Freifunk

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Router für Freifunk
Erklärvideo
Freies Netz zum Selber- und Mitmachen
Beispieldiagramm eines Freifunk-Routers mit VPN-Verbindung in einem Heimnetz

Freifunk ist eine nichtkommerzielle Initiative, die sich dem Aufbau und Betrieb eines freien Funknetzes, das aus selbstverwalteten lokalen Computernetzwerken besteht, widmet. Im deutschen Sprachraum hat die Initiative ihren Ursprung in Berlin. Ziele sind ein hoher Grad an Zensurresistenz, eine Förderung lokaler Kommunikation, ein möglichst dezentraler Aufbau, Anonymität und Überwachungsfreiheit. Freifunk baut auf dem Pico Peering Agreement auf, das für ein diskriminierungsfreies Netzwerk sorgen soll (siehe Netzneutralität). Neben dem Aufbau des Netzes möchten die Freifunker auch ein Medium bieten, um die technische Bildung zu fördern.[1]

Organisationsstruktur[Bearbeiten]

Die Freifunk-Gemeinschaft ist dezentral organisiert. Jede Privatperson, welche einen Freifunk-Router aufstellt, darf und soll über die technische Ausgestaltung frei verfügen.[2] Geographisch nah aneinander liegende Betreiber schließen sich oftmals zu Benutzergruppen, lokalen Communities zusammen. Dies ist der Tatsache geschuldet, dass die Mesh-Netze auf Basis von WLAN-Technik aufgrund der geringen Funkreichweite (in der Größenordnung von einigen hundert Metern, bei Richtfunk wenige Kilometer) sowieso nur eine beschränkte Ausdehnung haben, und daher nur geographisch nah aneinander liegende Knoten ein physisch zusammen hängendes Netz bilden können. Die Community dient der zur Vernetzung notwendigen Koordination zwischen den einzelnen Betreibern, z. B. die Einigung auf miteinander kompatibler Software. Die einzelnen Communities bieten daher oft auch Infrastruktur und Werkzeuge wie z.B. eine auf die Stadt oder den Stadtteil zugeschnittene Router-Firmware oder ggf. notwendige zentrale Server an, oder helfen Interessenten bei der Einrichtung.

Im Juli 2015 sind über 190 solcher Communities bekannt, die teilweise als Verein organisiert sind.[3]

Die einzelnen Communities assoziieren sich dann oftmals mit Dachvereinen wie zum Beispiel dem Förderverein Freie Netze e. V. oder dem Freifunk Rheinland e. V. Diese Vereine verwalten Teile der Infrastruktur, die Kosten und höheren Organisationsaufwand verursachen, deren Nutzung aber auch optional ist. So verwaltet z. B. der Förderverein Freie Netze e. V. das Web-Portal freifunk.net und bietet für Communities diverse Dienste wie gehostete Blogs an. Der Freifunk Rheinland e. V. hat sich als nicht-kommerzieller Internet-Provider organisiert und bietet Communities seine Backbone-Infrastruktur an, um die rechtliche Verantwortung zu übernehmen (vor allem in Bezug auf die Störerhaftung).[4]

Technik[Bearbeiten]

Wie in vielen anderen freien Funknetzen kommt auch bei Freifunk ein so genanntes „Mesh“-Verfahren zum Einsatz. In einem Mesh-Netzwerk verbinden sich die beteiligten Router über eine spezielle Software miteinander. Wenn Router ausfallen, berechnet diese Software automatisch, über welche anderen Router die Datenpakete das Ziel erreichen. Im Fall von Freifunk ist dies eine Freifunk-Firmware, die in der Regel auf OpenWrt und weiterer freier Software basiert. Es gibt viele unterschiedliche Implementierungen der Firmware, die mit unterschiedlicher Hardware und Protokollen (z. B. OLSR und B.A.T.M.A.N. advanced) laufen.[5] Die Auswahl der Software wird von der lokalen Community getätigt.[6]

Oftmals werden die Daten zur Vermeidung rechtlicher Schwierigkeiten über einen VPN-Tunnel umgeleitet. Die Umleitung erfolgt entweder über Server im Ausland, in der es keine Gesetze analog zur Störerhaftung in Deutschland gibt, oder durch Server eines Freifunk-Vereins in Deutschland, der das Providerprivileg besitzt und daher nicht im Sinne der Störerhaftung haftbar gemacht werden kann.

Wenn direkte Funkverbindungen nicht möglich sind, werden die Lücken oftmals durch Verbindungen über das herkömmliche Internet geschlossen. Die meisten Communities innerhalb Deutschlands sind so zum Beispiel über das so genannte Inter-City-VPN miteinander verknüpft, bei dem Daten über verschlüsselte Verbindungen laufen, sodass trotz Übertragung über das Internet kein Dritter außerhalb des Freifunknetzes die Inhalte einsehen oder manipulieren kann.[7]

Geschichte[Bearbeiten]

Die Freifunk-Initiative installiert Funkantennen in Berlin-Kreuzberg.

Im April 2000 versuchten Consume und free2air unabhängig voneinander in London die Einrichtung von freien Netzwerken. In den Workshops Consume Clincs wurden Vereinbarungen getroffen und Regeln aufgestellt, welche die Kommunikation untereinander und überregional regeln sollen.

Am 12. und 13. Oktober 2002 fand im Rahmen der Konferenz Urban Drift unter dem Titel BerLon im Berliner bootlab ein Workshop über freie drahtlose Bürgernetze in Berlin und London statt. Ein Ergebnis der BerLon war eine Vereinbarung über Grundsätze zum Aufbau von freien Netzwerken, das Picopeering-Agreement. Dieses beschreibt, wie in einem Freifunk-Netz der Transit von Daten über fremde Geräte gehandhabt wird. Noch während der BerLon vereinbarten einige der Anwesenden künftig regelmäßige Treffen in Berlin zum Aufbau eines eigenen freien Funknetzwerks abzuhalten. Unter dem Namen wavelöten finden seitdem mittwochs regelmäßige Treffen in der Berliner c-base statt. Parallel dazu wurde der Grundstein für das deutschsprachige Webportal freifunk.net gelegt.

Im September 2003 gründeten einige Aktive den gemeinnützigen Förderverein Freie Netzwerke e. V. um freie Kommunikationsinfrastrukturen ideell und finanziell zu unterstützen.[8]

Die praktische Umsetzung der Idee in Form einer leicht zu installierenden Software für handelsübliche WLAN-Router hat in den folgenden Jahren erheblich zum Erfolg der Initiative beigetragen.

Im Jahr 2012 erlangten die Freifunker in Berlin mit dem Projekt Freedom Fighter Box große mediale Aufmerksamkeit. Dieses Projekt richtet sich gegen die Störerhaftung, deren Abschaffung die Aktivisten fordern. Durch die Störerhaftung können Betreiber eines unzureichend gesicherten WLANs für Handlungen von Benutzern des WLANs mitverantwortlich gemacht werden. Für den Betreiber können dadurch Kosten wegen einer Abmahnung entstehen. Diese Unsicherheit führt dazu, dass immer mehr WLAN-Zugangspunkte geschlossen werden, beispielsweise in Cafés oder an öffentlichen Plätzen. Die von Freifunk verschenkte Freedom Fighter Box ist ein fertig eingerichteter WLAN-Router, der die Daten aus dem offenen WLAN über einen schwedischen VPN-Anbieter ins Internet leitet.[9][10][11] In Schweden gibt es keine Störerhaftung.

Im Oktober 2012 entschied die Medienanstalt Berlin-Brandenburg, den Aufbau eines Backbone-Netzes der Berliner Freifunk-Community mit 30.000 Euro zu fördern.[12][13][14] Davon werden seit 2013 neue Funknetz-Standorte in Betrieb genommen, sowohl auf öffentlichen Gebäuden wie Rathäusern, als auch auf Kirchen und Privathäusern.[15][16]

Weitere Aktionen gegen die Störerhaftung starteten im Dezember 2012, als Mitglieder des Freifunk Rheinland e.V. als Folge eines nicht durch VPN gesicherten Freifunk-Routers abgemahnt wurden. Daraufhin startete der Verein die sogenannte Operation Störerhaftung, in der er Spenden sammelte um in einer Gerichtsverhandlung die rechtlichen Rahmenbedingungen für Freifunk eindeutig zu klären.[17][18][19] Die gesammelten Gelder wurden auch zur Unterstützung einer ähnlich gelagerten Klage des Fördervereins Freie Netze e.V. verwendet.[20]

Siehe auch[Bearbeiten]

Weblinks[Bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Pico Peering Agreement
  2. http://freifunk.net/worum-geht-es/vision/
  3. Liste der Freifunk-Communities auf freifunk.net
  4. https://freifunk-rheinland.net/der-verein/geschichte
  5. Erläuterungen zur Firmware im Freifunk-Wiki
  6. Liste der Freifunk-Communities, unter Angabe von Firmware und Routingprotokoll
  7. freifunk.net - Das Intercity-VPN
  8. Website des Fördervereins Freie Netzwerke e. V.
  9. Artikel zur „Freedom Fighter Box“ im freifunk-Blog
  10. Kai Biermann: Berliner Verein verschenkt anonyme Netzzugänge. In: ZEITOnline zur „Freedom Fighter Box“ vom 19. Juni 2012.
  11. Meldung zur „Freedom Fighter Box“ auf heise.de
  12. Freifunk-Blogbeitrag Neues Setup verstärkt Berliner Freifunk-Netz
  13. Medienanstalt Berlin-Brandenburg
  14. netzpolitik.org informiert über die Fördergelder für Freifunk
  15. Link zur Berliner Freifunk-Karte
  16. Berliner Landesinitiative für Gratis-WLAN stockt
  17. Pressemitteilung zur Operation Störerhaftung des Freifunk Rheinland e.V.
  18. Golem.de: Operation Störerhaftung gegen Abmahnungen
  19. heise.de: Operation Störerhaftung
  20. heise.de: Freifunker wehren sich juristisch gegen Abmahner