völkerrecht wird die Flucht als Folge des natürlichen Selbsterhaltungstriebes betrachtet und in gewisser Weise legitimiert. Deshalb dürfen nach Art 91 S. 2 des Genfer Abkommens über die Behandlung der Kriegsgefangenen solche Kriegsgefangene, denen die Flucht gelungen ist, aber neuerdings in Gefangenschaft geraten sind, wegen ihrer früheren Flucht nicht bestraft werden. Dabei gilt nach Art. 91 S. 1 der Genfer Konvention eine Flucht eines Kriegsgefangenen als gelungen, wenn jener (1.) die bewaffneten Kräfte der Macht, von der er abhängt, oder einer verbündeten Macht erreicht hat oder (2.) wenn er das in der Gewalt des Gewahrsamsstaates oder einer mit ihm verbündeten Macht befindliche Gebiet verlassen hat oder (3.) wenn er ein der Macht, von der er abhängt, oder einer verbündeten Macht gehörendes, in den Territorialgewässern des Gewahrsamsstaates befindliches Schiff erreicht, vorausgesetzt, dass dieses Schiff nicht unter der Befehlsgewalt des Gewahrsamsstaates steht. Darüber hinaus sollen Flucht oder Fluchtversuch, selbst im Wiederholungsfall, nicht als erschwerender Umstand betrachtet werden, wenn der Kriegsgefangene wegen eines während seiner Flucht oder seines Fluchtversuches begangenen Vergehens vor Gericht gestellt wird (Art. 93 S. 1). Außerdem dürfen Kriegsgefangene, die sich einzig und allein mit der Absicht, ihre Flucht zu erleichtern, eines Vergehens schuldig machen, ohne dabei gegen Personen Gewalt anzuwenden, wie etwa eines Vergehens gegen das öffentliche Eigentum, des Diebstahls ohne Bereicherungsabsicht, der Herstellung und Verwendung falscher Papiere, des Tragens von Zivilkleidern, nur disziplinarisch belangt werden (Art. 93 S. 2). Allerdings dürfen nach einem misslungenen Fluchtversuch gefasste Kriegsgefangene einer besonderen Aufsicht bei Wahrung ihrer körperlichen Gesundheit unterstellt werden (Art. 92).

Hat ein Schuldner die Flucht ergriffen, um sich seinen Verbindlichkeiten zu entziehen, so stellt dieses Verhalten nach schweizerischem Schuldbetreibungs- und Konkursrecht einen materiellen Konkursgrund dar, wenn die Flucht ins Ausland führt.[2] Dasselbe Verhalten bildet zudem einen Arrestgrund.[3]

Literatur[Bearbeiten]

  • Gerda Heck: Illegale Einwanderung. Eine umkämpfte Konstruktion in Deutschland und den USA. Edition DISS Band 17. Unrast, Münster 2008, ISBN 978-3-89771-746-6 (Interview heiseonline 10. November 2008)
  • Claus-Dieter Krohn, Patrik von zur Mühlen, Gerhard Paul, Lutz Winckler (Hrsg.): Handbuch der deutschsprachigen Emigration 1933–1945. Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt 1998 und Primus, ebd. 1998, ISBN 3-89678-086-7
  • jour fixe initiative berlin (Hrsg.): Fluchtlinien des Exils, Unrast, Münster 2004, ISBN 978-3-89771-431-1
  • Klaus J. Bade: Deutsche im Ausland – Fremde in Deutschland, Migration in Geschichte und Gegenwart. C. H. Beck, München 1993 (3. Auflage), ISBN 978-3-406-35961-3
  • Dietmar Schultke: Keiner kommt durch – Die Geschichte der innerdeutschen Grenze und Berliner Mauer, Aufbau, Berlin 2008 (Erweiterte Nachauflage), ISBN 978-3-7466-8157-3
  • Sandra Wiesinger-Stock, Erika Weinzierl, Konstantin Kaiser (Hrsg.): Vom Weggehen. Zum Exil von Kunst und Wissenschaft Reihe Exilforschung heute, Bd. 1, Mandelbaum, Wien 2006, ISBN 978-3-85476-182-2
  • Thomas Waitz: Auswandern. Heimat, Fremde, Fernsehen in: Claudia Böttcher, Judith Kretzschmar, Markus Schubert (Hrsg.): Heimat und Fremde. Selbst-, Fremd- und Leitbilder in Film und Fernsehen. München 2008 (PDF; 412 kB)
  • Gerald Steinacher: Nazis auf der Flucht. Wie Kriegsverbrecher über Italien nach Übersee entkamen. Studien Verlag, Innsbruck, Wien, Bozen 2008, ISBN 978-3-7065-4026-1
  • Martin Helm: Das Delikt der Gefangenenbefreiung, BWV - Berliner Wissenschafts-Verlag GmbH, Berlin 2010, ISBN 978-3-8305-1766-5

Quellen[Bearbeiten]

  1. Martin Helm, Das Delikt der Gefangenenbefreiung, Berlin 2010, S. 238 ff.
  2. Art. 190 Abs. 1 Ziff. 1 SchKG; Hunziker/Pellascio, S. 205
  3. Art. 271 Abs. 1 Ziff. 2 SchKG; Hunziker/Pellascio, S. 289

Weblinks[Bearbeiten]

 Wikiquote: Flucht – Zitate