Gabelkreuz

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Gabelkreuz in St. Maria im Kapitol, Köln

Ein Gabelkreuz, auch Crucifixus dolorosus, Mystikerkruzifix, Gabelkruzifix, Schächerkreuz, oder Pestkreuz ist ein besonders ausdrucksstarker gotischer Leidenskruzifixtypus in Y-Form, der nach neuerer Forschung unter dem Einfluss der Mystik im späten 13. oder frühen 14. Jahrhundert entstanden ist und insbesondere im Rheinland anzutreffen ist.

Beschreibung[Bearbeiten]

Es wird angenommen, dass das Gabelkreuz einen Baum darstellt, genauer gesagt, den Baum der Erkenntnis, welcher die Sünde über die Welt brachte. Jedoch wurde durch das Leid Jesu die Sünde wieder hinweggenommen.

Typisch für ein Mystikerkruzifix ist der an einer Y-förmigen Baumgabel hängende Corpus Christi mit dem tief auf die Brust gesunkenen Haupt, mit schmerzverzerrtem Mund und brechenden Augen. Die schmalen, sehnigen Arme sind mehr nach oben als zur Seite gestreckt, der magere Leib ist stark gekrümmt und unterhalb des langen Brustbeins eingefallen, mit stark hervortretenden Rippen und einer klaffenden Seitenwunde. Finger und Zehen sind gespreizt und krampfartig gekrümmt. Der Gesamteindruck der farbig gefassten Figuren war so furchterregend, dass Gläubige in Angst und Schrecken versetzt wurden. Es ist überliefert, dass der Bischof von London im Jahr 1306 ein Mystikerkruzifix aus diesem Grunde entfernen ließ.

Entstehung[Bearbeiten]

Religiöse Strömungen des 13./14. Jahrhunderts haben unter dem Einfluss der Mystik eine Passionsfrömmigkeit entwickelt, die sich in dieser Bildform ausdrückte, die in besonders eindringlicher Weise den Gekreuzigten als Leidenden darstellt. In der Kunstgeschichte hat sich der Fachbegriff Crucifixus dolorosus durchgesetzt, welcher vom italienischen Kunsthistoriker Geza de Francovich eingeführt wurde. Gotische Leidenskruzifixe hängen häufig an Gabelkreuzen, aber nicht in allen Fällen! Nicht wenige hängen an lateinischen Kreuzen. Doch fast immer handelt es sich um Astkreuze, die mit vegetabilen Formen an den Lebensbaum erinnern. Der früher gebrauchte Begriff Pestkreuz, ist irreführend, da die Crucifixi dolorosi um und kurz nach 1300 entstanden, also vor Ausbruch der großen Pestepidemien in Westeuropa. Über die ursprüngliche Funktion ist wenig bekannt. Gesichert ist, dass das Coesfelder Kreuz schon von Anfang an während Prozessionen durch die Stadt geführt worden ist. Viele Gabelkreuze finden sich bei Dominikanern und bei Franziskanern, besonders in Italien.

Erst in der Gegenreformation begann man die Kreuze mancherorts mit einer Kreuztrachtprozession zu verehren. Oft werden die beiden Schächer an einem Gabelkreuz dargestellt, während Jesus an einem geraden Balken hängend abgebildet ist. Deshalb heißt der Kreuztyp auch Schächerkreuz.

Vorkommen[Bearbeiten]

Das Gabelkreuz von St. Maria im Kapitol (Köln) galt lange Zeit als ältestes Gabelkruzifix. Restaurierungsarbeiten ergaben jedoch, dass es sich nicht um die Urform aller Gabelkreuze handelte, sondern dass dieses Kruzifix nur die Verbreitung dieser besonderen Kreuzform im Rheinland angeregt haben dürfte.

Das Kreuz aus St. Maria im Kapitol in Köln wurde zu Anfang des 14. Jahrhunderts (vor 1312) geschaffen. Die Restaurierungsarbeiten in den letzten Jahren legten größtenteils die spätmittelalterliche Zweitfassung wieder frei. Kleine Ausschnitte der freigelegten Erstfassung zeigen erstaunliche Ähnlichkeiten mit der ursprünglichen und seit 1967 wieder sichtbaren Farbfassung des Bocholter Kreuzes, welches das Kölner Kreuz zum Vorbild hatte, wenn auch unterschiedliche Fassmaler am Werk waren.

Der Crucifixus dolorosus aus St. Maria im Kapitol lässt sich hinsichtlich des Stils kaum mit der rheinischen und Kölner Skulptur seiner Zeit verbinden; er schien bislang ein singuläres Werk von herausragender Qualität zu sein. Es erscheint daher fraglich, dass dieses Gabelkreuz von einem Kölner Bildschnitzer geschaffen wurde. Auch die weiteren Skulpturen dieser Gattung in Deutschland wirken in der jeweiligen regionalen Kunst wie „Fremdkörper“. Sie hatten nur eine begrenzte, lokale Nachfolge. Dagegen sind künstlerische Verbindungen zu Kreuzen in anderen Ländern zu erkennen. Besonders deutlich scheint der Einfluss Italiens. Daher ist es möglich, dass es sich bei ursprünglichen Gabelkruzifixen um Importstücke handelt oder dass sie von Wanderkünstlern geschaffen worden sind, wofür im Falle des Kruzifixus in St. Maria im Kapitol auch die Verwendung des ortstypischen Nussbaumholzes spricht.

Ein frühes Beispiel dieser Mystikerkruzifixe befindet sich neben St. Maria im Kapitol noch in der Kölner Kirche St. Severin. Weitere, später entstandene Kreuze sind im Münsterland das Bocholter und das Coesfelder Kreuz sowie zwei Gabelkreuze in Borken und Haltern. Die Kruzifixe in St. Simon und Juda in Thorr (Kreis Bergheim), St. Johannes in Lage (Rieste, Niedersachsen)[1], das Kreuz in St. Peter (Merzig) und das Kruzifix in der katholischen Pfarrkirche St. Johannes Baptist in Kendenich (Stadt Hürth) gehören auch in diese Gruppe.

Derartige Kruzifixe sind ebenfalls, wenn auch im Vergleich zu Kreuzen von gemäßigter Gestaltung in sehr geringer Zahl, in anderen europäischen Ländern, nicht nur in Italien sondern auch in der Schweiz und in Oberösterreich und in Spanien bekannt.

Heraldik[Bearbeiten]

In der Heraldik ist das Gabelkreuz eine gemeine Figur, dessen Arme gabelförmig nach dem oberen Schildrand streben. Wenn es den Schildrand berührt, wird es zum Heroldsbild und heißt dann Deichsel. Nach der Form des Kreuzes benannten Teilungen sind die Gabel- und Deichselteilung.

Siehe auch[Bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten]

  • Monika von Alemann-Schwartz: Crucifixus dolorosus. Beiträge zur Polychromie und Ikonographie der rheinischen Gabelkruzifixe. Bonn 1976 (Bonn, Univ., Diss.).
  • Géza de Francovich: L'origine e la diffusione dell crocifisso gotico doloroso. In: Kunstgeschichtliches Jahrbuch der Bibliotheca Hertziana. 2, 1938, ISSN 0258-557X, S. 143–265.
  • Godehard Hoffmann: Das Gabelkreuz in St. Maria im Kapitol zu Köln und das Phänomen der Crucifixi dolorosi in Europa. Werner, Worms 2006, ISBN 3-88462-240-4 (Arbeitsheft der rheinischen Denkmalpflege 69 = Studien zu Kunstdenkmälern im Erzbistum Köln 2).
  • Felix Liebermann: Ein deutscher Bildhauer in London 1306. In: Repertorium für Kunstwissenschaft. 33, 1910, 0259-7063 ISSN  0259-7063 , S. 550.
  • Fried Mühlberg: Crucifixus Dolorosus. Über Bedeutung und Herkunft des gotischen Gabelkruzifixes. In: Wallraf-Richartz-Jahrbuch. 22, 1960, ISSN 0083-7105, S. 69–86.
  • Max Strucken: Literarische und künstlerische Quellen des Gabel-Kruzifixus. Strucken, Düsseldorf 1928 (Köln, Univ., Diss., 1928).

Weblinks[Bearbeiten]

 Commons: Gabelkreuz – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Benedikt Benninghaus: Die Kontinuität der Wallfahrt zum Heiligen Kreuz in Lage, Münster 2014, ISBN 3-95645-254-2.