Fluxeum

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Das Fluxeum ist ein 1986 gegründetes Privatmuseum zur Fluxus-Bewegung in Wiesbaden-Erbenheim.

Geschichte[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Ute und Michael Berger, die später als Sammler von Kunst und Alltagsgegenständen, Künstlerförderer und Geschenkartikelproduzenten bekannt geworden sind, gründeten 1969 die Firma Harlekin. Das komisch-ironische Gewerbe der Bergers fand in der Zeit von Pop und Protest viele Abnehmer,[1] geriet wegen frecher Gag-Geschenke im Laufe der Jahre aber auch immer wieder in juristische Schwierigkeiten.[2]

Zuerst sammelte das Ehepaar kuriose Alltagsgegenstände. wie z. B. von Coca-Cola, Mickey Maus und Teddy-Bären. Aufgrund des großen Erfolges der Firma konnte die Sammlung der Bergers immer weiter anwachsen. Sie begann in einem Tischtenniskeller und entwickelte sich zu über fünf Garagen.

1973 führte die Begegnung mit Robert Filious Objekt Combining in Basel zur Kunst. Der Fluxus-Pionier hatte darin 1970 die Harlekin-Hand verarbeitet. Die Bergers kauften es und legen damit den Grundstein für die namhafte Fluxus-Sammlung, zu der unter anderem Arbeiten von Marcel Broodthaers, Mary Bauermeister und Daniel Spoerri gehören. Es ergab sich seit diesen Jahren intensiver Kontakt mit den Protagonisten der Fluxus-Bewegung, die bald in Erbenheim verkehren sollten, z. B. Benjamin Patterson, Joe Jones, Nam June Paik.

Die Künstler wohnten teilweise bei den Bergers und schenkten ihnen dafür Kunstwerke.

Im Jahre 1974 erwarben die Bergers eine profanierte Kirche. Sie wird später zum Ausstellungsort und dann zum privaten Fluxus-Museum der Bergers, dem Fluxeum. Unter dem Namen Harlekin Art legen sie von 1977 an Editionen befreundeter Künstler auf. 1978 entstand bei Harlekin Art ein Multiple von Wolf Vostell mit dem Titel Endogene Depression in einer Auflage von 50 Exemplaren. 1982 erinnerten sie mit großem Fest daran, dass 1962 bei den „Internationalen Festspielen Neuester Musik“ im Museum Wiesbaden die Geburtsstunde von Fluxus schlug. Sie begründeten so die Tradition, dass die Stadt dieses Ereignis im Zehnjahresrhythmus feiert.[1] Auch durch diese Erinnerung im Dekaden-Rhythmus lebt die Strömung Fluxus heute fort. Wiesbaden ist durchaus stolz, dass sich hier ein Ereignis von Weltrang in der Kunst zugetragen hat.[3] Bei diesem ersten Festival 1982 begegnete Berger Benjamin Patterson das erste Mal.[4]

1986 wurde schließlich das Fluxeum in der alten Kirche eröffnet, das damals erste Museum für Fluxuskunst überhaupt war. Heute ist die Kirche das Depot der hochkarätigen Sammlung.[5]

Das Dänisch-Deutsch-Amerikanische Festival „Excellent ’92“ zum 30-jährigen Bestehen von Fluxus begann in Michael und Ute Bergers Fluxeum in Wiesbaden und reiste zur Nikolai-Kirche in Kopenhagen. Gleichzeitig fanden Veranstaltungen in New York statt.[6]

Im ehemaligen Pfarrhaus lebte Benjamin Patterson von 1988 an fast 15 Jahre, direkt unter Joe Jones. Neben dem vom Ehepaar gegründeten Harlekinäum und der Humorkirche schuf Patterson 1999 das Monument „Lachmal“, auf dem die 54 Prozesse, die Berger mit großen Unternehmen geführt hat, zu Grabe getragen werden. 53 dieser Prozesse hat er nach eigener Aussage gewonnen – und habe daher den Firmen sagen können, sie sollten einmal lachen.

Geblieben ist auch der „Lachbrunnen“ von Patterson aus dem Jahr 2000: Eine für Berger ganz typische poetische und märchenhafte Arbeit, bei der (wie wohl öfter) Frösche eine Rolle spielen.[4]

Die Firma Harlekin stellte 2002 den Betrieb ein. Gesammelt wurde weiter. Die Bergers besitzen die vermutlich größte Sammlung der "Music Machines" von Joe Jones, und Michael Berger erwarb beispielsweise mail art von Ray Johnson. Jahre später wurde aber die Joseph-Beuys-Sammlung an das How Art Museum in Schanghai verkauft.

Für die Sammlung Berger hat sich zur Feier des fünfzigsten Fluxus-Jahrestages 2012 keine adäquate Lösung gefunden. In der Vergangenheit war die Sammlung wegen zu starker Geschichtsbezogenheit außen vor geblieben. In den historischen Kontext, in dem man Fluxus in der Gegenwart betrachtet, hätten aber die Arbeiten beinahe aller Fluxus-Künstler gepasst. Nur einige „Music Machines“, die das Sammler-Paar von Joe Jones besitzt, waren für zwei Wochen im Bellevue-Saal in Wiesbaden zu sehen. Zugleich wollte Michael Berger ohne einen Kurator nicht größer in die Fluxus-Rückschau einsteigen. Um diese Aufgabe soll sich der einstige Documenta-Chef Jan Hoet erfolglos beworben haben, als er 2010 in Wiesbaden zu Besuch war.[3]

Immer wieder haben Ute und Michael Berger auch die Wiesbadener Aktivitäten rund um Fluxus als Mäzene unterstützt. 2002 gründeten sie den Verein „Freunde der Fluxuskunst“ und bis heute pflegen sie enge Kontakte zu vielen Fluxus-Künstlern.[5]

Fluxus soll auch Spaß machen, wie Michael Berger immer wieder betont. Und selbst für Experten müsse Fluxus irgendwie unverständlich bleiben. Konsequent eröffneten sie also weitere Museen:[5] Das vom Ehepaar in Erbenheim eröffnete Harlekinäum, ein „Lachmuseum“, feierte 2015 sein 25-jähriges Bestehen.[7] 2011 eröffneten sie im alten Pfarrhaus das Klooseum – Museum of Modern Arsch.[8]

Ute Bergers Großmutter war mit dem Kunstmäzen und Sammler Heinrich Kirchhoff verheiratet.[1] Michael Berger ist ein Enkel des Malers Otto Heichert.

Ausstellungen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • 1986: Maibäume
  • 1987: Der Apfel fällt nicht weit vom Stamm
  • 1988: Once wise always a fool (Robert Filliou)
  • 1989: Arche Noah von A bis Zett
  • 1990: Der Humor ist der Regenschirm der Weisen[9]
  • 1991: Der Augenblick der stehen bleibt (Hommage á Bob Watts)
  • 1992: Fluxus Da Capo
  • 1996: Ann Noel and Emmett Williams: Mr. Fluxus: A Collective Portrait of George Maciunas, 1931–1978
  • 1998: Joseph Beuys – übersinnliches Gelächter[10]
  • 2017/18: Peking, CAFA Art Museum
  • 2018/19: Tianjin, Academy of fine Arts
  • 2019/20: Schanghai, How Art Museum[11]

Literatur[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  • Hannah Higgins: Fluxus Experience. Ahmanson-Murphy fine arts imprint, University of California Press, 2002, ISBN 0-520-22867-7.
  • Ken Friedman (Hrsg.): The Fluxus Reader. Wiley, 1998, ISBN 0-471-97858-2.
  • Helmut Bien: Harlekinäum. Pop-Life bis High-Touch im Zeichen des Neobarokoko. Harlekin Geschenke am laufenden Band 1969–1990. Die Fröhlich-Freche Harlekin-Enzyklopädie. Lach- & Sach-mal! Lexikon. Wiesbaden 1990, ISBN 3-88300-029-9.

Weblinks[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. a b c Katinka Fischer: Vom Harlekin zum Fluxus-Experten (PDF-Dokument). In: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 25. August 2013, Rhein-Main
  2. MODERNES LEBEN: Von Pop-Life bis High Touch. In: Der Spiegel. Band 30, 23. Juli 1990 (spiegel.de [abgerufen am 24. Januar 2018]).
  3. a b Katinka Fischer, Wiesbaden: „Internationale Festspiele Neuester Musik“: Geschichte wiederholt sich nicht. In: FAZ.NET. 1. September 2012, ISSN 0174-4909 (faz.net [abgerufen am 24. Januar 2018]).
  4. a b Birgitta Lamparth: Als ob er kurz draußen wäre. Wiesbadener Kurier vom 24. Juni 2017
  5. a b c Die Kunst des Belanglosen - Wiesbaden feiert 50 Jahre Fluxus - sensor Magazin - Wiesbaden - Fühle deine Stadt. In: sensor Magazin - Wiesbaden - Fühle deine Stadt. 5. Mai 2012 (sensor-wiesbaden.de [abgerufen am 24. Januar 2018]).
  6. Hannah Higgins: Fluxus Experience. Ahmanson-Murphy fine arts imprint, University of California Press, 2002, ISBN 9780520228672
  7. Birgitta Lamparth: Michael Bergers Erbenheimer Harlekinäum feiert 25-Jähriges (Memento vom 27. Juli 2015 im Internet Archive). In: Wiesbadener Kurier vom 3. April 2015
  8. 'Klooseum' in Wiesbaden - der Schrein fürs stille Örtchen. In: www.t-online.de. (t-online.de [abgerufen am 24. Januar 2018]).
  9. Helmut Bien: Harlekinäum. Pop-Life bis High-Touch im Zeichen des Neobarokoko. Harlekin Geschenke am laufenden Band 1969–1990. Die Fröhlich-Freche Harlekin-Enzyklopädie. Lach- & Sach-mal! Lexikon. Wiesbaden 1990, ISBN 9783883000299
  10. U. We Claus (Hrsg.): Joseph Beuys - übersinnliches Gelächter: aus der Sammlung Ute & Michael Berger im Fluxeum Wiesbaden. Harlekin Art, 1998
  11. http://www.harlekinaeum.de/index.html