Gaechinger Cantorey
| Gächinger Kantorei Stuttgart (bis 2016) Gaechinger Cantorey (ab 2016) | |
|---|---|
| Sitz: | Stuttgart / Deutschland |
| Gründung: | 1954 |
| Gattung: | Gemischter Chor (bis 2016); gemischter Chor und Barockorchester (ab 2016) |
| Gründer: | Helmuth Rilling |
| Leitung: | Hans-Christoph Rademann |
| Stimmen: | SATB, projektabhängig im Maximalfall bis zu ca. 200 Sänger |
Die Gaechinger Cantorey (früher Gächinger Kantorei Stuttgart, kurz Gächinger Kantorei) ist das national und international agierende Musikensemble der Internationalen Bachakademie Stuttgart. Zu ihm gehören ein Chor sowie ein Barockorchester.
Die Gächinger Kantorei Stuttgart wurde 1954 in Gächingen (bei Reutlingen) von Helmuth Rilling gegründet, der das Ensemble bis 2013 leitete. Unter Rillings Nachfolger Hans-Christoph Rademann wurde die Gächinger Kantorei Stuttgart reformiert und der Name im Jahr 2016 geändert. Der neue Name Gaechinger Cantorey bezieht sich sowohl auf den Chor als auch auf das Barockorchester.[1]
Geschichte
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Gächinger Kantorei Stuttgart unter Leitung von Helmuth Rilling (bis 2013)
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Der damals 20-jährige Musikstudent Helmuth Rilling gründete die Gächinger Kantorei im Januar 1954 im Wochenendhaus einer befreundeten Familie. Der Ort des Wochenendhauses, Gächingen auf der Schwäbischen Alb, war dabei der Namenspate.[2] Der Gründung, besiegelt mit einem ersten Auftritt der Kantorei am 3. Januar 1954 in der St.-Georgs-Kirche Gächingen, war eine Musizierwoche in Gächingen vorausgegangen.[3][4]
Die Musiker kamen aus Stuttgart und anderen umliegenden Ausbildungsorten und besaßen eine stimmliche bzw. instrumentale Ausbildung. Viele von ihnen waren anfangs Musikstudierende und probten und konzertierten daher zumeist in den Semesterferien. Der Chor war von Anfang an gemischtgeschlechtlich. Vor der Aufnahme erfolgte eine stimmliche Eignungsprüfung, was in der damals überwiegend von Amateurchören geprägten deutschen Chorszene unüblich war und zu einer frühen Professionalisierung des Ensembles beitrug.[5] In den ersten Jahren widmete sich der Chor weitgehend der A-cappella-Musik des 16., 17. und 20. Jahrhunderts, um sein Repertoire dann auch auf die A-cappella-Werke der Romantik zu erweitern.

1965 begann eine kontinuierliche Zusammenarbeit mit dem ebenfalls von Helmuth Rilling gegründeten Bach-Collegium Stuttgart, verbunden mit einer Verlagerung des Repertoireschwerpunktes auf die vokal-instrumentale Musik des 18. und 19. Jahrhunderts. Die Gächinger Kantorei galt laut Kai Luehrs-Kaiser unter Rilling als Vertreter der „zeitgenössisch-neueren Schule der Bach-Interpretation“.[6] 1970 arbeitete die Gächinger Kantorei erstmals mit dem Hänssler Verlag zusammen, bei dem bis in die Gegenwart regelmäßig Veröffentlichungen erscheinen.[7]
Die erste – nicht offizielle – Konzertreise führte im Oktober 1954 nach Thüringen.[8][4] In den 1960er-Jahren folgten Auftritte in der Schweiz, in Italien, eine erste USA-Tournee (1968) und Konzerte in der ČSSR (Tournee 1969).[9][10] In den 1970er-Jahren trat das Ensemble in Frankreich, Belgien, England, auf und führte Tourneen durch die USA und Mexiko (1971), Japan-Tourneen (1974, 1979) sowie Tourneen nach Israel (1976, 1979) durch.[11][4] Auf der ersten Israel-Tournee der Gächinger Kantorei war Rilling der erste deutsche Dirigent, der ein israelisches Orchester leiten durfte.[12] In den 1980er-Jahren fanden Konzertreisen nach Polen und Moskau statt.[13] Weltweite Konzertreisen folgten auch in den 1980er-Jahren, wobei Tourneen nach Südamerika (Brasilien, Argentinien) neu hinzukamen. Außerdem fanden eine DDR-Tournee (1984) sowie eine Tournee durch Osteruropa (1985 mit Konzerten in Prag, Krakau, Warschau, Leipzig, Dresden, Moskau) statt.[4] Im Jahr 1985 schloss die Gächinger Kantorei nach 15 Jahren die weltweit erste Gesamteinspielung sämtlicher geistlicher Kantaten und Oratorien Johann Sebastian Bachs im Hänssler Verlag ab.[14][15] Ab Mitte der 1980er-Jahre wurden als „Bachakademien“ bezeichnete Workshops unter Rillings Leitung mit Beteiligung der Gächinger Kantorei in verschiedenen Ländern durchgeführt.[4]
Die Gächinger Kantorei unternahm über die Jahrzehnte zahlreiche Erst- und Uraufführungen. Der Chor bestritt 1976 gemeinsam mit dem Israel Philharmonic Orchestra die israelische Erstaufführung des Deutschen Requiems von Brahms. 1988 wurde die Messa per Rossini, über ein Jahrhundert nachdem sie komponiert worden war, beim Europäischen Musikfest Stuttgart uraufgeführt.[16] Zu den weiteren Uraufführungen zählen Litany von Arvo Pärt (1994),[17] ein Requiem der Versöhnung (1995) verschiedener Komponisten anlässlich des 50. Jahrestages des Weltkriegsendes[18] sowie Deus Passus (Passionsstücke nach Lukas) von Wolfgang Rihm (2000).[19] Letzteres Werk war Teil einer Reihe unter dem Titel „Passion 2000“, das im Jahr 2000 anlässlich des 250. Todestages von Johann Sebastian Bach stattfand. Dabei waren vier neue Passionsvertonungen bei vier Komponisten aus unterschiedlichen Weltregionen in Auftrag gegeben worden. Neben Rihm waren dies Sofia Gubaidulina, Osvaldo Golijov und Tan Dun.[20][21] Die Aufführungen von „Passion 2000“ wurden im Fernsehen auf 3sat sowie im Hörfunk übertragen.[22]
Gächinger Kantorei Stuttgart unter Leitung von Hans-Christoph Rademann (seit 2013)
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Im August 2013 übernahm Hans-Christoph Rademann die künstlerische Leitung der Gächinger Kantorei Stuttgart als Nachfolger des damals 80-jährigen Helmuth Rilling.[23] Beim „Stabwechsel“-Konzert am 24. August 2013 in der Liederhalle Stuttgart, bei dem Rilling und Rademann jeweils eine Bachkantate dirigierten, waren unter anderem der damalige Bundespräsident Joachim Gauck sowie der baden-württembergische Ministerpräsident Winfried Kretschmann zugegen.[24][25]
Gaechinger Cantorey (seit 2016)
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]| Chartplatzierungen Erklärung der Daten | ||||||||||||
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Im Sommer 2016 wurde der Name in Gaechinger Cantorey geändert. Die historisierende Schreibweise Cantorey spiegelt Rademanns Ziel wider, das „ästhetische Klangideal des Barock“ zu erreichen[27] und sich verstärkt an der historischen Aufführungspraxis zu orientieren.[28] Zudem verschwand durch die neue Schreibweise auch der Umlaut aus dem Namen, der häufiger von ausländischen Konzertveranstaltern als schwer aussprechbar kritisiert wurde.[29]
Der Name schließt außerdem neben einem nach aufführungspraktischen Kriterien zusammengestellten Chor zugleich das neu gebildete Barockorchester der Bachakademie ein. Dieses Barockorchester ist der Nachfolger des Bach-Collegiums Stuttgart, das gleichfalls von Rilling gegründet worden war und bereits vorher mit der Gächinger Kantorei aufgetreten war.[30] Die gemeinsame Bezeichnung von Chor und Orchester als Cantorey knüpft an den Sprachgebrauch des 18. Jahrhunderts an, als ein Chor ein Ensemble von Sängern oder auch ein Orchester von Instrumentalisten sein konnte.[27]
Seit der Neugründung 2016 trat die Gaechinger Cantorey in Deutschland unter anderem bei den Ludwigsburger Schlossfestspielen, der Bachwoche Ansbach, dem Bachfest Leipzig sowie in Baden-Baden, Dresden und Hamburg (Elbphilharmonie) auf. International gab es Auftritte in Europa (u. a. Gstaad, Schaffhausen, Paris), in Nordamerika (u. a. Fort Lauderdale, Los Angeles und Montréal) sowie in Südamerika (u. a. São Paulo, Buenos Aires, Lima, Santiago de Chile, Bogotá).[27] Ebenfalls ist sie an dem Musikvermittlungsprojekt „BachBewegt! Tanz!“ für Jugendliche beteiligt.[31]
Von Mai 2023 bis Juni 2024 führte die Gaechinger Cantorey unter der Leitung von Hans-Christoph Rademann sämtliche Kantaten auf, die Johann Sebastian Bach in seinem ersten Jahr als Leipziger Thomaskantor komponierte, genau 300 Jahre nach ihrer ursprünglichen Aufführung.[32] 2025 wurde bekannt, dass die Gaechinger Cantorey das Kantatenprojekt mit weiteren Jahrgängen fortsetzt.[33]
Ensemble
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Die Gaechinger Cantorey ist kein stehendes Berufsensemble, sondern projektbezogen aus einem festen Stamm von Chor- und Orchestermitgliedern aus ganz Deutschland besetzt, überwiegend mit Absolventen eines Musikstudiums beziehungsweise freischaffenden Musikern. Die Orchestermusiker spielen auf Originalen oder Nachbauten von Barockinstrumenten. In diesem Zusammenhang sind Nachbauten von zwei Originalinstrumenten aus der Werkstatt des Bach-Zeitgenossen Gottfried Silbermanns erwähnenswert: die seit 2016 zum Ensemble gehörende Truhenorgel, nachgebaut bei der Orgelwerkstatt Wegscheider basierend auf einer 2013 in Seerhausen entdeckten Silbermann-Truhenorgel,[34] sowie der Nachbau eines Silbermann-Cembalos, der seit 2021 Teil des Ensembles ist.[35][36]
Literatur
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]- Andreas Bomba (Hrsg.): „Singet se noh…?“ Festschrift 50 Jahre Gächinger Kantorei Stuttgart 1954–2004. Internationale Bachakademie, Stuttgart 2004.
Weblinks
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]- Werke von und über Gaechinger Cantorey im Katalog der Deutschen Nationalbibliothek
- Gächinger Kantorei. Bach Cantatas Website (englisch).
- Gächinger Kantorei Stuttgart (1954 bis 2016). Bachakademie Stuttgart.
- Gaechinger Cantorey (ab 2016). Bachakademie Stuttgart.
Einzelnachweise
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]- ↑ Marcus Golling: Schlossfestspiele 2025: Gaechinger Cantorey zeigt in Wolfegg barocke Perfektion. In: Südwest Presse. 15. September 2025, abgerufen am 27. Februar 2026.
- ↑ Ein evangelischer Kantor – im besten Sinn – Am Pfingstmontag wird Helmuth Rilling 90. Mit seiner Gächinger Kantorei Stuttgart hat er Geschichte geschrieben – unumstritten ist er nicht. In: Südkurier. 11. November 2006.
- ↑ Bärbel Haberer: Was der Gründung der Gächinger Kantorei vorausging, in: „Singet se noh…?“ – 50 Jahre Gächinger Kantorei Stuttgart. Hrsg.: Andreas Bomba. Internationale Bachakademie Stuttgart, 2004, S. 53 ff.
- 1 2 3 4 5 Forum Bachakademie Nr. 80. In: Internationale Bachakademie. 2013, abgerufen am 27. Februar 2026.
- ↑ Andreas Bomba, Henning Bey, Holger Schneider: Die Internationale Bachakademie Stuttgart. In: Gesellschaft für Musikgeschichte in Baden-Württemberg e. V. (Hrsg.): Musik in Baden-Württemberg, Jahrbuch 2021/22. Springer, 2022, ISBN 978-3-662-66098-0, S. 177–202.
- ↑ Kai Luehrs-Kaiser: Helmuth Rilling, 70. In: Die Welt. 28. Mai 2003, abgerufen am 27. Februar 2026.
- ↑ Andreas Bomba: Das Wunder von Gächingen, in: „Singet se noh…?“ – 50 Jahre Gächinger Kantorei Stuttgart. In: Andreas Bomba (Hrsg.): Internationale Bachakademie Stuttgart. 2004, S. 9 ff.
- ↑ Norbert Bolin (Hrsg.): Helmuth Rilling begegnen. Hänssler Verlag, 2008, ISBN 978-3-7751-4794-1.
- ↑ Frank Armbruster: A cappella auf der Alb. In: Stuttgarter Zeitung. 28. Mai 2004, S. 32.
- ↑ Stuttgarter Musikfreunde e. V. (Hrsg.): Helmuth Rilling, Festschrift zum 40. Geburtstag. Stuttgart 1973.
- ↑ Marcus Mockler, Dorothee Beer: Der Bach-Botschafter Helmuth Rilling wird 85. In: evangelisch.de. 29. Mai 2018, abgerufen am 27. Februar 2026.
- ↑ Lotte Thaler: Helmuth Rilling wird 90 Jahre alt. In: Frankfurter Allgemeine Zeitung. 29. Mai 2023, abgerufen am 27. Februar 2026.
- ↑ Wolfgang Sandner: Helmuth Rilling: Bachs Akademiker. In: Frankfurter Allgemeine Zeitung. 16. November 2006, S. 40.
- ↑ The Best of Helmuth Rilling. In: Neue Zürcher Zeitung. 31. Oktober 2013, abgerufen am 27. Februar 2026.
- ↑ Bachkantaten in Weimar mit Helmuth Rilling. In: Stuttgarter Nachrichten. 10. August 2015, S. 10.
- ↑ Corina Kolbe Mailand: Solitäre im Dienst des monumentalen Ganzen. In: Neue Zürcher Zeitung. 13. November 2017, abgerufen am 27. Februar 2026.
- ↑ Die Gebete des Chrysostomos: Arvo Pärts „Litany“ unter Helmuth Rilling im Hegelsaal. In: Stuttgarter Zeitung. 10. November 1994.
- ↑ Elf Komponisten für Versöhnungs-Requiem. In: Süddeutsche Zeitung. 3. Juni 1995, S. 13.
- ↑ Wolfgang Schreiber: Die Dunkelheit des Leidens: Wolfgang Rihms „Passions-Stücke“ in Stuttgart uraufgeführt. In: Süddeutsche Zeitung. 31. August 2000, S. 16.
- ↑ Jens Knorr: Kultur: „Passion 2000“: Ein Zeitgeist-Thema? In: Der Tagesspiegel. 30. August 2000, ISSN 1865-2263 (tagesspiegel.de [abgerufen am 27. Februar 2026]).
- ↑ Sven Ahnert: Mit Jesus einmal rund um den Globus. In: Die Welt. 12. September 2000, abgerufen am 27. Februar 2026.
- ↑ Projekt Passion Musikfest der Bachakademie beginnt heute. In: Thüringer Allgemeine. 26. August 2000.
- ↑ Hans-Christoph Rademanns Abschied beim Rias-Kammerchor: Glück und Gänsehaut. In: Der Tagesspiegel. ISSN 1865-2263 (tagesspiegel.de [abgerufen am 27. Februar 2026]).
- ↑ Guido Krawinkel: Prediger des Evangeliums im Bach-Takt. In: Evangelische Zeitung. 17. Mai 2018, abgerufen am 27. Februar 2026.
- ↑ Abschiedskonzert des Bachakademie-Gründers Helmuth Rilling. In: Badische Zeitung. 26. August 2013, abgerufen am 27. Februar 2026.
- ↑ Chartquellen: DE
- 1 2 3 Gaechinger Cantorey. In: Internationale Bachakademie. Abgerufen am 27. Dezember 2017.
- ↑ Susanne Benda: Der Klang der Mitte ist der Klang der Zukunft. In: Stuttgarter Nachrichten. 27. August 2016, S. 16.
- ↑ Otto Paul Burkhardt: Name, Klang – alles barock. In: Metzinger-Uracher Volksblatt. 2. Mai 2016, S. 12.
- ↑ Eva-Maria Manz: Paar im Ensemble der Bachakademie: Berufsmusiker und Ehepaar – wie gelingt die Liebe auf der Bühne? In: Stuttgarter Zeitung. 16. Juli 2025, abgerufen am 27. Februar 2026.
- ↑ Harry Schmidt: „BachBewegt! Tanz!“: Schüler zeigen Abbild des Gefühlsgewirrs der Pubertät. In: Ludwigsburger Kreiszeitung. 2. Februar 2026, abgerufen am 27. Februar 2026.
- ↑ Bach-Kantaten frisch eingespielt: Gaechinger Cantorey: Johann Sebastian Bach – the First Cantata Year. In: Aachener Zeitung. 5. Juli 2024, S. 10.
- ↑ Armin Knauer: Fokus auf Vermittlung: Bachakademie Stuttgart stellt Programm 25/26 vor. In: Reutlinger General-Anzeiger. 23. Juni 2025, abgerufen am 27. Februar 2026.
- ↑ Nachbau einer Silbermann-Truhenorgel wird Herzstück der neu formierten Ensembles der Stuttgarter Bachakademie. In: Deutsches Musikinformations-Zentrum. 26. August 2016, abgerufen am 27. Februar 2026.
- ↑ Hartmut Schütz: Bachs Johannes-Passion mit der Gaechinger Cantorey unter Rademann. In: Dresdner Neueste Nachrichten. 4. Oktober 2025, abgerufen am 27. Februar 2026.
- ↑ Silbermann-Cembalo. In: Internationale Bachakademie. Abgerufen am 27. Februar 2026.